Dieser Mann ist bekannt wie ein bunter Hund. Und
beliebt obendrein. Kein Wunder: Als Wirt des Gasthauses "Zur Linde" im
Kreuz hat Artur Bruci natürlich einen großen Bekanntenkreis.
Bei ihm sitzt man, isst und trinkt man. Aber mit der Gemütlichkeit
könnte es bald schon vorbei sein. Bruci droht die Abschiebung nach
Albanien. Letzte Hoffnung: Ein Einlenken des Bayerischen Innenministers
oder des Petitionsausschusses des Bayerischen Landtags.
Bürgerkriegszeiten sind wilde Zeiten. In denen aus Recht schnell
Unrecht und aus Gut nicht selten Böse wird. Artur Bruci erlebte
solche Zeiten - in Albanien. Er war Mitglied einer Spezialeinheit der
albanischen Armee. Hatte viele schlimme Ereignisse hinter sich. Und
verspürte das große Bedürfnis in sich, ein neues Leben
anzufangen. Zu Hause hatte er keine berufliche Perspektive. Aber eine
Mutter, die im Sterben lag. Vor sich eine ungewisse Zukunft. Viele
seiner Landsleute zogen nach Italien oder Griechenland, wurden aber
meist sehr schnell wieder zurückgeschickt: Albaner
unerwünscht. Oder auch schon mal, zumal als Mitglied besonderer
Armeeeinheiten, in der einsamen Bergwelt erschossen.
Bruci haderte nicht mit seinem Schicksal, er handelte. In Saloniki
beschaffte sich Bruci, der Jahre als Koch in Griechenland gearbeitet
hatte, falsche Papiere, die er auf den Namen Dimitros Michov ausstellen
ließ. 800 Mark sollen sie gekostet haben, bekommen habe er sie
von einer ihm unbekannten Person. Ob es schwer gewesen sei, an einen
(gefälschten) griechischen Pass zu kommen. Bruci winkt ab: "Es gab
sie an jeder Ecke!" Bürgerkriegszeiten sind besondere Zeiten. Da
ist Unrecht häufig relativ.
Bruci zog es nach Deutschland. Dort wollte er Geld verdienen, um seine
Mutter medizinisch versorgen zu können, sagt er. Er kam nach
Bayreuth, legte seinen Pass vor, beantragte und erhielt eine
Aufenthaltsgenehmigung. Als vermeintlicher Grieche schaffte er, was ihm
als Albaner nie geglückt wäre: Er durfte sich im Land der
ungeahnten Möglichkeiten nach Arbeit umsehen. Sollte eine Chance
bekommen, sich zu etablieren.
Bruci brauchte nicht lange zu suchen. Er fand, in der "Linde" Arbeit.
In der Gaststätte arbeitete Bruci drei Jahre lang fleißig
mit, bevor er das Haus, zum 1. April 2000, übernahm, das er
seither, zusammen mit seiner Frau Evladie und drei Angestellten,
führt. 15 Stunden pro Tag, wenn es sein muss auch länger,
rackert er. Zur Zufriedenheit seiner Gäste und der des
Verpächters. Der bescheinigt ihm, die "Linde" mit "Umsicht und
Einsatz" zum Erfolg gebracht zu haben. Was Wunder also, dass die
Verpächter, die auch Lieferanten sind, rundum zufrieden sind mit
ihren Wirtsleuten.
Am 16. September 2001 kam Brucis Sohn Arben zur Welt, am 11. Mai 2003
seine Tochter Anila. Beide in Bayreuth geboren.
Nur kurze Zeit nach der Geburt seines zweiten Kindes, sagt er,
überfielen ihn Selbstzweifel. Er wollte nicht länger seine
Existenz auf einer Lüge aufbauen, sondern seinen Kindern eine
sichere Zukunft ermöglichen. Nicht irgendwo, sondern in
Deutschland. Also setzte er sich mit den Ausländerbehörden in
Verbindung, erstattete Selbstanzeige, wollte seine falsche
Identität endgültig abstreifen. Aus Dimitros Michov sollte
wieder Arthur Bruci werden.
Doch dieser Prozess ist alles andere als leicht. Zumal das Bayerische
Innenministerium nach einer Würdigung des "Falles Bruci" zu
folgendem Ergebnis gekommen ist: "Die Bemühungen des Betroffenen
sich in die Gesellschaft zu integrieren, sowie sein ehrenamtliches
Engagement sind zwar anerkennenswert, können jedoch nichts an der
Tatsache ändern, dass er vollziehbar ausreisepflichtig ist".
Zum gleichen Fazit kam auch - nach einer Petition von Peter Schmidt von
der Deutschen-Französischen Gesellschaft Bayreuth, die von
zahlreichen Persönlichkeiten mitgetragen wurde - der
Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags. Der Bayreuther
SPD-Landtagsabgeordnete
Dr. Christoph Rabenstein
betonte gegenüber dem KURIER, dass sich der Ausschuss in der
zurückliegenden Woche mit 8:5 Stimmen gegen die Annahme der
Petition ausgesprochen habe. Insbesondere habe die CSU-Mehrheit sich
der Argumentation des Ministeriums "hundertprozentig angeschlossen" -
siehe oben. Gleichwohl: Es gibt noch eine parlamentarische Hoffnung: In
der Landtagssitzung am 11./12. Mai wird der Fall Bruci abermals zum
Thema werden.
Vielleicht wird der Landtag dann zur Kenntnis nehmen, dass sich in
Bayreuth eine Vielzahl von einzelnen Persönlichkeiten und Vereinen
für eine dauerhafte Duldung Brucis und seiner Familie stark macht.
Bruci hat sich in Deutschland seit Übernahme der Gaststätte
nichts zu schulden kommen lassen, regelmäßig seine Steuern
abgeführt, seine Angestellten ordnungsgemäß bezahlt. Er
hat bereitwillig Vereine unterstützt, für eine Schule oder
Hochwasseropfer gespendet, immer dann geholfen, wenn von ihm Hilfe
erbeten worden war. Briefe mehrerer Vereinsvertreter, die dem
Petitionsausschuss vorlagen, belegen das. Artur Bruci gilt unter den
Anwohnern des Stadtteils Kreuz und in vielen Vereinen als beliebter
Mitbürger.
Er selbst bereut zutiefst, sagt er gegenüber dem KURIER, seine
damalige Tat. "Es war nicht richtig, was ich getan habe. Das weiß
ich heute. Aber ich wusste damals keinen anderen Ausweg". Auch
Christoph Rabenstein sieht in Bruci alles - nur keinen Kriminellen:
Zwar sei seine Einreise mit falschen Papieren nicht in Ordnung, aber
man sei schließlich kein "Obergericht". Und müsse die
besondere Situation des Bürgerkriegs berücksichtigen, in der
Bruci die Beschaffung der falschen Papiere als letzten Ausweg
gewählt habe. Des SPD-Mannes Rabensteins Bitte daher: Der
Bayerische Innenminister und/oder der Landtag mögen "Gnade vor
Recht" stellen.
Wie es weitergehen soll, wenn sich die Hoffnung auf staatliche Gnade
tatsächlich nicht erfüllen sollte? Bruci, fast den
Tränen nahe, weiß es nicht: "Wohin soll ich gehen? Wovon
soll ich leben? Was soll mit meinen Kindern passieren?".
Dass er nicht ohne Strafe bleiben würde für seine Einreise
ohne beziehungsweise mit falschem Pass, ist ihm bewusst. 4 000 Euro als
Strafe würde er auch in jedem Falle bezahlen. Nur dass ihm, auf
Grund eines folgenschweren Fehlers, den er freimütig
einräumt, selbst angezeigt hat und den er bereut, der Boden unten
den Füßen weg- und seine Existenz entzogen werden
könnte, das macht ihn ratlos, traurig.
Auch seine vielen Freunde in Bayreuth wollen längst noch nicht
aufgeben. Sie wollen Kirchenvertreter in ihren Kampf einbeziehen, auf
Politiker setzen, also Gott und die Welt mobilisieren, um eine
Abschiebung von Staats wegen zu verhindern. Warum? Ein
Vereinsvorsitzender begründet es so: Weil Bruci "meiner Meinung
nach ein Paradebeispiel für die Integration ausländischer
Mitbürger in unserem Land ist".
BAYREUTH/MÜNCHEN Die Bayerische Staatsregierung will im Fall Bruci
nicht nachgeben. Das geht aus einem Schreiben hervor, das der
Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium, Georg Schmid, an
den CSU-Ortsverband Bayreuth Süd geschickt hat. Bleibt die
Staatsregierung hart und schließt sich die Landtagsmehrheit
dieser Linie an, so besteht für die Brucis kaum noch Grund zur
Hoffnung, dass ihr Gnadengesuch Erfolg haben könnte.
Nach Ansicht des Innenministeriums hat sich der Albaner Arthur Bruci
"durch die langjährige und vielfache Täuschung mehrerer
Behörden über seine Identität und ... durch die
Vortäuschung einer EU-Staatsangehörigkeit" seinen Aufenthalt
in Bayreuth ermöglicht. Schmid: "Als albanischer
Staatsangehöriger hatte und hat Herr Bruci keine Möglichkeit,
in Deutschland eine selbständige Erwerbstätigkeit
auszuüben und damit seiner Familie ein Aufenthaltsrecht zu
vermitteln."
Dieses Verhalten sei von unserem Rechtsstaat weder zu akzeptieren, noch
dürfe es mit einem weiteren Aufenthaltsrecht "belohnt" werden,
schreibt der Staatssekretär. Schmid weiter: "Die Straftaten des
Herrn Bruci stellen vielmehr einen Ausweisungsgrund dar, der einem
Aufenthaltsrecht noch zusätzlich entgegensteht".
Bericht: Gert-Dieter Meier von www.bayreuth.de am
Mittwoch, 19.05.04
BAYREUTH/MÜNCHEN Die albanische Familie Bruci wird trotz der
Proteste der Bayreuther abgeschoben. Das beschloss am Donnerstagabend
der Bayerische Landtag in München mit allen Stimmen der
CSU-Mehrheit. SPD und Grüne hatten sich dagegen in einer
leidenschaftlichen Debatte für den Verbleib der Brucis
ausgesprochen.
"Es wäre ein völlig falsches Signal, wenn Herr Bruci hier
bleiben könnte. Ein Signal, das sich der Rechtstaat nicht erlauben
kann", argumentierte Innenstaatssekretär Georg Schmid (CSU).
Der Bayreuther SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Christoph Rabenstein machte
sich in einem leidenschaftlichen Plädoyer für Bruci stark:
Die Bürger sähen nicht ein, warum jemand "der hier
pünktlich seine Steuern zahlt und Jobs schafft ausgewiesen wird".
Artur Bruci arbeitete auch an dem Tag, an dem über sein Schicksal
beschlossen wurde, in seiner Gaststätte im Stadtteil Kreuz. Er war
um Fassung bemüht, als ihn der KURIER nach seinen Gefühlen
befragte. Albanien gehöre doch auch zu Europa, sagte er, und "Wir
sind alle Menschen dieser Welt". Er wisse jetzt noch nicht, was er als
nächste tun werde. Erneut dankte er den Bayreuthern für ihr
Bemühen, dass er und seine Familie Bürger der Stadt bleiben
sollen.