Artur Bruci

* 15.10.1972 (Patin / Mat - Albanien)
Der Fall Bruci: Hoffen auf Gnade. Beliebte Wirtsfamilie des Gasthauses "Linde" im Kreuz soll abgeschoben werden.

Von Gert-Dieter Meier

(Darstellung anhand verschiedener Zeitungsberichte)

Dieser Mann ist bekannt wie ein bunter Hund. Und beliebt obendrein. Kein Wunder: Als Wirt des Gasthauses "Zur Linde" im Kreuz hat Artur Bruci natürlich einen großen Bekanntenkreis. Bei ihm sitzt man, isst und trinkt man. Aber mit der Gemütlichkeit könnte es bald schon vorbei sein. Bruci droht die Abschiebung nach Albanien. Letzte Hoffnung: Ein Einlenken des Bayerischen Innenministers oder des Petitionsausschusses des Bayerischen Landtags. Bürgerkriegszeiten sind wilde Zeiten. In denen aus Recht schnell Unrecht und aus Gut nicht selten Böse wird. Artur Bruci erlebte solche Zeiten - in Albanien. Er war Mitglied einer Spezialeinheit der albanischen Armee. Hatte viele schlimme Ereignisse hinter sich. Und verspürte das große Bedürfnis in sich, ein neues Leben anzufangen. Zu Hause hatte er keine berufliche Perspektive. Aber eine Mutter, die im Sterben lag. Vor sich eine ungewisse Zukunft. Viele seiner Landsleute zogen nach Italien oder Griechenland, wurden aber meist sehr schnell wieder zurückgeschickt: Albaner unerwünscht. Oder auch schon mal, zumal als Mitglied besonderer Armeeeinheiten, in der einsamen Bergwelt erschossen. Bruci haderte nicht mit seinem Schicksal, er handelte. In Saloniki beschaffte sich Bruci, der Jahre als Koch in Griechenland gearbeitet hatte, falsche Papiere, die er auf den Namen Dimitros Michov ausstellen ließ. 800 Mark sollen sie gekostet haben, bekommen habe er sie von einer ihm unbekannten Person. Ob es schwer gewesen sei, an einen (gefälschten) griechischen Pass zu kommen. Bruci winkt ab: "Es gab sie an jeder Ecke!" Bürgerkriegszeiten sind besondere Zeiten. Da ist Unrecht häufig relativ. Bruci zog es nach Deutschland. Dort wollte er Geld verdienen, um seine Mutter medizinisch versorgen zu können, sagt er. Er kam nach Bayreuth, legte seinen Pass vor, beantragte und erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung. Als vermeintlicher Grieche schaffte er, was ihm als Albaner nie geglückt wäre: Er durfte sich im Land der ungeahnten Möglichkeiten nach Arbeit umsehen. Sollte eine Chance bekommen, sich zu etablieren. Bruci brauchte nicht lange zu suchen. Er fand, in der "Linde" Arbeit. In der Gaststätte arbeitete Bruci drei Jahre lang fleißig mit, bevor er das Haus, zum 1. April 2000, übernahm, das er seither, zusammen mit seiner Frau Evladie und drei Angestellten, führt. 15 Stunden pro Tag, wenn es sein muss auch länger, rackert er. Zur Zufriedenheit seiner Gäste und der des Verpächters. Der bescheinigt ihm, die "Linde" mit "Umsicht und Einsatz" zum Erfolg gebracht zu haben. Was Wunder also, dass die Verpächter, die auch Lieferanten sind, rundum zufrieden sind mit ihren Wirtsleuten. Am 16. September 2001 kam Brucis Sohn Arben zur Welt, am 11. Mai 2003 seine Tochter Anila. Beide in Bayreuth geboren. Nur kurze Zeit nach der Geburt seines zweiten Kindes, sagt er, überfielen ihn Selbstzweifel. Er wollte nicht länger seine Existenz auf einer Lüge aufbauen, sondern seinen Kindern eine sichere Zukunft ermöglichen. Nicht irgendwo, sondern in Deutschland. Also setzte er sich mit den Ausländerbehörden in Verbindung, erstattete Selbstanzeige, wollte seine falsche Identität endgültig abstreifen. Aus Dimitros Michov sollte wieder Arthur Bruci werden. Doch dieser Prozess ist alles andere als leicht. Zumal das Bayerische Innenministerium nach einer Würdigung des "Falles Bruci" zu folgendem Ergebnis gekommen ist: "Die Bemühungen des Betroffenen sich in die Gesellschaft zu integrieren, sowie sein ehrenamtliches Engagement sind zwar anerkennenswert, können jedoch nichts an der Tatsache ändern, dass er vollziehbar ausreisepflichtig ist". Zum gleichen Fazit kam auch - nach einer Petition von Peter Schmidt von der Deutschen-Französischen Gesellschaft Bayreuth, die von zahlreichen Persönlichkeiten mitgetragen wurde - der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags. Der Bayreuther SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Christoph Rabenstein betonte gegenüber dem KURIER, dass sich der Ausschuss in der zurückliegenden Woche mit 8:5 Stimmen gegen die Annahme der Petition ausgesprochen habe. Insbesondere habe die CSU-Mehrheit sich der Argumentation des Ministeriums "hundertprozentig angeschlossen" - siehe oben. Gleichwohl: Es gibt noch eine parlamentarische Hoffnung: In der Landtagssitzung am 11./12. Mai wird der Fall Bruci abermals zum Thema werden. Vielleicht wird der Landtag dann zur Kenntnis nehmen, dass sich in Bayreuth eine Vielzahl von einzelnen Persönlichkeiten und Vereinen für eine dauerhafte Duldung Brucis und seiner Familie stark macht. Bruci hat sich in Deutschland seit Übernahme der Gaststätte nichts zu schulden kommen lassen, regelmäßig seine Steuern abgeführt, seine Angestellten ordnungsgemäß bezahlt. Er hat bereitwillig Vereine unterstützt, für eine Schule oder Hochwasseropfer gespendet, immer dann geholfen, wenn von ihm Hilfe erbeten worden war. Briefe mehrerer Vereinsvertreter, die dem Petitionsausschuss vorlagen, belegen das. Artur Bruci gilt unter den Anwohnern des Stadtteils Kreuz und in vielen Vereinen als beliebter Mitbürger. Er selbst bereut zutiefst, sagt er gegenüber dem KURIER, seine damalige Tat. "Es war nicht richtig, was ich getan habe. Das weiß ich heute. Aber ich wusste damals keinen anderen Ausweg". Auch Christoph Rabenstein sieht in Bruci alles - nur keinen Kriminellen: Zwar sei seine Einreise mit falschen Papieren nicht in Ordnung, aber man sei schließlich kein "Obergericht". Und müsse die besondere Situation des Bürgerkriegs berücksichtigen, in der Bruci die Beschaffung der falschen Papiere als letzten Ausweg gewählt habe. Des SPD-Mannes Rabensteins Bitte daher: Der Bayerische Innenminister und/oder der Landtag mögen "Gnade vor Recht" stellen. Wie es weitergehen soll, wenn sich die Hoffnung auf staatliche Gnade tatsächlich nicht erfüllen sollte? Bruci, fast den Tränen nahe, weiß es nicht: "Wohin soll ich gehen? Wovon soll ich leben? Was soll mit meinen Kindern passieren?". Dass er nicht ohne Strafe bleiben würde für seine Einreise ohne beziehungsweise mit falschem Pass, ist ihm bewusst. 4 000 Euro als Strafe würde er auch in jedem Falle bezahlen. Nur dass ihm, auf Grund eines folgenschweren Fehlers, den er freimütig einräumt, selbst angezeigt hat und den er bereut, der Boden unten den Füßen weg- und seine Existenz entzogen werden könnte, das macht ihn ratlos, traurig. Auch seine vielen Freunde in Bayreuth wollen längst noch nicht aufgeben. Sie wollen Kirchenvertreter in ihren Kampf einbeziehen, auf Politiker setzen, also Gott und die Welt mobilisieren, um eine Abschiebung von Staats wegen zu verhindern. Warum? Ein Vereinsvorsitzender begründet es so: Weil Bruci "meiner Meinung nach ein Paradebeispiel für die Integration ausländischer Mitbürger in unserem Land ist".

BAYREUTH/MÜNCHEN Die Bayerische Staatsregierung will im Fall Bruci nicht nachgeben. Das geht aus einem Schreiben hervor, das der Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium, Georg Schmid, an den CSU-Ortsverband Bayreuth Süd geschickt hat. Bleibt die Staatsregierung hart und schließt sich die Landtagsmehrheit dieser Linie an, so besteht für die Brucis kaum noch Grund zur Hoffnung, dass ihr Gnadengesuch Erfolg haben könnte. Nach Ansicht des Innenministeriums hat sich der Albaner Arthur Bruci "durch die langjährige und vielfache Täuschung mehrerer Behörden über seine Identität und ... durch die Vortäuschung einer EU-Staatsangehörigkeit" seinen Aufenthalt in Bayreuth ermöglicht. Schmid: "Als albanischer Staatsangehöriger hatte und hat Herr Bruci keine Möglichkeit, in Deutschland eine selbständige Erwerbstätigkeit auszuüben und damit seiner Familie ein Aufenthaltsrecht zu vermitteln." Dieses Verhalten sei von unserem Rechtsstaat weder zu akzeptieren, noch dürfe es mit einem weiteren Aufenthaltsrecht "belohnt" werden, schreibt der Staatssekretär. Schmid weiter: "Die Straftaten des Herrn Bruci stellen vielmehr einen Ausweisungsgrund dar, der einem Aufenthaltsrecht noch zusätzlich entgegensteht". Bericht: Gert-Dieter Meier  von www.bayreuth.de am Mittwoch, 19.05.04

BAYREUTH/MÜNCHEN Die albanische Familie Bruci wird trotz der Proteste der Bayreuther abgeschoben. Das beschloss am Donnerstagabend der Bayerische Landtag in München mit allen Stimmen der CSU-Mehrheit. SPD und Grüne hatten sich dagegen in einer leidenschaftlichen Debatte für den Verbleib der Brucis ausgesprochen. "Es wäre ein völlig falsches Signal, wenn Herr Bruci hier bleiben könnte. Ein Signal, das sich der Rechtstaat nicht erlauben kann", argumentierte Innenstaatssekretär Georg Schmid (CSU). Der Bayreuther SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Christoph Rabenstein machte sich in einem leidenschaftlichen Plädoyer für Bruci stark: Die Bürger sähen nicht ein, warum jemand "der hier pünktlich seine Steuern zahlt und Jobs schafft ausgewiesen wird". Artur Bruci arbeitete auch an dem Tag, an dem über sein Schicksal beschlossen wurde, in seiner Gaststätte im Stadtteil Kreuz. Er war um Fassung bemüht, als ihn der KURIER nach seinen Gefühlen befragte. Albanien gehöre doch auch zu Europa, sagte er, und "Wir sind alle Menschen dieser Welt". Er wisse jetzt noch nicht, was er als nächste tun werde. Erneut dankte er den Bayreuthern für ihr Bemühen, dass er und seine Familie Bürger der Stadt bleiben sollen.




Quelle: Kurier. Versch. Ausgaben vom April bis Juni 2004
und www.lebwohl.de