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| * 1805 (Baiersdorf) † 22.05.1880 (Berlin) |
Von Josef Gothart und Bernd Mayer
"Selbst unter den orthodoxen Christen wird es nur noch ein
winziges Häuflein geben, das den verfluchten Gedanken, auf den Juden ruhe ein
Fluch und sie müssten ihn daher empfinden durch Druck und Verachtung, nicht für
unvernünftig und irreligiös erklärt. Die Sonne des 19. Jahrhunderts steht doch
schon zu hoch, als dass diese schrecklichen Aus- und Missgeburten des Mittelalters
nochmals aus ihrer Finsternis könnten heraufbeschworen werden." Diese
optimistische Einschätzung stammt aus der Feder des Bayreuther Rabbiners Dr.
phil. Joseph Aub, niedergeschrieben vor eineinhalb Jahrhunderten in der Ausgabe
Nr. 13 der Zeitschrift "Sinai" (31. März 1846). Aub konnte nicht ahnen, dass im
20. Jahrhundert noch eine totale Sonnenfinsternis - um im Bild zu bleiben -
bevorstand und dass sich der Geist der Versöhnung keineswegs kontinuierlich
fortentwickeln sollte.
Der Rabbiner hatte Anfang 1846 in Bayreuth das "Wochenblatt für
die religiösen und bürgerlichen Angelegenheiten Israels" ins Leben gerufen. Auch
wenn diesem Sprachrohr einer unterprivilegierten religiösen Minderheit keine
lange Erscheinungsdauer beschieden war und es schon 1847 eingestellt wurde, so
sind die in bayerischen Archivbeständen erhaltenen Ausgaben auch ein
aufschlussreicher Zeitspiegel. Die Situation der bayerischen Juden um die Mitte
des vorigen Jahrhunderts, ihre Konflikte, Hoffnungen und Enttäuschungen sind das
Thema dieses Blattes, das durch die feinfühlige redaktionelle Bearbeitung, aber
auch durch die Meinungsfreudigkeit seines Schriftleiters Profil erhielt. Dabei
gewinnt auch die Persönlichkeit Aubs Konturen, der uns als kluger Philanthrop
entgegentntt. Als Publizist ist er stets versöhnlich im Ton, zugleich werden
jedoch auch seine Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit im Kampf um die
Emanzipation des bayerischen Judentums deutlich.
In Jean Pauls Städtchen hatte es im April 1824 für die jüdischen Mitbürger auch ein erfreuliches Signal gegeben. Wenige Jahre vor Aubs Berufung als Rabbiner nach Bayreuth war eine jüdische Schule eröffnet worden, an der Religionsunterricht erteilt und die hebräische Sprache gelehrt wurde. Ihre Leistungen fanden schon bald öffentliche Anerkennung. Am 3. September 1825 vermeldete das Lokalblatt "Bayreuther Zeitung" die erste und feierliche Prüfung an der neuen Schule durch Lehrer Stern und merkte dazu an: "Obgleich die Schule mit ihrer förmlichen Eröffnung noch kein volles Jahr besteht und sie mit mancherlei Hindernissen zu kämpfen hat, so fiel doch das Resultat zur allgemeinen Zufriedenheit aus."
Joseph Aub gehörte zu den ersten Rabbinern in Bayern, die den Erziehungsplänen der königlichen Regierung entgegenkamen und unter anderem auch deutsche Predigten hielten. Er war Anhänger einer gemäßigten Reform des Judentums, für die er auch in seiner Zeitschrift warb, und er war einer der Anreger der beiden Synoden, auf denen er als Referent hervortrat. Für seine Reputation als jüdischer Gelehrter spricht, dass er ein hochgeschätzter Mitarbeiter von Abraham Geiger (1810-1874) wurde, der als namhafter Vorkämpfer der Reform des Judentums bekannt geworden ist. Aub arbeitete noch während seiner Bayreuther Zeit an den Rabbinischen Gutachten sowie an Geigers "Zeitschrift für jüdische Theologie" mit. Geiger ging es dabei auch um die Begründung der jüdischen Theologie als wissenschaftliche Disziplin.
Aub selbst veröffentlichte neben einzelnen Predigten eine Reihe von Schriften theologischen und staatsrechtlichen Inhalts, unter ihnen "Grundlinien zu einem wissenschaftlichen Unterricht in der mosaischen Religion" (1862), ein "Biblisches Spruchbuch" (1868) sowie ein "Gebetbuch" (1866), das nach den Grundsätzen der gemäßigten Reform bearbeitet und mit einer Übersetzung versehen war. Dieses Gebetbuch widmete er "der neuerbauten großen Synagoge in Berlin". Nach Bayreuth (1830-1850) und Mainz wurde Berlin die dritte und letzte Station seines bewegten Lebens. Hier wirkte er seit 1865 als Oberrabbiner. In Berlin war auch Abraham Geiger in seinen letzten vier Lebensjahren, von 1870 bis 1874, Rabbiner. Sechs Jahre nach Geiger starb Aub am 22. Mai 1880 im Alter von 75 Jahren in Berlin, das inzwischen zur Hauptstadt des jungen Deutschen Reiches avanciert war.
Wenden wir uns jener Zeitschrift zu, die Joseph Aub als
Bayreuther Rabbiner herausgegeben hatte. Am 5. Januar 1846 erschien im Verlag
der Buchner schen Buchhandlung die erste Ausgabe von "Sinai", das als "Wochenblatt
für die religiösen und bürgerlichen Angelegenheiten Israels" firmierte. Zu
diesem Zeitpunkt war Erhard Christian von Hagen, der Gründer des Historischen
Vereins für Oberfranken, noch Bayreuths Stadtoberhaupt. Aus Aubs Blatt
erfahren wir manches über die großen geistigen Strömungen, jedoch nur wenig über das
Leben in Oberfrankens Kreishauptstadt und auch nur spärliche Informationen
über die Lage der hiesigen Juden. Unter "Nachrichten" finden wir immerhin einen
Bericht über die Erweiterung ihres Bayreuther Begräbnisplatzes. Den Abschluss
bildet eine "ernstrührende Feier" am 26. März 1846, an der auch einige
christliche Einwohner teilnahmen.
In Oberfranken lebten im 19. Jahrhundert Anfang der 40er Jahre
1527 jüdische Familien, die sich laut "Sinai" auf sechzig Ortschaften verteilten.
Diese waren in sieben Rabbiner-Bezirke eingeteilt, neben Bayreuth noch Bamberg,
Adelsdorf, Burgebrach, Burgkunstadt, Hagenbach und Redwitz (Marktredwitz). Zu
diesem Zeitpunkt gab es immerhin schon 22 Religionsschulen.
Die Juden hatten nach eigenem Empfinden durch das Edikt vom 10.
Juni 1813 eine "große Verbesserung ihrer bürgerlichen Verhältnisse" im Königreich
Bayern erzielt, wie in Aubs Wochenblatt immer wieder anerkannt wurde. "Dankbarst"
gedachten sie der "besseren Tage des Lichts und der Liebe in der Gegenwart". Aus
dem Stand der "Schutzjuden" waren sie zu "Bürgern des Vaterlandes" geworden, die
seitdem auch bürgerliche Gewerbe und Ackerbau betreiben durften. Für jüdische
Jugendliche hatten sich die Bildungsanstalten geöffnet. Zugleich fühlten sich
die jüdischen Bürger jedoch durch eine Reihe von Ausnahmegesetzen noch immer
krass benachteiligt. Die Zeitschrift "Sinai" spiegelt auf vielfältige Weise die
Bemühungen der Kultusgemeinden wider, mit Reformvorschlägen eine wirkliche
Gleichstellung der jüdischen Bürger vor dem Gesetz gemäß der Verfassung zu
erreichen.
Vor allem die oberfränkischen Gemeinden drängten darauf, dass
Verfassungsanspruch und Lebenswirklichkeit miteinander in Einklang gebracht
würden. In einer Petition an die Königlich-Bayerische Ständeversammlung, die das
Datum des 30. Januar 1846 trägt, erbaten die Kultusgemeinde Bayreuth mit ihrem
Rabbiner Joseph Aub sowie die Rabbinatsbezirke Redwitz, Adelsdorf, Hagenbach,
Burgebrach sowie Büchenbach gnädige Verwendung für die Gleichstellung mit den
christlichen Bürgern Bayerns in politischen und bürgerlichen Rechten".
Die 60000 Juden im Königreich Bayern - laut Petition "in vielen
Menschenrechten bitter gekränkt" - sahen sich durch die "Exceptionsgesetze"
weiter unter Druck. So waren ihre beruflichen Möglichkeiten nicht nur im
gewerblichen Bereich nach wie vor eingeschränkt. Auch den begabten jüdischen
Absolventen der Studienanstalten blieb nach der Reifeprüfung der Einstieg in den
Staatsdienst verwehrt. Eine Reihe von Hindernissen erschwerte die
Gleichstellung. So blieben die jüdischen Gewerbetreibenden an bestimmte Orte
gebunden und mussten vielfach höhere Abgabenlasten tragen als ihre christlichen
Konkurrenten.
Mit zweierlei Maß ging auch die bayerische Justiz vor, die
aufgrund vieler Ausnahmegesetze den Juden das Leben schwermachte. Schließlich
beklagten sich die oberfränkischen Gemeinden unter Führung Aubs, dass ihre
Religionsgemeinschaft nur als Privatgesellschaft geduldet und nicht als eine
"öffentliche Kirche" geachtet werde. Aus der Staatskasse gab es keinen Pfennig
für die Erhaltung des jüdischen Kultus sowie der vielen jüdischen
Religionsschulen. Aus der Petition der oberfränkischen Gemeinden, die im
Wochenblatt "Sinai" veröffentlicht wurde, geht auch hervor, dass die Juden noch
immer unter vielen Vorurteilen zu leiden hatten.
Aub und seine Mitstreiter legten in ihrer Eingabe ausdrücklich
Wert auf die Feststellung, dass die jüdische Glaubenslehre der
Emanzipation der 60000 bayerischen Juden kein Hindernis in den Weg
lege. Dennoch würden sie noch immer "wie Fremdlinge, wie
Verurtheilte" behandelt, obwohl sie größte Ehrfurcht"
gegenüber König, Staat und Gesetzen bekundeten, und
trügen ohne eigene Schuld auch die schmerzlichen Spuren
fanatischer Verfolgungen.
In der Münchner Kammer der Abgeordneten wurden die Juden von
notorischen Antisemiten immer wieder angeschwärzt. Die Zeitschrift "Sinai" ist
für Aub die geeignete Plattform, um solche Tiraden - etwa die des Amberger
Landtagsabgeordneten Pfäffinger über jüdische Kaufleute - energisch
zurückzuweisen:
"Mögen Sie immer, Herr Pfäffinger, in der hohen Kammer ungestört
von Ihrem Sitze aus gegen die Juden die schwersten Anklagen aussprechen dürfen,
ohne dass diese hintreten können, um Sie sogleich der Ungerechtigkeit Ihrer
Anschwärzung zu überführen: In der öffentlichen Gesellschaft werden solche
Verleumdungen gerichtet, schwer gerichtet, und ein wahrhaft sittlicher Mensch
achtet diese Stimme nicht minder, ja noch mehr, als die Urtheile von sonstigen
Gerichten."
Die Juden in Bayern waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als ein monolithischer Block, und eine gemäßigte Persönlichkeit wie Aub litt sicherlich besonders unter den Extremen. Immer wieder versucht er als Friedensstifter und ehrlicher Mittler, Gegensätze zu versöhnen und Fronten zwischen Orthodoxen und Reformern abzubauen. Schon im Geleitwort zur ersten Ausgabe seines Wochenblattes hatte er die Spannungen offen angesprochen: "Stark ist der Riss in der Synagoge, mächtig ist der Streit unter ihren Angehörigen." Die einen klammerten sich krampffiaft an alles Bestehende an, "so dass jeder Fortschritt verpönt" sei. Selbst schreiende Missbräuche würden als heilige Sitten und göttliche Wahrheiten verehrt. Die Reformsüchtigen" hingegen, so Aubs Klage, sehnten sich nach "stets neuen Gebilden" und setzten den Zeitgeist als "alleinigen Richter auf den Thron". Der Bayreuther Rabbiner äußert sich auch kritisch zum Stil der Auseinandersetzung, die von den Extremen mit "heftiger Leidenschaft und den ungerechtesten Waffen" geführt würde. Eine seiner Publikationen trägt den Titel "Toleranz und Humanität, ein Wort der Abwehr und Verständigung". Manche Klage kommt uns eineinhalb Jahrhunderte später noch immer recht vertraut vor, weil sie sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht. So kommt Aub zu dem Ergebnis: "Wahre Andacht ist geflohen aus unseren Gotteshäusern. Dabei bleibt die Jugend von dem Gottesdienste fern oder wohnt ihm ohne alle Theilnahme bei ..."
Anzumerken wäre noch, dass Aub in seiner Bayreuther Zeit auch als kritischer Bürger hervortrat. Eine Petition vom 11. September 1848 an die Deutsche Nationalversammlung trägt neben Namen wie Rose, Eisenbeiß, Friedrich Feustel und Käfferlein auch die Unterschrift Aubs. Der Rabbiner arbeitete im Vorstand des Patriotischen Vereins mit.