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Portsmouth / England) - † 09.01.1927 (Bayreuth) |
verheiratet mit Eva (Wagner) Chamberlain.
Hält Hitler für den Erlöser. Schöpfer der "Grundlagen
des 19. Jahrhuderts", ruht im Friedhof der Stadt. Gedenktafel an seinem
Wohn- und Sterbehaus: Wahnfriedstraße 1.
Wichtiger Hinweis: Chamberlain war eine Leitfigur des Nationalsozialismus in Bayreuth.
Aus diesem Grunde sind nachfolgende Texte, Links, Hinweise mit Vorsicht zu beachten, weil sie auch
aus den Quellen fast wörtlich zitiert sind! Ich distanziere mich auch von der angegebenen Webseite
über Chamberlain, von der die Bilder stammen.
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Chamberlains erster deutscher Lehrer war "der Kandidat der Theologie"
Otto Kuntze. Er verstand Chamberlain für deutsche Kunst und
Wissenschaft so zu begeistern, dass Chamberlain ausgerufen haben soll:
"Ich wollte meine linke Hand hergeben, wenn ich als Deutscher geboren
wäre." So schrieb er auch aus Spanien: "Das Leben des Deutschen
ist ein anderes, als das der anderen Menschen; in ihm hat das
Selbstbewusstsein, das Gefühl seiner Würde den Höhepunkt
erreicht. Er ist zugleich Dichter und Organisator, Denker und Tuer,
Mann des Friedens und der beste Soldat, Zweifler und der Einzige, der
imstande ist, wirklich zu glauben.""Ehrenbürgerbrief der Stadt Bayreuth:
Der Stadtrat Bayreuth hat am 24. Mai 1922 in dankbarem Rückblick
auf die vor fünfzig Jahren erfolgte Grundsteinlegung des
Festspielhauses, Herrn
Houston Stewart Chamberlain
dem treuen Jünger und feinsinnigen Künder der erhabenen
Gedankenwelt Richard Wagners, dem aufrechten Manne, der sich von je und
in schwerster Zeit aufs Neue mutvoll zum Deutschtum bekannte, dem
berühmten Forscher und Gelehrten, dem opferfreudigen Freunde und
Bürger der Stadt Bayreuth das Ehrenbürgerrecht und die
Goldene Bürgermünze verliehen.
Der Stadtrat,
gezeichnet Preu."
Bald nach Chamberlains Hochzeit befiel ihn eine schleichende
unheilbare Krankheit, die allmählich den ganzen Körper
lähmte. Eva übernahm nicht nur seine Pflege, sondern sie
schrieb auch alles auf, was Chamberlain ihr diktierte. Sein letztes
Werk "Mensch und Gott" musste Eva Chamberlain infolge der
fortschreitenden Lähmung im wahrsten Sinne des Wortes von den
Lippen ablesen. Am 9. Januar 1927 wurde Chamberlain von seinem Leiden
"erlöst".
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Quelle: 28 (einige Bilder und der Text in der Überschrift), 31
Siehe auch Quelle 18 (S. 193)
Ein junger unglücklicher Mann - Im Festspielhaus waren seine Ängste wie weggewischt.
Von Geoffrey G. Field (Professor an der State University of New York)
Wahnfried gegenüber an der Ecke Richard-Wagner-Straße steht das Chamberlain-Haus, eine geräumige Residenz mit Observatorium auf dem Dach. Eine Gedenktafel berichtet, dass hier Houston Stewart Chamberlain gelebt hat. Schwiegersohn Richard Wagners und jener Mann, den Alfred Rosenberg als wichtigsten geistigen Wegbereiter des Dritten Reiches pries. Als Chamberlain 1927 starb, war er in und außerhalb Deutschlands bekannt als "abtrünniger Engländer": Der englische Aristokrat, der sein Geburtsland verschmähte und sich dem rassistischen Nationalismus der Deutschen verschrieben hatte.

Die Historiker haben Chamberlain seit 1945 sträflich
vernachlässigt. Studien des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus
aber räumen ihm einen prominenten Platz als Publizisten ein. Dennoch
ist kein ernsthafter Versuch einer Auseinandersetzung mit seinem
Wirken unternommen worden. Die Nachwelt kennt H. S. Chamberlain
bestenfalls als Autor einer umfänglichen, volkstümlichen
Kulturgeschichte, "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" (1899)
und einer Menge extrem chauvinistischer Kriegspropaganda.
Zu seiner Zeit genoss Chamberlain hohes Ansehen auch als
religiöser Denker, Philosoph und sogar als Wissenschaftler. Seine
Veröffentlichungen, ergänzt durch die wahrhaft erstaunliche Korrespondenz, die
er mit Freunden, Verlegern und Verwandten pflegte, ermöglichen es, seinem Leben
und seinen Ideen und Interessen nachzugehen.
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| Houston, Basil, Henry |
Chamberlain jung |
Chamberlain - Breslau |
Wie kam es dass ein Engländer auf
solch vielfältige Weise sich mit der Welt des Wagnerismus und der deutschen
Kultur verquickte?
Chamberlains Familie war reich, aristokratisch, verdient um das
britische Empire. Sein Vater war Admiral, unter seinen Onkeln waren hohe
Offiziere, ein General, ein Oberst, ein Generalleutnant, und ein
Feldmarschall. Houston war das jüngste von drei Kindern. Seine Mutter
starb während seines ersten Lebensjahres. Die Kinder wurden zu
Großmutter Lady Chamberlain und ihrer unverheirateten Schwester
Harriet nach Versailles in Frankreich geschickt. Nach den ersten
Schuljahren in Versailles besuchte Houston Privatschulen in England.
Die raue Atmosphäre dieses Schullebens, das auch ihn auf eine
militärische oder zivile Laufbahn im Dienste des Empires vorbereiten
sollte; entsetzte den stillen, sensiblen, von nachgiebigen Verwandten
verwöhnten Jungen. Nervös, immer kränkelnd, war er unglücklich und
litt schwer. Seine angegriffene Gesundheit hielt dem Leben an der
Internatsschule nicht stand. Die Ärzte der Familie rieten zum
Umgebungswechsel. Tante Harriet nahm den Jungen nach einem
Nervenzusammenbruch in ihre Obhut. Gemeinsam vertauschten sie England
gegen den wärmeren Süden des Kontinents.
Hier wurde Chamberlains Erziehung in die Hände eines jungen
preußischen Theologen, Otto Kuntze, gelegt. Lehrer, Schüler und Jungfer
Harriet führten ein sehr geruhsames Leben. Den Winter verbrachten sie in
Italien oder Südfrankreich, den Sommer in der Schweiz. Kuntze unterstützte
Chamberlains Leidenschaft für Pflanzenkunde und brachte ihm Deutsch bei. Es
überrascht nicht, dass sich der Junge in den traditionellen Denkerkreisen
Frankreichs und Deutschlands bald besser zu Hause fühlte, als in denen des
Landes seiner Geburt. "Die Tatsache mag ja bedauerlich sein", gab er
bereits 1876 zu, "aber sie ist halt eine Tatsache: ich bin so gänzlich
unenglisch geworden, dass schon der bloße Gedanke an England und an Engländer
mich unglücklich macht". Houston zeigte kein Verlangen nach England und seiner
Familie. Er fürchtete vielmehr, sein Vater könnte ihn zurückrufen und auf einer Karriere im Empire bestehen.Tatsächlich wusste er wenig über das Bismarcksche Reich.
Besucht hatte er Deutschland bis dahin nur 1870 kurz. Sein Bild von Land
und Leuten war romantisiert - vorwiegend bestimmt von der Literatur, der
Philosophie und der Musik. Seine imaginative "Wendung zum Deutschtum" bestätigt
sich, als er 1818 Anna Horst heiratete, die Tochter eines Breslauer Staatsanwaltes; er hatte sie in Cannes kennengelernt.
Drei Haupteinflüsse prägten Chamberlains intellektuelle
Entwicklung im wesentlichen: die Naturwissenschaften, die deutsche Philosophie
und der Wagnerismus.
Von 1879 bis 1884 studierte er Naturwissenschaften an der
Universität Genf, wo er als Bester unter seinen Kommilitonen seinen akademischen
Grad ein Jahr früher als erwartet erhielt. Wenig später begann er mit der
Promotionsarbeit, einem Thema aus der Botanik. Jedoch wurde er durch einen
Nervenzusammenbruch, mitverursacht durch Geldschwierigkeiten, in die er durch
verwegene Spekulationen an der Pariser Börse geraten war, aus seinen Träumen
von einer akademischen Karriere gerissen.
Unmittelbar nach seiner Wiedergenesung entschloss sich Chamberlain zu
einem Ortswechsel. Er ging nach Dresden. In der Überzeugung, für eine
auf systematische - und regelmäßige Arbeit gestützte Karriere und
Existenz aus gesundheitlichen Gründen ungeeignet zu sein, lebte er
wieder vom Geld, das ihm seine Familie überließ und begann zu lesen,
über Kunst, Philosophie und Religion. Er vertiefte sich in Kant, Goethe,
Plato, Schopenhauer und Schiller; er wollte als das Ideal eines
kultivierten Mannes gelten.
Unbewusst bereitete er sich auf die spätere
Berufung zum Schriftsteller vor, indem er sich ein
umfassendes, wenn auch schlecht verdautes Wissen in Geschichte und
Literatur aneignete, das seine späteren Veröffentlichungen
charakterisieren sollte.
Der Wagnerismus war der zweite entscheidende Einfluss auf Chamberlains Zukunft. Ironischerweise wurde er erstmals auf Wagner und Bayreuth durch zwei Juden aufmerksam; er hatte sie im Sommer 1875 getroffen. Aber erst nach dem Besuch der Festspiele 1882 wurde er zum Bewunderer Wagners und aktiven Teilnehmer am Wagnerkult seiner Zeit. Im Festspielhaus - das ihm als Schrein erschien, in dem sich die Auserwählten des Kults versammelten - und die Aufführungen als gemeinsam erlebtes Ritual empfanden - waren seine Ängste und sein Gefühl der Verlorenheit wie weggewischt. Der Wagnerismus gab seinem Leben ein missionarisches Ziel. Er weckte in ihm die Hoffnung auf eine bessere, ästhetischere Welt. Willig ließ er sich von dieser Hoffnung in eine mystische, völkische Welt hineintragen, die ihm manchmal wirklicher erschien, als die Welt um ihn herum, in der er lebte.
"So kunstarm", reflektierte er, "mein bisheriges Leben gewesen war, jetzt
war ich an den Born reinster Kunst gelangt. Schiller redet von einer
Kultur, welche des Menschen Würde mit seiner Glückseligkeit in
Übereinstimmung bringen soll: die Stätte dieser Kultur habe ich
gefunden."
Von Dresden aus nahm Chamberlain Anteil an "Bayreuth". Er
ging zu Vorträgen und Treffen, er half Spenden für die Festspiele
aufzubringen. Er wurde Mitbegründer und Autor der "Revue
Wagnerienne", deren Ziel es war, Wagners weniger bekannte Schriften
dem französischem Publikum näherzubringen. Mitautoren in der "Revue" waren
Stephane Mallarmé, Billiers de I´Isle Adam, Edouard Dujardin, Maurice Barres,
Verlaine und Huysmans. Chamberlain schrieb regelmäßig auch für die "Bayreuther Blätter" nachdem er Cosima Wagner 1888 getroffen
hatte. Er fand Eingang in den inneren Kreis von Wahnfried, aus dem er in den folgenden
acht Jahren als einflussreicher Publizist Bayreuths hervorging, der weitere Leserschaften erreichte als Hans von Wolzogen und Karl Friedrich
Glasenapp.
Sein Einsatz für Bayreuth war erstaunlich aktiv.
Chamberlain erlebte seine schriftstellerischen Lehrjahre. Seine Ansichten über
Religion. Gesellschaft und Politik, waren von "Wagnerismus" durchdrungen.
War vorher seine Begeisterung für alles Deutsche noch mitgeprägt von einer grundsätzlich
liberalen Einstellung, nahm er 1896 einen konservativen, sogar
antisemitischen Standort ein, Parlamentarismus und "kraftlose liberale
Enthusiasten" verachtend. Als der liberal eingestellte Kaiser Friedrich
III. 1888 starb, fand Chamberlain kein Wert der Trauer; er sprach
von dem dahingeschiedenen Monarchen als einem "jüdischen Liberalen" mit einem
Hang zu "gefährlicher Politik" diametral zu allem, was ein aufrechter Deutscher
fühlte. Chamberlain war jetzt überzeugt, dass die Juden Deutschland
dem "moralischen, geistigen und materiellen Untergang weihen".
Während er die "Bayreuther Idee" mit seiner Idee eines "wahren
Deutschland" gleichsetzte, sah Chamberlain seine sozialen und
kulturellen Ängste durch das Prisma der wagnerschen Musikdramen, ließ
er seinen Gefühlen gegenüber dem modernen Materialismus der
Industriegesellschaft und seiner Verachtung gegenüber einer bourgeoisen
Welt mit ihren unheldenhaften, in Traditionen gefangenen Krämerseelen
freien Lauf. Die Mischung eines tiefen, mit Kulturpessimismus und
Furcht vor gesellschaftlicher Gleichmacherei gepaarten Glaubens an das
Reich wurde von vielen Anhängern des Wagnerkults geteilt.
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Da Chamberlain 1888 Eingang in den Wahnfried-Kreis fand,
ging die Zeit, ein Wagner-Dogma aufzurichten, gerade ihrem Abschluss entgegen.
Der nächste Schritt war, den Bayreuth-Kult unter die Leute zu bringen, die
wagnerianische Idee einer ästhetischen Erlösung mit dem bereits weit
verbreiteten Glauben an eine nationale Wiedergeburt. zu verbinden.
Es war Chamberlain mehr als alle anderen, der Erfolg damit hatte, eine ideologische Brücke zwischen Bayreuth und den
völkischen Traditionen des völkischen pangermanischen Nationalismus zu schlagen.
Sein Werk steht am Zusammenfluss von "Bayreuth" mit - dem Hauptstrom
germanischer Ideologie.
Quelle: 6 (Nachrichten aus Bayreuth, 30.12.1974) und http://www.hschamberlain.net
Von Dresden nach Wien - Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts - Briefwechsel zweier Effekthascher
Houston Stewart Chamberlain war durch seine Veröffentlichungen zu
einem prominenten Publizisten des Deutschen Kaiserreichs geworden, und
er hatte eine Brücke zwischen Wagners Bayreuth zu den
völkischen Traditionen des deutschen Bürgertums geschlagen.
Wer war dieser Mann?
in dieser Folge berichtet Geoffrey G. Field wie sich Chamberlain von
Dresden, wohin er sich mit seiner Frau gewandt hatte, um Bayreuth
näher zu sein, 1888 nach Wien ging, ein Schritt, der auf die
Prägung seiner "Weltanschauung“ bleibenden Einfluss haben sollte.
Sein Vorhaben, in Wien botanische Studien mit der Doktorarbeit zu
vollenden, wich bald anderen Interessen, zumal sich vorübergehend
auch sein Gesundheitszustand wieder verschlechtert hatte:
Das Wien des Fin de siècle vervollständigte Chamberlains Bildung. Wien erlebte eine kulturelle Glanzzeit.
Später während der düsteren Jahre zwischen den
Weltkriegen sollte man sich dieser Zeit als eines verlorenen
Paradieses erinnern. Die k. u. k. Monarchie und ihr
Vielvölkerstaat, politisch dem Verfall geweiht und zerrissen
durch immer stärker werdende soziale und nationale Spannungen,
schlitterte der Katastrophe von 1914 entgegen. Die Atmosphäre der
Krise war nirgends deutlicher zu spüren als hier: Wien glich einer
„Hexenküche der Apokalypse“ (Karl Kraus). In dieser Stadt eines
Karl Lueger und Georg von Schoenerer, eines Arthur Schnitzler und
Robert Musil schrieb Chamberlain seine Hauptwerke.
H. S. Chamberlains Antisemitismus und sein vehementer Hass auf den
römischen Katholizismus verdanken viel seinen Erfahrungen in
dieser Stadt, während seine Warnungen an die Deutschen, rassische
Vermischung und die Verunreinigung ihres Blutes zu vermeiden, von
Österreich als einem Völkerchaos, das dem unvermeidlichen
Zerfall entgegengehe, beeinflusst wurden.
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Die Grundlagen
In seinem berühmtesten Buch, „Die Grundlagen des neunzehnten
Jahrhunderts" knüpfte Houston Stewart Chamberlain die Fäden
seiner intellektuellen Erfahrungen und Interessen zu einer Einheit
zusammen. Die zweibändige Studie, ein Auftragswerk des
Münchner Verlegers Bruckmann, war der Beginn seiner Karriere als
„nationaler Prophet" und volkstümlicher Philosoph. Er modelte die
Ideale von Bayreuth und völkischnationales Gedankengut in eine
kulturgeschichtliche Rechtfertigung für eine pangermanische
Weltpolitik um.
Indem er ein Panorama der Geschichte und Kultur von den Griechen bis
zum Beginn des 19. Jahrhunderts ausbreitete, versuchte Chamberlain
darzulegen, dass die germanische Rasse der bedeutendste Baumeister der
modernen Zivilisation war und immer noch die Rettung der Menschheit nur
von ihr ausgehen könne. Er verband tief verwurzelte antisemitische
und antirömische Vorurteile zu einer neuen
pseudowissenschaftlichen Rassendoktrin und empfahl die kluge Kreuzung
nobler verwandter Rassen bei gleichzeitiger Verteidigung gegen
rassische Fremde.
Er beanspruchte Objektivität und Unvoreingenommenheit, ließ
jedoch gleichzeitig Gefühlen ungezügelten Lauf, die denen
später von Alfred Rosenberg und den Nazis ähnelten. Ein
englischer Kritiker wertete die „Grundlagen“ als „eine Ilias des
Konfliktes zwischen den Deutschen und den Juden“, der Jude werde in
all seinen vielfältigen Erscheinungsformen als der
allgegenwärtige geschichtliche Feind vorgestellt. - Der Jude,
erklärte Chamberlain, „beugt das Haupt vor Jahve, weil ihm
verheißen wird, durch die Erfüllung dieser Bedingung werde
er allen Völkern der Welt den Fuß auf den Nacken setzen;
Herr und Besitzer der ganzen Erde werden“. Dieser Dämon, von dem
Richard Wagner sprach, sei als gefährlichster Zerstörer der
Kultur, als Inbegriff des Materialismus, der Intoleranz und
gesellschaftlicher Unterminierung anzusehen.
Chamberlains Buch errang Beifall. Chamberlain wurde einer der
erfolgreichsten Vertreter eines neuen literarischen Typs: des
populären Alleswissers und des grässlichen Vereinfachers,
wie Burckhardt sie fürchtete. Sein Erfolg - wie der Julius
Langlehns, Ernst Möller van den Brucks, Ernst Häckels u. a.
- war symptomatisch für die Unzufriedenheit der Gesellschaft mit
der traditionellen akademischen Wissenschaft. Eine neu Spezies des
Dilettantismus eroberte sich die Führung; großzügig
dreiste Diagnostiker, rasch bei der Hand mit Lösungen für die
Sorgen und die Nöte der modernen Gesellschaft.
Der Leser von heute kann kaum anders als erstaunt feststellen, dass der
Wirrwarr Chamberlainscher Logik und seine Anmaßungen seinen
Zeitgenossen so willkommen waren. In seinem so oberflächlichen
wie gekünstelten Gedankenstil allerdings sahen sich seine Leser in
ihren Eitelkeiten und tiefsten Vorurteilen bestätigt. Er erweckte
den Eindruck der Gelehrsamkeit, ohne zu langweilen und untersuchte die
Traditionen deutscher Kultur, ohne unverständlich zu wirken. In
mancherlei Weise war Chamberlain, dieser merkwürdige, heimatlose
und vereinsamte Ästhet für die sorgenvolle weltpolitische
Ära vor 1914, was Spengler für die Zeit, nach der deutschen
Niederlage von 1918 war. Beide Männer hatten einen
ausgeprägten Sinn für den Pulsschlag ihrer Zeit.
Ein komplizierter Mensch
Was für ein Mann war dieser verpflanzte Englishman, der den
Gefühlen und geistigen Sorgen vieler Deutscher vor dem Ersten
Weltkrieg in seinen Schriften Ausdruck verlieh? Auf Fotos der Zeit um
1890 erscheint Houston St. Chamberlain von gedrungener Gestalt, dennoch
1,90 m groß, aber mit Tendenz zu Übergewicht. Er hatte hohe
Brauen über tiefliegenden Augen, eine leicht nach oben gebogene
Nase. Zeitweise ließ er sich einen Schnurrbart wachsen; sein
Haar, zuvor schulterlang, war nun kurz und an einigen Stellen
gelichtet. Seine Anzüge ließ er modisch, bevorzugt bei
Londons besten Schneidern anfertigen.
Chamberlain war ein höchst komplizierter Mensch. Wer die Treppen
hinauf zu seiner Wiener Wohnung stieg, entdeckte einen ganz anderen,
als den Mann, den er sich vorgestellt hatte. Katholiken und Juden, die
sich dem bemerkenswerten Antisemiten und Romfeind nur mit Antipathie
und Zögern näherten, fanden sich überrascht einen
sympathischen Herrn von einigem Charme gegenüber, des nicht die
mindesten Anzeichen rassistischer oder religiöser Vorurteile
erkennen ließ.
Er empfing seine Besucher in seiner Bibliothek ohne die
Überheblichkeit und gereizte Tonart seines aufsehenerregenden
Buches, „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“; ein humorvoller,
brillanter Gesprächspartner, von aristokratischer Gelassenheit,
der seinen Zuhörern eine Aura des Gelehrtseins gepaart mit
vernünftigen Ansichten, ja sogar zurückhaltender
Bescheidenheit vermittelte. Seine Kultur, sein Feingefühl und
seine tiefe Religiosität verfehlten ihren Eindruck auf Besucher
wie Hermann Kayserling oder den österreichischen Mystiker Rudolf
Kassner nicht und ließ sie über manche seiner recht
problematischen Argumente nicht erst weiter nachdenken.
Sendungsbewusstsein
Der Erfolg der „Grundlagen“ überzeugte Chamberlain von seiner
Mission eines „Propheten der Deutschen“, zu der die Vorsehung ihn
auserwählt habe. Mit einer Art Sendungsbewusstsein stürzte er
sich van einer literarischen Arbeit in die andere: größere
Veröffentlichungen über Kant und Goethe sowie Essays
über ganze Reihen von Themen. Jeden Tag, bevor er an die Arbeit
ging, kniete er am Schreibtisch nieder und betete um Gottes Geleit.
Dann schrieb er sechs bis acht Stunden am Tag. Obwohl er viele Freunde
und Korrespondenten hatte, lebte er ziemlich isoliert.
Von seiner historischen Rolle, den Deutschen eine rassistische
Weltanschauung geben zu müssen, war er fest überzeugt. Da
England sich dem Judentum bereits gebeugt habe, während das edle
Blut der Franzosen und Russen längst degeneriert sei, blieben nach
Chamberlains Ansicht nur die Deutschen, um das „teutonische Banner“ der
Welt voranzutragen.
Verschwörungsidee
In seinen Schriften oft aggressiv, prahlerisch, ja selbst brutal,
schrieb er über Kant, Goethe und Wagner in fast militärischem
Geist. Hinter diesem der Öffentlichkeit präsentierten Bild
verbarg sich die nervöse, in sich gekehrte, verunsicherte und
vereinsamte Wirklichkeit seiner selbst. Er war daher schwermütig,
seine eigene Schüchternheit schmerzte ihn. Die kompromisslose
Verschwörungsidee, die ihn beherrschte, verfolgte ihn bis in seine
Träume, wie er in einem Notizbuch vermerkte. Zwei von ihnen geben
seine Ängste vor Quälereien durch die Hände des
jüdischen Feindes wieder, während er sich in einem anderen
Traum als Märtyrer empfand, dessen Schicksal er mit dem des
gekreuzigten Jesus verglich. Paranoide Anwandlungen waren ihm nicht
fremd.
Er fühlte sich persönlich bedroht, wie er das Leben der
Gesellschaft unterminiert und bedroht sah. Er war der Archetyp des
wurzellosen Intellektuellen des späten 19. Jahrhunderts in
Europa und er konnte sich nie gänzlich von dem Gefühl
ein Außenseiter zu sein, freimachen. Besuche in England
hinterließen Unzufriedenheit in ihm. Der Habsburger Monarchie, in
der er fast zwei Jahrzehnte lebte und arbeitete, fühlte er sich
ebenso wenig verbunden wie seinem Geburtsland. Und auch im neuen
Kaiserreich der Deutschen vermochte er - Bayreuth ausgenommen - die
geistige Heimat, Solidarität und Gemeinschaft nicht zu finden, die
er suchte.
Kritik übte er insbesondere an der vorherrschenden Einstellung der
Gesellschaft und deren Materialismus, sich - gleich vielen anderen -
auf sein eigenes, idealisiertes Bild des Deutschtums
zurückziehend, um von dieser Warte aus Liberalismus,
Verweltlichung und Klassenkampf als symptomatisch für den
beginnenden Verfall von Rasse und Gesellschaft zu geißeln. Seine
Schriften trafen zusammen mit sozialen Ängsten und der
Bereitschaft vieler, sich selbst in Frage zu stellen. So verstand er
es, die unentschlossene, von Zweifeln geplagte Haltung gegenüber
der neuen Industriegesellschaft, wie sie viele seiner Zeitgenossen in
Deutschland plagte, in ihrem Sinne zu artikulieren.
Chamberlains
Buch-Erfolg kann nicht in Zweifel gezogen werden. Seine „Grundlagen“
wurden von der konservativen und nationalliberalen Presse in den Himmel
gehoben; sie stießen auf ebenso heftige Ablehnung in den
sozialistischen und mehr liberalen Zeitungen. Nationalistische
Studenten beriefen sich auf Chamberlain, um den Ausschluss
jüdischer Kommilitonen zu rechtfertigen; die Führer der
Wandervogel-Bewegung attestierten ihm bildenden Einfluss auf ihre
aufnahmebereiten Geister. Eine Reihe wohlwollender Kritiken erschien in
protestantischen Schriften. Insbesondere in "Christliche Welt".
Intellektuelle wie Möller van den Bruck, Ernst von Wolzogen (?)
und Mitglieder des Forster-Nietzsche-Kreises in Weimar stimmten
Lobgesänge an. ,,Die Grundlagen“ wurden zur literarischen Mode.
„Wie oft“, schrieb Cosima Wagner 1900 an
Chamberlain, „Ihr Name in Berlin erwähnt worden ist, kann, ich
Ihnen gar nicht sagen. Jedenfalls sind Ihre ‚Grundlagen‘ das gelesenste
Buch in allen Ständen.“
Der berühmteste Enthusiast der „Grundlagen“ - wie auch von
Chamberlains späteren Veröffentlichungen - war Kaiser Wilhelm
II. Er las das Buch Anfang 1901. Seinen raschen, aber wenig
scharfsinnigen Geist entzückten nicht zuletzt die Fußnoten
und die - scheinbare - Wissenschaftlichkeit des Werks. Prinz Eulenburg
berichtete, dass Wilhelm nach dem Lesen der „Grundlagen“ von der
geistigen Mission des deutschen Kaisers und der deutschen Nation noch
überzeugter war als je zuvor „Sie singen“, schrieb Wilhelm an
Chamberlain, „das Hohelied vom Deutschen“, und fügte hinzu:
„Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, dass Er es mit unseren
Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volk und Sie
persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein
unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem
Bundesgenossen erkoren und ewig danke ich Ihm, dass Er es getan.“ Das
kaiserliche Schreiben schloss mit besten Wünschen „meinem
Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom,
Jerusalem usw.“.
Liberale Zeitungen wie die „Berliner‘ und „Frankfurter“ zeigten sich
schon bald tief beunruhigt über Chamberlains angeblichen Einfluss
bei Hofe. Wilhelm traf Chamberlain im November 1901 auf Eulenburgs
Landsitz. Es folgte ein ziemlich regelmäßiger Briefwechsel.
Chamberlains Briefe an den Kaiser trieften vor Lobpreisungen und
illustrierten die unterwürfige Atmosphäre des
preußischen Hofes. Chamberlain nährte und bestärkte
Wilhelms spannungsvolles, rastloses Ego durch stetige Schmeicheleien,
sich selbst bedenkenlos seiner Scheinwelt überlassend.
Während Chamberlain das imperialistische Selbstbewusstsein
absicherte, bestärkten die Aufmerksamkeiten Wilhelms Chamberlain -
mehr als alles andere es vermocht hatte - in seiner Mission als Prophet
einer deutschen Weltanschauung. Kaiser und Chamberlain waren
ungewöhnlicher Taten der Selbsttäuschung und der Heuchelei
fähig. Beide, sich um Deutschland sorgende, sich
nichtsdestoweniger überschätzende Effekthascher, die sich
gegenseitig anzogen wie Magneten.
Aber es gab zwischen ihnen auch noch etwas neben der
Übereinstimmung über Rassenprobleme, Politik und Religion;
etwas, das über ihre geistige Verwandtschaft hinausging. Beide
waren Produkte zweier Traditionen: England und. Deutschland. Trotz
aller Kritik und Vorbehalte Wilhelms England gegenüber, hatte er
doch auch viel Verständnis für viele Qualitäten und
Eigenschaften der Engländer von seiner englischen Mutter
mitbekommen. Seine Verbitterung über die englische Arroganz und
den britischen Imperialismus verhehlte nie ganz auch eine gewisse
geistige Nachfolgeschaft und noch so spät wie im Jahr 1911 gab er
Theodore Roosevelt gegenüber zu: "Ich bete England an.“
Prinz und Gentleman
War der Kaiser ein Mann, der zwischen den Idealen eines englischen
Gentleman und eines preußischen Prinzen schwankte, so war
Chamberlain ein Englishman, der gleichermaßen deutsche Tugend und
preußische Form verehrte. Beinahe unbewusst übernahm er
einen unterwürfigen, kratzfüßigen Ton, sprach er auch
nur mit einem preußischen Leutnant.
Aber man könnte auch sagen, dass Wilhelm und Chamberlain das
genaue Gegenteil voneinander waren: Wurde der Kaiser vom Englischsein
Chamberlains angezogen, sah der Autor seine mystifizierende Naturliebe,
seine Ideale des Deutschtums symbolisiert.
Wie auf den Kaiser übte Chamberlains Buch. eine unverkennbare
Anziehungskraft auf die Beamten des neuen Kaiserreichs aus. Die
akademischen Geschichtslehrer nach Treitschke hatten sich meist In den
Elfenbeinturm zurückgezogen und hatten damit den Weg für
Schriftsteller wie Chamberlain frei gemacht, die sich rasch einer
weiten Leserschaft erfreuten.
Quelle: 6 (Nachrichten aus Bayreuth, 04./05.01.1975)
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| Chamberlains Grab auf dem Stadtfriedhof Bayreuth |