Houston Stewart Chamberlain

* 09.09.1855 (Southsea /
Portsmouth / England) -
† 09.01.1927 (Bayreuth)

verheiratet mit Eva (Wagner) Chamberlain. Hält Hitler für den Erlöser. Schöpfer der "Grundlagen des 19. Jahrhuderts", ruht im Friedhof der Stadt. Gedenktafel an seinem Wohn- und Sterbehaus: Wahnfriedstraße 1.

Wichtiger Hinweis: Chamberlain war eine Leitfigur des Nationalsozialismus in Bayreuth. Aus diesem Grunde sind nachfolgende Texte, Links, Hinweise mit Vorsicht zu beachten, weil sie auch aus den Quellen fast wörtlich zitiert sind! Ich distanziere mich auch von der angegebenen Webseite über Chamberlain, von der die Bilder stammen.

Houston Stewart Chamberlain wurde am 9. September 1855 in Southsea bei Portsmouth in England geboren als Sohn des späteren Admirals William Charles Chamberlain. Da die Mutter ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Kindes starb, und der Vater durch seinen Flottendienst meist auf See war, kam Houston Stewart Chamberlain zu seiner Großmutter nach Versailles. Schon bald zeigte sich seine hervorragende Sprachbegabung, die es ihm später ermöglichte, sich zusätzlich zu seiner Muttersprache in Deutsch, Italienisch und Französisch sowohl schriftlich als auch mündlich meisterhaft auszudrücken. Seine "Selbstzucht" hatte er von seinem Vater geerbt, den "Bekennermut, der ihn im [1.] Weltkrieg an die Seite Deutschlands führte", von seinem Onkel Sir Neville Chamberlain. Dieser hatte im Burenkrieg mit großer Empörung gegen die Grausamkeit der englischen Kriegsführung protestiert und sich auf Grund dessen beim englischen Volk verhasst gemacht.

Admiral Chamberlain rief seinen Sohn zurück nach England, doch das Klima hier bekam dem jungen Houston Stewart überhaupt nicht. Deshalb bereiste er mit seiner Tante den europäischen Kontinent; die erste Station war Deutschland. In Bad Ems machte die ehrfurchtgebietende Gestalt Kaiser Wilhelm I., der gerade zur Kur hier weilte, einen tiefen Eindruck auf Chamberlain. Als er dann in die Schweiz weiterreiste, hörte er in Triebschen zum ersten Mal den Namen Richard Wagner.

Chamberlains erster deutscher Lehrer war "der Kandidat der Theologie" Otto Kuntze. Er verstand Chamberlain für deutsche Kunst und Wissenschaft so zu begeistern, dass Chamberlain ausgerufen haben soll: "Ich wollte meine linke Hand hergeben, wenn ich als Deutscher geboren wäre." So schrieb er auch aus Spanien: "Das Leben des Deutschen ist ein anderes, als das der anderen Menschen; in ihm hat das Selbstbewusstsein, das Gefühl seiner Würde den Höhepunkt erreicht. Er ist zugleich Dichter und Organisator, Denker und Tuer, Mann des Friedens und der beste Soldat, Zweifler und der Einzige, der imstande ist, wirklich zu glauben."

1879 begab er sich nach Genf, um Naturwissenschaften und Botanik zu studieren. Bedeutsam wurde für ihn das Jahr 1882, als er in Bayreuth zum ersten Mal "Parsival" hörte. Er war überwältigt von dem Werk Wagners. Von da an besuchte er jedes Jahr die Festspiele in Bayreuth. Als er nach einer Krankheit sein Studium aufgab und sich ganz dem Schriftstellertum widmete, waren seine ersten Arbeiten Aufsätze über "Lohengrin", "Götterdämmerung" und ähnliches. In das Haus Wahnfried kam Chamberlain erstmals im Jahr 1884 und 1892 schrieb er "Das Drama Richard Wagners". Er erklärt darin, dass Wagner in erster Linie dramatischer Dichter war, dass aber seine künstlerische Individualität darin bestünde, dass sich bei ihm Wort und Ton als gleich notwendig erweisen.

Es folgten dann zunächst theoretische Schriften, besonders "Oper und Drama". Jedoch entstand bald sein berühmtes Werk "Richard Wagner", in welchem er ein Gesamtbild von dem Wesen und Schaffen des Bayreuther Meisters schilderte. Bald wurde er auch zum Mitarbeiter der "Bayreuther Blätter und warb in auswärtigen Blättern für die Kunst Richard Wagners. 1899 erschien sein bedeutendstes Werk "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", das großes Aufsehen erregte und Chamberlain mit einem Schlag "berühmt" machte. Er beschreibt in dem Werk die Beziehung der ganzen Menschheitsgeschichte in Ursache und Wirkung zum 19. Jahrhundert. Der Nationalsozialismus bezog sich stark auf dieses Buch, da Chamberlain darin die Rassenfrage aufgreift und der arischen, besonders der nordischen Rasse die Führung zuerkennt. Chamberlain kann nicht zuletzt auf Grund dieses Buches als Vordenker des Nationalsozialismus gelten. (Bemerkenswert ist hierbei, dass in Bayreuth immer wieder Straßen nach ihm benannt wurden. Die letzte "Chamberlainstraße" wurde erst in den 1990er Jahren umbenannt. Anmerkung MB)

1908 verheiratete er sich mit Eva Wagner, die ihm eine treue und verständnisvolle Frau wurde.

Als England mit dem "arglosen" Deutschland Krieg führte, trennte er sich für immer von seinen Landsleuten. In Kriegsaufsätzen drückte er seine Empörung aus. Die Deutschen verehrten ihn dafür mit Begeisterung und tiefstem Dank.

Als sich am 22. Mai 1922 die Grundsteinlegung des Festspielhauses zum 50. Mal jährte, beschloss die Stadt Bayreuth, dem begeisterten Wagneranhänger, der so viele Werke dem Meister gewidmet hatte, das Ehrenbürgerrecht zu verleihen.

"Ehrenbürgerbrief der Stadt Bayreuth:
Der Stadtrat Bayreuth hat am 24. Mai 1922 in dankbarem Rückblick auf die vor fünfzig Jahren erfolgte Grundsteinlegung des Festspielhauses, Herrn
Houston Stewart Chamberlain
dem treuen Jünger und feinsinnigen Künder der erhabenen Gedankenwelt Richard Wagners, dem aufrechten Manne, der sich von je und in schwerster Zeit aufs Neue mutvoll zum Deutschtum bekannte, dem berühmten Forscher und Gelehrten, dem opferfreudigen Freunde und Bürger der Stadt Bayreuth das Ehrenbürgerrecht und die Goldene Bürgermünze verliehen.

                                          Der Stadtrat,
                                          gezeichnet Preu."

Bald nach Chamberlains Hochzeit befiel ihn eine schleichende unheilbare Krankheit, die allmählich den ganzen Körper lähmte. Eva übernahm nicht nur seine Pflege, sondern sie schrieb auch alles auf, was Chamberlain ihr diktierte. Sein letztes Werk "Mensch und Gott" musste Eva Chamberlain infolge der fortschreitenden Lähmung im wahrsten Sinne des Wortes von den Lippen ablesen. Am 9. Januar 1927 wurde Chamberlain von seinem Leiden "erlöst".

Quelle: 28 (einige Bilder und der Text in der Überschrift), 31
Siehe auch Quelle 18 (S. 193)

Ein junger unglücklicher Mann - Im Festspielhaus waren seine Ängste wie weggewischt.

Von Geoffrey G. Field (Professor an der State University of New York)

Wahnfried gegenüber an der Ecke Richard-Wagner-Straße steht das Chamberlain-Haus, eine geräumige Residenz mit Observatorium auf dem Dach. Eine Gedenktafel berichtet, dass hier Houston Stewart Chamberlain gelebt hat. Schwiegersohn Richard Wagners und jener Mann, den Alfred Rosenberg als wichtigsten geistigen Wegbereiter des Dritten Reiches pries. Als Chamberlain 1927 starb, war er in und außerhalb Deutschlands bekannt als "abtrünniger Engländer": Der englische Aristokrat, der sein Geburtsland verschmähte und sich dem rassistischen Nationalismus der Deutschen verschrieben hatte.


Die Historiker haben Chamberlain seit 1945 sträflich vernachlässigt. Studien des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus aber räumen ihm einen prominenten Platz als Publizisten ein. Dennoch ist kein ernsthafter Versuch einer Auseinandersetzung mit seinem Wirken unternommen worden. Die Nachwelt kennt H. S. Chamberlain bestenfalls als Autor einer umfänglichen, volkstümlichen Kulturgeschichte, "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" (1899) und einer Menge extrem chauvinistischer Kriegspropaganda.
Zu seiner Zeit genoss Chamberlain hohes Ansehen auch als religiöser Denker, Philosoph und sogar als Wissenschaftler. Seine Veröffentlichungen, ergänzt durch die wahrhaft erstaunliche Korrespondenz, die er mit Freunden, Verlegern und Verwandten pflegte, ermöglichen es, seinem Leben und seinen Ideen und Interessen nachzugehen.




Houston, Basil, Henry
Chamberlain jung
Chamberlain - Breslau

Wie kam es dass ein Engländer auf solch vielfältige Weise sich mit der Welt des Wagnerismus und der deutschen Kultur verquickte?
Chamberlains Familie war reich, aristokratisch, verdient um das britische Empire. Sein Vater war Admiral, unter seinen Onkeln waren hohe Offiziere, ein General, ein Oberst, ein Generalleutnant, und ein Feldmarschall. Houston war das jüngste von drei Kindern. Seine Mutter starb während seines ersten Lebensjahres. Die Kinder wurden zu Großmutter Lady Chamberlain und ihrer unverheirateten Schwester Harriet nach Versailles in Frankreich geschickt. Nach den ersten Schuljahren in Versailles besuchte Houston Privatschulen in England. Die raue Atmosphäre dieses Schullebens, das auch ihn auf eine militärische oder zivile Laufbahn im Dienste des Empires vorbereiten sollte; entsetzte den stillen, sensiblen, von nachgiebigen Verwandten verwöhnten Jungen. Nervös, immer kränkelnd, war er unglücklich und litt schwer. Seine angegriffene Gesundheit hielt dem Leben an der Internatsschule nicht stand. Die Ärzte der Familie rieten zum Umgebungswechsel. Tante Harriet nahm den Jungen nach einem Nervenzusammenbruch in ihre Obhut. Gemeinsam vertauschten sie England gegen den wärmeren Süden des Kontinents.

Hier wurde Chamberlains Erziehung in die Hände eines jungen preußischen Theologen, Otto Kuntze, gelegt. Lehrer, Schüler und Jungfer Harriet führten ein sehr geruhsames Leben. Den Winter verbrachten sie in Italien oder Südfrankreich, den Sommer in der Schweiz. Kuntze unterstützte Chamberlains Leidenschaft für Pflanzenkunde und brachte ihm Deutsch bei. Es überrascht nicht, dass sich der Junge in den traditionellen Denkerkreisen Frankreichs und Deutschlands bald besser zu Hause fühlte, als in denen des Landes seiner Geburt. "Die Tatsache mag ja bedauerlich sein", gab er bereits 1876 zu, "aber sie ist halt eine Tatsache: ich bin so gänzlich unenglisch geworden, dass schon der bloße Gedanke an England und an Engländer mich unglücklich macht". Houston zeigte kein Verlangen nach England und seiner Familie. Er fürchtete vielmehr, sein Vater könnte ihn zurückrufen und auf einer Karriere im Empire bestehen.
So war Chamberlains Jugend überschattet von einem Gefühl des Entwurzeltseins. Während der ersten dreißig Jahre seines Lebens sprach er meist französisch. Dennoch vermochte er sich des Gefühle eines Fremden in Frankreich nicht zu erwehren. Abgestoßen von der distanzierten Kühle und Förmlichkeit der Kreise seiner Familie in England, begann er von Jugend an, seelische Geborgenheit in einer idealisierten Heimat zu suchen, die er schon bald Deutschland nannte.

Tatsächlich wusste er wenig über das Bismarcksche Reich. Besucht hatte er Deutschland bis dahin nur 1870 kurz. Sein Bild von Land und Leuten war romantisiert - vorwiegend bestimmt von der Literatur, der Philosophie und der Musik. Seine imaginative "Wendung zum Deutschtum" bestätigt sich, als er 1818 Anna Horst heiratete, die Tochter eines Breslauer Staatsanwaltes; er hatte sie in Cannes kennengelernt.
Drei Haupteinflüsse prägten Chamberlains intellektuelle Entwicklung im wesentlichen: die Naturwissenschaften, die deutsche Philosophie und der Wagnerismus.

Von 1879 bis 1884 studierte er Naturwissenschaften an der Universität Genf, wo er als Bester unter seinen Kommilitonen seinen akademischen Grad ein Jahr früher als erwartet erhielt. Wenig später begann er mit der Promotionsarbeit, einem Thema aus der Botanik. Jedoch wurde er durch einen Nervenzusammenbruch, mitverursacht durch Geldschwierigkeiten, in die er durch verwegene Spekulationen an der Pariser Börse geraten war, aus seinen Träumen von einer akademischen Karriere gerissen.
Unmittelbar nach seiner Wiedergenesung entschloss sich Chamberlain zu einem Ortswechsel. Er ging nach Dresden. In der Überzeugung, für eine auf systematische - und regelmäßige Arbeit gestützte Karriere und Existenz aus gesundheitlichen Gründen ungeeignet zu sein, lebte er wieder vom Geld, das ihm seine Familie überließ und begann zu lesen, über Kunst, Philosophie und Religion. Er vertiefte sich in Kant, Goethe, Plato, Schopenhauer und Schiller; er wollte als das Ideal eines kultivierten Mannes gelten.
Unbewusst bereitete er sich auf die spätere Berufung zum Schriftsteller vor, indem er sich ein umfassendes, wenn auch schlecht verdautes Wissen in Geschichte und Literatur aneignete, das seine späteren Veröffentlichungen charakterisieren sollte.

Der Wagnerismus war der zweite entscheidende Einfluss auf Chamberlains Zukunft. Ironischerweise wurde er erstmals auf Wagner und Bayreuth durch zwei Juden aufmerksam; er hatte sie im Sommer 1875 getroffen. Aber erst nach dem Besuch der Festspiele 1882 wurde er zum Bewunderer Wagners und aktiven Teilnehmer am Wagnerkult seiner Zeit. Im Festspielhaus - das ihm als Schrein erschien, in dem sich die Auserwählten des Kults versammelten - und die Aufführungen als gemeinsam erlebtes Ritual empfanden - waren seine Ängste und sein Gefühl der Verlorenheit wie weggewischt. Der Wagnerismus gab seinem Leben ein missionarisches Ziel. Er weckte in ihm die Hoffnung auf eine bessere, ästhetischere Welt. Willig ließ er sich von dieser Hoffnung in eine mystische, völkische Welt hineintragen, die ihm manchmal wirklicher erschien, als die Welt um ihn herum, in der er lebte.

"So kunstarm", reflektierte er, "mein bisheriges Leben gewesen war, jetzt war ich an den Born reinster Kunst gelangt. Schiller redet von einer Kultur, welche des Menschen Würde mit seiner Glückseligkeit in Übereinstimmung bringen soll: die Stätte dieser Kultur habe ich gefunden."
Von Dresden aus nahm Chamberlain Anteil an "Bayreuth". Er ging zu Vorträgen und Treffen, er half Spenden für die Festspiele aufzubringen. Er wurde Mitbegründer und Autor der "Revue Wagnerienne", deren Ziel es war, Wagners weniger bekannte Schriften dem französischem Publikum näherzubringen. Mitautoren in der "Revue" waren Stephane Mallarmé, Billiers de I´Isle Adam, Edouard Dujardin, Maurice Barres, Verlaine und Huysmans. Chamberlain schrieb regelmäßig auch für die "Bayreuther Blätter" nachdem er Cosima Wagner 1888 getroffen hatte. Er fand Eingang in den inneren Kreis von Wahnfried, aus dem er in den folgenden acht Jahren als einflussreicher Publizist Bayreuths hervorging, der weitere Leserschaften erreichte als Hans von Wolzogen und Karl Friedrich Glasenapp.
Sein Einsatz für Bayreuth war erstaunlich aktiv. Chamberlain erlebte seine schriftstellerischen Lehrjahre. Seine Ansichten über Religion. Gesellschaft und Politik, waren von "Wagnerismus" durchdrungen. War vorher seine Begeisterung für alles Deutsche noch mitgeprägt von einer grundsätzlich liberalen Einstellung, nahm er 1896 einen konservativen, sogar antisemitischen Standort ein, Parlamentarismus und "kraftlose liberale Enthusiasten" verachtend. Als der liberal eingestellte Kaiser Friedrich III. 1888 starb, fand Chamberlain kein Wert der Trauer; er sprach von dem dahingeschiedenen Monarchen als einem "jüdischen Liberalen" mit einem Hang zu "gefährlicher Politik" diametral zu allem, was ein aufrechter Deutscher fühlte. Chamberlain war jetzt überzeugt, dass die Juden Deutschland dem "moralischen, geistigen und materiellen Untergang weihen".
Während er die "Bayreuther Idee" mit seiner Idee eines "wahren Deutschland" gleichsetzte, sah Chamberlain seine sozialen und kulturellen Ängste durch das Prisma der wagnerschen Musikdramen, ließ er seinen Gefühlen gegenüber dem modernen Materialismus der Industriegesellschaft und seiner Verachtung gegenüber einer bourgeoisen Welt mit ihren unheldenhaften, in Traditionen gefangenen Krämerseelen freien Lauf. Die Mischung eines tiefen, mit Kulturpessimismus und Furcht vor gesellschaftlicher Gleichmacherei gepaarten Glaubens an das Reich wurde von vielen Anhängern des Wagnerkults geteilt.



Da Chamberlain 1888 Eingang in den Wahnfried-Kreis fand, ging die Zeit, ein Wagner-Dogma aufzurichten, gerade ihrem Abschluss entgegen. Der nächste Schritt war, den Bayreuth-Kult unter die Leute zu bringen, die wagnerianische Idee einer ästhetischen Erlösung mit dem bereits weit verbreiteten Glauben an eine nationale Wiedergeburt. zu verbinden.
Es war Chamberlain mehr als alle anderen, der Erfolg damit hatte, eine ideologische Brücke zwischen Bayreuth und den völkischen Traditionen des völkischen pangermanischen Nationalismus zu schlagen. Sein Werk steht am Zusammenfluss von "Bayreuth" mit - dem Hauptstrom germanischer Ideologie.

Quelle: 6 (Nachrichten aus Bayreuth, 30.12.1974) und http://www.hschamberlain.net

Chamberlain und das wilhelminische Reich

Von Dresden nach Wien - Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts - Briefwechsel zweier Effekthascher

Houston Stewart Chamberlain war durch seine Veröffentlichungen zu einem prominenten Publizisten des Deutschen Kaiserreichs geworden, und er hatte eine Brücke zwischen Wagners Bayreuth zu den völkischen Traditionen des deutschen Bürgertums geschlagen. Wer war dieser Mann?
in dieser Folge berichtet Geoffrey G. Field wie sich Chamberlain von Dresden, wohin er sich mit seiner Frau gewandt hatte, um Bayreuth näher zu sein, 1888 nach Wien ging, ein Schritt, der auf die Prägung seiner "Weltanschauung“ bleibenden Einfluss haben sollte. Sein Vorhaben, in Wien botanische Studien mit der Doktorarbeit zu vollenden, wich bald anderen Interessen, zumal sich vorübergehend auch sein Gesundheitszustand wieder verschlechtert hatte:

Das Wien des Fin de siècle vervollständigte Chamberlains Bildung. Wien erlebte eine kulturelle Glanzzeit.
Später während der düsteren Jahre zwischen den Weltkriegen sollte man sich dieser Zeit als eines verlorenen Paradieses erinnern. Die k. u. k. Monarchie und ihr Vielvölkerstaat, politisch dem Verfall geweiht und zerrissen durch immer stärker werdende soziale und nationale Spannungen, schlitterte der Katastrophe von 1914 entgegen. Die Atmosphäre der Krise war nirgends deutlicher zu spüren als hier: Wien glich einer „Hexenküche der Apokalypse“ (Karl Kraus). In dieser Stadt eines Karl Lueger und Georg von Schoenerer, eines Arthur Schnitzler und Robert Musil schrieb Chamberlain seine Hauptwerke.
H. S. Chamberlains Antisemitismus und sein vehementer Hass auf den römischen Katholizismus verdanken viel seinen Erfahrungen in dieser Stadt, während seine Warnungen an die Deutschen, rassische Vermischung und die Verunreinigung ihres Blutes zu vermeiden, von Österreich als einem Völkerchaos, das dem unvermeidlichen Zerfall entgegengehe, beeinflusst wurden.



Die Grundlagen


In seinem berühmtesten Buch, „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" knüpfte Houston Stewart Chamberlain die Fäden seiner intellektuellen Erfahrungen und Interessen zu einer Einheit zusammen. Die zweibändige Studie, ein Auftragswerk des Münchner Verlegers Bruckmann, war der Beginn seiner Karriere als „nationaler Prophet" und volkstümlicher Philosoph. Er modelte die Ideale von Bayreuth und völkischnationales Gedankengut in eine kulturgeschichtliche Rechtfertigung für eine pangermanische Weltpolitik um.
Indem er ein Panorama der Geschichte und Kultur von den Griechen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ausbreitete, versuchte Chamberlain darzulegen, dass die germanische Rasse der bedeutendste Baumeister der modernen Zivilisation war und immer noch die Rettung der Menschheit nur von ihr ausgehen könne. Er verband tief verwurzelte antisemitische und antirömische Vorurteile zu einer neuen pseudowissenschaftlichen Rassendoktrin und empfahl die kluge Kreuzung nobler verwandter Rassen bei gleichzeitiger Verteidigung gegen rassische Fremde.
Er beanspruchte Objektivität und Unvoreingenommenheit, ließ jedoch gleichzeitig Gefühlen ungezügelten Lauf, die denen später von Alfred Rosenberg und den Nazis ähnelten. Ein englischer Kritiker wertete die „Grundlagen“ als „eine Ilias des Konfliktes zwischen den Deutschen und den Juden“, der Jude werde in all seinen vielfältigen Erscheinungsformen als der allgegenwärtige geschichtliche Feind vorgestellt. - Der Jude, erklärte Chamberlain, „beugt das Haupt vor Jahve, weil ihm verheißen wird, durch die Erfüllung dieser Bedingung werde er allen Völkern der Welt den Fuß auf den Nacken setzen; Herr und Besitzer der ganzen Erde werden“. Dieser Dämon, von dem Richard Wagner sprach, sei als gefährlichster Zerstörer der Kultur, als Inbegriff des Materialismus, der Intoleranz und gesellschaftlicher Unterminierung anzusehen.
Chamberlains Buch errang Beifall. Chamberlain wurde einer der erfolgreichsten Vertreter eines neuen literarischen Typs: des populären Alleswissers und des grässlichen Vereinfachers, wie Burckhardt sie fürchtete. Sein Erfolg - wie der Julius Langlehns, Ernst Möller van den Brucks, Ernst Häckels u. a. - war symptomatisch für die Unzufriedenheit der Gesellschaft mit der traditionellen akademischen Wissenschaft. Eine neu Spezies des Dilettantismus eroberte sich die Führung; großzügig dreiste Diagnostiker, rasch bei der Hand mit Lösungen für die Sorgen und die Nöte der modernen Gesellschaft.
Der Leser von heute kann kaum anders als erstaunt feststellen, dass der Wirrwarr Chamberlainscher Logik und seine Anmaßungen seinen Zeitgenossen so willkommen waren. In seinem so oberflächlichen wie gekünstelten Gedankenstil allerdings sahen sich seine Leser in ihren Eitelkeiten und tiefsten Vorurteilen bestätigt. Er erweckte den Eindruck der Gelehrsamkeit, ohne zu langweilen und untersuchte die Traditionen deutscher Kultur, ohne unverständlich zu wirken. In mancherlei Weise war Chamberlain, dieser merkwürdige, heimatlose und vereinsamte Ästhet für die sorgenvolle weltpolitische Ära vor 1914, was Spengler für die Zeit, nach der deutschen Niederlage von 1918 war. Beide Männer hatten einen ausgeprägten Sinn für den Pulsschlag ihrer Zeit.

Ein komplizierter Mensch

Was für ein Mann war dieser verpflanzte Englishman, der den Gefühlen und geistigen Sorgen vieler Deutscher vor dem Ersten Weltkrieg in seinen Schriften Ausdruck verlieh? Auf Fotos der Zeit um 1890 erscheint Houston St. Chamberlain von gedrungener Gestalt, dennoch 1,90 m groß, aber mit Tendenz zu Übergewicht. Er hatte hohe Brauen über tiefliegenden Augen, eine leicht nach oben gebogene Nase. Zeitweise ließ er sich einen Schnurrbart wachsen; sein Haar, zuvor schulterlang, war nun kurz und an einigen Stellen gelichtet. Seine Anzüge ließ er modisch, bevorzugt bei Londons besten Schneidern anfertigen.
Chamberlain war ein höchst komplizierter Mensch. Wer die Treppen hinauf zu seiner Wiener Wohnung stieg, entdeckte einen ganz anderen, als den Mann, den er sich vorgestellt hatte. Katholiken und Juden, die sich dem bemerkenswerten Antisemiten und Romfeind nur mit Antipathie und Zögern näherten, fanden sich überrascht einen sympathischen Herrn von einigem Charme gegenüber, des nicht die mindesten Anzeichen rassistischer oder religiöser Vorurteile erkennen ließ.

Er empfing seine Besucher in seiner Bibliothek ohne die Überheblichkeit und gereizte Tonart seines aufsehenerregenden Buches, „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“; ein humorvoller, brillanter Gesprächspartner, von aristokratischer Gelassenheit, der seinen Zuhörern eine Aura des Gelehrtseins gepaart mit vernünftigen Ansichten, ja sogar zurückhaltender Bescheidenheit vermittelte. Seine Kultur, sein Feingefühl und seine tiefe Religiosität verfehlten ihren Eindruck auf Besucher wie Hermann Kayserling oder den österreichischen Mystiker Rudolf Kassner nicht und ließ sie über manche seiner recht problematischen Argumente nicht erst weiter nachdenken.

Sendungsbewusstsein

Der Erfolg der „Grundlagen“ überzeugte Chamberlain von seiner Mission eines „Propheten der Deutschen“, zu der die Vorsehung ihn auserwählt habe. Mit einer Art Sendungsbewusstsein stürzte er sich van einer literarischen Arbeit in die andere: größere Veröffentlichungen über Kant und Goethe sowie Essays über ganze Reihen von Themen. Jeden Tag, bevor er an die Arbeit ging, kniete er am Schreibtisch nieder und betete um Gottes Geleit. Dann schrieb er sechs bis acht Stunden am Tag. Obwohl er viele Freunde und Korrespondenten hatte, lebte er ziemlich isoliert.
Von seiner historischen Rolle, den Deutschen eine rassistische Weltanschauung geben zu müssen, war er fest überzeugt. Da England sich dem Judentum bereits gebeugt habe, während das edle Blut der Franzosen und Russen längst degeneriert sei, blieben nach Chamberlains Ansicht nur die Deutschen, um das „teutonische Banner“ der Welt voranzutragen.

Verschwörungsidee

In seinen Schriften oft aggressiv, prahlerisch, ja selbst brutal, schrieb er über Kant, Goethe und Wagner in fast militärischem Geist. Hinter diesem der Öffentlichkeit präsentierten Bild verbarg sich die nervöse, in sich gekehrte, verunsicherte und vereinsamte Wirklichkeit seiner selbst. Er war daher schwermütig, seine eigene Schüchternheit schmerzte ihn. Die kompromisslose Verschwörungsidee, die ihn beherrschte, verfolgte ihn bis in seine Träume, wie er in einem Notizbuch vermerkte. Zwei von ihnen geben seine Ängste vor Quälereien durch die Hände des jüdischen Feindes wieder, während er sich in einem anderen Traum als Märtyrer empfand, dessen Schicksal er mit dem des gekreuzigten Jesus verglich. Paranoide Anwandlungen waren ihm nicht fremd.
Er fühlte sich persönlich bedroht, wie er das Leben der Gesellschaft unterminiert und bedroht sah. Er war der Archetyp des wurzellosen Intellektuellen des späten 19. Jahrhunderts in Europa  und er konnte sich nie gänzlich von dem Gefühl ein Außenseiter zu sein, freimachen. Besuche in England hinterließen Unzufriedenheit in ihm. Der Habsburger Monarchie, in der er fast zwei Jahrzehnte lebte und arbeitete, fühlte er sich ebenso wenig verbunden wie seinem Geburtsland. Und auch im neuen Kaiserreich der Deutschen vermochte er - Bayreuth ausgenommen - die geistige Heimat, Solidarität und Gemeinschaft nicht zu finden, die er suchte.
Kritik übte er insbesondere an der vorherrschenden Einstellung der Gesellschaft und deren Materialismus, sich - gleich vielen anderen - auf sein eigenes, idealisiertes Bild des Deutschtums zurückziehend, um von dieser Warte aus Liberalismus, Verweltlichung und Klassenkampf als symptomatisch für den beginnenden Verfall von Rasse und Gesellschaft zu geißeln. Seine Schriften trafen zusammen mit sozialen Ängsten und der Bereitschaft vieler, sich selbst in Frage zu stellen. So verstand er es, die unentschlossene, von Zweifeln geplagte Haltung gegenüber der neuen Industriegesellschaft, wie sie viele seiner Zeitgenossen in Deutschland plagte, in ihrem Sinne zu artikulieren.

Begeisterter Kaiser

Chamberlains Buch-Erfolg kann nicht in Zweifel gezogen werden. Seine „Grundlagen“ wurden von der konservativen und nationalliberalen Presse in den Himmel gehoben; sie stießen auf ebenso heftige Ablehnung in den sozialistischen und mehr liberalen Zeitungen. Nationalistische Studenten beriefen sich auf Chamberlain, um den Ausschluss jüdischer Kommilitonen zu rechtfertigen; die Führer der Wandervogel-Bewegung attestierten ihm bildenden Einfluss auf ihre aufnahmebereiten Geister. Eine Reihe wohlwollender Kritiken erschien in protestantischen Schriften. Insbesondere in "Christliche Welt". Intellektuelle wie Möller van den Bruck, Ernst von Wolzogen (?) und Mitglieder des Forster-Nietzsche-Kreises in Weimar stimmten Lobgesänge an. ,,Die Grundlagen“ wurden zur literarischen Mode. „Wie oft“, schrieb Cosima Wagner 1900 an Chamberlain, „Ihr Name in Berlin erwähnt worden ist, kann, ich Ihnen gar nicht sagen. Jedenfalls sind Ihre ‚Grundlagen‘ das gelesenste Buch in allen Ständen.“
Der berühmteste Enthusiast der „Grundlagen“ - wie auch von Chamberlains späteren Veröffentlichungen - war Kaiser Wilhelm II. Er las das Buch Anfang 1901. Seinen raschen, aber wenig scharfsinnigen Geist entzückten nicht zuletzt die Fußnoten und die - scheinbare - Wissenschaftlichkeit des Werks. Prinz Eulenburg berichtete, dass Wilhelm nach dem Lesen der „Grundlagen“ von der geistigen Mission des deutschen Kaisers und der deutschen Nation noch überzeugter war als je zuvor „Sie singen“, schrieb Wilhelm an Chamberlain, „das Hohelied vom Deutschen“, und fügte hinzu: „Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, dass Er es mit unseren Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volk und Sie persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren und ewig danke ich Ihm, dass Er es getan.“ Das kaiserliche Schreiben schloss mit besten Wünschen „meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw.“.

Liberale Zeitungen wie die „Berliner‘ und „Frankfurter“ zeigten sich schon bald tief beunruhigt über Chamberlains angeblichen Einfluss bei Hofe. Wilhelm traf Chamberlain im November 1901 auf Eulenburgs Landsitz. Es folgte ein ziemlich regelmäßiger Briefwechsel. Chamberlains Briefe an den Kaiser trieften vor Lobpreisungen und illustrierten die unterwürfige Atmosphäre des preußischen Hofes. Chamberlain nährte und bestärkte Wilhelms spannungsvolles, rastloses Ego durch stetige Schmeicheleien, sich selbst bedenkenlos seiner Scheinwelt überlassend.
Während Chamberlain das imperialistische Selbstbewusstsein absicherte, bestärkten die Aufmerksamkeiten Wilhelms Chamberlain - mehr als alles andere es vermocht hatte - in seiner Mission als Prophet einer deutschen Weltanschauung. Kaiser und Chamberlain waren ungewöhnlicher Taten der Selbsttäuschung und der Heuchelei fähig. Beide, sich um Deutschland sorgende, sich nichtsdestoweniger überschätzende Effekthascher, die sich gegenseitig anzogen wie Magneten.
Aber es gab zwischen ihnen auch noch etwas neben der Übereinstimmung über Rassenprobleme, Politik und Religion; etwas, das über ihre geistige Verwandtschaft hinausging. Beide waren Produkte zweier Traditionen: England und. Deutschland. Trotz aller Kritik und Vorbehalte Wilhelms England gegenüber, hatte er doch auch viel Verständnis für viele Qualitäten und Eigenschaften der Engländer von seiner englischen Mutter mitbekommen. Seine Verbitterung über die englische Arroganz und den britischen Imperialismus verhehlte nie ganz auch eine gewisse geistige Nachfolgeschaft und noch so spät wie im Jahr 1911 gab er Theodore Roosevelt gegenüber zu: "Ich bete England an.“

Prinz und Gentleman

War der Kaiser ein Mann, der zwischen den Idealen eines englischen Gentleman und eines preußischen Prinzen schwankte, so war Chamberlain ein Englishman, der gleichermaßen deutsche Tugend und preußische Form verehrte. Beinahe unbewusst übernahm er einen unterwürfigen, kratzfüßigen Ton, sprach er auch nur mit einem preußischen Leutnant.
Aber man könnte auch sagen, dass Wilhelm und Chamberlain das genaue Gegenteil voneinander waren: Wurde der Kaiser vom Englischsein Chamberlains angezogen, sah der Autor seine mystifizierende Naturliebe, seine Ideale des Deutschtums symbolisiert.
Wie auf den Kaiser übte Chamberlains Buch. eine unverkennbare Anziehungskraft auf die Beamten des neuen Kaiserreichs aus. Die akademischen Geschichtslehrer nach Treitschke hatten sich meist In den Elfenbeinturm zurückgezogen und hatten damit den Weg für Schriftsteller wie Chamberlain frei gemacht, die sich rasch einer weiten Leserschaft erfreuten.

Quelle: 6 (Nachrichten aus Bayreuth, 04./05.01.1975)


Chamberlains Grab auf dem Stadtfriedhof Bayreuth

Quelle: 5