Nach dem Tode Richard Wagners steckten die
Bayreuther Festspiele noch in den "Kinderschuhen". 1883 waren sie nicht
älter als sieben Jahre. Die Oper "Parsival" war in Bayreuth noch
nicht aufgeführt worden. Die weitere Entwicklung der Festspiele
war aufs Äußerste ungewiss. Was sollte werden? Konnte man
die Festspiele aufrecht erhalten - allein schon vom finanziellen
Standpunkt aus gesehen - oder musste die Idee des großen Meisters
fallengelassen werden?
Dass Bayreuth heute den Ruf einer Weltstadt hat - wenn auch nur auf
Zeit - und dass jährlich Tausende hierher "pilgern" , ist vor
allem Cosima Wagner zu verdanken, die mit
Adolf von Groß
als Freund und Stütze die Bayreuther Festspiele mit Zähigkeit
und nie ermüdender Ausdauer weiterführte und ihnen den Ruf
gab, der heute noch in der Welt seine Wirkung hat.
Hätte sie sich zurückgezogen und die Führung Adolf von
Groß allein überlassen, hätten die Festspiele in
Bayreuth nie das werden können, was sie heute sind. Denn Cosima
Wagner allein kannte und verstand den Sinn der Werke ihres Mannes und
sie trug die Begeisterung "seines Kunstschaffens" beziehungsweise die
Begeisterung "für das Kunstwerk Bayreuth" in sich, nicht zuletzt
drückte sie den Aufführungen "den Stempel ihres eigenen
Geistes" auf. Sie schuf im wahrsten Sinne des Wortes das Bayreuther
"Stilgefühl".
Cosima Wagner - deren "geistige Regsamkeit" und "weltmännische
Gewandtheit" alle bezauberten, unter anderen Gottfried Keller, und die
sogar einem Nietsche größte Hochachtung abnötigte, so
dass er von Cosima sagte, sie sei "das einzige Weib größeren
Stils", das er kennengelernt habe - wurde am 25. Dezember 1837 als
Tochter Franz Liszts in Bellagio am Comersee geboren. Ihre Mutter,
Gräfin d' Agoult, verließ Liszt und ihre Kinder Cosima,
Blandine und Daniel, um ihren schriftstellerischen Ambitionen
nachzugehen. Franz Liszt übernahm daraufhin die Fürsorge der
Kinder. Die beiden Mädchen schickte er nach Paris, wo auch Liszts
Mutter lebte, in das Institut der Madame Bernard. In Paris lernte
Cosima Richard Wagner zum ersten Mal kennen. Vater Franz Liszt besuchte
die Töchter mit seinem Freund im Jahre 1853.
Unter dem Pseudonym Daniel Stein hatte Gräfin d'Agoult mehrere
Bücher veröffentlicht und einiges Aufsehen in Paris erregt.
Liszt wollte nicht, dass sich das Gerede negativ auf die Kinder
auswirke, und so schickte er Cosima und Blandine nach Deutschland zu
der Mutter seines Schülers Bülow, die die Mädchen in
Obhut nahm.
1857 heiratet Cosima
Hans von Bülow. Auf
der Hochzeitsreise besuchen beide Richard Wagner in Zürich.
Bülow übernimmt hier die Reinschrift der gerade
fertiggestellten Oper "Tristan und Isolde". Bülows große
Verehrung seinem Meister Richard Wagner gegenüber bringt Cosima
und Mann im nächsten Jahr wieder nach Zürich. Aber auch
Cosimas Bewunderung und Verehrung für Wagner wurden immer
größer. Bald merkte sie, dass sie allein Wagner Ruhe und
Halt geben konnte.
Nachdem die Mädchen Daniela und Blandine geboren worden waren,
folgte das Ehepaar von Bülow dem Ruf Wagners nach Starnberg.
Wagner schrieb, sein Haus sei "ode und leer". Als er später
München verließ, sandte Hans von Bülow ihm seine Frau
und Tochter Daniela nach Genf nach. Während dieser Zeit suchte
Richard Wagner mit Cosima ein altes Haus in Triebschen aus, das er
für das zukünftige gemeinsame Leben herrichten ließ. Am
18. Juli 1867 wurde Cosimas Ehe geschieden, und Hans von Bülow
brachte "das schwerste Opfer mit starker und großmütiger
Seele". Er schickte sogar seine beiden Töchter nach Triebschen, er
blieb nach wie vor Richard Wagners Freund; und als die Festspiele nicht
gleich mit dem erwünschten Erfolg anliefen, sammelte er Spenden,
damit die Schulden bezahlt werden konnten. Am 17. April 1871 kam Cosima
mit ihrem Mann nach Bayreuth und. führte hier erstmals
Verhandlungen über den Bau von Wahnfried. Ein Jahr später
übersiedelte die ganze Familie Wagner nach Bayreuth und. wohnte
zunächst in der Fantaisie. Am 22. Mai 1872 erfolgte die
Grundsteinlegung des Festspielhauses und vier Jahre später, am 13.
August 1876, wurden die ersten Bayreuther Bühnenfestspiele
eröffnet.
1869 schenkte Cosima ihrem einzigen Sohn
Siegfried das Leben. Der Ehe mit Wagner entstammten außerdem die beiden Mädchen
Eva und Isolde, welche 1919 an Malaria starb.
Cosima Wagner, die die Ehrendoktorwürde der Universität
Berlin besaß, und. die sich auch durch Übersetzungen
deutscher Werke ins Französische, zum Beispiel "Maria Magdalena"
von Hebbel, auszeichnete, starb am 1. April 1930 im gesegneten Alter
von 92 Jahren nach einem reich ausgefüllten Leben Beigesetzt wurde
sie neben ihrem Gatten im Garten ihres Hauses Wahnfried.