Ursel Gossmann


1907
Bayreuth. Sie war gerade 17 Jahre alt, als sie im Sommer 1924 mit ihren Eltem Heinrich und Margarete Bales in Bayreuth eintraf. Ursel Gossmann, die in diesen Tagen ihren 95. Geburtstag feierte, war gespannt: Sie besuchte zum ersten Mal die Festspiele, die wegen des Ersten Weltkriegs zehn Jahre nicht stattfanden und deren Wiedereröffnung von ihrem Vater, einem Kölner Fabrikanten aus der Farbenindustrie, finanziell unterstützt wurde.
Ursel Gossmann erlebte also die Premiere im Jahr 1924 mit, eine Premiere, die Geschichte schrieb. Die „Meistersinger von Nürnberg“ wurden zu einer Demonstration nationaler Besucher, die bei der Schlussansprache des Hans Sachs zum Entsetzen der liberalen Presse und ausländischen Besucher aufstanden und nach dem letzten Takt das Deutschlandlied anstimmten.
Als Festspielleiter Siegfried Wagner das begriff, verbot er ab sofort jede politische Kundgebung: „Hier gilt‘s der Kunst.“ Vor dieser Festspielpremiere stand für Ursel Gossmasm ein aufregener Besuch auf dem Programm. Im Haus Wahnfried traf sie damals Siegfried und Winifred Wagner. An diesem Tag begann eine lebenslange Freundschaft der beiden Frauen.
Ein Anxuf von Winifred war es, der sie zum Umzug nach Bayreuth bewog. Weil die Bombenangriffe auf Köln immer stärker wurden, schlug ihr die Mutter von Wolfgang Wagner vor, sie solle mit ihren Kindern in das Wagnersche Sommerhaus nach Oberwarmensteinach ziehen. Gossmann: „Als mein Mann im Jahr 1944) eingezogen wurde, nahm ich das Angebot an.“ Ihr Mann besuchte sie für, einige Tage im Fichtelgebirge, das war das letzte Zusammentreffen, bevor er im Krieg fiel. Sie lebte über zehn Jahre in Oberwarmensteinach, die meiste Zeit zusammen mit Winifred Wagner.
Gossmann hatte engen Kontakt zu den vier Kindern von Siegfried und Winifred Wagner: „Mein Sohn ist nach seinem Patenonkel Wieland getauft, auf Friedlind und Verena habe ich auf dem Spielplatz aufgepasst, und mit Wolfgangs Tochter Eva auf dem Arm und mit meinen Kindern im Schlepptau bin ich im Fichtelgebirge vor Fliegerangriffen in den Wald geflohen.“
Eva Wagners Geburt am 14. April 1945 hat sie hautnah miterlebt. Sie musste mit Winifred Wagner im Keller des Hauses einen so genannten Notbehelfsarzt assistieren. Gossmans Vater, der Kölner Fabrikant Heinrich Bales erhielt im 22. August 1928 zusammen mit Robert Bartsch aus der Hand des damaligen Bürgermeisters Albet Preu die Ehrenbürgerurkunde. Die beiden Mäzene lieferten den Grundstock für die Richard-Wagner-Gedenkstätte: Sie stellten der Gedenkstätte mit rund 6.000 Büchern eine fast komplette Wagnerliteratur und zahlreiche Ankäufe zur Verfügung.

Quelle: 6 (Stephan Müller, Anzeiger 19.06.02