Bayreuth. Sie war gerade 17 Jahre alt, als sie im
Sommer 1924 mit ihren Eltem Heinrich und Margarete
Bales in Bayreuth
eintraf. Ursel Gossmann, die in diesen Tagen ihren 95. Geburtstag
feierte, war gespannt: Sie besuchte zum ersten Mal die Festspiele, die
wegen des Ersten Weltkriegs zehn Jahre nicht stattfanden und deren
Wiedereröffnung von ihrem Vater, einem Kölner Fabrikanten aus
der Farbenindustrie, finanziell unterstützt wurde.
Ursel Gossmann erlebte also die Premiere im Jahr 1924 mit, eine
Premiere, die Geschichte schrieb. Die „Meistersinger von Nürnberg“
wurden zu einer Demonstration nationaler Besucher, die bei der
Schlussansprache des Hans Sachs zum Entsetzen der liberalen Presse und
ausländischen Besucher aufstanden und nach dem letzten Takt das
Deutschlandlied anstimmten.
Als Festspielleiter
Siegfried Wagner
das begriff, verbot er ab sofort jede politische Kundgebung: „Hier
gilt‘s der Kunst.“ Vor dieser Festspielpremiere stand für Ursel
Gossmasm ein aufregener Besuch auf dem Programm. Im Haus Wahnfried traf
sie damals Siegfried und Winifred Wagner. An diesem Tag begann eine
lebenslange Freundschaft der beiden Frauen.
Ein Anxuf von Winifred war es, der sie zum Umzug nach Bayreuth bewog.
Weil die Bombenangriffe auf Köln immer stärker wurden, schlug
ihr die Mutter von Wolfgang Wagner vor, sie solle mit ihren Kindern in
das Wagnersche Sommerhaus nach Oberwarmensteinach ziehen. Gossmann:
„Als mein Mann im Jahr 1944) eingezogen wurde, nahm ich das Angebot
an.“ Ihr Mann besuchte sie für, einige Tage im Fichtelgebirge, das
war das letzte Zusammentreffen, bevor er im Krieg fiel. Sie lebte
über zehn Jahre in Oberwarmensteinach, die meiste Zeit zusammen
mit Winifred Wagner.
Gossmann hatte engen Kontakt zu den vier Kindern von Siegfried und
Winifred Wagner: „Mein Sohn ist nach seinem Patenonkel Wieland getauft,
auf Friedlind und Verena habe ich auf dem Spielplatz aufgepasst, und
mit Wolfgangs Tochter Eva auf dem Arm und mit meinen Kindern im
Schlepptau bin ich im Fichtelgebirge vor Fliegerangriffen in den Wald
geflohen.“
Eva Wagners Geburt am 14. April 1945 hat sie hautnah miterlebt. Sie
musste mit Winifred Wagner im Keller des Hauses einen so genannten
Notbehelfsarzt assistieren. Gossmans Vater, der Kölner Fabrikant
Heinrich Bales erhielt im 22. August 1928 zusammen mit
Robert Bartsch aus der Hand des damaligen Bürgermeisters
Albet Preu
die Ehrenbürgerurkunde. Die beiden Mäzene lieferten den
Grundstock für die Richard-Wagner-Gedenkstätte: Sie stellten
der Gedenkstätte mit rund 6.000 Büchern eine fast komplette
Wagnerliteratur und zahlreiche Ankäufe zur Verfügung.