Dr. Hans Richter

* 04.04.1843 (Raab) -
† 05.12.1916 (Bayreuth)
(Fotografie um 1876)

Dr. Hans Richter, berühmter Dirigent, dirigierte 1876 die ersten Nibelungen-Aufführungen in Bayreuth, 1916 in Bayreuth verstorben und beerdigt. Ehrenbürger.

Richter, Sohn einer Sängerin, die 1857 bei der ersten Wiener »Tannhäuser«-Aufführung die Venus gesungen hatte, kam 1866 zu Wagner nach Tribschen, um als Wagners Assistent die Druckvorlage der »Meistersinger«-Partitur, eine Abschrift von Wagners Original, herzustellen. Die gleiche Arbeit verrichtete er später in bezug auf den »Siegfried«. Er war Wagner treu ergeben, avancierte in den siebziger Jahren zu einem der bedeutendsten Dirigenten und war als ein Musiker, der sich auf die Technik fast aller Orchesterinstrumente verstand, prädestiniert, die ersten Bayreuther »Ring«-Aufführungen musikalisch einzustudieren und zu leiten. Allerdings stand Richter 1882 als Parsival-Dirigent nicht zur Debatte aus folgendem Grund: 1876 bestand das Orchester aus Musikern, die aus ganz Deutschland zusammenkamen. 1882 war das aus finanziellen und organisatiorischen Gründen undenkbar. Um trotzdem die Uraufführung des "Parsifal" durchführen zu können, stellte Ludwig II. "sein" Münchner Hofopernorchester zur Verfügung, bestand aber auf dem Dirigat von dessen Leiter Hermann Levi. Wagner war nicht sehr begeistert, da Levi Jude war, fügte sich aber um die Uraufführung nicht zu gefährden. (Allerdings wurde Levi kurz vor der Aufführung krank und wurde von Franz Fischer, einem Münchner Hofkapellmeister, in letzter Sekunde vertreten...)
Richters vertraute Stellung zu Wagner wird am besten aus der Tatsache ersichtlich, dass er 1870 bei der Eheschließung Wagners mit Cosima einer der beiden Trauzeugen war. Später, nach Wagners Tod, dirigierte Richter regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen.

Bis in die 60er Jahre hinein stand am Luitopoldplatz, hinter dem Reitzenstein-Palais, wo jetzt das Rathaus steht, Hans Richters Haus, das sogenannte "Richterhäuschen".

Das barocke "Richter-Häuschen" fiel 1967 der Spitzhacke zum Opfer, weil es auf
der projektierten Einfahrt zur Rathaus-Tiefgarage stand.

Quelle: 2,20,37,39

Zusammen mit Siegfried Wagner wurde zum 100. Geburtstag Richard Wagners am 22. Mai 1913, dem sich um das Werk des Bayreuther Meisters verdient gemachten Hans Richter das Ehrenbürgerrecht verliehen: "Dem getreuen Eckart des Hauses Wahnfried" der sich als Richard Wagners "treuester Mitarbeiter um die Festspiele und damit um die Wohlfahrt der Stadt" große Verdienste erworben hat. Mit der Ernennung Richters zum Ehrenbürger möchte die Stadt gleichzeitig eine weitere "posthume" Ehrung des verstorbenen Meisters verbinden.

Hans Richter wurde am 4. April 1843 in Raab (heute Györ) in Ungarn geboren. Sein Vater, Anton Richter,  war Domkapellmeister und Komponist in Raab, seine Mutter eine bedeutende Sängerin; sie sang 1857 bei der Tannhäuser-Erstaufführung in Wien die Rolle der Venus. Ihrem Sohn erteilte sie schon im vierten Lebensjahr Klavierunterricht, und bald durfte Hans Richter im Domchor mitsingen sowie gelegentlich als Paukenschläger mitwirken. Seine wirkliche musikalische Förderung bekam Richter aber durch seinen Vater, der schon dem 4jährigen jedwedes musikalische Rüstzeug mitgab. Nach dem frühen Tod seines Vaters kam Richter nach Wien in das "Löwenburgsche Konvikt", ein Gymnasium, das stimmbegabte Jungen für die Hofkapelle ausbildete. 1860 trat er in das Konservatorium ein. Als Spezialfach belegte er Horn und Violine, lernte aber auch alle anderen Instrumente spielen. Schon 1862 war er Hornist an der Hofoper und nach einigen Jahren erhielt er von Hofkapellmeister Esser den "Befähigungsnachweis zum Kapellmeister". Durch Essers Empfehlung kam er auch zu Richard Wagner, der in Triebschen weilend einen "gewissenhaften und tüchtigen jungen Musiker" suchte, der die gerade fertiggestellte Meistersingerpartitur ins Reine schreiben sollte. Bald bemerkte Wagner, wie talentiert Hans Richter war und. zog ihn in den Kreis seiner Familie; schließlich übertrug er Richter die Chöre für die Erstaufführung der Meistersinger in München. Richter meisterte diese Aufgabe so glänzend, dass er an dem "geradezu beispiellosen Erfolg der Aufführung wesentlichen Anteil hatte", und er wurde vom bayerischen König neben Hans von Bülow zum königlichen Musikdirektor ernannt. Als Bülow wegen Unstimmigkeiten mit der Intendanz München verließ, trat Richter an dessen Stelle und dirigierte im selben Jahr (1869) zum ersten Mal die Meistersinger. Als er es ablehnte, die Oper "Rheingold" zu dirigieren, da die "Bedingungen für eine würdige Aufführung fehlten", musste Hans Richter um seine Entlassung bitten.
Daraufhin dirigierte er in Brüssel dreiundzwanzig Mal den "Lohengrin" und begab sich anschließend wieder nach Triebschen, um die Partitur des "Siegfried" ins Reine zu schreiben. Ein Zeichen vollsten Vertrauens war es, dass er bei der Hochzeit Wagners mit Cosima als Trauzeuge fungieren durfte.
Hans Richters Bedeutung als Dirigent zeigt sich u.a. auch in der Tatsache, dass er 23 Jahre Chef-Dirigent der Wiener Philharmoniker war. In diese Zeit fielen die Uraufführungen der 4. und 8. Symphonie von Anton Bruckner, der 2. und 3. Symphonie von Johannes Brahms, des Tschaikovsky Violin-Konzertes und zahlreicher anderer Werke unter seiner Leitung.
1871 wurde Hans Richter Kapellmeister am Nationaltheater in Budapest. Dennoch riss die Beziehung zur Familie Wagner nicht ab. Im Gegenteil, sie wurde immer enger. Wagner rief ihn sogar zur Grundsteinlegung des Festspielhauses nach Bayreuth.
1875 heiratete Hans Richter und im gleichen Jahr wurde er als Hofkapellmeister an die Wiener Hofoper berufen. Gleichzeitig wirkte er auch in Bayreuth, weil er an den Proben für die erste Aufführung des "Rings" teilnahm. 1876 dirigierte er das Orchester sowohl in den Proben als auch in Aufführungen. Für die damalige Zeit eine gewaltige Leistung. Wagner nannte ihn seinen "Unmögliches leistenden, viel erprobten, für alles einstehenden Hans Richter". Trotzdem hatte die Ringaufführung ein Defizit gebracht. Um es tilgen zu können, gab Wagner in London acht Konzerte, und Hans Richter übernahm einen Teil der Arbeit. So wurde Richter in England bekannt, und man lud ihn für 1876 zu einer Reihe von Konzertveranstaltungen ein. Diese erregten solches Aufsehen, dass die Universitäten von Oxford und Manchester ihm die Doktorwürde verliehen, eine Auszeichnung, die seit Joseph Haydn keinem ausländischen Künstler mehr zuteil geworden war.
Bis 1900 blieb Richter in Wien, um die Werke Wagners hier "einzubürgern", aber auch um junge Komponisten zu unterstützen. Auch Anton Bruckner hatte ihm viel zu verdanken. Dann jedoch nahm er eine Einladung der Stadt Manchester an, übernahm hier die musikalische Leitung, widmete sich außerdem den englischen Musikzuständen und gründete das Londoner Sinfonieorchester.
Dennoch verließ er England 1911, um endlich nach Bayreuth zu übersiedeln, das immer noch seine große Liebe war. 1912 dirigierte er zum letzten Mal die "Meistersinger". Am 5. Dezember 1916 verstarb er in Bayreuth, wo er seinen Lebensabend verbracht hatte und beerdigt wurde.

Seine Verehrung für Richard Wagner hatte nie aufgehört. All seine künstlerische Kraft hatte er immer wieder dem großen Meister zur Verfügung gestellt. Und als nach Wagners Tod dessen Frau Cosima das Werk weiterführte, stand Richter auch ihr immer hilfreich zur Seite.

Für seine großen Verdienste um das "Bayreuther Werk" ehrte und dankte ihm die Stadt Bayreuth sowohl mit dem Ehrenbürgerrecht als auch mit der goldenen Bürgermedaille.

Quelle: 31 und ein Brief mit Korrekturen von seinem Urenkel Wolfgang Dehmel aus Haßfurt

In der Literatur taucht immer wieder einmal der Hinweis auf, dass Richard Wagner mit manchen Tempi Hans Richters nicht "zufrieden" war. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Genie wie Wagner kaum einmal zufrieden sein konnte, waren die 1. Festspiele 1876 ein ganz außergewöhnliches Unterfangen, das natürlich in mancherlei Hinsicht Anlass zur Kritik des Komponisten geben konnte.
Ein zusammengwürfeltes Orchester spielt mit "Siegfried" und "Götterdämmerung" zwei gewaltige Uraufführungen! Was sich heute Jahr für Jahr als ganz selbstverständlich wiederholt, war 1876 "eine Tat".
Hans Richter - wie jeder andere Dirigent - war Interpret und konnte als eigenständiger Künstler unmöglich mit den Tempi-Vorstellungen von Wagner übereinstimmen, obwohl Hans Richter das sicher wollte. Er hätte ein Roboter sein müssen! Man denke an die Tempi von Toscanini, Furtwängler und Knappertsbusch. Die ganz unterschiedlichen Aktlängen Bayreuther Dirigenten - vom Festspielhaus penibel aufgezeichnet - machen doch mehr als deutlich, wie fragwürdig obiger Vorwurf doch eigentlich ist.

Quelle: Aus einem Brief mit Korrekturen von seinem Urenkel Wolfgang Dehmel aus Haßfurt


Das Grab von Hans Richter auf dem Bayreuther Stadtfriedhof