Hans Rollwagen

14.6.1892 (Nördlingen)
 - 29.3.1992 (Bayreuth)

Oberbürgermeister von 1948 - 1958. Nachruf im Kurier Di. 31.3, Todesanzeigen am 4/5.4.1992. Der Vorgänger war Dr. Oscar Meyer. Der Nachfolger ist Hans Walter Wild.

Hans Rollwagen wurde am 14.6.1892 in Nördlingen geboren, wuchs aber in Augsburg auf. Sicherlich gab die schwäbische Abstammung seiner Persönlichkeit etwas mit von dem, was man den Schwaben nachrühmt, jenen ausgeprägten Hang zum „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ Er hat kein Haus für sich gebaut, aber für die Bürger unserer Stadt buchstäblich aus dem Nichts einen Rohbau erstellt, der die solide und großzügige Grundlage für das Bayreuth von 1985 gab.

Nach Ablegung des Abiturs am humanistischen Gymnasium bei St. Anna in Augsburg widmete sich Rollwagen an den Universitäten München, Kiel, Berlin und Würzburg dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, das er bis zum Beginn des 1. Weltkrieges abgeschlossen hatte. Von 1914 - 1918 war er Soldat, 1916 wurde er vor Verdun schwer verwundet. 1920 legte er das Große Staatsexamen mit dem Ergebnis „Sehr gut“ ab.
Sein Weg zur Sozialdemokratie war durch das Elternhaus - sein Vater war 1900 als Schriftsetzer wegen gewerkschaftlicher Einstellung und Betätigung ausgesperrt worden -  und nachhaltige Begegnungen mit Bebel und Kautsky bestimmt worden. Bereits 1919 zog er als 27jähriger für die SPD in den Augsburger Stadtrat ein.

Nach Anwaltstätigkeit von 1920 - 1923 kandidierte er, 31 Jahre alt, auf Wunsch seiner Partei für die Wahl zum rechtskundigen 1. Bürgermeister der Stadt Neustadt bei Coburg und wurde von den Bürgern gewählt. 1928 erfolgte seine Wiederwahl. Bezeichnend für Persönlichkeit und Leistung Rollwagens ist ein Bericht der „Fränkischen Volkstribüne“ von 1928:

"Wenn ein Sozialdemokrat die Geschicke einer Stadt leitet.

Zu der Wiederwahl des Sozialdemokraten Rollwagen zum rechtskundigen ersten Bürgermeister der Stadt Neustadt bei Coburg, über die wir bereits am Montag berichteten, wird uns noch folgendes geschrieben:

Seit nahezu fünf Jahren steht an der Spitze der Stadt Neustadt bei Coburg als rechtskundiger erster Bürgermeister der Gen. Rollwagen, der seit dem ersten Tag seiner Amtstätigkeit mit Umsicht und Erfolg die Stadt geleitet hat und dem dabei dank seines gewinnenden Wesens, insbesondere aber seines aufopfernden Eintretens gerade für die notleidende Bevölkerung allgemeine Achtung und Anerkennung zuteil wird. Welch restlosen Vertrauens sich Gen. Rollwagen erfreut, das zeigte die letzte Stadtratssitzung, bei der wegen des bevorstehenden Ablaufs von Rollwagens Dienstzeit über den Punkt Bürgermeisterwahl beraten wurde.

Dabei stellte die bürgerliche Fraktion den Antrag, von einer Ausschreibung der Bürgermeisterstelle Abstand zu nehmen und die Wiederwahl Rollwagens vorzunehmen. Der Sprecher der Bürgerlichen erklärte hierzu, daß man ohne Unterschied der Partei feststellen müsse, dass die Tätigkeit Rollwagens für die Stadt eine fruchtbringende und gesegnete war. Er verfüge über ein umfassendes kommunalpolitisches Wissen und habe die Stadt aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Die Verhandlungen um die Fertigstellung des Ferngaswerkes habe er mit der Scharfsinnigkeit eines tüchtigen Juristen geführt. Die gesamte Stadtratstätigkeit sei unter seiner Leitung eine harmonische gewesen. Er habe Zwistigkeiten in der loyalsten Weise geklärt. Aus all diesen Gründen stelle seine Partei persönliche Wünsche zurück, um dem Ganzen zu dienen.

Auch der kommunistische Redner stimmte aufgrund vorheriger Rücksprache mit seiner Partei für die Wiederwahl Rollwagens. Lediglich die Nationalsozialisten sind mit Rollwagens Tätigkeit nicht einverstanden. Ihr Sprecher beklagte sich, weil Rollwagen sich geweigert hatte, eine Erklärung abzugeben, dass er sich jeder direkten und indirekten Parteitätigkeit enthalte.“

1929 folgte Rollwagen einem Ruf der SPD in Nürnberg und stand von 1929 - 1933 im Dienst der alten Reichsstadt als berufsmäßiger Stadtrat, zuständig für Verwaltungs- und Baupolizei sowie Wohnungs- und Siedlungstätigkeit. Er war auch Vorsitzender der städtischen Wohnungsbaugesellschaft.

1933 bat er um seine Entlassung, weil er keine Möglichkeit zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern sah. 1935 arbeitete er wieder in unpolitischer Stellung als Rechtsreferent und stellvertretender Finanzreferent bei der Stadt Nürnberg, jedoch ohne sich politisch zu „arrangieren“. In Nürnberg gewann er wesentliche Erfahrungen für seine spätere Arbeit in Bayreuth.

1948 holte die SPD in Bayreuth den bewährten Kommunalpolitiker als Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters nach Bayreuth. Er wurde mit Mehrheit gewählt. Bald erwies sich, daß die Bürger die richtige Wahl getroffen hatten.

Rollwagens Aufbauarbeit

Nach nüchterner Analyse und Beurteilung der Lage standen für ihn Schwerpunkte und Zielsetzung seiner Arbeit fest und wurden zum unbeirrbaren Kompass seiner 10jährigen Tätigkeit für Bayreuth.
Seine erste Aufgabe war die Sanierung der Finanzkraft der Stadt Bayreuth, verbunden mit der Schaffung einer leistungsfähigen Verwaltung. Das bedeutete nach seinen eigenen Worten: Rücksichtslose Drosselung der Sachausgaben auf das Nötigste, Abbau des aufgeblähten Standes an Verwaltungspersonal um 21%, Verwaltungsvereinfachung durch Zusammenlegung von Dienststellen und Erhöhung der Verwaltungsleistung durch Entbürokratisierung und Rationalität. Das waren harte, unpopuläre, undankbare, aber lebensnotwendige Maßnahmen. Bei ihrer Durchführung fand er entscheidende Hilfe durch den berufsmäßigen Stadtrat Max Kuttenfelder (SPD), der selbst ein Beispiel gab mit der Bewältigung eines Mammutreferates, in dem Schul- und Kulturwesen, Sport und Verkehr zusammengefaßt waren. Rollwagen beurteilt ihn heute als einen „sehr fähigen, zuverlässigen, gelegentlich auch schwierigen Mann, dem man die verschiedensten, schwierigen Aufgaben zur Bewältigung übertragen konnte.“

Ebenso unpopulär wie der Personalabbau war die Anhebung der Hebesätze bei der Grundsteuer von 200 auf 240 Punkte, der Gewerbesteuer von 260 auf 285 Punkte und der Getränkesteuer von 10 auf 20 Punkte. Die Zusammenfassung und Ausschöpfung aller Hilfsquellen war nötig, um den Aufbau der Stadt leisten zu können. Hart, aber richtig!
Gleichlaufend galt die vornehmste Sorge des Oberbürgermeisters der Linderung der prekären Wohnungsnot. Ein „Sonderbeauftragter für die Förderung der privaten und öffentlichen Bautätigkeit“ wurde berufen und ein Wohnungsbauprogranm erstellt. 1949 erfolgte die Gründung der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft (GEWOG) mit dem Ziel des Wiederaufbaues und Neubaues von Wohnungen. Diese Gesellschaft hat bis heute ein großes Pensum geleistet und sich vor allem bei der Schaffung preisgünstiger Wohnungen für sozial Schwache große Verdienste erworben.

Größte Anstrengungen galten der Schaffung von Arbeitsplätzen. In einem Verwaltungsbericht erklärte Rollwagen dazu: „Die Industrieförderung erfordert zwar von der Stadt nicht unerhebliche finanzielle Opfer, ist jedoch auf weite Sicht die unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen.“ Demgemäß erfolgte 1952 die planmäßige Erschließung des Industriegebietes St. Georgen. Es umfaßte damals 838 000 qm, von denen schon sehr rasch 26% genutzt wurden. Das Verlegen von Industriegeleisen wurde vorbereitet und der Anschluß des Industriegebietes an die Autobahn München - Berlin beantragt. Im Zusammenhang mit der Bildung und Erschließung des Industriegehietes St. Georgen erfolgte bereits 1950 die Projektierung eines Gesamtentwässerungsnetzes, um das völlig unzureichende Kanalnetz der Stadt zu erneuern.

Große Beachtung galt der Erneuerung des Kulturlebens der Stadt. 1949 gelang es, die „Fränkische Festwoche“ für Bayreuth zu gewinnen. Ein „Neues Theater“ wurde gegründet, ebenso die „Vereinigung Bayreuther Berufsmusiker“, die mit Standkonzerten ihren Beitrag zur Entfaltung des Bayreuther Kulturlebens leistete. Gleichzeitig liefen energische Bemühungen, Bayreuth durch Gewinnung überregionaler Veranstaltungen zur Kongressstadt zu machen. Ein unschätzbares Verdienst Rollwagens war sein erfolgreicher Einsatz für die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele. Auch hierbei fand er wesentliche Hilfe in Stadtschulrat Kuttenfelder. Für die Wiederbelebung der Stadt war die Neueröffnung der Festspiele im Jahre 1951 ein entscheidendes Ereignis. Zu ihm trug wesentlich auch die „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth bei. Sie wurde am 22.09.1949 mit dem Ziel gegründet, die Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele nach dem Krieg zu ermöglichen. Dem Gründungsgremium gehörten namhafte Persönlichkeiten aus der deutschen Wirtschaft und der Politik sowie der damalige Bayreuther Oberbürgermeister Hans Rollwagen an. Auch die Gründung der „Gesellschaft der Kulturfreunde“ erfolgte auf Initiative der Stadt. Der Stärkung des kulturellen Lebens und damit der Attraktivität der Stadt diente auch wesentlich, dass es auf Betreiben und mit finanzieller Hilfe der Stadt gelang, die Evangelische Kirchenmusikschule, die heutige Fachakademie für Kirchenmusik, zu errichten. Die Grundsteinlegung erfolgte 1952.

Der Entfaltung der Lebensfreude und sinnvollen Freizeitgestaltung diente neben der Förderung des kulturellen Lebens in hohem Maße auch die nachhaltige Förderung des Sportes. Unter Rollwagen wurde der Grundstock gelegt für eine Sportförderung, die später einen vorbildlichen Stand erreichte. Er wußte, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern zu seiner vollen Entfaltung einen breiten, den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen angepassten Raum außerhalb der Arbeitswelt braucht. Er wusste es und trug ihm Rechnung.

Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, in welch kurzer Zeit Verwaltung, Stadtrat und Bürgerschaft unserer Stadt aus dem Kampf ums Überleben, aus unvorstellbaren Entbehrungen und Anstrengungen den Mut gefunden haben, nicht nur hart zu arbeiten, sondern auch ihr Leben lebenswert zu gestalten. Die Nachkriegsgeneration hat oft ihren Eltern vorgeworfen, sie hätten über dem Streben nach materiellen Werten das Ideelle vernachlässigt. Dabei muss ihr zugute gehalten werden, daß sie aus ihrer ungleich besseren Lage die Situation und Leistung der Kriegsgeneration aus eigener Erfahrung nicht beurteilen kann. Der Hinweis auf die Leistungen der Nachkriegsjahre erfolgt nicht mit selbstgefällig erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Ermutigung, die Probleme einer ernster gewordenen Zeit mit derselben Zuversicht und Entschlossenheit anzugehen, wie sie ihre Eltern in jenen ersten Nachkriegsjahren zeigten.

Ein Riesenpensum an Arbeit, mit in die Zukunft weisenden Weichenstellungen hat Oberbürgermeister Rollwagen in den Jahren von 1948 - 1958 geleistet. Dass dieser rastlose, schöpferische, bei allem Erfolg so bescheiden gebliebene Mann über der Arbeit für Bayreuth auch auf den Ebenen des Regierungsbezirkes und Landes Bayern segensreich und bahnbrechend arbeitete, kennzeichnet ihn als einen Menschen von höchster Pflichtauffassung und Leistungskraft.

Er war von 1954 - 1962 Präsident des Bezirkstages Oberfranken (dabei 1958 sogar trotz Mehrheit der CSU!) und von 1962 - 1970 als „Ruheständler“ dessen Vizepräsident. Er war lange Zeit Vorstandsmitglied des Bayerischen Städteverbandes (später Städtetag) und Leiter des Rechtsausschusses dieses Verbandes, ausserdem Mitglied des Verfassungsausschusses des Deutschen Städtetages. 1954 Vorsitzender des Kuratoriums der Akademie für politische Bildung (Tutzing), Mitbegründer des Verbandes kommunaler Unternehmer und zeitweise Vorsitzender der Landesgruppe Bayern dieses Verbandes. Auch im Bayerischen Sparkassen- und Giroverband gehörte er dem Vorstand an.

Landesweite Beachtung fand der große Verfechter der Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung mit dem Entwurf einer neuen Bayerischen Gemeindeordnung. Dieser Entwurf von 1949 ("Bayreuther Entwurf" genannt) fand die grundsätzliche Zustimmung des Städtetages und der amerikanischen Besatzungsmacht. Wesentlich war seine Mitarbeit als Vertreter des Bayer. Städteverbandes beim Zustandekommen der Gemeindeordnung für den Freistaat Bayern vom 25.01.1952. Zu ihr verfassten Rollwagen und Hölzl einen Kommentar, nachdem Rollwagen zuvor einen Handkommentar für ehrenamtliebe Gemeinderäte als Arbeitshilfe herausgegeben hatte. Darüber hinaus fand Rollwagen noch Zeit für regelmäßige Mitarbeit in der Zeitschrift „Der bayerische Bürgermeister“.

Rollwagens Leistung wurde durch zahlreiche hohe Auszeichnungen gewürdigt. Er ist Inhaber des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, des Bayerischen Verdienstordens sowie der Goldenen Medaille des Bayer. Staatsministeriums des Innern für besondere Verdienste in der Kommunalpolitik, ferner der Ehrenmedaille des Bezirks Oberfranken für besondere Verdienste in der kommunalen Selbstverwaltung. Die Stadt Bayreuth verlieh ihm 1958, als er nach 10jähriger beispielhafter Aufbauarbeit in den Ruhestand trat, das Ehrenbürgerrecht. Er ist auch Ehrenbürger der Stadt Neustadt bei Coburg.

Bis zu seinem Tode im Jahre 1992 verfolgte der profilierte, noble Sozialdemokrat mit großer Aufmerksamkeit und Verbundenheit das Geschehen in unserer Stadt mit der Abgeklärtheit eines Mannes, dessen Devise immer war: Mehr sein als scheinen!

Quelle: 4,6,57,65