Oberbürgermeister von 1948 - 1958. Nachruf im Kurier Di. 31.3,
Todesanzeigen am 4/5.4.1992. Der Vorgänger war Dr.
Oscar Meyer. Der Nachfolger ist Hans Walter Wild.
Hans Rollwagen wurde am 14.6.1892 in
Nördlingen geboren, wuchs aber in Augsburg auf. Sicherlich gab die
schwäbische Abstammung seiner Persönlichkeit etwas mit von
dem, was man den Schwaben nachrühmt, jenen ausgeprägten Hang
zum „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ Er hat kein Haus für
sich gebaut, aber für die Bürger unserer Stadt
buchstäblich aus dem Nichts einen Rohbau erstellt, der die solide
und großzügige Grundlage für das Bayreuth von 1985 gab.
Nach Ablegung des Abiturs am humanistischen Gymnasium bei St. Anna in
Augsburg widmete sich Rollwagen an den Universitäten München,
Kiel, Berlin und Würzburg dem Studium der Rechts- und
Staatswissenschaften, das er bis zum Beginn des 1. Weltkrieges
abgeschlossen hatte. Von 1914 - 1918 war er Soldat, 1916 wurde er vor
Verdun schwer verwundet. 1920 legte er das Große Staatsexamen mit
dem Ergebnis „Sehr gut“ ab.
Sein Weg zur Sozialdemokratie war durch das Elternhaus - sein Vater war
1900 als Schriftsetzer wegen gewerkschaftlicher Einstellung und
Betätigung ausgesperrt worden - und nachhaltige Begegnungen
mit Bebel und Kautsky bestimmt worden. Bereits 1919 zog er als
27jähriger für die SPD in den Augsburger Stadtrat ein.
Nach Anwaltstätigkeit von 1920 - 1923 kandidierte er, 31 Jahre
alt, auf Wunsch seiner Partei für die Wahl zum rechtskundigen 1.
Bürgermeister der Stadt Neustadt bei Coburg und wurde von den
Bürgern gewählt. 1928 erfolgte seine Wiederwahl. Bezeichnend
für Persönlichkeit und Leistung Rollwagens ist ein Bericht
der „Fränkischen Volkstribüne“ von 1928:
"Wenn ein Sozialdemokrat die Geschicke einer Stadt leitet.
Zu der Wiederwahl des Sozialdemokraten Rollwagen zum rechtskundigen
ersten Bürgermeister der Stadt Neustadt bei Coburg, über die
wir bereits am Montag berichteten, wird uns noch folgendes geschrieben:
Seit nahezu fünf Jahren steht an der Spitze der Stadt Neustadt bei
Coburg als rechtskundiger erster Bürgermeister der Gen. Rollwagen,
der seit dem ersten Tag seiner Amtstätigkeit mit Umsicht und
Erfolg die Stadt geleitet hat und dem dabei dank seines gewinnenden
Wesens, insbesondere aber seines aufopfernden Eintretens gerade
für die notleidende Bevölkerung allgemeine Achtung und
Anerkennung zuteil wird. Welch restlosen Vertrauens sich Gen. Rollwagen
erfreut, das zeigte die letzte Stadtratssitzung, bei der wegen des
bevorstehenden Ablaufs von Rollwagens Dienstzeit über den Punkt
Bürgermeisterwahl beraten wurde.
Dabei stellte die bürgerliche Fraktion den Antrag, von einer
Ausschreibung der Bürgermeisterstelle Abstand zu nehmen und die
Wiederwahl Rollwagens vorzunehmen. Der Sprecher der Bürgerlichen
erklärte hierzu, daß man ohne Unterschied der Partei
feststellen müsse, dass die Tätigkeit Rollwagens für die
Stadt eine fruchtbringende und gesegnete war. Er verfüge über
ein umfassendes kommunalpolitisches Wissen und habe die Stadt aus ihrem
Dornröschenschlaf geweckt. Die Verhandlungen um die Fertigstellung
des Ferngaswerkes habe er mit der Scharfsinnigkeit eines tüchtigen
Juristen geführt. Die gesamte Stadtratstätigkeit sei unter
seiner Leitung eine harmonische gewesen. Er habe Zwistigkeiten in der
loyalsten Weise geklärt. Aus all diesen Gründen stelle seine
Partei persönliche Wünsche zurück, um dem Ganzen zu
dienen.
Auch der kommunistische Redner stimmte aufgrund vorheriger
Rücksprache mit seiner Partei für die Wiederwahl Rollwagens.
Lediglich die Nationalsozialisten sind mit Rollwagens Tätigkeit
nicht einverstanden. Ihr Sprecher beklagte sich, weil Rollwagen sich
geweigert hatte, eine Erklärung abzugeben, dass er sich jeder
direkten und indirekten Parteitätigkeit enthalte.“
1929 folgte Rollwagen einem Ruf der SPD in Nürnberg und stand von
1929 - 1933 im Dienst der alten Reichsstadt als
berufsmäßiger Stadtrat, zuständig für Verwaltungs-
und Baupolizei sowie Wohnungs- und Siedlungstätigkeit. Er war auch
Vorsitzender der städtischen Wohnungsbaugesellschaft.
1933 bat er um seine Entlassung, weil er keine Möglichkeit zu
einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern sah. 1935
arbeitete er wieder in unpolitischer Stellung als Rechtsreferent und
stellvertretender Finanzreferent bei der Stadt Nürnberg, jedoch
ohne sich politisch zu „arrangieren“. In Nürnberg gewann er
wesentliche Erfahrungen für seine spätere Arbeit in Bayreuth.
1948 holte die SPD in Bayreuth den bewährten Kommunalpolitiker als
Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters nach Bayreuth.
Er wurde mit Mehrheit gewählt. Bald erwies sich, daß die
Bürger die richtige Wahl getroffen hatten.
Rollwagens Aufbauarbeit

Nach nüchterner Analyse und Beurteilung der Lage standen für
ihn Schwerpunkte und Zielsetzung seiner Arbeit fest und wurden zum
unbeirrbaren Kompass seiner 10jährigen Tätigkeit
für Bayreuth.
Seine erste Aufgabe war die Sanierung der Finanzkraft der Stadt
Bayreuth, verbunden mit der Schaffung einer leistungsfähigen
Verwaltung. Das bedeutete nach seinen eigenen Worten:
Rücksichtslose Drosselung der Sachausgaben auf das Nötigste,
Abbau des aufgeblähten Standes an Verwaltungspersonal um 21%,
Verwaltungsvereinfachung durch Zusammenlegung von Dienststellen und
Erhöhung der Verwaltungsleistung durch Entbürokratisierung
und Rationalität. Das waren harte, unpopuläre, undankbare,
aber lebensnotwendige Maßnahmen. Bei ihrer Durchführung fand
er entscheidende Hilfe durch den berufsmäßigen Stadtrat Max
Kuttenfelder (SPD), der selbst ein Beispiel gab mit der
Bewältigung eines Mammutreferates, in dem Schul- und Kulturwesen,
Sport und Verkehr zusammengefaßt waren. Rollwagen beurteilt ihn
heute als einen „sehr fähigen, zuverlässigen, gelegentlich
auch schwierigen Mann, dem man die verschiedensten, schwierigen
Aufgaben zur Bewältigung übertragen konnte.“
Ebenso unpopulär wie der Personalabbau war die Anhebung der
Hebesätze bei der Grundsteuer von 200 auf 240 Punkte, der
Gewerbesteuer von 260 auf 285 Punkte und der Getränkesteuer von 10
auf 20 Punkte. Die Zusammenfassung und Ausschöpfung aller
Hilfsquellen war nötig, um den Aufbau der Stadt leisten zu
können. Hart, aber richtig!
Gleichlaufend galt die vornehmste Sorge des Oberbürgermeisters der
Linderung der prekären Wohnungsnot. Ein „Sonderbeauftragter
für die Förderung der privaten und öffentlichen
Bautätigkeit“ wurde berufen und ein Wohnungsbauprogranm erstellt.
1949 erfolgte die Gründung der Gemeinnützigen
Wohnungsbaugenossenschaft (GEWOG) mit dem Ziel des Wiederaufbaues und
Neubaues von Wohnungen. Diese Gesellschaft hat bis heute ein
großes Pensum geleistet und sich vor allem bei der Schaffung
preisgünstiger Wohnungen für sozial Schwache große
Verdienste erworben.
Größte Anstrengungen galten der Schaffung von
Arbeitsplätzen. In einem Verwaltungsbericht erklärte
Rollwagen dazu: „Die Industrieförderung erfordert zwar von der
Stadt nicht unerhebliche finanzielle Opfer, ist jedoch auf weite Sicht
die unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung der
wirtschaftlichen Lebensgrundlagen.“ Demgemäß erfolgte 1952
die planmäßige Erschließung des Industriegebietes St.
Georgen. Es umfaßte damals 838 000 qm, von denen schon sehr rasch
26% genutzt wurden. Das Verlegen von Industriegeleisen wurde
vorbereitet und der Anschluß des Industriegebietes an die
Autobahn München - Berlin beantragt. Im Zusammenhang mit der
Bildung und Erschließung des Industriegehietes St. Georgen
erfolgte bereits 1950 die Projektierung eines
Gesamtentwässerungsnetzes, um das völlig unzureichende
Kanalnetz der Stadt zu erneuern.
Große Beachtung galt der Erneuerung des Kulturlebens der Stadt.
1949 gelang es, die „Fränkische Festwoche“ für Bayreuth zu
gewinnen. Ein „Neues Theater“ wurde gegründet, ebenso die
„Vereinigung Bayreuther Berufsmusiker“, die mit Standkonzerten ihren
Beitrag zur Entfaltung des Bayreuther Kulturlebens leistete.
Gleichzeitig liefen energische Bemühungen, Bayreuth durch
Gewinnung überregionaler Veranstaltungen zur Kongressstadt zu
machen. Ein unschätzbares Verdienst Rollwagens war sein
erfolgreicher Einsatz für die Wiedereröffnung der Bayreuther
Festspiele. Auch hierbei fand er wesentliche Hilfe in Stadtschulrat
Kuttenfelder. Für die Wiederbelebung der Stadt war die
Neueröffnung der Festspiele im Jahre 1951 ein entscheidendes
Ereignis. Zu ihm trug wesentlich auch die „Gesellschaft der Freunde von
Bayreuth bei. Sie wurde am 22.09.1949 mit dem Ziel gegründet, die
Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele nach dem Krieg zu
ermöglichen. Dem Gründungsgremium gehörten namhafte
Persönlichkeiten aus der deutschen Wirtschaft und der Politik
sowie der damalige Bayreuther Oberbürgermeister Hans Rollwagen an.
Auch die Gründung der „Gesellschaft der Kulturfreunde“ erfolgte
auf Initiative der Stadt. Der Stärkung des kulturellen Lebens und
damit der Attraktivität der Stadt diente auch wesentlich, dass es
auf Betreiben und mit finanzieller Hilfe der Stadt gelang, die
Evangelische Kirchenmusikschule, die heutige Fachakademie für
Kirchenmusik, zu errichten. Die Grundsteinlegung erfolgte 1952.
Der Entfaltung der Lebensfreude und sinnvollen Freizeitgestaltung
diente neben der Förderung des kulturellen Lebens in hohem
Maße auch die nachhaltige Förderung des Sportes. Unter
Rollwagen wurde der Grundstock gelegt für eine
Sportförderung, die später einen vorbildlichen Stand
erreichte. Er wußte, daß der Mensch nicht vom Brot allein
lebt, sondern zu seiner vollen Entfaltung einen breiten, den jeweiligen
Interessen und Bedürfnissen angepassten Raum außerhalb der
Arbeitswelt braucht. Er wusste es und trug ihm Rechnung.
Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, in welch kurzer Zeit Verwaltung,
Stadtrat und Bürgerschaft unserer Stadt aus dem Kampf ums
Überleben, aus unvorstellbaren Entbehrungen und Anstrengungen den
Mut gefunden haben, nicht nur hart zu arbeiten, sondern auch ihr Leben
lebenswert zu gestalten. Die Nachkriegsgeneration hat oft ihren Eltern
vorgeworfen, sie hätten über dem Streben nach materiellen
Werten das Ideelle vernachlässigt. Dabei muss ihr zugute gehalten
werden, daß sie aus ihrer ungleich besseren Lage die Situation
und Leistung der Kriegsgeneration aus eigener Erfahrung nicht
beurteilen kann. Der Hinweis auf die Leistungen der Nachkriegsjahre
erfolgt nicht mit selbstgefällig erhobenem Zeigefinger, sondern
mit der Ermutigung, die Probleme einer ernster gewordenen Zeit mit
derselben Zuversicht und Entschlossenheit anzugehen, wie sie ihre
Eltern in jenen ersten Nachkriegsjahren zeigten.

Ein Riesenpensum an Arbeit, mit in die Zukunft weisenden
Weichenstellungen hat Oberbürgermeister Rollwagen in den Jahren
von 1948 - 1958 geleistet. Dass dieser rastlose, schöpferische,
bei allem Erfolg so bescheiden gebliebene Mann über der Arbeit
für Bayreuth auch auf den Ebenen des Regierungsbezirkes und Landes
Bayern segensreich und bahnbrechend arbeitete, kennzeichnet ihn als
einen Menschen von höchster Pflichtauffassung und Leistungskraft.
Er war von 1954 - 1962 Präsident des Bezirkstages Oberfranken
(dabei 1958 sogar trotz Mehrheit der CSU!) und von 1962 - 1970 als
„Ruheständler“ dessen Vizepräsident. Er war lange Zeit
Vorstandsmitglied des Bayerischen Städteverbandes (später
Städtetag) und Leiter des Rechtsausschusses dieses Verbandes,
ausserdem Mitglied des Verfassungsausschusses des Deutschen
Städtetages. 1954 Vorsitzender des Kuratoriums der Akademie
für politische Bildung (Tutzing), Mitbegründer des Verbandes
kommunaler Unternehmer und zeitweise Vorsitzender der Landesgruppe
Bayern dieses Verbandes. Auch im Bayerischen Sparkassen- und
Giroverband gehörte er dem Vorstand an.
Landesweite Beachtung fand der große Verfechter der Stärkung
der kommunalen Selbstverwaltung mit dem Entwurf einer neuen Bayerischen
Gemeindeordnung. Dieser Entwurf von 1949 ("Bayreuther Entwurf" genannt)
fand die grundsätzliche Zustimmung des Städtetages und der
amerikanischen Besatzungsmacht. Wesentlich war seine Mitarbeit als
Vertreter des Bayer. Städteverbandes beim Zustandekommen der
Gemeindeordnung für den Freistaat Bayern vom 25.01.1952. Zu ihr
verfassten Rollwagen und Hölzl einen Kommentar, nachdem Rollwagen
zuvor einen Handkommentar für ehrenamtliebe Gemeinderäte als
Arbeitshilfe herausgegeben hatte. Darüber hinaus fand Rollwagen
noch Zeit für regelmäßige Mitarbeit in der Zeitschrift
„Der bayerische Bürgermeister“.
Rollwagens Leistung wurde durch zahlreiche hohe Auszeichnungen
gewürdigt. Er ist Inhaber des Großen Verdienstkreuzes der
Bundesrepublik Deutschland, des Bayerischen Verdienstordens sowie der
Goldenen Medaille des Bayer. Staatsministeriums des Innern für
besondere Verdienste in der Kommunalpolitik, ferner der Ehrenmedaille
des Bezirks Oberfranken für besondere Verdienste in der kommunalen
Selbstverwaltung. Die Stadt Bayreuth verlieh ihm 1958, als er nach
10jähriger beispielhafter Aufbauarbeit in den Ruhestand trat, das
Ehrenbürgerrecht. Er ist auch Ehrenbürger der Stadt Neustadt
bei Coburg.
Bis zu seinem Tode im Jahre 1992 verfolgte der profilierte, noble
Sozialdemokrat mit großer Aufmerksamkeit und Verbundenheit das
Geschehen in unserer Stadt mit der Abgeklärtheit eines Mannes,
dessen Devise immer war: Mehr sein als scheinen!