Es war der 22. Juli 1900 als Hans Schaefer diese
irdische Welt als viertes Kind der Eheleute Maximilian Schaefer und
seiner Ehefrau Margarete, geborene Sperber, mitten im
oberfränkischen Städtchen Bayreuth mit seinem Besuch beehrte.
Schon zu früher Stunde um 5.30 Uhr war dies, aber dafür an
einem Sonntag und das soll ja, wie immer gesagt wird, ein
Glückstag sein.
So war der Bub Hans Schaefer da, aber wie es scheint, waren seine
Eltern doch nicht so recht auf einen Knaben eingestellt, was aus dem
Eintrag in der Geburtsurkunde ersichtlich ist. Dort heißt es,
dass das Kind noch keinen Vornamen erhalten habe. Erst mit einem
Nachtrag vom 13. August 1900 wurde vermerkt, dass dem nebenbezeichneten
Kinde die Vornamen »Heinrich Hans« beigelegt worden seien.
Natürlich haben sich die Eltern nicht so lange besonnen, denn die
Taufe fand schon am 6. August 1900 statt.
Das Elternhaus steht in der Sophienstraße mit der Bezeichnung Nr.
9, wo der Vater als Konditormeister in seinem Konditoreibetrieb
für die Kaffeekränzchen und Familienfeste die bestellten
Torten mit kunstvollen Zuckermalereien zu verzieren pflegte und
außerdem Kuchen und viele Arten von Plätzchen herstellte.
Wenn er dann nach getaner Arbeit aus der Backstube kam, fand man ihn
oft in stillen Feierabendstunden in der Wohnstube malend und zeichnend.
Die Mutter besorgte den Laden, bediente in der Kaffeestube, führte
den Haushalt und half, wenn es erforderlich war, in der Backstube mit.
Auch sein Großvater Ludwig Schaefer betrieb mit seiner Frau
Margareta, geborene Schröppel, in Gunzenhausen eine Konditorei, wo
er zeitweilig Bürgermeister der Stadt Gunzenhausen war. Weitere
Ahnen waren Lebküchner und Kaufleute in Gunzenhausen und Pfarrer
in Wörnitzostheim und Ursheim.
Es waren kreuzbrave, fleißige und bescheidene Handwerksleute
seine Eltern. Sie fanden kaum Zeit, sich um die sich zeigende
künstlerische Begabung des für den Lehrerberuf bestimmten
Buben zu kümmern. Deshalb waren die Eltern froh, dass die
Schwester des Vaters, Marie Zirkler, mit im Hause wohnte und es diese
Verhältnisse mit sich brachten, dass der Bub in der Wohnung seiner
Tante Zirkler ein- und ausging und dort einen großen Teil seiner
Kindheit verbrachte. Vom ersten Tag seines Lebens an betreute sie ihn
bis zu ihrem Tode. Wenn sich sein Denken schon früh dem
Schönen und der Kunst zuwandte, so hatte Hans Schaefer dies
besonders seiner Tante Zirkler zu verdanken. Diese
verständnisvolle Tante, versuchte durch gutherzig erfüllte,
manchmal recht kostspielige Wünsche um Bücher und
Zeichenutensilien, dem noch unbefangenen, bildungshungrigen und
suchenden Buben durch Anschauung und künstlerisches Vorbild den
rechten Weg zu weisen. Das Interesse für das Zeichnen und Malen
stand bei Hans Schaeferwährend seiner Schulzeit im Vordergrund,
aber trotzdem wollte er Lehrer werden. Mit der bestandenen
Aufnahmeprüfung für die Lehrerbildungsanstalt in Bayreuth im
September 1914 begann seine Ausbildung zum Volksschullehrer.
Gemeinsam mit dem Vater unternahm Hans Schaefer viele Spaziergänge
in das Umland von Bayreuth und beide zeichneten in der Natur. Die
Bauten des alten Bayreuth, das Leben und Treiben, das Kommen und Gehen
der Leute im elterlichen Konditoreiladen, die Motive auf seinen
Wanderungen regten das Gemüt und die Phantasie mächtig an und
gaben dem beschaulichen und handfertigen Schüler viele Anregungen.
Zeichnen und malen fielen ihm leicht und waren eine ihm liebe
Beschäftigung, die vom Vater eben nicht nur geduldet, sondern auch
gefördert wurde.
Die Kriegsverhältnisse zwangen ihn 1918 die Lehrerbildungsanstalt
zu verlassen, um der Einberufung zum Fuß-Artillerie-Regiment nach
Grafenwöhr Folge zu leisten. Nach Beendigung des 1. Weltkrieges
vollendete Hans Schaefer 1920 seine Ausbildung als Lehrer.
Das Kopieren seiner beliebtesten Vorbilder und einfach so malen, mit
sehr dürftiger Anleitung, konnten Hans Schaefer nicht länger
befriedigen. Aufgrund einer Annonce der »Kunstschule«
meldete er sich zu einem Zeichenlehrgang an. Noch unausgeglichen - aber
bald entwickelten sich seine Fähigkeiten in überraschender
Weise. Das waren die Anfänge seines eigentlichen
künstlerischen Wirkens.
Die
Zeitschrift »Kunstschule« hat im November 1922 seine
Verlobungsanzeige mit folgenden Worten beschrieben: “In freier
Behandlung hat Hans Schaefer seine eigene Verlobungsanzeige gestaltet;
auf die Herzform, die er als Umrahmung für das Schriftfeld
wählte, ist keck ein malerisches Bild gesetzt, das die Neigungen
der Verlobten liebenswürdig charakterisiert; ein Hauch von Natur
und Kunst, verschönt durch die Liebe zweier Menschen zueinander,
steigt aus diesem Blatt auf.«

Am 15. Dezember 1923 durfte Hans Schaefer seine angetraute junge Frau
Betty, geborene Wunderlich, Tochter einer Lehrerswitwe aus Bayreuth, in
das neue Zuhause, in das Dorfschulhaus in Osseck bei Hof
einführen. Das Glück der jungen Ehe spiegelte sich in den
ruhevollen Werken der kommenden Jahre wider und machte sich so in Hans
Schaefers Kunst bemerkbar. Das Jahr 1925 aber brachte einen herben
Verlust: Am 9. Dezember 1925 starb Tante Marie Zirkler und einige Tage
später, am 30. Dezember 1925, starb sein Vater. Tochter Rotraut
wurde 1929 geboren. Durch Versetzung an die Volksschule Bayreuth wurde
sein Geburtshaus in der Sophienstraße Heimstatt für die
ganze Familie. Als zweites Kind wurde 1931 Tochter Ilse geboren. Im
Jahre 1932 erfolgte die Umsiedlung von der Sophienstraße zum
Wilhelmsplatz. Als drittes Kind kam dann 1942 Sohn Peter dazu.
In einer fast 25-jährigen Ehe war seine Frau Betty ihm eine
entgegenkommende Lebensgefährtin. Durch ihre glühende
Begeisterungsfähigkeit für alles Schöne war sie die
rechte Kraftquelle zur Förderung seines künstlerischen
Wirkens. Es war nicht nur ein glückliches Nebeneinander, sondern
ein gesegnetes Miteinander und Füreinander. Ihre große Liebe
zur Musik und zum Gesang war wohl ein Erbe ihres Vaters.
Dies alles hätte weiterhin befruchtend und ermutigend auf Hans
Schaefer wirken können, wenn nicht 1948 ein schwerer
Schicksalsschlag, der Verlust seiner Frau Betty, und ein sich jetzt
noch stärker bemerkbar machendes Herzleiden, ihn trüb und
bedrückt gemacht hätten. Und doch hat er auch in dieser
schweren Zeit den Mut und die Lust zur künstlerischen Arbeit nicht
verloren. So brachte er in der ihm gewohnten Zurückgezogenheit die
innere Ruhe zu weiterem Schaffen auf, was sich neuerlich
verstärkte, als er in seiner zweiten Ehe (ab 1949) in Anne,
geborene Taig, eine verständnisvolle Frau fand.

Es wäre eine Lücke in dieser kurzen Darstellung des
künstlerischen Wirkens Hans Schaefers, wenn nicht auch seiner
nachhaltig prägenden Einflüsse gedacht würde, die er als
Volksschullehrer während fast Vierjahrzehnten auf viele Schulbuben
ausgeübt hat.
Der Beginn seiner Laufbahn als Volksschullehrer war im Jahre 1920 als
»Schulamtsbewerber« in der Luitpoldschule Bayreuth. Weitere
Stationen als Junglehrer führten ihn in eine Reihe von
Dorfschulhäusern, wo sich seinen empfänglichen Augen die
Seele der oberfränkischen Landschaft in ihren vielfältigen
Formen offenbarte. Im Jahre 1921 wurde Hans Schaefer »die
Versehung der erledigten Lehrstelle an der Volksschule in Affalterbach
übertragen«. In einem Brief an seinen Schul- und
Lebensfreund Hans Bauerschmidt schrieb er unter anderem: »...denn
ich habe mich sehr gut da eingelebt. Die Bauern sind Prachtmenschen und
der Hauptlehrer mit seiner Familie ist ein Muster echten Familienlebens
... «
Wegen der Vorbereitung zur 2. Staatsprüfung wurde die
künstlerische Tätigkeit 1924 etwa für ein Jahr
unterbrochen. Am 19. Dezember 1924 erhielt Hans Schaefer das
Prüfungsergebnis mit dem Hinweis am Schluss: »...und damit
die Befähigung zur Anstellung als ständiger
Volksschullehrer.«
Nach der Zeit als Lehrer in Osseck bei Hof, wurde er am 1. April 1929
an die Volksschule seiner Heimatstadt Bayreuth versetzt. In einem Brief
an seinen Freund Hans Bauerschmidt erwähnte er dazu:
»Allmählich gewöhnt man sich daran und freut sich an
den Erinnerungen seiner Landschulzeit und der schönen Arbeit in
der einklassigen Dorfschule.«
Eine spätere Begebenheit sei erwähnt, die Hans Schaefer immer
wieder gern erzählte: Es war der erste Tag nach der
Schuleinführung der Erstklässer. Kurz vor Beendigung der
letzten Schulstunde steht einer von den Erstklässern auf und sagte
in einem bestimmten Ton: »Herr Lehrer, mir langt‘s aber
jetzt!«, worauf der Herr Lehrer meinte: »Mir langt‘s auch,
packt eure Sachen ein und geht heim.«
Humor war für Hans Schaefer eine tragende Kraft, was auch heute noch viele der Papierschnitte beweisen.
In seinem Beruf als Lehrer hatte Hans Schaefer pädagogische
Aufgaben zu erfüllen, die ihn auf das Gegenständliche
verwiesen. Diesen Weg der Gegenständlichkeit hat er im Laufe
seines künstlerischen Wirkens stetig beibehalten.
Wegen wiederholter Herzattacken musste Hans Schaefer 1957 den
Schulunterricht unterbrechen und brauchte immer längere
Erholungszeiten. Schließlich machte ihm das Herzleiden so schwer
zu schaffen, dass er 1958 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden
musste. Die treue und stete Arbeit an sich selbst, die
Zuverlässigkeit, die Stetigkeit und die Tüchtigkeit der
Schaeferschen Kunst- und Lebensführung haben auch dem Lehramt
jenen ethisch reinen und wirksamen Hintergrund gegeben.
In einem Glückwunschschreiben 1970 zum Geburtstag Hans Schaefers
stand unter anderem das Folgende: »....diese nachbarlichen
Beziehungen setzten sich erfreulicherweise fort, als ich dankbar
erleben durfte, mit welchem Geschick, welcher Hingabe und welchem
Erfolg Sie unsere Kinder unterrichteten und miterzogen, wofür
Ihnen heute unser und unserer Kinder Dank sicher ist. So ist es mir und
den Meinen ein Herzensbedürfnis, Ihnen an Ihrem 70ten Geburtstag
unsere herzlichsten Wünsche darzubringen.« Er erzählte
dies mit einem mehr zurückhaltenden Stolz und meinte, dass er sich
über diese paar Worte sehr gefreut habe. Im privaten Alltag Hans
Schaefers war der Mittelpunkt in der Wohnung am Wilhelmsplatz 7 das
große Wohnzimmer. Hier spielte sich alles ab, wurde gearbeitet
und auch gefeiert. An einem Fenster zum Wilhelmsplatz hin, war sein
Werkplatz, seine Atelierecke, und am Fenster zur Friedrich von
Schillerstraße stand seine Staffelei, hier entstanden die
Pastell- und Ölbilder und dort die wunderbaren Radierungen, die
Exlibris- und Familiengrafik. Daneben befand sich das Klavier, auf dem
er ab und zu gerne ein wenig spielte. In der Ecke bei der
Zimmertüre war seine Bücherecke mit dem runden Tisch und den
Sesseln. Mit Hans Schaefer dort bei einem Glas Wein zu sitzen und zu
plaudern, war eine besondere Freude. Sein Wissen, gepaart mit einem
gesunden Humor, war erfrischend. Dies waren unvergessene Stunden,
losgelöst von den Alltagssorgen.

Die
Schulferien wurden ausgenützt zu Studienwanderungen; meist zu
Fuß war er unterwegs mit dem Rucksack voller Zeichen- und
Malutensilien. So gehören das Bayreuther Umland, die
Fränkische Schweiz, die Rheinpfalz, das Voralpenland,
beziehungsweise Inntal und der Bayerische Wald zu seinen bevorzugten
Wandergebieten. Die ruhige Kraft der Mittelgebirgsberge, die malerische
Bewegtheit des ihnen eigentümlichen Landschaftsbildes und die
Mannigfaltigkeit ihrer Motive waren ihm ans Herz gewachsen. Solche
Studienwanderungen unternahm er meist allein. Hatte man aber das
Glück, einmal dabei zu sein, so war es ein Erlebnis besonderer
Art. Die Wintermonate haben Hans Schaefer stets veranlasst, die in den
Mappen liegenden Studien aufzubereiten und auszuformen.
Hans Schaefer wollte mit seinen zeichnerischen Arbeiten die
Schönheit seiner Heimat in ihren charakteristischen
Äußerungen festhalten. Den vielgestaltigen Ausdruck unserer
Landschaft wollte er treffend schildern von der Lieblichkeit der
Fränkischen Schweiz bis hin zu der herben Großartigkeit des
Bayerischen Waldes. Ebenso reizten ihn die Gegensätze zwischen
formenreichen Barockstädten und der ernsten verhaltenen Stimmung
mittelalterlicher Stadtteile.
Der Baum in der Landschaft erweist sich als eines von Hans Schaefer
wohl am häufigsten dargestellten Motivs. Er liebt jene knorrige
Föhre, die an der Kreuzung zweier Wege, in Gesellschaft mit einem
Kreuzstein, über Jahrhunderte ein Richtpunkt für Fuhrleute
und Wanderer war. Ein andermal aber hält er jene Linde fest, die
in einsamer Flur auf grasigem Hügel steht und deren dicker Stamm
im mannshohen Gesträuch versteckt ist. Oder er gestaltet jene
Wetterfichte am Arber im Bayerischen Wald, die von Stürmen
zerzaust, doch noch aus vielen Büscheln von Zweigen grünt,
und ein Symbol für die Standhaftigkeit im Lebenskampf darzustellen
vermag.
Die Feinfühligkeit, die Ehrfurcht für das zu gestaltende Werk
entsprang der Liebe zur Natur, der Hans Schaefer im Bilde ihre Elemente
ablauschte. Nicht, dass er einen Ausschnitt aus der Natur abmalte,
indem er ihn noch künstlerisch zurechtrückte und in das
farblich richtige Verhältnis setzte. Vielmehr baute er jedes Bild
aus den charakteristischen Elementen auf, die er sich eingeprägt
und zeichnerisch grundgelegt hatte. Hier bleibt er ganz Diener vor der
herrlichen, natürlichen Wirklichkeit. Hans Schaefer hat es
abgelehnt, ihn nach Botanikerart wie eine merkwürdige Pflanze in
eine bestimmte Klasse und Familie von Kunststilen einzureihen. Das
wechselvolle, entwicklungsreiche und eigenständig aus sich
herausquellende freie Schaffen des Künstlers bedient sich eben
verschiedener Ausdrucksmöglichkeiten ohne deshalb den ihm eigenen
innerlichen Stil zu verleugnen. Dieser ist aber etwas anderes als das
Eingeschworensein auf eine bestimmte kunstgeschichtliche Richtung. Hans
Schaefer hat seinen persönlichen Stil entwickelt, weil sein
Naturell und Schaffen erfüllt sind von lebendiger und
tiefempfundener Leidenschaft für klare und reine Formen, die zur
Ruhe und zum Maßhalten gebändigt sind. Daher liegt über
seinem ganzen Werk jene heitere Ruhe, jene sichere Gelassenheit von
Idee und Ausdruck. Viele zeichnerische, beziehungsweise malerische
Studien eines Motivs sind vorausgegangen, bis sich, - meist in den
Wintermonaten, bei schlechtem Wetter oder sogar wenn die
Herzbeschwerden Hans Schaefer zu schaffen machten, - ein fertiges Bild
herauskristallisierte. Sei es nun eine sorgfältig ausgearbeitete
Bleistiftzeichnung, eine Radierung, ein Ölbild, ein Pastellbild
oder auch ein Exlibris, in jedem Fall ist erkennbar, wie
ausdrucksreiche Techniken Raumwirkung und Empfindung hervorbringen.
Es würde den Rahmen dieser kleinen Plauderei sprengen,
Veröffentlichungen, Beschreibungen seines Wirkens und die
Beteiligung an Kunstausstellungen aufzuzählen. Im In- und Ausland
wurde aus berufenem Munde höchste Anerkennung für seine
Arbeiten und sein Wirken ausgesprochen. Die Stadt Bayreuth ehrte Hans
Schaefer durch die Benennung einer Straße mit seinem Namen.
Nachdem Hans Schaefer aufgrund seines Herzleidens nach einem
segensreichen Wirken als Lehrer pensioniert wurde, begann die
besinnliche Zeit des tätigen Ruhestandes. Angeregt durch
Künstlerfreunde wandte er sich im Alter von 53 Jahren der
Gestaltung in Farbe zu. Er griff zuerst zur Pastellkreide. Dadurch
erkannte er die Notwendigkeit auch Farbstudien zu fertigen, wofür
er bei vielen die Deckfarbenmaltechnik bevorzugte. Die Muße des
Ruhestandes brachte die Möglichkeit, mehr bei Tageslicht und ohne
ständige Unterbrechungen zu arbeiten. Darum blühte die
Ölmalerei bei ihm erst 1960 auf.
Im weiter vorgerückten Alter wurden die Zeiträume durch die
Ausführlichkeit des künstlerischen Wirkens länger und
die Anzahl der angefertigten Arbeiten innerhalb eines Jahres geringer.
Die Studienarbeiten in der Natur mussten schließlich ganz
aufgegeben werden.
Am 15. Januar 1976 erloschen die Augen, die so viel Schönes
geschaut und zum Bild gestaltet hatten, die mit seltener Klarheit von
Anfang an den Weg gesehen hatten, den die Kunst gehen musste, die Hans
Schaefer aus sich selbst entwickelte, den Weg, den er ohne Wanken und
Irrungen gegangen war.
Die Lebenswanderschaft Hans Schaefers ist zu Ende. Die
»Liebe«, die als Schlusswort an diese kleine Plauderei
gesetzt ist, die »Liebe zum Schauen« ist der Schlüssel
zum Zugang in das Werk Hans Schaefers.
Rudolf Mehringer
Plaudereien aus meinem Leben.
von Hans Schaefer

Ich
weiß nicht ob an jenem 22. Juli 1900 ‚ als ich dahinten in der
Sophienstraße 9 geboren wurde‚ die Sonne geschienen hat. Sehen
hätte sie mich doch nicht können‚ denn das Geburtszimmer‚
wenn man es so heißen konnte war doch nur ein dunkler
fensterloser Raum‚ der sich an das damalige Wohnzimmer anschloss .
Heute bilden beide zusammen das Kaffeezimmer . Ich kann mich selbst nur
mehr ganz dunkel an diesen Alkoven erinnern und vielleicht geht die
Erinnerung mehr auf Erzählungen der Eitern und meiner Tante
zurück als auf eigene Anschauung . Aber an das Wohnzimmer kann ich
mich noch erinnern Ich sehe mich noch in dem sonnenhellen Raum ohne
mich aber der Einrichtungsgegenstände genau mehr entsinnen zu
können . Ich war ja auch erst 4 oder 5 Jahre als die
Räumlichkeiten durch Einrichtung eines Kaffeezimmers eine
durchgreifende Änderungen erfuhren. Das Wohnzimmer wurde ohne viel
bauliche Änderungen dazu umgestaltet an den beiden
Längswänden wurden je zwei Marmortische mit Bänken
aufgestellt und in der Mitte hängte ein zweiarmiger
Gaslüster. Er ist mir noch gut in Erinnerung; denn man konnte ihn
nach allen Richtungen drehen und hat bis zur Einrichtung des
elektrischen Lichtes ums Jahr 1909 all der stickenden‚ strickenden und
lesenden Gästen gute Dienste getan. Aus dem Alkoven wurde ein
kleiner Nebenraum‚ der zum Einnehmen der Mahlzeiten bestimmt war. Meine
Eltern hatten ihr Schlafzimmer seitdem im 1. Stock auf den Hof hinaus.
Freilich konnte man sich am Tage im kleinen Zimmer nicht aufhalten‚ es
war düster und erhielt sein Licht durch eine große
doppeltürige Glastüre durchs Kaffeezimmer. Ein kleines
Fenster ging zur Backstube und noch heute entsinne ich mich einer
kleinen Nische in der Backofenwand in der es besonders schön warm
war . Sie war später der Lieblingsplatz unserer Katze‚ der Mopsl.
Die Sonne konnte in diesen Raum also nicht scheinen als ich an dem
bewussten 22. Juli 1900 zu sehr früher Stunde‚ es war 51/2 Uhr‚
diese Welt mit meinem Besuch beehrte; dafür hatte ich mir aber
einen Sonntag herausgesucht und das soll ja immer ein Glückstag
sein. Allerdings hatte ich mich dabei richtig zwischen zwei
Sternzeichen hineingesetzt‚ der Krebs war noch nicht ganz fort und der
Löwe noch nicht da. Vielleicht habe ich von jedem etwas erhalten.
Der Kampf blieb mir bis jetzt nicht erspart und wenn ich manchen
vermied‚ vielleicht war der Krebs daran schuld. Da war mein Bruder mit
seinem Geschenk doch bestimmt eindeutig: er legte mir gleich am ersten
Tag in meine Liegestatt‚ einen Waschkorb‚ eine Kanone hinein und sie
hat mich im Leben nicht verlassen und der Klang der Geschütze hat
mich treulich verfolgt drunten im Burenkrieg drüben in China‚ dann
im Tripolis in der Türkei‚ im Weltenbrand 1914 - 1918 und jetzt
wieder! So war ich also da und wohl zum Leidwesen meiner Mutter
männlichen Geschlechts. Sie war von diesem ihrem letzten Kind
überhaupt nicht entzückt gewesen‚ was ich wohl verstehen
konnte; denn was brachte so ein kleine Wurm in einem Geschäft
nicht alles für Mehrarbeit‚ dazu hatte meine Mutter schon zwei
Kinder wieder hergeben müssen. Draußen im Friedhof lag ihr
erstes Kind‚ ihre Tochter Frieda und das dritte, der Wilhelm‚ beide
kaum ein Vierteljahr alt. Da Mutter keines ihrer Kinder stillen konnte‚
jedes von der ersten Stunde an mit der Flasche ernährt werden
musste‚ wird darin wohl die Ursache zu finden sein. Mutter hing sehr an
diesen beiden Kindern und noch bis zu ihrem Ende hob sie von jedem eine
Haarlocke auf . Ich habe das Schächtelchen mit den Erinnerungen in
meinem Besitz. Und erst im letzten Jahr ihres Lebens (1938)
wünschte sie‚ dass das Kinderbräble nicht mehr angekauft
werde. Es ist doch ein schönes Zeichen von Elternliebe‚ wenn ein
Kindergrab nahezu 45 Jahre gehegt und gepflegt wird. Als sich mein
verstorbener Bruder während des ersten Weltkrieges nicht zur
Stammrolle anmeldete und kurz darauf ein Schutzmann im Laden erschien
um meine Eltern von dieser Nachlässigkeit in Kenntnis zu setzen‚
da meinte mein Vater‚ dass es doch das beste wäre‚ wenn er's ihm
selber sagen würde .“Gehen' S nur 'naus in Friedhof ‚ da liegt er
seit 17 Jahren !" „ Meiner Mutter war der Tod ihrer Frieda besonders
nahe gegangen. Sie war eben eine sehr praktische Geschäftsfrau und
sah sich für spätere Jahre eine gute Hilfe und so kann es
nicht verwundern‚ wenn sie sich nun noch ein Mädchen ersehnte und
wohl etwas enttäuscht war‚ als so ein Lauser erschien .
Dass man so gar nicht auf einen Buben eingerichtet kann man eigentlich
auch aus dem Eintrag im Geburtsregister ersehen‚ dort heißt es, „
dass das Kind einen Vornamen noch nicht erhalten habe." Erst am 13.
August erfolgte die Eintragung des Namen „Heinrich Hans". Freilich
haben sich die Eltern nicht so lange besonnen; denn meine Taufe fand ja
schon am 6. August statt. Sie fand nicht in der Stadtkirche sondern zu
Hause im Wohnzimmer statt. Getauft hat mich der damalige Pfarrer
Reissinger‚ Vater des
Architekten Reissinger,
eine große schlanke Erscheinung. Den Taufkrug hob Tante in ihrem
Sekretär auf und dieser Porzellankrug ist noch heute in meinem
Besitz‚ dient freilich profaneren Zwecken als damals. Ob meine
Taufpaten bei der Taufe hier waren das weiß ich nicht mehr‚ habe
ich doch fast gar keine Erinnerung daran Pate war ein Verwandter‚ ich
glaube Onkel meiner Mutter Stüber mit Namen. Mutter hat mehrere
Jahre ihrer Jugendzeit bei ihnen dort in Wendelstein verlebt. Sie hat
gern von ihnen erzählt und wollte sie dadurch wohl noch enger an
unsere Familie binden. Nur einmal habe ich beide gesehen. Es muss um
das Jahr 1908 oder 1809 gewesen sein. Ich durfte damals mit meiner
Mutter meine 1. Reise nach Nürnberg machen. Damals sind wir nach
Wendelstein gefahren und machten dort Besuch Ich weiß aber nicht
mehr ob wir dort übernachteten. Nur ist mir noch der Bahnhof in
Feucht in Erinnerung‚ wo wir umsteigen mussten Von Wendelstein habe ich
nur mehr ganz unklar ein oder andere Haus im Gedächtnis. Der Pate
selbst wohnte etwas außerhalb an einem Steinbruch in einem roten
Backsteinhaus. Ich bin im Steinbruch herumgeklettert‚ oben standen
Föhren und im Föhrenbestand war eine Art Gartenhaus. Wie Pate
und Patin aussahen‚ kann ich mich nicht mehr entsinnen‚ obwohl wir dort
Kaffee tranken und ich den obligaten Patentaler erhielt. Das war wohl
auch der letzte Besuch meiner Mutter. Diese beiden waren schon alt.
Später erfuhr ich nur von ihrem Tod und das der Bruder meiner
Mutter‚ der Jean (“Schang“) es fertig gebracht hat‚ dass sie und ich
nichts erbten‚ obwohl sie genügend hinterließen. Ich habe
einen Paten nie vermisst‚ denn ich hatte daheim meine Tante Zirkler‚
die Schwester Marie meines Vaters‚ die mir Tante‚ Patin - und Mutter
zugleich war! Sie hat mich vom 1. Tag meines Lebens an betreut bis zu
ihrem Tode 1925 und wenn sich mein Denken schon früh dem
Schönen und der Kunst zuwandte‚ so hab ich all dies ihr allein zu
Danken.
So waren wir zwei Buben im Haus . Mein Bruder Ludwig war damals 4 Jahre
alt‚ er war am 23. Juni 1896 geboren und so bestand beste Aussicht‚
dass sich das Geschäft weitererben konnte. Wer hätte damals
geglaubt‚ dass keine 50 Jahre nach der Gründung des Geschäfts
fremde Leute im Hause sitzen und auch der Name vom Firmenschild
verschwunden ist. Nur die älteren Leute erzählen noch von den
guten Sachen der Konditorei Schaefer.