Helena Wallem

28.06.1873 in Norwegen -
27. 02.1953 (Bayreuth)

Wegbereiterin der Richard-Wagner-Gedenkstätte.

Von Stephan Müller

Helena Wallem / 1873 bis 1953 / Gründerin und Leiterin der Richard- Wagner- Gedenk-stätte. Nur wenige kennen noch den Namen und das Grab mit dieser Inschrift auf dem Bayreuther Stadtfriedhof. Ohne Helena Wallem hätte es die Richard- Wagner- Gedenkstätte, feste Anlaufstelle von Wagnerianern aus aller Welt, nicht gegeben. Am 1. August 2002 ist es 75 Jahre her, dass die Stadt Bayreuth ihre Sammlung kaufte und die Richard- Wagner- Gedenkstätte gründete.
Helena Wallem kam nach dem frühen Tod ihrer Eltern nach Riga. Durch ihren Pflegevater, Wagner- Biograf Carl Friedrich Glasenapp, wurde sie schon in jungen Jahren in Wagners Werk und Lebensgeschichte eingeführt. Als seine Schülerin und Sekretärin half sie ihrem Pflegevater bei der Erstellung der sechsbändigen Wagner- Biografie, die von 1876 bis 1911 herausgegeben wurde. Mit Glasenapp besuchte Wallem ab 1896 regelmäßig die Festspiele.

Im Jahr 1915 starb Glasenapp. Unter großem Aufwand erwarb die damals 42-jährige Frau die komplette Bibliothek und einige Möbelstücke des Haushalts und siedelte sechs Jahre später nach Bayreuth über. In ihrer Privatwohnung in der Friedrichstraße 19 (neben der Stadthalle) richtete sie zu den ersten Nachkriegsfestspielen 1924 ein Glasenapp-Gedenkzimmer und einen Richard- Wagner- Saal ein.
Nach dem Besuch dieser beiden Räume durch die beiden Wagnerianer und Kunst-Mäzene Robert Bartsch und Heinrich Bales wurde die Idee eines Richard- Wagner- Museums geboren. Am 1. August 1927 wurde Wallems Sammlung durch die Stadt Bayreuth erworben und eine Richard- Wagner- Gedenkstätte im Damenflügel des Neuen Schlosses (am heutigen Glasenappweg) eingerichtet. In den drei Sälen wurden Bilder und Dokumente aus Wagners Jugendjahren, aus den Jahren seiner künstlerischen und politischen Kämpfe sowie aus seinen Altersjahren gezeigt. Als neue Leiterin hatte Helena Wallem die Bezeichnung Gedenkstätte ausdrücklich gewünscht.

Mit dem Übergang in städtisches Eigentum wurde der Weg frei für weitere Stiftungen. Der Kölner Fabrikant Bales unterstützte die Gedenkstätte mit zahlreichen Stiftungen und finanzierte Ankäufe, darunter wertvolle Schriften und Möbelstücke. Im Stadtarchiv ist unter anderem über Bales vermerkt, dass er in Rhöndorf Nachbar des damaligen Kölner Oberbürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer war. Zur Wiedereröffnung der Festspiele nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1924 kam er erstmals nach Bayreuth, wo er nach seinem Tod am 26. November 1954 wunschgemäß neben Siegfried Wagner beerdigt wurde. Bartsch übergab der Gedenkstätte mit rund 6000 Büchern eine in der damaligen Zeit fast komplette Wagnerliteratur. Für ihr Mäzenatentum wurden Bales und Bartsch am 22. August 1928 zu Bayreuther Ehrenbürgern ernannt.

Nach der Übernahme der Festspielleitung durch Winifred Wagner im Jahr 1930 war die Altwagnerianerin Helena Wallem in den sogenannten Generationskonflikt verwickelt. Stilfragen, die unterschiedlichen Auffassungen von Werktreue, die Veränderung des Festspielbetriebs und die nun üblichen Presseempfänge im Haus Wahnfried wurden noch widerwillig hingenommen - nicht so die für 1934 geplante Erneuerung des Parsifal. Die Alt-Wagnerianer, angeführt von Hans von Wolzogen, Richard Strauss, dem Bayreuther Oberbürgermeister Karl Schlumprecht und den beiden Cosima-Töchtern Eva Chamberlain und Daniela Thode, wehrten sich gegen die Innovation mit der so genannten Parsifaleingabe: Das Bühnenweihfestspiel sollte weiterhin in der Form der Uraufführung aus dem Jahr 1882 - in den Dekorationen, auf denen das Auge des Meisters geruht hat - aufgeführt werden. Die Petition blieb erfolglos. Auf Anweisung Hitlers wurde der Parsifal mit Bühnenbildern des von Hitler verehrten Alfred Roller neu inszeniert. Als kulturkonservative Museumsleiterin, die das Theater als Museum begreifen wollte, lehnte die Wallem jegliche ästhetische Entwicklung ab.

Ebenfalls 1934 beginnt ihr Konflikt mit dem damals 39-jährigen Dr. Otto Strobel, der von 1932 bis zu seinem Tod im Februar 1953 als Stadtbibliothekar und Archivar des Hauses Wahnfried die Richard- Wagner- Forschungsstätte und das Richard- Wagner- Archiv leitete. Nach dessen erfolgreicher Ausstellung Genie am Werk mit Autographen aus dem Wahnfried-Archiv erwirkte sie von den Stiftern der Richard- Wagner- Gedenkstätte Testamentsnachträge, die Strobel den Zugriff auf ihren Bestand verwehrten.
Während des Zweiten Weltkrieges harrte sie bei allen Luftangriffen in den Museumsräumen aus. Trotz aller gebotenen Hochachtung für ihr Lebenswerk: Helena Wallem war stets unnachgiebig und unbeschreiblich rücksichtslos bei der Verfolgung ihrer Ziele; so weiß die heute 95-jährige, in Bayreuth lebende Tochter von Heinrich Bales, Ursel Gossmann, zu berichten, dass Wallem ihrem Vater durch die Blume nicht nur einmal gedroht habe, nach Amerika auszuwandern. Ihr Vater hätte sie dann immer wieder brav finanziell unterstützt.
Helena Wallem starb im Alter von fast 80 Jahren an einer Grippeerkrankung, wofor sie sich zeitlebens gefürchtet hatte. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie unermüdlich für ihre Gedenkstätte. Nach Helena Wallem (1924 bis 1953) ist der heutige Museumsleiter Dr. Sven Friedrich erst der vierte Leiter dieser städtischen Institution, die im Jahr 1976 in das heutige Richard-Wagner-Museum im Haus Wahnfried überführt wurde.

Quelle: 6. Weiterer Link: Wagnermuseum Bayreuth

Das Grab von Helena Wallem auf dem Bayreuther Stadtfriedhof