Von Albrecht Bald
Im Jahre 1935 erschien im jüdischen Philo-Verlag in Berlin ein
schmaler Gedichtband mit dem hymnischen Titel "Dreiklang. Worte vor
Gott, von Liebe, vom Tag". Einige wenige Texte ragten wegen ihrer
Thematik aus den religiösen, Liebes- und Naturgedichten heraus,
darunter ein Gedicht mit dem Titel Brief an eine Stadt".
Diese auf Bayreuth bezogenen Verse, die trotz der kunstvollen Reime
nicht sonderlich originell wirken, stammen von der in Bayreuth
geborenen Lyrikerin Hilde Marx, die nach 1931 ihre Heimatstadt
verließ, um in Berlin Zeitungswissenschaften, Theater- und
Kunstgeschichte zu studieren. Es würde sich um eines der vielen
Heimatgedichte handeln, in denen die entschwundene Jugendzeit
romantisiert wird, wäre da nicht die scheinbar harmlosbanale
vorletzte Verszeile:
"Dort ist s warm; hier ist mir manchmal kalt." Denn "kalt" war es um
die junge Studentin im Berlin der 30er Jahre in viel umfassenderem Sinn
geworden. Bei den ersten nationalsozialistischen
Repressionsmaßnahmen war sie im Wintersemester 1933/34
zwangsexmatrikuliert worden und durfte nur noch in jüdischen
Zeitungen veröffentlichen. Ihr gezwungenermaßen metaphorisch
formulierter Protest gegen die beginnende Ghettoisierung der Juden (
"hier ist mir manchmal kalt") wurde von den jüdischen Lesern nur
zu gut verstanden. Ob das aus der Rückschau so liebevoll
charakterisierte Bayreuth der 20er Jahre tatsächlich eine so
heitere Atmosphäre aufgewiesen hat, soll im folgenden am Werdegang
der jungen Hilde Marx untersucht werden.
Behütet aufgewachsen
Hilde Marx wurde am 1. November 1911 in Bayreuth geboren. Für die
damaligen Verhältnisse konnte ihre Familie als recht wohlhabend
angesehen werden, führten doch die Eltern ein Textilkaufhaus in
der Richard-Wagner-Straße 4 unter dem Namen des Vorbesitzers
"Kaufhaus Schriefer". Hilde Marx hat diese gutbürgerlichen
Verhältnisse nicht ohne leise Ironie skizziert: Wir waren eine
sehr feine Familie. Es wurde weder über Geld gesprochen bei Tisch
noch über Politik. Und wenn ich mal eine Zeitung angefasst habe,
dann hat mein Vater gesagt: 'Leg die weg. Du verstehst das sowieso
nicht ...' Ich bin, wie man sagt, sehr behütet aufgewachsen."
Sie besuchte die Graserschule und geriet in das frauenfreundliche
Bildungsklima der unmittelbaren Nachkriegszeit. Im Jahre 1919 waren
durch die Reformbeschlüsse der neuen bayerischen Regierung unter
dem Sozialdemokraten Johannes Hoffmann die Tore für
aufstiegsbeflissene Schülerinnen weit geöffnet worden. Dies
stieß bei konservativen Pädagogen nicht unbedingt auf
Gegenliebe. Hilde Marx trat zum Schuljahr 1925/26 in die vierte Klasse
des Humanistischen Gymnasiums ein und zählte damit zu der ersten
Generation von Schülerinnen an dieser Schule.
Tanzstunde verwehrt
Will man das schulische Klima und die Beziehungen der christlichen
Schüler und Lehrer zu den jüdischen Mitschülern
beschreiben, so ist man auf punktuelle Aussagen angewiesen: Glaubt man
Armin Salomon (Abitur 1934), Sohn des letzten Bayreuther Rabbiners Dr.
Felix Salomon, kann von fast normalen Verhältnissen gesprochen
werden. Bei Hilde Marx klingen sehr viel negativere Aspekte an, wenn
sie die Bayreuther Jahre nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt und - wie
Lotte Warburg - die Wagner-Familie in ihrer Bedeutung für die
Bevölkerung als "Königshaus" charakterisiert, das eine
"Quelle des Antisemitismus" gewesen sei.
"Ich habe Bayreuth kennen gelernt als Wagnerstadt. Ich bin in die
Schule gegangen mit allen vier Wagnerenkeln ... Eine meiner ersten
Erinnerungen war, dass ich angespuckt wurde, weil ich jüdisch war
Das war zu einer Zeit, wo der Rest Deutschlands noch kaum wusste, wer
Hitler war. Aber Hitler war damals häufig in der Villa Wahnfried,
und der Eindruck ist einfach nicht auszulöschen. Ich konnte als
junges Mädchen in keine Tanzstunde gehen .. . Also habe ich
wirklich sehr früh Antisemitismus kennen gelernt."
Nach Angaben von Hilde Marx gab es in Bayreuth viele Leute, die nicht
in jüdischen Geschäften einkauften. "Man hat damit gelebt",
dokumentiert sie in der Rückschau eher lakonisch ihre damalige
Einschätzung. Der gute alte Antisemitismus oder der
gemütliche alte Antisemitismus ... So war das eben. Da hat man
auch gar nichts dagegen getan, man hat es gar nicht versucht..."
Stolz auf Jean-Paul-Preis
Offenbar waren die Lehrer schon frühzeitig auf ihr literarisches
Talent aufmerksam geworden. Sie sollte auch bald die Möglichkeit
haben, mit eigenen Texten an die Öffentlichkeit zu treten. Um den
Anschluss an die Jean-Paul-Renaissance der 20er Jahre nicht zu
verpassen, beschloss der Stadtrat im Oktober 1929 einstimmig die
alljährliche Verleihung eines Jean-Paul-Preises (Dotierung 50
Mark) für Schüler der Mittelschulen. Unter den neun
Preisträgern war auch Hilde Marx, die damals die vorletzte
Gymnasialklasse besucht. Als sie 1944, schon im amerikanischen Exil
für die einzige deutschsprachige Literatursendung im Rundfunk
interviewt wurde, klang neben gutmütiger Ironie auch Stolz bei der
Beschreibung der Preisverleihung an: Ich musste eine nächtliche
Wanderung nach der Rollwenzelei - Jean Pauls 'hideout' zum Schreiben -
machen. Um mich waren lauter bärtige Professoren und die ganze
Zeremonie ging bei Kerzenbeleuchtung vor sich. - Es sitzt mir heute
noch in den Gliedern."
Als Talent entdeckt
Auch Karl Meier-Gesees, der Herausgeber der Heimatbeilage "Bayreuther
Land", wurde jetzt auf das junge Talent aufmerksam. So erschienen von
1930 bis 1932 sieben meist kurze Gedichte in der Beilage, von denen
zwei ("Man geht über viele Straßen..." und "Sang der Jungen"
aus dem Jahre 1931) in die spätere Lyriksammlung "Dreiklang"
übernommen wurden.
Nach der Reifeprüfung begann Hilde Marx im Wintersemester 1931/32
das Studium in Berlin, wobei der bekannte Zeitungswissenschaftler Emil
Dovivat ihr besonders Vorbild wurde. Als im April 1933 das "Gesetz
gegen Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen" in
Kraft trat, das sich gegen jüdische Schüler und Studenten
richtete, musste Hilde Marx die Universität verlassen, konnte
allerdings mit Dovivats Empfehlung bei der jüdischen C.-V-Zeitung
als freie Mitarbeiterin unterkommen. In der Folgezeit lässt sich
bei ihr, wie auch bei anderen assimilierten Juden, eine Neubelebung des
Religionsverständnisses feststellen. Hilde Marx: "Das war meine
Art zu überleben. Jeder hat eine andere gefunden... Ich habe mich
in die Religion gestürzt, das ist wirklich der einzige Ausdruck,
den ich sagen kann."
Sie veröffentlichte zunächst weitere Gedichte, und zwar 1934
unter dem Namen "Marx-Peters" im Selbstverlag eine Gedichtsammlung mit
dem Titel "Im Vers gefangen". Daneben betätigte sie sich
journalistisch und lernte dieses Metier von Grund auf. Mit der
erwähnten zweiten Gedichtveröffentlichung "Dreiklang" aus dem
Jahre 1935 erlangte Hilde Marx einen gewissen Bekanntheitsgrad
innerhalb der jüdischen literarischen Öffentlichkeit.
Für das bewusst an den Schluss gesetzte Gedicht "Chor der
jüdischen Frauen in Deutschland", das im Mai 1935 sogar als
Sonderdruck in der C.-V.-Zeitung erschien, wurde Hilde Marx im gleichen
Jahr mit dem Literaturpreis der Künstlerhilfe der jüdischen
Gemeinde Berlin ausgezeichnet.
Offensichtlich hatte die erst 23-jährige Lyrikerin mit ihrem
kraftvollen, von intensivem Gottvertrauen geprägten Appell sowie
der Versicherung, in Deutschland bleiben zu wollen, eine weit
verbreitete Stimmungslage innerhalb der jüdischen Bevölkerung
getroffen. Mit ihren gar nicht sonderlich verschlüsselten
Hinweisen auf die Entrechtung der Juden hatte sie indes die von der
Zensur gezogenen Grenzen eines lyrischen Appells überschritten.
Die Gedichtsammlung "Dreiklang" wurde verboten. Es spricht für die
ungebrochene Wertschätzung deutscher Literatur, dass sich Hilde
Marx nun in den Verbotslisten neben Thomas Mann wiederfand, "weil ich
im Alphabet gleich hinter ihm kam. Das war einer der stolzesten Momente
in meinem Leben."
Von der Gestapo überwacht
Hilde Marx lebte weiterhin von ihrer journalistischen Arbeit, sogar als
Texterin eines Kabaretts jüdischer Autoren trat sie 1937 hervor.
Unter ihren Artikeln ist auch ein einfühlsamer Beitrag über
die Jüdische Internatsschule in Coburg zu finden. Ein Prosaband
mit dem Titel "Ein Bündel Briefe" durfte nicht mehr
veröffentlicht werden. Gleichzeitig reiste sie zu
Rezitationsabenden für das jüdische Publikum in ganz
Deutschland herum. Diese Abende wurden von der Gestapo überwacht.
Insbesondere in kleineren Städten gab Hilde Marx in unbeobachteten
Momenten die letzten Neuigkeiten bzw. Einschätzungen aus Berlin
weiter, die für ihr Publikum wohl wichtiger waren als das
Rezitieren - und für die junge Journalistin nicht
ungefährlich. Auch in Bayreuth trug sie vor der jüdischen
Gemeinde beim Chanukka-Fest Gedichte vor.
Sie lebte weiterhin in Berlin, wohin ihre Eltern 1936 gezogen waren,
und besuchte die Olympiade 1936. Ihre Vortragsreisen, die sie als eine
Art Verpflichtung gegenüber den jüdischen Gemeinden ansah,
hielten sie von der Emigration ab, aber auch die illusorische
Vorstellung, bis zum Niedergang des Hitler-Regimes ausharren zu
können. Sie wurde jedoch im Winter 1937/38 von der Gestapo unter
Androhung von KZ-Haft förmlich zur Ausreise in die
Tschechoslowakei gezwungen, weil sie sich weigerte, ein
Auslandsguthaben in Pilsen nach Deutschland zu transferieren. Aus der
Rückschau des Jahres 1982 trat mit dieser erzwungenen Emigration
auch eine qualitative Änderung in der Glaubenszuversicht ein, die
freilich kaum so abrupt verlaufen sein dürfte, wie es formuliert
wurde: "An dem Tag, an dem ich aus Deutschland herausgegangen bin, war
ich freiwillig in keinem Tempel mehr. Ich habe angefangen zu denken.
Ich kann eben nicht darüber hinweg. Wo war denn der liebe Gott
oder wer immer?"
Über die folgenden fünfzig Jahre von der Einreise in die
Tschechoslowakei im Winter 1937/38 bis zum Tode 1986 in New York ist
vergleichsweise wenig bekannt. Das kann einmal darauf
zurückgeführt werden, dass sie nur noch den schmalen
Gedichtband "Bericht" (1951) veröffentlicht hat und spätere
Gedichte im "New Yorker Aufbau" noch nicht ausgewertet sind. Zum
anderen ist der umfangreiche Nachlass von Hilde Marx erst seit 1995
über die State University of New York at Albany zugänglich.
Ausreise in die USA
Hilde Marx versuchte sich in Prag mit journalistischen
Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten und hatte bei ihrer
Tätigkeit auch mit Max Brod Kontakt. IN seinem "Prager Tagblatt"
wurden einige Gedichte veröffentlicht. Als sich ihre
Lebensumstände immer mehr zuspitzten und die Nationalsozialisten
nach dem Einsmarsch ins Sudetenland im Oktober 1938 in unmittelbarer
Nähe standen, aber auch weil eine Ausweisung durch die
tschechische Regierung drohte, beschloss sie, die Ausreise in die USA
zu wagen. Sie aktivierte eine seit 1934 bestehende Briefverbindung zu
einem ihr persönlich nicht bekannten Amerikaner, der ihr schon
1934 ein Affidavit angeboten hatte. Mit viel gutem Willen des
US-Konsuls erhielt sie schließlich das begehrte Visum. Am 14.
November 1938 traf die 27-Jährige in New York ein, noch immer mit
jugendlichem Elan. Die Ernüchterung stellte sich indes schnell
ein. Sie musste sich zunächst ihren Lebensunterhalt als
Gelegenheitsarbeiterin, so als Kindermädchen, Verkäuferin und
Altenbetreuerin verdienen, bis sie ihr Diplom als Masseurin erhielt.
Englisch lernte sie durch Kinobesuche, und ein mehrstündiges
Gedichtrepertoire eignete sie sich beim Massieren an.
"One Woman Show"
In diesen ersten USA-Jahren ist auch eine der Wurzeln zu ihrer
späteren "One Woman Show" zu finden. Um sich der deutschen Sprache
und Literatur als Kulturgut weiterhin zu vergewissern, veranstalteten
die Emigranten Leseabende, bei denen auch Hilde Marx vertreten war.
Unter dem Eindruck der US- Emigration begann sich ihr
pathetisch-überhöhter lyrischer Stil zu verändern. So
heißt es über einen "Abend der Dichterinnen" im Mai 1940,
auf dem auch Erika Mann, Lessie Sachs und Mascha Kaleko aus eigenen
Werken lasen, dass Hilde Marx die Alltagsrealität "in einem Ton
ungezwungener Selbstverständlichkeit" wiedergebe.
Den Versuch, an der Columbia-Umversität weiter zu studieren,
musste sie aus finanziellen Gründen bald aufgeben. Als Masseurin
und Gymnastiklehrerin verdiente sie gerade so viel, um 1941 ihren
Eltern die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Das Jahr 1943
sollte in zweifacher Hinsicht zu einer Art Lebenshöhepunkt werden.
Sie wurde eingebürgert und vermählte sich mit einem
Jugendfreund und näherem Verwandten, dem Arzt Dr. Erwin
Feigenheimer. Ihre finanzielle Lage blieb jedoch angespannt, vor allem
als ihr Mann Soldat im Zweiten Weltkrieg war. In diesen Jahren wurden
drei Töchter geboren.
1951 wurde ihr dritter und letzter Gedichtband "Bericht"
veröffentlicht, der größtenteils im "Aufbau"
abgedruckte Gedichte der Jahre 1938 bis 1951 enthielt. In dem
titelgebenden Gedicht aus dem Jahr 1944 finden sich sowohl
autobiographische Bezüge als auch Kritik an der amerikanischen
Gesellschaft mit ihrer Rassendiskriminierung und ihren krassen sozialen
Unterschieden. Mittlerweile hatte sich die Familie in dem kleinen Ort
Saratoga bei New York niedergelassen, wo man eine Hotelpension betrieb,
während Dr. Feigenheimer als Badearzt arbeitete. Später
siedelte man dann nach Forest Hills im New Yorker Stadtteil Queens
über, wo es eine deutsch-jüdische Kolonie gab.
Bekannt wurde Hilde Marx in den USA durch ihre "One Woman Show", auf
deren Höhepunkt sie 1959 sogar im Haus der Präsidentenwitwe
Eleanor Roosevelt auftrat. Diese Vortragsreisen hatten wenig zu tun mit
den "Lecturer"-Tours deutscher Emigranten während des Zweiten
Weltkriegs. Sie knüpfte nicht an die antifaschistische
Stoßrichtung der deutschen Emigranten an, sondern mehr an ihre
Rezitationsabende im Nazi-Deutschland. Sie mischte Ernstes mit
Heiterem, trug Monologe vor ( "Urteil über Eva"), dramatisierte
Szenen aus dem jüdischen und christlichen Bereich, las eigene
Lyrik und ging auch auf klassische deutsche Autoren ein. Für die
Redaktion des "Aufbau" war sie bis kurz vor ihrem Tode tätig.
Als Hilde Marx 1982 interviewt wurde, bekannte sie, dass sie schon
einmal für sehr kurze Zeit in Bayreuth gewesen sei. Aber es
bedurfte erst der Initiative von Josef Gothart, dem Vorsteher der
Jüdischen Gemeinde, um einen Besuch zustande zu bringen. Zusammen
mit der Stadt, der Universität und dem Lyriker Jochen Lobe, wie
Hilde Marx Schüler und seit 1968 auch Lehrer am Humanistischen
Gymnasium, gelang es, einen Kurzbesuch für Juni 1986 zu
arrangieren. Sie fuhr mit sehr gemischten Gefühlen in ihren
Geburtsort, letztlich sah sie jedoch ihren Besuch als Verpflichtung an,
jüngeren Menschen die Erfahrungen ihrer Generation zu vermitteln.
Dies tat sie am 16. Juni vor den Schülern ihres ehemaligen
Gymnasiums. Ganz unvergessen war sie in Bayreuth nicht; das bewiesen
die Anfragen einiger alter Bekannter und interessierter Bayreuther. Mit
einer Schulfreundin und einer Verkäuferin aus dem
Textilgeschäft ihrer Eltern gab es ein Wiedersehen. Der Besuch
blieb jedoch nicht von den Brüchen des deutsch-jüdischen
Verhältnisses verschont. Am 18. Juni las sie vor nicht allzu
vielen Zuhörern aus Werken von Kästner, Heine, Rilke und
Brecht; aber auch ihre eigenen Texte und sogar ein Lied in Bayreuther
Mundart trug sie vor. Engerer Kontakt ergab sich zu Jochen Lobe, dessen
ganz anders konzipierte Lyrik Hilde Marx sehr schätzte, besonders
das Bayreuth-Gedicht "Fundort", worin Lobe seine Jugendjahre in der
Wagnerstadt thematisiert. Sie hat den Unterschied zu ihrem eigenen -
lyrischen Schaffen gleichermaßen klug wie prägnant in einem
Brief an Lobe auf den Punkt gebracht. "Was müssen Sie eigentlich
von meinen Gedichten denken? Vorsintflutlich? Vielleicht nicht, da Sie
ein weiser und großzügiger Mensch sind, dem die Unterschiede
in allem Menschlichen klar sind. Was ist menschlicher als Gedichte,
selbst wenn sie sich reimen?"
Zu Gast in der Heimatstadt
Kurz nachdem Hilde Marx wieder abgereist war kam es zwischen Lobe und
Oberbürgermeister Hans Walter Wild zu einer Leserbriefkontroverse.
Lobe bezog sich auf die Abwesenheit offizieller Vertreter der Stadt bei
den Lesungen und kritisierte die allzu geschäftsmäßige
Routine ohne sensiblere menschliche Akzente, während Wild das
Buchgeschenk sowie das einstündige Gespräch im Rathaus
für adäquat erachtete. Mit diesen Leserbriefen kreuzte sich
das Dankesschreiben der mittlerweile nach New York zurückgekehrten
Autorin an das Stadtoberhaupt. Es war für sie, wie sie es selbst
formuliert hatte, "der schwerste Job, den ich je gemacht habe". Schon
von einer schweren Krankheit gezeichnet, fasste sie ihre Empfindungen
folgendermaßen zusammen: "Bayreuth, ein Wiedersehen, eine
Neuentdeckung. Als ich es verließ, war ich besorgt, wie ich den
nächsten Tag überleben würde. Ich sah nicht um mich. Das
tat ich jetzt. Und fühlte mich, zum ersten Mal in 55 Jahren, als
Emigrantin."
Hide Marx starb im Alter von 74 Jahren am 4. Oktober 1986 in New York.
Ein tiefer Ton der Bedrückung begleitete in den letzten Wochen
die wenigen Eingeweihten, die wussten, dass Hilde Marx nach ihrem
Besuch in Bayreuth Mitte Juni dieses Jahres in Hew York an den Folgen einer
schweren Operation darniederlag. Nun ist aus diesem Gefühl niederdrückende
Gewissheit geworden:
Hilde Marx ist am 3. Oktober, vor Vollendung ihres 75. Lebensjahres,
unerwartet schnell an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Sie war bis
in ihre letzten Tage ein Mensch klarer Aussagen, der am Leben hing, stets
entschieden und heftig lebte. Unsere junge Bekanntschaft war eine jähe
Brücke, die sich weit erhob über Generationenunterschiede und
die politischen Untiefen der Zeitgeschichte. Zwar hatte sie nichts vergessen,
was ihr als Jüdin geschehen war, aber das machte sie mit sich selbst
ab. Vor allem: Sie hatte die Fähigkeit, versöhnlich die Hand
zu geben. Das zumindest war ihre Botschaft an die Jugend und an die, die
überhaupt Kontakt zu ihr während ihres kursen Bayreuth-Aufenthalts
suchten.
Sie wusste: Unter dem schönen Schein öffentlicher Oberfläche
war nicht viel von dem zu finden, was sie suchte md weshalb sie eigentlich
noch einmal nach Bayreuth gekommen war. Was sie anbot, waren keine rhetorischen
Versöhnungsgesten, sondern das Äußerste an Hoffnung, was
ein Mensch nach diesen politischen Erfahrungen nach außen zeigen
konnte. Ihre Entscheidung, nach 50 Jahren Exil, die Geburtsstadt noch einmal
zu besuchen, wurde von der politischen Unsicherheit des amerikanisch-libyschen
Verhältnisses überschattet, was Hilde Marx dazu zwang, zunächst
ihre Zusage zurückzunehmen. Aber kaum gab es einen Schimmer Hoffnung
auf Stornierung dieses Konflikts, klingelte nachts das Telefon, und forsch
fragte sie aus Hew York an, ob nicht vielleicht doch noch kurzfristig ihr
Besuch in Bayreuth zu arrangieren sei.
Heute muss ich es so sehen: Es trieb sie nach Bayreuth. Sie wollte
nichts mehr aufschieben, Sie hatte hier noch niemanden, den sie gezielt
ansprechen wollte. Doch schon vor ihrer Ankunft klingelte häufig das
Telefon, weil Bekannte aus alten Zeiten und interessierte Bayreuther Näheres
über ihren Aufenthalt in Erfahrung bringen wollten. Und als sie dann
im Goldenen Anker ziemlich kaputt von den Anstrengungen des Flugs ankam,
begrüßten sie nicht nur die städtisch-offiziellen Rosen,
sondern mehrere Blumensträuße und Willkommensgrüße,
wovon sie sich beglückt, ja überwältigt zeigte. Das unerwartete
Wiedersehen mit einer Schulfreundin und einer ehemaligen Verkäuferin
aus dem väterlichen Geschäft ging ihr sehr nah. Dass sie
geradezu überschwenglich dankbar sein konnte, erfuhr jeder, der mit
Ihr zu tun bekommen hatte. Aber auch erste Schatten wurden sichtbar, als
sie beispielsweise in ihrem ersten Brief nach dem Bayreuth-Besuch schrieb:
„Ich muss zugeben, dass ich noch nicht wieder ganz ich selbst
bin. Bayreuth, mit allem, was es war, hat mich viel tiefer beeindruckt
und, ehrlich gesagt, mitgenommen, als ich es geahnt hätte. Aber das
Ergebnis war positiv, sehr positiv. Und ich bin sehr glücklich, dass
ich diese Reise gemacht habe.« Sehnsüchtig erwartete sie in
Hew York „mein Paket mit allen Bayreuther Schätzen«, das waren
unter anderem Ihre ersten Gedichtpublikationen in der Bayreuther Zeitung,
das Original Ihres Abitursufsatzea und ein Stich des alten Gymnasiums in
der Friedrichstraße. Mit diesen aufgefrischten Erinnerungen wollte
sie nun in Frieden leben. Aber sie schrieb auch anlässlich des
Todes ihres Hundes: "Ich bin im Moment sehr traurig und einsam, trotzdem
erlaube ich mir die Zeit zu trauern, weil es (ich weiß es aus Erfahrung)
der einzige Heilungsprozess ist..." Es war ihr nicht vergönnt
auszutrauern. Das überlässt ihr Tod nun denen, die sie so
schnell nicht vergessen werden.