Hilde Marx


* 01.11.1911 (Bayreuth)
† 03.10.1986 (New York)
Von Albrecht Bald

Im Jahre 1935 erschien im jüdischen Philo-Verlag in Berlin ein schmaler Gedichtband mit dem hymnischen Titel "Dreiklang. Worte vor Gott, von Liebe, vom Tag". Einige wenige Texte ragten wegen ihrer Thematik aus den religiösen, Liebes- und Naturgedichten heraus, darunter ein Gedicht mit dem Titel Brief an eine Stadt".
Diese auf Bayreuth bezogenen Verse, die trotz der kunstvollen Reime nicht sonderlich originell wirken, stammen von der in Bayreuth geborenen Lyrikerin Hilde Marx, die nach 1931 ihre Heimatstadt verließ, um in Berlin Zeitungswissenschaften, Theater- und Kunstgeschichte zu studieren. Es würde sich um eines der vielen Heimatgedichte handeln, in denen die entschwundene Jugendzeit romantisiert wird, wäre da nicht die scheinbar harmlosbanale vorletzte Verszeile:
"Dort ist s warm; hier ist mir manchmal kalt." Denn "kalt" war es um die junge Studentin im Berlin der 30er Jahre in viel umfassenderem Sinn geworden. Bei den ersten nationalsozialistischen Repressionsmaßnahmen war sie im Wintersemester 1933/34 zwangsexmatrikuliert worden und durfte nur noch in jüdischen Zeitungen veröffentlichen. Ihr gezwungenermaßen metaphorisch formulierter Protest gegen die beginnende Ghettoisierung der Juden ( "hier ist mir manchmal kalt") wurde von den jüdischen Lesern nur zu gut verstanden. Ob das aus der Rückschau so liebevoll charakterisierte Bayreuth der 20er Jahre tatsächlich eine so heitere Atmosphäre aufgewiesen hat, soll im folgenden am Werdegang der jungen Hilde Marx untersucht werden.

Behütet aufgewachsen
Hilde Marx wurde am 1. November 1911 in Bayreuth geboren. Für die damaligen Verhältnisse konnte ihre Familie als recht wohlhabend angesehen werden, führten doch die Eltern ein Textilkaufhaus in der Richard-Wagner-Straße 4 unter dem Namen des Vorbesitzers "Kaufhaus Schriefer". Hilde Marx hat diese gutbürgerlichen Verhältnisse nicht ohne leise Ironie skizziert: Wir waren eine sehr feine Familie. Es wurde weder über Geld gesprochen bei Tisch noch über Politik. Und wenn ich mal eine Zeitung angefasst habe, dann hat mein Vater gesagt: 'Leg die weg. Du verstehst das sowieso nicht ...' Ich bin, wie man sagt, sehr behütet aufgewachsen."
Sie besuchte die Graserschule und geriet in das frauenfreundliche Bildungsklima der unmittelbaren Nachkriegszeit. Im Jahre 1919 waren durch die Reformbeschlüsse der neuen bayerischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Johannes Hoffmann die Tore für aufstiegsbeflissene Schülerinnen weit geöffnet worden. Dies stieß bei konservativen Pädagogen nicht unbedingt auf Gegenliebe. Hilde Marx trat zum Schuljahr 1925/26 in die vierte Klasse des Humanistischen Gymnasiums ein und zählte damit zu der ersten Generation von Schülerinnen an dieser Schule.

Tanzstunde verwehrt
Will man das schulische Klima und die Beziehungen der christlichen Schüler und Lehrer zu den jüdischen Mitschülern beschreiben, so ist man auf punktuelle Aussagen angewiesen: Glaubt man Armin Salomon (Abitur 1934), Sohn des letzten Bayreuther Rabbiners Dr. Felix Salomon, kann von fast normalen Verhältnissen gesprochen werden. Bei Hilde Marx klingen sehr viel negativere Aspekte an, wenn sie die Bayreuther Jahre nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt und - wie Lotte Warburg - die Wagner-Familie in ihrer Bedeutung für die Bevölkerung als "Königshaus" charakterisiert, das eine "Quelle des Antisemitismus" gewesen sei.
"Ich habe Bayreuth kennen gelernt als Wagnerstadt. Ich bin in die Schule gegangen mit allen vier Wagnerenkeln ... Eine meiner ersten Erinnerungen war, dass ich angespuckt wurde, weil ich jüdisch war Das war zu einer Zeit, wo der Rest Deutschlands noch kaum wusste, wer Hitler war. Aber Hitler war damals häufig in der Villa Wahnfried, und der Eindruck ist einfach nicht auszulöschen. Ich konnte als junges Mädchen in keine Tanzstunde gehen .. . Also habe ich wirklich sehr früh Antisemitismus kennen gelernt."
Nach Angaben von Hilde Marx gab es in Bayreuth viele Leute, die nicht in jüdischen Geschäften einkauften. "Man hat damit gelebt", dokumentiert sie in der Rückschau eher lakonisch ihre damalige Einschätzung. Der gute alte Antisemitismus oder der gemütliche alte Antisemitismus ... So war das eben. Da hat man auch gar nichts dagegen getan, man hat es gar nicht versucht..."

Stolz auf Jean-Paul-Preis
Offenbar waren die Lehrer schon frühzeitig auf ihr literarisches Talent aufmerksam geworden. Sie sollte auch bald die Möglichkeit haben, mit eigenen Texten an die Öffentlichkeit zu treten. Um den Anschluss an die Jean-Paul-Renaissance der 20er Jahre nicht zu verpassen, beschloss der Stadtrat im Oktober 1929 einstimmig die alljährliche Verleihung eines Jean-Paul-Preises (Dotierung 50 Mark) für Schüler der Mittelschulen. Unter den neun Preisträgern war auch Hilde Marx, die damals die vorletzte Gymnasialklasse besucht. Als sie 1944, schon im amerikanischen Exil für die einzige deutschsprachige Literatursendung im Rundfunk interviewt wurde, klang neben gutmütiger Ironie auch Stolz bei der Beschreibung der Preisverleihung an: Ich musste eine nächtliche Wanderung nach der Rollwenzelei - Jean Pauls 'hideout' zum Schreiben - machen. Um mich waren lauter bärtige Professoren und die ganze Zeremonie ging bei Kerzenbeleuchtung vor sich. - Es sitzt mir heute noch in den Gliedern."

Als Talent entdeckt
Auch Karl Meier-Gesees, der Herausgeber der Heimatbeilage "Bayreuther Land", wurde jetzt auf das junge Talent aufmerksam. So erschienen von 1930 bis 1932 sieben meist kurze Gedichte in der Beilage, von denen zwei ("Man geht über viele Straßen..." und "Sang der Jungen" aus dem Jahre 1931) in die spätere Lyriksammlung "Dreiklang" übernommen wurden.
Nach der Reifeprüfung begann Hilde Marx im Wintersemester 1931/32 das Studium in Berlin, wobei der bekannte Zeitungswissenschaftler Emil Dovivat ihr besonders Vorbild wurde. Als im April 1933 das "Gesetz gegen Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen" in Kraft trat, das sich gegen jüdische Schüler und Studenten richtete, musste Hilde Marx die Universität verlassen, konnte allerdings mit Dovivats Empfehlung bei der jüdischen C.-V-Zeitung als freie Mitarbeiterin unterkommen. In der Folgezeit lässt sich bei ihr, wie auch bei anderen assimilierten Juden, eine Neubelebung des Religionsverständnisses feststellen. Hilde Marx: "Das war meine Art zu überleben. Jeder hat eine andere gefunden... Ich habe mich in die Religion gestürzt, das ist wirklich der einzige Ausdruck, den ich sagen kann."
Sie veröffentlichte zunächst weitere Gedichte, und zwar 1934 unter dem Namen "Marx-Peters" im Selbstverlag eine Gedichtsammlung mit dem Titel "Im Vers gefangen". Daneben betätigte sie sich journalistisch und lernte dieses Metier von Grund auf. Mit der erwähnten zweiten Gedichtveröffentlichung "Dreiklang" aus dem Jahre 1935 erlangte Hilde Marx einen gewissen Bekanntheitsgrad innerhalb der jüdischen literarischen Öffentlichkeit. Für das bewusst an den Schluss gesetzte Gedicht "Chor der jüdischen Frauen in Deutschland", das im Mai 1935 sogar als Sonderdruck in der C.-V.-Zeitung erschien, wurde Hilde Marx im gleichen Jahr mit dem Literaturpreis der Künstlerhilfe der jüdischen Gemeinde Berlin ausgezeichnet.
Offensichtlich hatte die erst 23-jährige Lyrikerin mit ihrem kraftvollen, von intensivem Gottvertrauen geprägten Appell sowie der Versicherung, in Deutschland bleiben zu wollen, eine weit verbreitete Stimmungslage innerhalb der jüdischen Bevölkerung getroffen. Mit ihren gar nicht sonderlich verschlüsselten Hinweisen auf die Entrechtung der Juden hatte sie indes die von der Zensur gezogenen Grenzen eines lyrischen Appells überschritten. Die Gedichtsammlung "Dreiklang" wurde verboten. Es spricht für die ungebrochene Wertschätzung deutscher Literatur, dass sich Hilde Marx nun in den Verbotslisten neben Thomas Mann wiederfand, "weil ich im Alphabet gleich hinter ihm kam. Das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben."

Von der Gestapo überwacht
Hilde Marx lebte weiterhin von ihrer journalistischen Arbeit, sogar als Texterin eines Kabaretts jüdischer Autoren trat sie 1937 hervor. Unter ihren Artikeln ist auch ein einfühlsamer Beitrag über die Jüdische Internatsschule in Coburg zu finden. Ein Prosaband mit dem Titel "Ein Bündel Briefe" durfte nicht mehr veröffentlicht werden. Gleichzeitig reiste sie zu Rezitationsabenden für das jüdische Publikum in ganz Deutschland herum. Diese Abende wurden von der Gestapo überwacht. Insbesondere in kleineren Städten gab Hilde Marx in unbeobachteten Momenten die letzten Neuigkeiten bzw. Einschätzungen aus Berlin weiter, die für ihr Publikum wohl wichtiger waren als das Rezitieren - und für die junge Journalistin nicht ungefährlich. Auch in Bayreuth trug sie vor der jüdischen Gemeinde beim Chanukka-Fest Gedichte vor.
Sie lebte weiterhin in Berlin, wohin ihre Eltern 1936 gezogen waren, und besuchte die Olympiade 1936. Ihre Vortragsreisen, die sie als eine Art Verpflichtung gegenüber den jüdischen Gemeinden ansah, hielten sie von der Emigration ab, aber auch die illusorische Vorstellung, bis zum Niedergang des Hitler-Regimes ausharren zu können. Sie wurde jedoch im Winter 1937/38 von der Gestapo unter Androhung von KZ-Haft förmlich zur Ausreise in die Tschechoslowakei gezwungen, weil sie sich weigerte, ein Auslandsguthaben in Pilsen nach Deutschland zu transferieren. Aus der Rückschau des Jahres 1982 trat mit dieser erzwungenen Emigration auch eine qualitative Änderung in der Glaubenszuversicht ein, die freilich kaum so abrupt verlaufen sein dürfte, wie es formuliert wurde: "An dem Tag, an dem ich aus Deutschland herausgegangen bin, war ich freiwillig in keinem Tempel mehr. Ich habe angefangen zu denken. Ich kann eben nicht darüber hinweg. Wo war denn der liebe Gott oder wer immer?"
Über die folgenden fünfzig Jahre von der Einreise in die Tschechoslowakei im Winter 1937/38 bis zum Tode 1986 in New York ist vergleichsweise wenig bekannt. Das kann einmal darauf zurückgeführt werden, dass sie nur noch den schmalen Gedichtband "Bericht" (1951) veröffentlicht hat und spätere Gedichte im "New Yorker Aufbau" noch nicht ausgewertet sind. Zum anderen ist der umfangreiche Nachlass von Hilde Marx erst seit 1995 über die State University of New York at Albany zugänglich.

Ausreise in die USA
Hilde Marx versuchte sich in Prag mit journalistischen Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten und hatte bei ihrer Tätigkeit auch mit Max Brod Kontakt. IN seinem "Prager Tagblatt" wurden einige Gedichte  veröffentlicht. Als sich ihre Lebensumstände immer mehr zuspitzten und die Nationalsozialisten nach dem Einsmarsch ins Sudetenland im Oktober 1938 in unmittelbarer Nähe standen, aber auch weil eine Ausweisung durch die tschechische Regierung drohte, beschloss sie, die Ausreise in die USA zu wagen. Sie aktivierte eine seit 1934 bestehende Briefverbindung zu einem ihr persönlich nicht bekannten Amerikaner, der ihr schon 1934 ein Affidavit angeboten hatte. Mit viel gutem Willen des US-Konsuls erhielt sie schließlich das begehrte Visum. Am 14. November 1938 traf die 27-Jährige in New York ein, noch immer mit jugendlichem Elan. Die Ernüchterung stellte sich indes schnell ein. Sie musste sich zunächst ihren Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiterin, so als Kindermädchen, Verkäuferin und Altenbetreuerin verdienen, bis sie ihr Diplom als Masseurin erhielt. Englisch lernte sie durch Kinobesuche, und ein mehrstündiges Gedichtrepertoire eignete sie sich beim Massieren an.

"One Woman Show"
In diesen ersten USA-Jahren ist auch eine der Wurzeln zu ihrer späteren "One Woman Show" zu finden. Um sich der deutschen Sprache und Literatur als Kulturgut weiterhin zu vergewissern, veranstalteten die Emigranten Leseabende, bei denen auch Hilde Marx vertreten war. Unter dem Eindruck der US- Emigration begann sich ihr pathetisch-überhöhter lyrischer Stil zu verändern. So heißt es über einen "Abend der Dichterinnen" im Mai 1940, auf dem auch Erika Mann, Lessie Sachs und Mascha Kaleko aus eigenen Werken lasen, dass Hilde Marx die Alltagsrealität "in einem Ton ungezwungener Selbstverständlichkeit" wiedergebe.
Den Versuch, an der Columbia-Umversität weiter zu studieren, musste sie aus finanziellen Gründen bald aufgeben. Als Masseurin und Gymnastiklehrerin verdiente sie gerade so viel, um 1941 ihren Eltern die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Das Jahr 1943 sollte in zweifacher Hinsicht zu einer Art Lebenshöhepunkt werden. Sie wurde eingebürgert und vermählte sich mit einem Jugendfreund und näherem Verwandten, dem Arzt Dr. Erwin Feigenheimer. Ihre finanzielle Lage blieb jedoch angespannt, vor allem als ihr Mann Soldat im Zweiten Weltkrieg war. In diesen Jahren wurden drei Töchter geboren.
1951 wurde ihr dritter und letzter Gedichtband "Bericht" veröffentlicht, der größtenteils im "Aufbau" abgedruckte Gedichte der Jahre 1938 bis 1951 enthielt. In dem titelgebenden Gedicht aus dem Jahr 1944 finden sich sowohl autobiographische Bezüge als auch Kritik an der amerikanischen Gesellschaft mit ihrer Rassendiskriminierung und ihren krassen sozialen Unterschieden. Mittlerweile hatte sich die Familie in dem kleinen Ort Saratoga bei New York niedergelassen, wo man eine Hotelpension betrieb, während Dr. Feigenheimer als Badearzt arbeitete. Später siedelte man dann nach Forest Hills im New Yorker Stadtteil Queens über, wo es eine deutsch-jüdische Kolonie gab.
Bekannt wurde Hilde Marx in den USA durch ihre "One Woman Show", auf deren Höhepunkt sie 1959 sogar im Haus der Präsidentenwitwe Eleanor Roosevelt auftrat. Diese Vortragsreisen hatten wenig zu tun mit den "Lecturer"-Tours deutscher Emigranten während des Zweiten Weltkriegs. Sie knüpfte nicht an die antifaschistische Stoßrichtung der deutschen Emigranten an, sondern mehr an ihre Rezitationsabende im Nazi-Deutschland. Sie mischte Ernstes mit Heiterem, trug Monologe vor ( "Urteil über Eva"), dramatisierte Szenen aus dem jüdischen und christlichen Bereich, las eigene Lyrik und ging auch auf klassische deutsche Autoren ein. Für die Redaktion des "Aufbau" war sie bis kurz vor ihrem Tode tätig.
Als Hilde Marx 1982 interviewt wurde, bekannte sie, dass sie schon einmal für sehr kurze Zeit in Bayreuth gewesen sei. Aber es bedurfte erst der Initiative von Josef Gothart, dem Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, um einen Besuch zustande zu bringen. Zusammen mit der Stadt, der Universität und dem Lyriker Jochen Lobe, wie Hilde Marx Schüler und seit 1968 auch Lehrer am Humanistischen Gymnasium, gelang es, einen Kurzbesuch für Juni 1986 zu arrangieren. Sie fuhr mit sehr gemischten Gefühlen in ihren Geburtsort, letztlich sah sie jedoch ihren Besuch als Verpflichtung an, jüngeren Menschen die Erfahrungen ihrer Generation zu vermitteln. Dies tat sie am 16. Juni vor den Schülern ihres ehemaligen Gymnasiums. Ganz unvergessen war sie in Bayreuth nicht; das bewiesen die Anfragen einiger alter Bekannter und interessierter Bayreuther. Mit einer Schulfreundin und einer Verkäuferin aus dem Textilgeschäft ihrer Eltern gab es ein Wiedersehen. Der Besuch blieb jedoch nicht von den Brüchen des deutsch-jüdischen Verhältnisses verschont. Am 18. Juni las sie vor nicht allzu vielen Zuhörern aus Werken von Kästner, Heine, Rilke und Brecht; aber auch ihre eigenen Texte und sogar ein Lied in Bayreuther Mundart trug sie vor. Engerer Kontakt ergab sich zu Jochen Lobe, dessen ganz anders konzipierte Lyrik Hilde Marx sehr schätzte, besonders das Bayreuth-Gedicht "Fundort", worin Lobe seine Jugendjahre in der Wagnerstadt thematisiert. Sie hat den Unterschied zu ihrem eigenen - lyrischen Schaffen gleichermaßen klug wie prägnant in einem Brief an Lobe auf den Punkt gebracht. "Was müssen Sie eigentlich von meinen Gedichten denken? Vorsintflutlich? Vielleicht nicht, da Sie ein weiser und großzügiger Mensch sind, dem die Unterschiede in allem Menschlichen klar sind. Was ist menschlicher als Gedichte, selbst wenn sie sich reimen?"

Zu Gast in der Heimatstadt
Kurz nachdem Hilde Marx wieder abgereist war kam es zwischen Lobe und Oberbürgermeister Hans Walter Wild zu einer Leserbriefkontroverse. Lobe bezog sich auf die Abwesenheit offizieller Vertreter der Stadt bei den Lesungen und kritisierte die allzu geschäftsmäßige Routine ohne sensiblere menschliche Akzente, während Wild das Buchgeschenk sowie das einstündige Gespräch im Rathaus für adäquat erachtete. Mit diesen Leserbriefen kreuzte sich das Dankesschreiben der mittlerweile nach New York zurückgekehrten Autorin an das Stadtoberhaupt. Es war für sie, wie sie es selbst formuliert hatte, "der schwerste Job, den ich je gemacht habe". Schon von einer schweren Krankheit gezeichnet, fasste sie ihre Empfindungen folgendermaßen zusammen: "Bayreuth, ein Wiedersehen, eine Neuentdeckung. Als ich es verließ, war ich besorgt, wie ich den nächsten Tag überleben würde. Ich sah nicht um mich. Das tat ich jetzt. Und fühlte mich, zum ersten Mal in 55 Jahren, als Emigrantin."
Hide Marx starb im Alter von 74 Jahren am 4. Oktober 1986 in New York.

Quelle: 6 (Heimatkurier 4/1999)

Letzte Tage in Bayreuth

Abschied von der jüdischen Schriftstellerin Hilde Marx - Ein Nachruf von Jochen Lobe.

Ein tiefer Ton der Bedrückung begleitete in den letzten Wochen die wenigen Eingeweihten, die wussten, dass Hilde Marx nach ihrem Besuch in Bayreuth Mitte Juni dieses Jahres in Hew York an den Folgen einer schweren Operation darniederlag. Nun ist aus diesem Gefühl niederdrückende Gewissheit geworden:
Hilde Marx ist am 3. Oktober, vor Vollendung ihres 75. Lebensjahres, unerwartet schnell an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Sie war bis in ihre letzten Tage ein Mensch klarer Aussagen, der am Leben hing, stets entschieden und heftig lebte. Unsere junge Bekanntschaft war eine jähe Brücke, die sich weit erhob über Generationenunterschiede und die politischen Untiefen der Zeitgeschichte. Zwar hatte sie nichts vergessen, was ihr als Jüdin geschehen war, aber das machte sie mit sich selbst ab. Vor allem: Sie hatte die Fähigkeit, versöhnlich die Hand zu geben. Das zumindest war ihre Botschaft an die Jugend und an die, die überhaupt Kontakt zu ihr während ihres kursen Bayreuth-Aufenthalts suchten.
Sie wusste: Unter dem schönen Schein öffentlicher Oberfläche war nicht viel von dem zu finden, was sie suchte md weshalb sie eigentlich noch einmal nach Bayreuth gekommen war. Was sie anbot, waren keine rhetorischen Versöhnungsgesten, sondern das Äußerste an Hoffnung, was ein Mensch nach diesen politischen Erfahrungen nach außen zeigen konnte. Ihre Entscheidung, nach 50 Jahren Exil, die Geburtsstadt noch einmal zu besuchen, wurde von der politischen Unsicherheit des amerikanisch-libyschen Verhältnisses überschattet, was Hilde Marx dazu zwang, zunächst ihre Zusage zurückzunehmen. Aber kaum gab es einen Schimmer Hoffnung auf Stornierung dieses Konflikts, klingelte nachts das Telefon, und forsch fragte sie aus Hew York an, ob nicht vielleicht doch noch kurzfristig ihr Besuch in Bayreuth zu arrangieren sei.

Heute muss ich es so sehen: Es trieb sie nach Bayreuth. Sie wollte nichts mehr aufschieben, Sie hatte hier noch niemanden, den sie gezielt ansprechen wollte. Doch schon vor ihrer Ankunft klingelte häufig das Telefon, weil Bekannte aus alten Zeiten und interessierte Bayreuther Näheres über ihren Aufenthalt in Erfahrung bringen wollten. Und als sie dann im Goldenen Anker ziemlich kaputt von den Anstrengungen des Flugs ankam, begrüßten sie nicht nur die städtisch-offiziellen Rosen, sondern mehrere Blumensträuße und Willkommensgrüße, wovon sie sich beglückt, ja überwältigt zeigte. Das unerwartete Wiedersehen mit einer Schulfreundin und einer ehemaligen Verkäuferin aus dem väterlichen Geschäft ging ihr sehr nah. Dass sie geradezu überschwenglich dankbar sein konnte, erfuhr jeder, der mit Ihr zu tun bekommen hatte. Aber auch erste Schatten wurden sichtbar, als sie beispielsweise in ihrem ersten Brief nach dem Bayreuth-Besuch schrieb: „Ich muss zugeben, dass ich noch nicht wieder ganz ich selbst bin. Bayreuth, mit allem, was es war, hat mich viel tiefer beeindruckt und, ehrlich gesagt, mitgenommen, als ich es geahnt hätte. Aber das Ergebnis war positiv, sehr positiv. Und ich bin sehr glücklich, dass ich diese Reise gemacht habe.« Sehnsüchtig erwartete sie in Hew York „mein Paket mit allen Bayreuther Schätzen«, das waren unter anderem Ihre ersten Gedichtpublikationen in der Bayreuther Zeitung, das Original Ihres Abitursufsatzea und ein Stich des alten Gymnasiums in der Friedrichstraße. Mit diesen aufgefrischten Erinnerungen wollte sie nun in Frieden leben. Aber sie schrieb auch anlässlich des Todes ihres Hundes:  "Ich bin im Moment sehr traurig und einsam, trotzdem erlaube ich mir die Zeit zu trauern, weil es (ich weiß es aus Erfahrung) der einzige Heilungsprozess ist..." Es war ihr nicht vergönnt auszutrauern. Das überlässt ihr Tod nun denen, die sie so schnell nicht vergessen werden.

Quelle: 56 (1986/87)