Isadora Duncan

Sie tanzte nur einen Sommer in Bayreuth - Bewegte Nächte in der Philippsruh

von W. Bronnenmeyer
* 27.05.1878 in San Francisco
† 14.09.1927 (bei einem
Autounfall in Nizza)

In vier Erdteilen lagen ihr die Männer der High Society zu Füßen. Damen blieben ihr gegenüber verständlicherweise skeptischer. Mit einem Maler liiert, mit einem um 20 Jahre jüngeren russischen Schriftsteller verheiratet, an einen raffinierten Franzosen tragisch gekettet, mit einem englischen Aristokraten befreundet und von einem glutäugigen Italiener angezogen, verlief ihr Leben turbulent bis zu ihrem jähen Tod im Alter von erst 49 Jahren: Das war Isadora Duncan, die gefeierte Tänzerin von einst, die Kämpferin gegen das Ballett.

Die Schauplätze ihres Wirkens: England, Frankreich, Italien, Deutschland, Russland, Holland, Jugoslawien. Aber auch in Bayreuth hat die Duncan 1904 eine Rolle gespielt, künstlerisch und privat. Mit ihrer Berufung zu den Festspielen, wo sie im »Tannhäuser« auftrat und das Bacchanal choreographisch gestaltete, tat Cosima Wagner einen bedeutungsvollen Schritt nach vorn, denn die Anti-Ballerina galt als Avantgardistin im Bereich der Tanzkunst. Die Witwe Richard Wagners hatte sie in Berlin besucht und nach Bayreuth eingeladen.

Die Saison in der Wagnerstadt füllt viele Seiten in den Memoiren Isadora Duncans. Cosima hatte den rechten Griff getan, als sie die Künstlerin engagierte, denn Wagners Abneigung gegen das Ballett im traditionellen Sinn entsprach der Auffassung dieser skandalumwitterten Künstlerin.
»An einem herrlichen Maientag kam ich in Bayreuth an und stieg im Schwarzen Adler ab«, heißt es in den Lebenserinnerungen. Und weiter: »Täglich erhielt ich eine Einladung, den Abend im Haus Wahnfried zu verbringen, wo Frau Cosima königliche Gastfreundschaft übte. Nun begann ich, die Musik des »Tannhäuser« zu studieren, jene Musik, die das Rasen wollüstiger Begierden eines Gehirnmenschen zum Ausdruck bringt, denn nur im Kopfe Tannhäusers tobt das Bacchanal; der unnahbare Venusberg mit seinen Satyrn und Nymphen ist eine Wiedergabe von Wagners verschlossenem Gemüt: Er bedeutet die ewige Gier nach Erfüllung seines sinnlichen Verlangens, das ihm doch nur die eigene Phantasiewelt zu bieten vermag.«

Die damals 26jährige Isadora Duncan geht im Werk Wagners auf. Sie gerät in einen musikalischen Rausch, lernt alle Texte auswendig und gerät nun in den Bann der Dichtungen. Sie sieht sich als blonde Sieglinde in des Bruders Armen, weint als Brünnhilde um die verlorene Gottheit und stößt als Kundry wilde Verwünschungen gegen Klingsor aus. In ihrer Phantasie identifiziert sie sich mit allen Frauengestalten der Wagnerschen Musikdramen und weilt vom Morgen bis zum Abend im Festspielhaus, wo sie kaum eine Probe versäumt.

Bei einem Spaziergang in der Eremitage entdeckt Isadora Duncan das alte Gebäude der Philippsruh in St. Johannis und ist begeistert von der Architektur. Die Rundbogentür mit anschließender Freitreppe an der Gartenfront haben es ihr angetan. Das damals etwas baufällige Haus wird von einer Bauernfamilie bewohnt, die seit an Jahren dort lebte. Die Duncan bietet den Leuten eine märchenhafte Summe und bewegt sie damit, für diesen Sommer auszuziehen. Dann ruft sie Maler und Zimmerleute herbei, lässt alle Wände mit einem zarten Grün tünchen; sie eilt nach Berlin, um Diwans, tiefe Strohfauteuils und viele Bücher zu holen. Dann endlich kommt der Tag, an dem sie in der »Philippsruhe« einzieht. Sie bewohnt das Haus zusammen mit einer Freundin. Für Dienstpersonal reichen die Räume nicht aus.


(Haus Philippsruh bei der Eremitage)

Eines Abends deutet die Freundin auf einen der Bäume. Dort steht jede Nacht ein Mann und schaut unentwegt zum Fenster herauf. Die Freundin befürchtet Schlimmes, doch als der Mond das Gesicht des Mannes bescheint, erkennt Isadora den Schwiegersohn Cosima Wagners, Heinrich Thode. Sie holt ihn ins Haus, und Thode gesteht ihr seine Liebe. Er verbringt nicht nur diese, sondern noch viele Nächte in der Philippsruhe. Isadora Duncan versichert in ihren Memoiren immer wieder das Platonische dieser Liebesbeziehung, was insofern glaubhaft erscheint, als sie an anderer Stelle freizügige Abenteuer offen zugibt.
Einmal erschrecken die Duncan und Thode jedoch heftig: Als er sich eines Tages im Morgengrauen verabschiedet, kommt unvermutet Cosima die Straße herauf. Beide befürchten den Zorn der Witwe Richard Wagners, doch ihr Erscheinen hatte einen anderen Grund.
Tags zuvor hatten Isadora und Cosima eine Auseinandersetzung über die Auffassung des Tanzes der drei Grazien gehabt. Während der Nacht hatte Cosima alte Papiere durchstöbert und unter Richard Wagners Schriften eine deutliche Beschreibung seiner Ideen zum Bacchanal gefunden. Nun hatte sie nicht länger warten können, der Duncan Mitteilung von ihrem Fund zu machen, und eilt bei Tagesanbruch zu ihr. »Sie hatten recht!« ruft sie schon von weitem, »mein liebes Kind, der Meister selbst scheint Sie inspiriert zu haben. Sehen Sie her, seine eigene Schrift! Es stimmt vollkommen mit dem überein, was Sie intuitiv erfasst haben. Von nun an haben Sie bei allen tänzerischen Arrangements freie Hand, ich rede Ihnen nichts mehr drein!«
Cosima mag damals den Gedanken gefasst haben, aus ihrem Sohn Siegfried und Isadora Duncan ein Paar zu machen, das gemeinsam das Erbe Richard Wagners hätte verwalten sollen. Siegfried war Isadora in brüderlicher Zuneigung ergeben und hatte sich stets als ihr Freund erwiesen. Als er im September 1907 in Venedig erneut mit ihr zusammentrifft, äußert er sich über sie: »Ein merkwürdiges Gemisch von Reinheit, Naivität und Zynismus. Am Strand tanzend sah sie reizend aus.« Isadora Duncan schreibt über ihre Beziehung zu Siegfried Wagner: »...doch fehlte jedes Anzeichen dafür, dass er mir seine Liebe schenken könnte. Ich selbst ging völlig in Heinrich Thodes überirdischer Liebe auf, und der Gedanke wäre mir niemals gekommen, in einer solchen Verbindung wertvollere Möglichkeiten zu suchen. Meine Seele glich einem Schlachtfeld, wo Apollo, Dionysos, Christus, Nietzsche und Richard Wagner einander den Rang streitig machten. In Bayreuth wurde ich zwischen Venusberg und Gral hin- und hergeworfen.«
Nach Ansicht der Bayreuther war es allerdings mehr Venusberg. Eine Frau wie Isadora Duncan konnte in der biederen Kleinstadt von damals tun, was sie wollte, es galt von vornherein als unmoralisch. Sie provoziert natürlich auch das Spießertum, ohne es zu wollen. Ihre Capricen entspringen einem exzentrischen Naturell, für das die Bayreuther wenig Verständnis oder gar Toleranz aufbringen. So promeniert sie zum Beispiel in den Pausen barfuß am Festspielhügel inmitten der Prominenz. Offiziere laden sie des öfteren zum Spazierritt ein. Da geschieht es, dass Isadora Duncan, in eine griechische Tunika gehüllt, mit Sandalen und wehenden Locken zum Erstaunen des Publikums hoch zu Ross am Festspielhaus aufkreuzt wie Brünnhilde persönlich. Kopfschütteln unter den Besuchern - die Duncan hat wieder eine Show abgezogen.
Bei den einfachen Leuten in St. Johannis gilt die Philippsruh schlechterdings als verhext, seit die Tänzerin dort logiert. Man erzählt sich von wüsten Orgien, wogegen Isadora von »harmlosen Vergnügungen« spricht, wenn etwa der berühmte Tenor Alfred von Bary in Stimmung ist und die halbe Nacht dort singt, während sie dazu tanzt. Zu den Besuchern in der Philippsruh zählt auch alsbald König Ferdinand von Bulgarien. Eines Abends ist er Gast in Wahnfried. Alles erhebt sich beim Erscheinen des Monarchen, nur die Duncan als überzeugte Demokratin bleibt graziös auf einem Sofa liegen. Der König erkundigt sich, wer die schöne Frau sei, und kommt, nicht zum geringen Ärger aller anwesenden Prominenz, auf sie zu, setzt sich auf das Sofa und beginnt sofort ein angeregtes Gespräch.

Den Höhepunkt erreicht die Situation, als sie beim Abendessen den König in die Philippsruh einlädt und Ferdinand spontan zusagt. Es bleibt nicht bei einem Besuch. Des Königs Abstecher ins Domizil der Duncan gelten bald als skandalös, zumal sie stets um Mitternacht stattfinden. Es spricht sich auch herum, dass die Räume dort mit einer Unmenge von Diwans ausgestattet sind, dass rosafarbene Lampen brennen und dass es keine Stühle gibt. Ein Grund mehr für die Bayreuther Bürger, das Etablissement als einen Tempel des Lasters zu betrachten. Die Duncan erinnert sich: »Überhaupt wirkte alles, was ich unternahm, auf andere Menschen irgendwie außergewöhnlich oder überspannt, und sie nahmen sofort an jeder meiner Handlungen Anstoß.« Es bleibt nicht aus, dass sie auch in Wahnfried in Ungnade fällt. Mit äußerster Seelenruhe erklärt sie eines Tages dort bei Tisch: »Der Meister hat auch Fehler gemacht! Fehler, die vielleicht ebenso groß waren wie sein Genie.« Allgemeines eisiges Schweigen. »Ja«, fährt sie selbstsicher fort, »einen großen Fehler hat der Meister jedenfalls begangen: Musikdrama? Das ist doch ein Unsinn!« Das Schweigen wird immer peinlicher. Aber sie beharrt auf ihrem Standpunkt. Das Drama sei vom gesprochenen Wort nicht zu trennen, Musik aber sei lyrische Ekstase. Beides zu vereinen, wäre unmöglich.

Aber Argumente helfen nicht mehr. Sie hat die schlimmste Lästerung ausgesprochen, die in diesem Kreis denkbar war: Sie hat den Meister getadelt. In Bayreuth tanzte sie nur einen Sommer.

Quelle: 41 und Youtube

"Meine Seele glich einem Schlachtfeld, wo Apollo, Dionysos, Christus, Nietzsche und Richard Wagner einander den Boden streitig machten", schrieb Isadora Duncan, die im Jahr 1904 nur einen Festspielsommer in Bayreuth tanzte. Dabei fiel sie nach eigenen Worten "von einer Wolllust in die andere", was wohl nicht nur der Musik anzulasten war. In der gemieteten Philippsruh neben der Eremitage in St. Johannis ließ sie nur für ihren Aufenthalt während der Festspielzeit alle Wände mit einem zarten Lichtgrün übertünchen. Zur Möblierung wählte sie in Berlin Diwans, Ruhekissen und rosafarbene Lampen für die Wohnung aus. Wenn man den Memoiren der Sängerin Glauben schenken darf, war die damals 26-jährige in diesem Festspielsommer auch Cosima Wagners die heimliche "Wunschschwiegertochter" für ihren damals 35-jährigen Sohn Siegfried.
Die am 27. Mai 1878 in San Francisco geborene Sängerin, erregte in London aber auch in Bayreuth Aufsehen, als sie dort einen völlig neuen Tanzstil vorführte, der von den starren Regeln und der Kostümierung des klassischen Balletts vollkommen abwich. Sie zeigte natürliche harmonische Bewegung im klassisch-griechischen Sinn: Statt kurzem Röckchen, Korsett und weißen Strümpfen trug sie fließende Gewänder und tanzte nicht in Spitzenschuhen, sondern barfuss. Duncan schuf den modernen Tanz und war die Erste, die sich nach den großen klassischen Musikwerken auf eine ganz neue weiblich freizügige Art bewegte. Tanz war für sie körperlich-seelische Einfühlung in die Musik.
Sie wollte aber auch provozieren und schockieren. So wagte sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts - und dies auch noch im puritanischen Amerika - fast nackt auf die Bühne. Ihr ganzes Leben kämpfte sie für die freie Liebe und gegen die verhassten bürgerlichen Konventionen.
Eine Berühmtheit war Isadora Duncan auch wegen ihres skandalösen und glamourösen Privatlebens, über das sie in ihren Memoiren ausgiebig berichtete. Je älter sie wurde, desto schneller wechselte sie von einem jüngeren Liebhaber zum anderen.
Sie lebte stets über ihre Verhältnisse und fand immer wieder reiche Mäzene, die sie in großer Not unterstützten. Ihr unerschütterliches Selbstvertrauen wurde erst gebrochen, als ihre beiden Kinder bei einem Autounfall verunglückten. Sie ertranken in einem Auto, das in die Seine stürzte, weil die Bremse nicht angezogen war. Ein drittes Kind starb sofort nach der Geburt. Ihr Ehemann, der russische Dichter Sergej Jessenin, beging nach ihrer Trennung Selbstmord, und Isadora Duncan selbst verunglückte 14. September 1927 bei einem Autounfall in Nizza. Sie wurde von ihren langen Schal, der sich beim Anfahren in den Speichen des linken Hinterrades ihres Bugattis verfangen hatte, erdrosselt. Die Tänzerin starb sofort. Im Krankenhaus wurden Frakturen der Nase, des Kehlkopfes und der Wirbelsäule sowie eine Zerreißung der Halsschlagader festgestellt.

"Viele Bayreuther Sänger waren groß und dick, aber wenn sie zu singen begannen, drangen ihre Stimmen aus einer Welt vergeistigter Schönheit, wo die ewigen Götter leben. Ich stelle diese Behauptung auf, dass diese Künstler sich ihres Leibes gar nicht bewusst waren; dieser stellte für sie nur eine Maske voll gewaltiger Energie und Kraft dar, durch die sei ihre göttliche Kunst auszudrücken imstande waren." (Isadora Duncan)

Quelle: http://richard-wagner.bayern-online.de/02_Magazin/Historische_Geschichten/