Jakob Herz

* 02.02.1816 (Bayreuth)
† 27.09.1871 (Erlangen)

Chirurg, Universitätsprofessor in Erlangen und erster jüdischer Ordinarius in Bayern - Arzt und Philanthrop

Von Josef Gothart

Die Erinnerung an einen großen Sohn Bayreuths und einen herausragenden jüdischen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts ist für seine Geburtsstadt mit mancherlei Peinlichkeiten verbunden. Jakob Herz, am 2. Februar 1816 als ältestes von elf Kindern des Samson Herz und seiner Ehefrau Rosalie (geborene Rindskopf) geboren, ist heute nur noch wenigen Bayreuther Bürgern bekannt. Das Andenken an ihn, der immerhin die beiden ersten Lebensjahrzehnte hier verbrachte, wird neuerdings wenigstens durch einen Straßennamen gestützt - dank einer Initiative der Israelitischen Kultusgemeinde.
Nachdem die einstige Herzstraße (sie zweigte südwestlich vom Berliner Platz ab) von den Nazis bald nach der Machtergreifung in Richthofenstraße umbenannt worden war, dauerte es nach Kriegsende leider über ein halbes Jahrhundert, bis sich die Stadt zum Akt der Wiedergutmachung beim entehrten Straßenpaten aufraffte. Aus der Richthofenstraße war inzwischen die Eduard-Bayerlein-Straße geworden, und die Stadt wollte aus plausiblen Gründen dem ehrenwerten Industriepionier Bayerlein nicht die Patenschaft entziehen. So verfiel man auf den Gedanken, den bedeutenden jüdischen Bürger in einem Stadtteil zu ehren, in dem sich eine sinnvolle Verbindung zu seinem Beruf ergibt. Die neue Herzstraße im Bereich der Kliniken am Roten Hügel - zwischen Preuschwitzer Straße und Hurrles Reha-Klinik - weist auf den namhaften Arzt und Schrittmacher des medizinischen Fortschritts hin. Leider wurde die frühere Gedenktafel am Geburtshaus in der Kulmbacher Straße, die im Dritten Reich der NS-Gauhauptstadt im Weg war, bis heute nicht erneuert.
Zum Schwerpunkt seines Lebens und wissenschaftlichen Strebens wurde für Jakob Herz die Stadt Erlangen, wo er bis zum Ehrenbürger aufstieg. Ein nach der NS-Zeit wiedererrichtetes Denkmal unterstreicht die fachliche und menschliche Reputation dieses Mannes, dessen Jugendzeit in Bayreuth geprägt worden war. Der Junge hatte zunächst den Vornamen Koppel getragen, und erst bei seiner Erlanger Promotion im Jahr 1839 taucht der neue Vorname Jakob auf, der von ihm selbst - wie aus einer Biographie von Christa Habrich hervorgeht - erst nach 1841 gebraucht wurde.
In seiner Bayreuther Schulzeit dürfte ihm der berühmteste Bürger im biedermeierlichen Städtchen, der Dichter Jean Paul, häufig begegnet sein. Mit ihm war Vater Samson Herz, ein vermögender Kaufmann, befreundet. Auch als die Familie ihr stattliches Vermögen verlor, konnte der hochbegabte Sohn das humanistische Gymnasium (das heutige Christian-Ernestinum) besuchen. Mozarts Bäsle", Marianne Thekla Mozart, und der spätere Wegbereiter des Hambacher Festes", Johann Georg August Wirth, der damals beim weithin bekannten Rechtsanwalt Keim arbeitete, waren im Umfeld der Bildungsanstalt anzutreffen. Im Jahr 1835 absolvierte Herz als Klassenbester das Gymnasium.


Auf dem Erlanger Holzmarkt, dem heutigen Hugenotten-
platz, wurde am 5. Mai 1875 ein von Caspar von
Zumbusch geschaffenes überlebensgroßes Standbild für
den Ehrenbürger der Stadt enthüllt. Weil Herz Jude war,
ließen es die Nationalsozialisten am 15. September 1933
abbrechen. (Foto: Stadtarchiv Erlangen)


Eine wissenschaftliche Karriere war für jüdische Mitbürger zu dieser Zeit noch alles andere als selbstverständlich. Die Juden hatten im Königreich Bayern damals noch unter mancherlei Diskriminierungen zu leiden, und zu den unermüdlichen Streitern für eine wirkliche Gleichstellung gehörte auch der damalige Bayreuther Rabbiner Dr. Joseph Aub. Jakob Herz immatrikulierte sich am 2. November 1835 in Erlangen im Fach Medizin und ging mit großem Ehrgeiz ans Werk, auch wenn die Rahmenbedingungen für ihn nicht gerade günstig waren.
Einer der jüngeren Professoren, der Zoologe Rudolph Wagner, wurde zu seinem hochherzigen Förderer. Er besorgte ihm eine Freistelle im Konvikt für Studenten der evangelischen Theologie, was als "einzigartige Ausnahme" bewertet wurde. Zu den Professoren, die sich des jungen wissenschaftlichen Talents annahmen, gehörten auch der Anatom Gottfried Fleischmann und vor allem der Chirurg Georg Friedrich Louis Stromeyer (1804-1876), der an der Entwicklung der operativen Orthopädie bahnbrechend mitbeteiligt war. Stromeyer war es auch, der als väterlicher Freund ihn schon 1839 zum Privatassistenten und zwei Jahre später zum Assistenten an der Chirurgischen Klinik und Poliklinik machte. Herz erwarb sich in diesen Jahren einen guten Ruf als Operateur von Klumpfüßen. Im Herbst 1841 legte er vor dem Medicinal-Comit in Bamberg die große Staatsprüfung mit einem herausragenden Ergebnis ab. Am 4. Januar 1842 wurde ihm die Approbation verliehen.
Von Ferdinand Heyfelder, Stromeyers Nachfolger als Ordinarius an der Chirurgischen Klinik, stammt der Satz, dass er nie einen gewissenhafteren und kenntnisreicheren Assistenten als Herz gefunden habe. Einer schnellen akademischen Karriere stand freilich sein Glaubensbekenntnis im Wege - nach wie vor waren jüdische Mitbürger in Bayern benachteiligt. Immerhin wurde Herz 1854 interimistischer Leiter der Klinik, nachdem ihm als Jude der Lehrstuhl verwehrt war. Ungeachtet der eingeschränkten beruflichen Aufstiegschancen hielt er freilich konsequent und unbeirrt an seinem jüdischen Glauben fest.
Im Jahr 1854 stellte Jakob Herz, als Hochschullehrer beliebt und als Arzt hochgeschätzt, nach 13jähriger Lehrtätigkeit den Antrag auf Habilitation und scheiterte prompt am Fehlen der prinzipiellen Voraussetzung: der Zugehörigkeit zu einer christlichen Religion. Erst im Jahr 1861 hatten sich die politischen Verhältnisse so weit geändert, dass er - am 4. Juni 1862 - zum Honorarprofessor und im März 1863 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde. Das volle Gehalt wurde ihm freilich nicht ausbezahlt.
Allen Hindernissen zum Trotz gelang Herz doch noch der Aufstieg zum Ordinarius. 1869 wurde er von Ludwig II. zum ersten ordentlichen Universitätsprofessor jüdischen Glaubens im Königreich Bayern ernannt. Mit dieser Stellung war ein Jahresgehalt von 1500 Gulden verbunden. Bei der Ernennung dürfte es eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, dass er sich im deutschen Bruderkrieg von 1866 bei der Behandlung verwundeter Soldaten besondere Verdienste erworben hatte. Außerdem war der Hochschullehrer, der sich mit kaum mehr überbietbarer Hingabe seinem Beruf gewidmet hatte, schon im Jahr 1867 zum Ehrenbürger von Erlangen ernannt worden.
Als Herz endlich das Ziel seiner Hochschulkarriere erreicht hatte, war er bereits ein gesundheitlich angeschlagener Mann, der noch unter den Folgen einer septischen Erkrankung aus den 40er Jahren zu leiden hatte. Trotz verbrauchter Kräfte opferte er sich auch für die Verwundeten im Krieg zwischen Frankreich und Deutschland 1870/71 auf, als er einen Spitalzug leitete. Am 27. September 1871 starb der Arzt und edle Menschenfreund im Alter von 55 Jahren. Zu irdischen Gütern hat er es nicht gebracht, aber an seinem Sarg wurde ihm nachgerufen: "Die Tugend der Selbstlosigkeit schien sich bei ihm wie von selbst zu verstehen."
Die Feierlichkeiten nach seinem Tod machten die Beliebtheit und das Ansehen des Arztes in seiner Stadt und darüber hinaus in ganz Bayern deutlich. Für die jüdische Gemeinde, zu der Herz ungeachtet beruflicher Nachteile treu gestanden hatte, wurde er zu einer "Symbolgestalt der Hoffnung", schrieb Leopold Stein 1871 in einer Würdigung ( "Dr. Jakob Herz, ein Mann nach dem Herzen Gottes").
Bald nach seinem Tod sammelten seine Freunde Spenden für die Errichtung eines Denkmals in Form einer überlebensgroßen Bronzestatue, die vom Wiener Bildhauer Caspar von Zumbusch (von ihm stammen auch die Marmor-Statuetten in der Eingangshalle der Villa Wahnfried) geschaffen wurde. Am 5. Mai 1875 wurde das Denkmal auf dem Erlanger Holzmarkt feierlich enthüllt. Der Münchner Ordinarius für Jurisprudenz, Alois Ritter von Brinz, würdigte den Arzt und Philanthropen unter anderem mit den Worten: "Viel zu geben und möglichst wenig zu nehmen, war bei ihm Sache der Neigung. Geld verdiente er, weil er musste, Hilfe leistete er, weil er wollte, er half, um zu helfen."
Noch nie zuvor war einem jüdischen Mitbürger eine solche sichtbare Ehrung zuteil geworden. Familienangehörige und Freunde gründeten eine Stiftung für Medizinstudenten, die würdige Studierende" ohne Ansehen der Religion bedachte. Auch eine 1921 in Nürnberg gegründete Loge, die sich den Namen Jakob Herz gab, hielt das Andenken an diesen bedeutenden Arzt und becheidenen Mitmenschen wach. Nach der Zerstörung des Denkmals im Dritten Reich wurde in Erlangen ein neuer Gedenkstein errichtet.


Ein 1995 bei der Medizinischen Klinik an der Kranken-
hausstraße aufgestellter Gedenkstein hält die Erinne-
rung an diesen Vorgang wach (Foto: Stadtarchiv
Erlangen)


Quelle: 17,20,101