Dr. Johann Adam Fikenscher


* 28.02.1824 (Bayreuth)
† 15.09.1889 (Bayreuth St. Georgen)
beerd. 17.09.1889 von Pfr. Hoffer (Friedhof St. Georgen)
Nach einer Fotografie von L. Saurer, Bayreuth
Metzgermeister und Mineraloge

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts fiel in Bayreuths Vorstadt St. Georgen ein an der Bernecker Straße gelegenes Gebäude dadurch auf, dass dort jahraus jahrein die Fensterläden geschlossen blieben, obwohl, wie man wusste, dieses Haus bewohnt war. Nur ein freies Fenster ließ dem Licht Zutritt in ein düsteres Zimmer zu ebener Erde und ließ darauf schließen, dass hier ein menschliches Wesen hauste. Regelmäßig mittwochs und samstags öffnete sich die verschlossene Tür und heraus trat ein einfach, fast schäbig gekleideter alter Herr, der, in der Hand eine Einkaufstasche, sich auf den Markt begab und nach seinen Geschäften ohne Verzug nach Hause zurückkehrte, wo er tagelang verschwunden blieb. Gegen Kinder war er, wo es die Gelegenheit ergab, ebenso wie auch gegen Bedürftige sehr freundlich und wohltätig, sonst schien er von den Menschen im allgemeinen nicht viel zu halten. Man wusste manches Merkwürdige von dem Einsamen zu erzählen, z. B. daß die einzige Gesellschaft, die er im Hause neben sich duldete, aus etwa zwei Dutzend Katzen bestand, daß er sich nur mit chemischen Experimenten und mit seiner Steinsammlung unterhielt und ferner, dass er einer der vermögendsten Leute in St. Georgen sei.

Eines Tages begehrte bei ihm jemand Einlass, der auf die kurzangebundene Frage des Alten zwischen Tür und Angel: Was er wolle" ebenso bündig antwortete: Aufklärung über einen in meine Hände gelangten Stein". Der Mann, welcher trotz allseitigen Abratens sich nicht abschrecken ließ, bei dem Sonderling um Auskunft vorzusprechen, war der Verfasser des ersten Bayreuther Heimatführers, Lehrer Friedrich Hühnlein. Da Hühnlein lebhaft auf die Interessen des einsamen Mannes einging, war er bald dessen einziger Freund.

Wenige Jahre später wurde an einem Sonntagvormittag (15. September 1889) der gelehrte Sonderling von einem Schlaganfall tödlich getroffen. Nach der Öffhung des Testaments, das er drei Tage vor seinem Tode gemacht hatte, ergab sich, dass bei einem außerordentlich großen Vermögen die meisten Verwandten leer ausgingen, während Kirchen, Schulen und Vereine mit Legaten und Stiftungen sowie einzelne Personen mit namhaften Summen bedacht wurden, Friedrich Hühnlein aber von ihm zum Universalerben über das gesamte Mobiliar, Immobiliar und ein sehr bedeutendes Barvermögen eingesetzt worden war. Unter seinem Nachlass befand sich auch eine reiche Mineraliensammlung, große Pflanzen- und Flechtensammlungen und eine umfangreiche, wissenschaftliche Bibliothek, die an verschiedene Schulen verteilt wurden. 

Das Andenken an den merkwürdigen Einsiedler ist bis heute nicht vergessen. Es erregte daher meine Aufmerksamkeit, als ich im Katalog einer Bayreuther Antiquitätenbuchhandlung eine Doktordissertation aus dem Jahre 1863 fand, die einen gewissen Joh. Fikenscher aus Bayreuth zum Verfasser hatte und über die "Chemisch-mineralogische Untersuchung einiger Thonerde-Silikate" ging. Da auch der Einsiedler in St. Georgen Fikenscher geheißen hatte, konnte er wohl der Verfasser der Dissertation gewesen sein, doch blieb es ungewiss, da sowohl der Lebenslauf als auch die Angabe der Fakultät mangelte und der Name Fikenscher, in Oberfranken wenigstens, nicht selten vorkommt. Auch konnte eine Anfrage in Erlangen, als der nächstgelegenen Universität, keinen positiven Bescheid erlangen. Bald darauf fiel mir wieder der Name Fikenscher im Band 1925 des "Neuen Jahrbuches für Mineralogie", in einer Literatur-Anmerkung, zufällig ins Auge. In einem Aufsatz von W. Bergt, Leipzig, wird hier ein J. Fikenscher als Verfasser einer preisgekrönten Arbeit vom Jahr 1867 häufig genannt. War es nicht doch eine zu gewagte Vermutung, dass der Urheber dieser Untersuchung und der Bayreuther Fikenscher, von dem man hier kaum mehr als den Namen kannte, identisch seien? Die Bestätigung dieser vagen Annahme traf später ein, als meine Nachforschungen weiter fortgeschritten waren als mir, aus München zugesandt, die fragliche Dissertation und die Preisschrift neben anderen Arbeiten als nachgelassene Schriften Fikenschers vorlagen.

Nur wenige Bayreuther hatten wohl von diesen Veröffentlichungen etwas erfahren und mochten die Bedeutung der Preisschrift gekannt haben. Fikenscher hatte damit einen der schlüssigsten und elegantesten Beweise für die wichtige "Kontaktmetamorphose" geliefert, welche besagt, dass der Granit, als er noch im Zustand einer feuerflüssigen Masse war, ältere Gesteine in weitem Umkreis verwandelt hat, tonige und sandige Schichten in ganz verschiedene kristallinische Gesteine. Nur der gleiche chemische Gehalt weist darauf hin, daß dieselben verwandt sind. So stellte Fikenscher eine Reihe von sechs selbstgefertigten chemischen Gesteinsanalysen auf, welche die chemische Übereinstimmung des Cordieritgneises von Lunzenau, des Gneises von Göhren, des Garben- und Glimmerschiefers von Wechselburg und des Urtonschiefers von Penna in überraschender Weise zeigen, ihre gemeinsame Entstehung aus einem und demselben Ablagerungsgestein infolge Umschmelzung und Umkristallisation beweisen. Bei diesem Vorgang wurden die dem unterirdischen Feuerherd zunächst gelegenen Schichten bis zur Unkenntlichkeit (in Cordieritgneis), die ferneren Teile aber nur wenig (in Urtonschiefer) verwandelt, während Gneis, Glimmer- und Garbenschiefer die mittleren Stufen der Umwandlung vorstellen. Außer Fikenschers "Untersuchung der metamorphischen Gesteine der Lunzenauer Schieferhalbinsel" haben noch zwei andere klassische Arbeiten die Richtigkeit der Metamorphosentheorie chemisch bewiesen, nämlich die von Carius 1855 (im Vogtland) und von Rosenbusch 1877 (im Elsass).

Fikenscher aber wurde merkwürdig schnell vergessen. "Der 1867 von Fikenscher gelieferte, wirklich wissenschaftliche Beweis für die rein sedimentäre Natur des Cordieritgneises von Lunzenau wurde von allen, die den Gegenstand später behandelt haben, totgeschwiegen. In den Erläuterungen zur geologischen Spezialkarte von Sachsen finden wir zwar die Analysenreihe von Carius abgedruckt, nicht aber die von Fikenscher. Auch die 2. Auflage der Erläuterung zu Blatt Rochlitz. . . übergeht die noch heute mustergültige Arbeit Fikenschers. Erst Lepsius bringt diese wichtige Arbeit wieder zu Ehren, deren Bedeutung in 70 Jahren nicht vermindert worden, sondern noch beträchtlich gewachsen ist."

W. Bergt, dessen Aufsatz diese Worte entnommen sind, bezeichnet im Titel Die kontaktmetamorphen Gesteine der Lunzenauer Schieferhalbinsel" als eine ideale Gesteinsreihe für die eigentliche oder thermische Kontaktmetamorphose" und Fikenschers Untersuchung als ein Musterbeispiel für Wert und Bedeutung der chemischen Petrographie".

Wenn auch der Verfasser der 1867 bei der Fürstlich-Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig preisgekrönten Arbeit sich nur als "Dr. J. Fikenscher" bezeichnete, so konnte doch der Lebenslauf vermutlich desselben "J. Fikenscher", allerdings ohne Angabe der Dissertation, in der Promotionsliste der Leipziger Philosophischen Fakultät vom Jahr 1863 aufgefunden werden. Er ist nach damaliger Sitte lateinisch abgefasst und schildert ein höchst merkwürdiges Curriculum vitae folgendermaßen:

"Joannes Fickenscher,

Natus est d. XXVIII. Febr. a. XXIV. in vico prope Baruthum sito, cui nomen est ab s. Georgio, patre Adamo, qui lanii negotium gerebat, matre Magdalena e gente Wagneria. Elementis litterarum in vico patrio instructus scholae Baruthinae, in qua pueri docentur principia rei rusticae aliarumque artium ad vitae usum pertinentium, commissus est a patre, quippe qui suo vitae generi filium quoque destinasset. Is vero spreta laniena, quom totus litterarum amore captus esset, quem auxit etiam iter a. XLIV. per Italiam usque ad Neapolim susceptum visaque Romae antiquitatis monumenta, in patriam reversus tandem a patre impetravit, ut univ. Erlangensem adire sibi liceret, ubi rerum naturalium scientiae Schnitzleinio, Pfaffio, Gorup de Besanez praeceptoribus operam dedit tria per semestria. Deinceps a. LII. nostrae univ. in tabulas relatus inchoata studia Erdmanno et Naumanno ducibus absolvit. Nunc ex quo parentibus defunctis bonorum paternorum heres factus est, omisso patris negotio fundum suum colit otium omne impendens naturae studio."

Johann Adam Fikenscher, geboren am 28. Februar 1824, war der Sohn des Metzgermeisters Adam Flkenscher in St. Georgen und seiner Ehefrau Magdalene, geborene Wagner. Nachdem er die Volksschule in St. Georgen besucht hatte, schickte ihn der Vater in die Bayreuther Gewerbeschule (heute Graf-Münster-Gymnasium), wo damals Dr. Braun den naturwissenschaftlichen Unterricht erteilte. Hier hörte der 13 jährige Junge in der "Naturgeschichte" Dr. Brauns Vorträge über Gesteins- und Formationskunde nach dem Lehrbuch der Oryctognosie von Blum und nach v. Leonhardts Lehrbuch der Geognosie und Geologie und gehörte zu den belobten Schülern in diesem Fach sowie in Geschichte und Geographie. Vielleicht weil der Vater besorgte, sein Sohn möchte dem Handwerk sich entfremden, nahm er in schon nach dem ersten Jahr wieder aus der Schule.

Der junge Fikenscher lernte das ihm verhasste Fleischerhandwerk und machte auch die Meisterprüfung, während er von einem unwiderstehlichen Drang zur Wissenschaft erfüllt war. Mit 20 Jahren durfte er eine Reise machen, die ihn an die Quellen der alten Kunst und Wissenschaft, nach Rom und Neapel, führte. Dadurch wurde freilich die Sehnsucht nach der wissenschaftlichen Betätigung und die Abneigung gegen das ihm vom Vater nach eigenem Vorbild bestimmte Lebensziel nur vermehrt. Er übte nur noch einige Jahre den erlernten Beruf aus, bis er sich vom Vater die Erlaubnis ertrotzt hatte, die Universität Erlangen zu beziehen, wo der 26jährige Autodidakt und Metzgermeister drei Semester Naturwissenschaften, hauptsächlich Chemie und Botanik, bei Schnitzkin, Pfaff und Gorup de Besanez studierte. 1852 ging er nach Leipzig und betrieb unter Erdmann Chemie und unter Leitung des bekannten Professors Naumann Mineralogie, zwei Jahre hindurch. Nach dem Tode seiner Eltern, sein Vater starb 1857, die Mutter fünf Jahre später, gab er das Geschäft auf, verwaltete das große elterliche Erbe und wandte seine ganze Muße, endlich uneingeschränkt, der naturwissenschaftlichen Arbeit zu. Jetzt erst kam er, im Alter von 39 Jahren, zu seiner Promotion und im 43. Lebensjahr schrieb er die bekannte Untersuchung der Lunzenauer Schieferhalbinscl, ferner wiederholt über den Glagerit von Bergnersreuth bei Wunsiedel und das "Weiße Steinmark" aus dem Melaphyrmandelstein von Zwickau, untersuchte den Euphorit vom Genfer See und veröffentlichte 1869 die "Grundzüge der modernen Chemie" (Poeßl, Bayreuth). In seinem Vaterhaus, St. Georgen Hs. Nr. 42, wo sich heute die Weinhandlung Dörsch, St. Georgen 42 befindet, machte er seine Analysen und führte in den letzten Lebensjahren das bekannte Einsiedlerleben.

Seinen Sterbeeintrag findet man im "Beerdigungsbuch" der Ordenskirche in St. Georgen.
Die Grabstätte des Dr. Johann Fikenscher findet man auf dem Friedhof von St. Georgen

(von Dr. Willi Weiss)

Quelle: 97