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| * 21.12.1848 (Roda / Thüringen) - † 22.04.1905 (Dresden) |
von 1882 bis zu seinem Tode Chordirektor der Bayreuther Festspiele,
erwarb sich auch große Verdienste um das Bayreuther Musikleben. Sein
Grab befindet sich am Stadtfriedhof.
Quelle: 2, 20, 22
Im Folgenden ein Nachruf aus Quelle: 110 (stark gekürzt):
Julius Kniese wurde am 21. Dezember 1848 zu Roda in
Thüringen geboren. Er war der älteste Sohn eines Schneiders, und
mütterlicherseits der Enkel eines Seidenwebers namens Schubert.
Bereits mit 5 Jahren zeichnete er kleine Muster, welche in der
Seidenmanufaktur verwendet wurden. Inmitten der größten Einfachheit, ja
der Dürftigkeit ist er erwachsen, und er erzählte es öfters, wie er mit
7 anderen an Familientische bei der Beleuchtung eines einzigen
Talglichtes gesessen und gearbeitet hätte. Er gehörte unbedingt zum
Volk und sein Naturell konnte nur verstanden werden ‚ wenn man dies
wusste und beachtete. Darin lag auch seine Kraft und seine Eigenart.
Seine musikalische Begabung trat bald hervor; unterstützt von seinem
Onkel Schubert, welcher Volksschullehrer und besonders musikalisch
beanlagt war, spielte er schon zu Weihnachten 1853 mit diesem eine
vierhändige Sonate seinen Eltern und Großeltern vor.
Roda besaß eine gute Volksschule, welche er von seinem 6. Jahre an
besuchte und worin er sich durch seinen Fleiß so auszeichnete, dass er
des öfteren Prämien nach Hause brachte. Seinen Onkel Schubert verlor er
früh; der Kantor und Chorrektor nahmen sich seiner musikalischen
Ausbildung an; sie entdeckten bei ihm eine gute Stimme und er wurde mit
9 Jahren Chorführer in der Currende, wobei er in den Straßen und Höfen
der kleinen Stadt die frommen Weisen der Choräle als Solist sang.
Mit
11 Jahren übernahm er die Sopranpartie in der Schöpfung von Haydn, die
damals in Roda aufgeführt wurde, und erregte die öffentliche
Aufmerksamkeit durch seine musikalische Sicherheit.
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| Julius Knieses Mutter Karoline Kniese geb. Schubert |
Julius Knieses Geburtsstätte Das eigentliche Geburtshaus ist abgebrannt. Dieses an derselben Stelle errichtete, trägt jetzt eine Gedenktafel (modelliert von seinem Schwiegersohn Bildhauer Berthold Boeß-Weimar) mit der Inschrift: Geburtsstätte des Leiters der Bayreuther Festspiele und Künders deutscher Musik Professor Julius Kniese * 21.12.1848. † 22.04.1905 |
Mit 14 Jahren verlor er seinen Vater und war durch die Armut der
Familie genötigt, mit Klavierstunden seine Mutter und seinen jüngeren
Bruder zu erhalten. Bis zu seinem 17. Jahre blieb er in Roda, wo er
unentgeltlich den Unterricht erhielt, der es ihm ermöglichte, in
Altenburg das Examen zum Eintritt in das Lehrerseminar zu bestehen Zu
gleicher Zeit betrieb er bei dem Kantor seine musikalischen Studien
weiter, vertrat den Lehrer öfter auf der Orgel und wurde in seinem 17.
Jahre in seiner Vaterstadt einstimmig zum Dirigenten eines
Männergesangvereins ernannt.
Drei Jahre verblieb er im Lehrerseminar zu Altenburg. Was den
Aufenthalt dort für ihn belebte, war die gründliche musikalische
Ausbildung, welche er durch Hofkapellmeister Stade erhielt und am
Schluss der Zeitfrist beschloss er, Musiker zu werden.
Völlig mittellos, doch voller Enthusiasmus und Hoffnung begab er sich
im Januar 1866 mit einem Empfehlungsbrief von Dr. Stade nach Leipzig zu
Professor Riedel, um sich unter dessen sicherer Führung ganz der Musik
zu widmen.
Carl Riedel |
Auf die Empfehlung Riedels würde Kniese im Januar 1871 als Dirigent der
Singakademie nach Glogan berufen, und genoss dort bald durch seine
Leistungen großes Ansehen. Obgleich die Gesellschaft, welche unter
seiner Führung stand, nur über geringe Mittel verfügte, machte er es
möglich, durch Einwirken auf Freunde und GönnerAuführungen im
großem Style zu stande zu bringen, worunter die Missa solemnis und die
IX. Symphonie von Beethoven ein solches Aufsehen bei dem auch von
fernster Umgegend herbeigeströmten Publikum erregten, dass Glogau,
damals ein Städtchen von nur 28000 Einwohnern, als bedeutender
musikalischer Mittelpunkt des Kreises galt. Hier lernte er die Tochter
des Rittergutsbesitzers Mathis kennen, mit welcher er sich im Jahre
1877 verlobte, um sie als seine Gattein zwei Jahre darauf nach
Frankfurt heimzuführen. In ihr fand er die treue, kunstbegeisterte,
edle Genossin, welche sein Wesen und Streben verständnisvoll
unterstützte und aus ihrer hingebenden Teilnahme an seinen Idealen
sogar in der Liebe die Kraft erlangte, ihre Sorge zu unterdrücken, um
die ihn einzig beglückende Ausübung seines Berufes nicht trübend zu
stören.
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| Julius Kniese 1883 |
Bald erholt, trat er Seine Tätigkeit wieder an. Aber die
Schwierigkeiten, welche er seitens seines Vorstandes zu ertragen hatte,
statt durch seine Leistungen sich zu mindern mehrten sich bis zur
Unleidlichkeit. Sein Wissen und Können, seine Arbeitskraft wurden
allgemein anerkannt, aber was er vertrat, traf damals auf völligen
Unverstand; unterstützt und ermutigt war er nur durch einige für die
Kunst begeisterte
Freunde zu denen nebst Hans Thoma Max Groß, der verdiente Verwalter der
Stipendien-Stiftung, Eduard Küchler, der rege Teilnehmer an der
jüngsten Bewegung zu Gunsten dieser Stiftung, und Dr. Eiser, dessen
energisches Eintreten für die Kunst des Meisters rühmlichst bekannt
ist, gehörten. Durch die unaufhörlichen Hindernisse verstimmt und
geärgert, verlor er die Freude an seiner Stellung und nahm im April
1884 die ihm angebotene Stelle des städtischen Musikdirektors und
Theaterkapellmeisters in Aachen an.
Er hatte dort im Winter 6 Konzerte, 2 Chor- und 4
Orchester-Aufführungen zu dirigieren. Auch hier fand er einen
Vorstand, welcher über die Programme zu entscheiden hatte und ihm viele
Schwierigkeiten bereitete. Sein Wunsch, Bach dort einzuführen und aus
dessen Kompositionen einen Bestandteil der Programme zu machen, stieß
auf heftige Opposition, nicht minder sein Wille; der neueren Kunst eins
Stätte zu schaffen. Doch gelang es seiner Energie, mehre Werke
des großen Meisters aufzuführen und einen großen Teil des Publikums
dafür zu gewinnen. Auch einen Lisztabend brachte er zu Stande und
zwar für sein Benefizkonzert. Das Programm war folgendes:
Ankunft der Elisabeth auf der Wartburg
Aus: "die heil. Elisabeth."
137. Psalm "an den Wassern zu Babel"
Symphonie Dichtung "Orpheus."
Lieder mit Klavierbegleitung.
Faustsymphonie
Franz Liszt besuchte ihn bei dieser Gelegenheit wieder. Es war das
letzte Mal, am 14. Juni 1885, dass sie sich sahen. Folgende Zeilen
drückte ihm Liszt bei der Abreise in die Hand, indem er sagte: "Ich
wiederholte schriftlich, was ich Ihnen mündlich ausdrückte, vielleicht
kann es Ihnen nützen."
Verehrter Freund!
Erlauben Sie mir, Ihnen den Lorbeerkranz, der mir gestern in so
liebenswürdiger Weise dargeboten wurde, zu übertragen. Er möge bei
Ihnen, verbleiben, als Zeichen meines Dankes für Ihre vollkommene
Leitung und der vortrefflichen Ausführung des gestrigen Listkonzert
dankend ergebenst
d. 15.Juni 85 F. Liszt
Aachen.
Im Theater führte er, den Kräften entsprechend sorgsam einstudierte
kleinere Opern auf; wie die weiße Dame, Waffenschmidt, Czar und
Zimmermann etc. Allein er erlebte wenig Freude an dieser Tätigkeit und
auch die des Konzertdirigenten wurde ihm durch die Einsprüche gegen
seine Bestimmungen verbittert.
In einem Brief an Prof. Riedel schilderte er eingehend das engherzige
Misswollen, dem er ausgesetzt war und das ihn boshaft und tückisch
bekriegte. Auch wähnte er sich als Protestant nicht gerne gelitten und
so überraschte es ihn nicht als ihm nach 3 Jahren der Vertrag nicht
erneuert wurde.
Er siedelte nach Breslau über und zwar ohne Anstellung und brachte dort
zwei Jahre in beschränkter Existenz zu. Eine solche Kraft konnte
unbenutzt bleiben und der Privattätigkeit überlassen werden. Vergebens
bemühte sieh Liszt, ihm eine Anstellung, u.a. am Berliner Dom-Chor zu
verschaffen.
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| Julius Knieses und Cosima Wagner |
Da kam der Ruf nach Bayreuth! Wie er dieser Stätte von je
angehörte möge hier ein Rückblick zur Anschauung bringen.
Am 6. Juni 1871 schrieb Kniese aus Glogau seinem Freunde,
Konzertmeister Schwendemann: ..... "Wagner hat in seiner letzten
Broschüre seine Freunde und Gönner aufgefordert, mich zu der
bevorstehenden Aufführung der Nibelungen bei ihm zu melden. Wenn
nun auch zunächst in erster Linie solche gemeint sind, die die
Aufführung mit ihrem Gelde unterstützen können, sowie in zweiter Linie
Sänger und Sängerinnen, so meine ich doch, ist eine intellektuelle
Unterstützung, zu der ich mich allein anbieten kann, nicht
ausgeschlossen, denn außer Wagner und Richter wird jedenfalls noch
einer oder der andere Musiker Proben etc. halten müssen, oder sonstige
musikalische Chicanen ausführen. Wie sehr mir allerdings die
Theaterroutine abgeht, wie sehr sie mir im Gegenteil verbaut ist, weißt
Du schon. Ich habe schließlich weiter nichts, als guten Willen, einiges
Talent und einige Übung im sorgsamen, ja peniblen Einstudieren und das
Bewusstsein Vieles noch lernen zu müssen. Ich bin zwar sehr im Zweifel,
ob Wagner, wenn ich ihm das Alles schreiben würde - und ich
müsste so schreiben, um offen zu sein - die geringste Notiz von mit
nehmen würde; denn es gibt schließlich Tausende von meinem Schlage.
Aber ich fühle einen so unwiderstehlichen Drang, es zu tun, dass
ich schon oft die Feder angesetzt habe, freilich ohne zu einem
Resultate zu kommen, da sich mit immer wieder das Gefühl sehr
großer Arroganz betreffs meiner Leistungen aufdrängte. Ich will
erst Dich fragen und bitten, mir darüber umgehend zu antworten; so dass
Ich vielleicht schon Sonntag Deinen Brief haben kann. - Dass Du dann,
anno domini 1872 in Bayreuth mit zugegen sein müsstest, versteht sich
von selbst. Und wenn dann die Hunde, die unserem Wagner das Leben
verbittert haben, von einer ganz vorzüglichen Aufführung, zu der auch
wir beigetragen hätten, auf die schauderbarste Weise geohrfeigt würden,
wär's nicht eine Lust? Abo schreib‘ mir recht bald und sei ein guter
Schwedemann!"
Am 21. Dezember 1871 schrieb er demselben Freund:
[...] "Und nun zum Schluss quäle ich Dich immer wieder: Weißt Du nicht
einen Weg an Wagner zu kommen? Wagner und immer Wagner! Vorige Woche
habe ich in einem Damencaffee den Nibelungentext vorgelesen mit großem
Erfolg. Ich selbst besitze jetzt „Rheingold, Walküre und Siegfried"
Klavierauszug, kann‘s bald auswendig. Kannst Du ihm nicht schreiben
dass er sich mit der Götterdämmerung etwas beeilen möchte? Also zu
Wagner will ich! Hörst Du, alter, guter Schwendemann? Ein Mittel! lieb
macht Dich zu meinem Leibgeiger, hitzige Dir ein Vögelchen an etc.
etc., wenn Du mir hilfst. Vorerst erwartet mit weihnachtlichem Gruß
Deine närrische Antwort auf meinen närrischen Brief
Dein
Kiese."
An 22. Mai 1872 wohnte er der Grundsteinlegung in Bayreuth bei und sang
im Chor der IX. Symphonie unter des Meisters Leitung mit. Zu den ersten
Festspielen im Jahre 1876 sollten je 100 Plätze in den drei Zyklen für
Musikverständige und Kunstjünger frei gehalten werden. Auf die
Bekanntmachung davon liefen zahlreiche Bewerbungen ein, welche am 22.
Mai 1876 (an welchem Tage Delegierte von Patronen und Wagnervereinen
sich zu einer Sitzung vereinigt hatten) auf Wunsch des Meisters zur
Entscheidung einer Kommission überwiesen wurden; diese trat unter dem
Vorsitz eines Mitgliedes des Verwaltungsrates zusammen und ihr gehörten
unter andern auch Professor Riedel und Heinrich Porges an.
Der einzige Kandidat unter den Bewerbern, dessen Gesuch auf Vorschlag
von Professor Riedel (unter Hervorhebung seiner ausgezeichneten
Eigenschaften) einstimmig und sofort genehmigt wurde, war Julius
Kniese; er erhielt, wie mit ihm nur wenige, freien Eintritt für
sämtliche Aufführungen des Ring des Nibelungen.Nach Frankfurt
berufen, war es sein erstes Anliegen, allen Schwierigkeiten zum Trotz,
einen Wagnerverein zu gründen.
Im Jahre 1882 meldete er sich als Volontär und trat eine Tätigkeit bei
den Chören an, welche zuerst bescheidener Art, immer bedeutender und
entschiedener wurde. Wenn nach solchen Verdiensten um die Sache seine
definitive Anstellung und Übersiedlung nach Bayreuth erst im Jahre 1889
erfolgte, so lag dies an einem Vorgang, der zu wichtig für die
Erkenntnis von Knieses Charakter uns erscheint, als dass er hier
übergangen werden dürfte:
Bei den Aufführungen von Parsifal im Jahre 1883 fand: Kniese, dass
Hermann Levi der geeignete Mann nicht wäre, um die Führung der Sache
Bayreuth‘s zum Glück dieser Sache ferner zu behaupten. Ja, sogar die
künstlerische Leistung unterwarf er einer strengen Kritik und
vermeinte, bedenkliche Willkürlichkeiten darin entdeckt zu haben. Er
verhehlte seine Sorge und sein Missfallen nicht. Im Verein mit einigen
bedeutenden und treuen Anhängern der Sache Bayreuths fasste er den
Plan, den ihm als Leiter der Festspiele ungeeignet Dünkenden zu
entfernen und womöglich durch Hans v. Bülow, dessen Charakter und.
künstlerische Bedeutung er unbeschränkt verehrte und bewunderte, zu
ersetzen. Hermann. Levi erhielt Kenntnis von den gegen ihn erhobenen
Klagen; wie es nicht anders erfolgen konnte, ward Kniese von der
Teilnahme an den Festspielen für einige Jahre ausgeschieden. Diese
harte Buße seines Versehens ertrug er geduldig und fuhr fort, für
Bayreuth im Stillen zu arbeiten, so u. A. mit den beiden Sängern
Grüning und Blauwaert, welche in bedeutender Weise bei den Aufführungen sich auszeichneten.
Es gereicht Hermann Levi zur größten Ehre, dass er mit der Zeit die
erfahrene Kränkung überwand, der endlich als notwendig sich ergebenden
dauernden Berufung Knieses nach Bayreuth mit Freimut zustimmte, und
dass kein Konflikt während ihres späteren gemeinsamen Wirkens mehr
entstand.
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| Vor dem Festspielhaus Siegfried Wagner, Eva Chamberlain, Cosima Wagner, Julius Kniese, Regisseur Braunschweig (im Ausschnitt nicht mehr ganz sichtbar: das Fenster rechts ist das Fenster des kleinen Zimmers, in dem Julius Kniese während der ganzen Festspielzeit wohnte |
Adolf v. Groß war es, welcher die Notwendigkeit der dauernden
Niederlassung Knieses in Bayreuth erkannte. Er, welcher seit dem Jahre
1872 mit beispielloser Energie, Hingebung und überlegener Umsicht der
Sache des Meisters seine Kräfte widmet, und der sich vor Allem das
Bestehen und Gedeihen der Festspiele unter den schwierigsten
Verhältnissen verdankt, er war der Mann, Knieses Wert für Bayreuth
richtig zu schätzen. Eine 14jährige gemeinsame, segensreiche Tätigkeit
entspross dieser Erkenntnis und dieser Schätzung.
Nachdem Kniese in den Festspieljahren 1888 und 1889 die Chöre von
Parsifal und den Meistersingern geleitet hatte, übersiedelte er endlich
im November des Jahres 1889 nach Bayreuth.
Es erscheint geboten, hier die Zeilen zu veröffentlichen welche er bei
dieser Gelegenheit zu Frau Wagner schrieb, weil sie dos beste Abbild
seiner Empfindungsart wie wie der Einfachheit ihrer Äußerung darbieten:
„Zu Ihrer Rückkehr nach Bayreuth und vor meiner Übersiedlung dahin
- Vieles hätte ich Ihnen da zu sagen, und doch wäre es immer
wieder nur eine kürzere oder längere Variation desselben Themas, d. i.
meiner Hoffnung, Ihnen das zu sein, was Sie wünschen.
Was ich bin und habe, Sie wissen es, gehört ihnen, wie der großen Stehe‚ und so gebe Gott seinen Segen!
Was in Bayreuth sonst möglich ist, um Ihnen durch die Aufführung irgend
eines Werkes von Bach, Beethoven oder gar Liszt eine Freude zu machen,
das will ich untersuchen, sobald ich komme. Chorkräfte werden sich
genügend finden. Das wäre schon etwas. Wir kommen Anfang November oder
Ende Oktober, je nachdem unsere Wohnung, Lisztstraße 8 beziehbar
sein wird.
Meine Frau, die sich innig freut meinen Herzenswunsch nun erfüllt zu
sehen, empfiehlt sich Ihnen auf das Herzlichste, und ich bin Ihnen und
den verehrten Ihrigen, die ich herzlich grüße,
treust und dankbarst
Breslau ergebener
29/9 1889. Julius Kniese.«
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| Julius Knieses Arbeitszimmer |
Er hat alles gehalten, was er in diesem Schreiben versprach, und weit
mehr noch. Der Sache Bayreuths wie dem Hause Wahnfried hat er die Treue
bewahrt und in dieser Bewährung seine Befriedigung gefunden.
Das Aufsehen, welches seine Leistungen bald erregten, brachte ihm [vor
etwa 5 Jahren] einen Ruf nach München ein. Er schlug ihn ab und
bemerkte heiter bei den Vorteilen, welche ihm dargelegt wurden -
worunter auch eine Pension für die Seinigen nach seinem Tode begriffen
war - :
„Letzteres würde meine Frau besonders verlocken." Auch eine Berufung nach Hamburg als Operndirektor schlug er aus.
Gleich nach dem Antritt seines Amtes befasste er sich mit der Gründung
der Stylbildungsschule, indem er es wusste, dass damit ein Gedanke des
Meisters auszuführen war.
Die Schwierigkeit war groß, denn sobald Sänger von Gesangslehrern
ausgebildet sind, werden sie in die kleineren oder größeren Theater
Deutschlands eingereiht und finden keine Zeit mehr für das Studium des
Vortrags wie er in Bayreuth gepflegt wird. Kniese hatte sich viel mit
Gesangstheorie befasst und bedeutende Gesangsmeister, wie Eduard und
Jean de Reszske, Marie Wild, Mme. Nordica u. a. gaben ihm alle
das Zeugnis, dass er viel davon verstünde. So begann er nach
dieser Seite hin Schüler auszubilden. und musste dabei manche bittere
Erfahrung erleiden. War es, dass ihm keine glänzenden Stimmen zu Gebote
standen, oder dass Praxis und Theorie sich wesentlich unterschieden, -
wie dem auch sei, er erlangte kein Resultat, welches im Verhältnis zu
seinen Mühen oder im Vergleich zu dem gebracht werden konnte, was
er als Vortragsmeister erreichte.
Dieser nicht gelungene Versuch entstammte, wie alles, seinen Liebe für
die Sache; auf diese setzte er sein Leben, sein Freud und Leid.
Als er die Nachricht von der Aufführung. des Parsifal in New York
vernahm und es miterleben musste, dass Künstler, welche in
Bayreuth ausgebildet worden waren, ja, sogar solche, welchen
noch die Ehre und das Glück zu teil wurde, unter dem Meister hier zu
wirken, an diesem Verrat an den Willen des Meisters sich beteiligten,
brach er in den schmerzlichen Ausruf aus: "Mein Gott, ist denn Geld
Alles!" Und wie die Rede von dem gleichen Vorgehen in Amsterdam wurde,
verfasste er sofort den energischen Protest, welchen zahlreiche
namhafte Kapellmeister unterschrieben.
Nebst der Tätigkeit seiner Bestimmung übernahm er die Leitung des
Musikvereins in Bayreuth und brachte mit bescheidenen Kräften
Erstaunliches - (Passionen, Weihnachtsoratorium v. Bach, Missa
solemnis von Beethoven, die heilige Elisabeth und Christus von
Liszt) zu Stande; wie geistvolle Architekten mit geringem
Baumaterial edle und sinnige Denkmäler errichteten, so bedurfte Kniese
keiner glänzenden Mittel, um beseelte und begeisternde Aufführungen zu
erzielen.
Zu Weihnachten 1904 führte er in Wahnfried Bruchstücke aus Rantaten von
Bach in wundervoller Weise auf und von da ab wurden im vertrauten
Kreise den ganzen Winter über Werke dieses Meisters vorgenommen.
Kurz nach der am 9. April stattgefundenen Aufführung des Christus in
der Stadtkirche von Bayreuth reiste er nach Dresden, behufs Studiums
mit Künstlern, und am 22. April verschied er dort an einem Herzschlag.
Der Arzt, den er bereits öfters wegen seines leidenden Zustandes
konsultierte, hatte ihn mitfühlend und zum Glück noch beruhigt. Er,
schrieb seiner Gemahlin: "Wie danke ich Gott für Dich und unsere
Kinder."
Inmitten des Weltwirrsales gereicht es zum Troste, zu gewahren, mit
welcher Notwendigkeit der Wert einer echten Persönlichkeit sich im Tode
für alle, auch Fernstehende herausstellt, während das im Leben noch so
geräuschvoll aufgebauschte Hohle in die Nichtigkeit zurücksinkt.
Die Teilnahme an dem Verlust, den Bayreuth erlitten, war die wärmste
allgemeinste. Ja, sogar solche, welche sich von dem Verewigten
zurückgesetzt oder ungerecht behandelt dünkten, stimmten in die Klage
ein. Unzählige, rührende Kundgebungen legten Zeugnis davon ab. In
Bayreuth selbst war die Trauer ergreifend und gewiss hat der stille, in
sich verschlossene Mann nicht geahnt, wie man verehrungsvoll an ihm
hing. Schöne Gedenkworte wurden ihm gewidmet, von welchen wir vor allem
die des Freiherrn v. Wolzogen, an seinem Grabe feierlich gesprochen,
und die Nachrufe von Dr. von Bary, Eduard Reuss und Oscar Merz
hervorheben. Im Hause Wahnfried bewahrt man dem Freunde und Mitarbeiter
für immer die Dankbarkeit.
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| Julius Knieses Beerdigung 26. April 1905 |
Wer Kniese vor 20 Jahren in seiner Rüstigkeit gekannt bat, der hielt
es für sicher, dass dieser kräftige Mann von strotzender Widerstandskraft,
dem unausgesetzte Arbeit ein Lebensbedürfnis war, ein hohes Alter erreichen müsste.
Wie soll man es sich erklären, dass dem nicht so wurde?
Hier berühren wir mit Ehrfurcht das tragische Geheimnis seines
Daseins; wenn wir unsere Scheu davor überwinden, so geschieht es, um
sein Bild zu vollenden und die dazu unentbehrliche Kenntnis seines
Gemütslebens tu ermöglichen.
Er besaß einen einzigen, liebenswürdigen und begabten Sohn, auf welchen et alle seine Hoffnungen baute.
Dieser Sohn verfiel im 17. Jahre einer, mit der Zeit sich als unheilbar
erklärenden Krankheit. Die Peripetien der sorgenvollen Wahrnehmung, des
Hoffens, der Verzweiflung, der Ergebung hat der Vater in den vier
letzten Jahren durchgemacht, bis er der Resignation sich ganz ergab.
In qualvoller Angst führte er einmal heroisch ein Konzert durch,
inmitten dessen ihm eine erschreckende Nachricht über den Zustand
seines Kindes gebracht worden war.
Wer ihn von dem Besuche des geliebten Kranken gebeugt, schweren
Sehrittes, mit wehmütigem Ausdruck heimkehren sah, dessen Mitgefühl
enthüllte es sich, was in ihm vorging. Ihm "zehrte der Gram den
Schmerz", er nagte an seinem Leben. Ergreifend für den teilnahmsvoll
Beobachtenden, wurde der energische Duldner immer weicher und zeigte
sich tiefer und tiefer in sich gekehrt. Die Rastlosigkeit der Arbeit
verblieb, nur war er dabei anderer, sanfterer Stimmung. Ahnungsvoll,
wenn auch unbewusst, ging er mit stiller, würdiger Fassung seiner
Erlösung entgegen.
Welche Macht verhalf ihm zu der wunderbaren Wandlung und Entscheidung seines Wesens?
Das Christentum, dem er von ganzem Herzen angehörte.
Zu seinem Heile war er von einem festen Glauben, beseelt. Diese
verliehene Gnade gab seinen Aufführungen der Passion von Bach, der
Missa solemnis von Beethoven, den Chören in Tannhäuser, Lohengrin und
Parsifal eine unwiderstehliche Gewalt der Überzeugung und eine
Unvergleichlichkeit, wie das bloße technische Können, ja selbst die
künstlerische Begeisterung allein sie niemals zu erreichen vermögen.
Auch wusste er durch den Meister, dass der Geist des Christentums es
war, der die Seele der Musik neu wiederbelebte, und dass, streng
genommen, die Musik die einzige, dem christlichen Glauben ganz
entsprechende Kunst sei.
Das letzte große Werk, welches er leitete, war Christus von Franz
Liszt. Als er inmitten seiner Vorbereitungen begriffen, einen
vertraulichen Abend im kleinem Kreise im Hause Wahnfried zubrachte,
ergab sich ein seltsamer, wohl als geheimnisvoll zu bezeichnender
Zwischenfall. Wie des öfteren, sprach man von Heinrich Porges, den
Kniese innig schätzte, und dessen Begeisterung und Opferfreudigkeit
durch die Mitteilung beleuchtet wurde, dass, als Porges, bereits
erkrankt, von verschiedenen Mitgliedern des Hauses Wahnfried dringend
gebeten. wurde, die Aufführung des Christus von Liszt, die er sich
vorgenommen hatte, doch bis zu seiner Erholung zu verlegen; er mit
heftiger Betonung erwiderte: "So will ich sterben." Kaum war das Wort
verhallt, als der Sprecher es fühlte, wie Knieses fester Blick in der
lautlosen Stille lange haftend auf ihm ruhte. Wer vermochte die
Bedeutung dieses feierlichen Augenblickes in Worte zu fassen?
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| Das Grab auf dem Bayreuther Stadtfriedhof |
Nach dieser weihevollen Hymne noch einen Beitrag von ihm selber aus
seinem Tagebuch, um einen Ausschnitt aus dem Alltag von Julius Kniese
und Wahnfried aufzuzeigen (aus Quelle: 111):
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| Frau Olga Kniese, geb. Mathis |