Professor Julius Kniese


* 21.12.1848 (Roda / Thüringen) -
† 22.04.1905 (Dresden)

von 1882 bis zu seinem Tode Chordirektor der Bayreuther Festspiele, erwarb sich auch große Verdienste um das Bayreuther Musikleben. Sein Grab befindet sich am Stadtfriedhof.

Quelle: 2, 20, 22
Im Folgenden ein Nachruf aus Quelle: 110 (stark gekürzt):

Julius Kniese wurde am 21. Dezember 1848 zu Roda in Thüringen geboren. Er war der älteste Sohn eines Schneiders, und mütterlicherseits der Enkel eines Seidenwebers namens Schubert.
Bereits mit 5 Jahren zeichnete er kleine Muster, welche in der Seidenmanufaktur verwendet wurden. Inmitten der größten Einfachheit, ja der Dürftigkeit ist er erwachsen, und er erzählte es öfters, wie er mit 7 anderen an Familientische bei der Beleuchtung eines einzigen Talglichtes gesessen und gearbeitet hätte. Er gehörte unbedingt zum Volk und sein Naturell konnte nur verstanden werden ‚ wenn man dies wusste und beachtete. Darin lag auch seine Kraft und seine Eigenart. Seine musikalische Begabung trat bald hervor; unterstützt von seinem Onkel Schubert, welcher Volksschullehrer und besonders musikalisch beanlagt war, spielte er schon zu Weihnachten 1853 mit diesem eine vierhändige Sonate seinen Eltern und Großeltern vor.
Roda besaß eine gute Volksschule, welche er von seinem 6. Jahre an besuchte und worin er sich durch seinen Fleiß so auszeichnete, dass er des öfteren Prämien nach Hause brachte. Seinen Onkel Schubert verlor er früh; der Kantor und Chorrektor nahmen sich seiner musikalischen Ausbildung an; sie entdeckten bei ihm eine gute Stimme und er wurde mit 9 Jahren Chorführer in der Currende, wobei er in den Straßen und Höfen der kleinen Stadt die frommen Weisen der Choräle als Solist sang.
Mit 11 Jahren übernahm er die Sopranpartie in der Schöpfung von Haydn, die damals in Roda aufgeführt wurde, und erregte die öffentliche Aufmerksamkeit durch seine musikalische Sicherheit.

Julius Knieses Mutter
Karoline Kniese geb. Schubert
Julius Knieses Geburtsstätte
Das eigentliche Geburtshaus ist abgebrannt.
Dieses an derselben Stelle errichtete, trägt
jetzt eine Gedenktafel (modelliert von seinem
Schwiegersohn Bildhauer Berthold Boeß-Weimar)
mit der Inschrift:
Geburtsstätte des Leiters der Bayreuther
Festspiele und Künders deutscher Musik
Professor Julius Kniese
* 21.12.1848. † 22.04.1905

Mit 14 Jahren verlor er seinen Vater und war durch die Armut der Familie genötigt, mit Klavierstunden seine Mutter und seinen jüngeren Bruder zu erhalten. Bis zu seinem 17. Jahre blieb er in Roda, wo er unentgeltlich den Unterricht erhielt, der es ihm ermöglichte, in Altenburg das Examen zum Eintritt in das Lehrerseminar zu bestehen Zu gleicher Zeit betrieb er bei dem Kantor seine musikalischen Studien weiter, vertrat den Lehrer öfter auf der Orgel und wurde in seinem 17. Jahre in seiner Vaterstadt einstimmig zum Dirigenten eines Männergesangvereins ernannt.
Drei Jahre verblieb er im Lehrerseminar zu Altenburg. Was den Aufenthalt dort für ihn belebte, war die gründliche musikalische Ausbildung, welche er durch Hofkapellmeister Stade erhielt und am Schluss der Zeitfrist beschloss er, Musiker zu werden.
Völlig mittellos, doch voller Enthusiasmus und Hoffnung begab er sich im Januar 1866 mit einem Empfehlungsbrief von Dr. Stade nach Leipzig zu Professor Riedel, um sich unter dessen sicherer Führung ganz der Musik zu widmen.

Carl Riedel
Carl Riedel
Riedel gewann solche Teilnahme für die auffallende Begabung des jungen Musikers, dass er ihm abriet, das Leipziger Conservatorium zu besuchen und ihn mit Franz Brendel sorgfältig liebevoll allein ausbildete. Die Verdienste der beiden genannten Gönner um die neuere deutsche Kunst sind so bekannt dass wir sie hier nicht besonders hervorheben. Die Namen genügen um uns wissen zu lassen, nach welcher Richtung hin sie die Begabung des Zöglings förderten. Riedel verschaffte diesem auch Stunden und Freitische; bald konnte sich der Jüngling einen bescheidenen Unterhalt verdienen. Er ließ Mutter und Bruder zu sich kommen, um für sie weiter zu sorgen und erlangte für letzteren den Eintritt in eine RealschuIe, später dann in ein kaufmännisches Geschäft.
In den vier Jahren seines Aufenthaltes in Leipzig war es, dass er Liszt in Weimar, durch Riedel eingeführt, besuchte. (Vermutlich im ersten Vierteljahr 1869.) Diese Begegnung war für sein Leben entscheidend. Er hatte ein Trio seiner Komposition dem großen Künstler zur Durchsicht bei der Morgenaufwartung gebracht;  Liszt warf einen Blick auf das Manuskript und sagte ihm: "Kommen Sie nachmittags wieder". Als er in der späteren Stunde in die Hofgärtnerei kam ihm Liszt freundlich heiter entgegen, zeigte auf den anwesenden berühmten Violincellisten Cossmann und den damaligen Konzertmeister der Weimarer Hofkapelle (Kömpel?) den Worten: „Wir Wollen ihnen ihr immenses Trio spielen". Die Großherzigkeit der Handlung, der hinreißende Vortrag, das unwiderstehliche Wesen Franz Liszts wirkten auf ihn wie eine Offenbarung. Er stammelte Worte des Dankes, denen Liszt ungefähr entgegnete: Wie sollten sie wissen,  was an Ihrem Opus gut oder fehlerhaft ist, wenn man es Ihnen nicht ordentlich vorführt? Er lernte da Genie und Menschenliebe verbunden kennen.

Auf die Empfehlung Riedels würde Kniese im Januar 1871 als Dirigent der Singakademie nach Glogan berufen, und genoss dort bald durch seine Leistungen großes Ansehen. Obgleich die Gesellschaft, welche unter seiner Führung stand, nur über geringe Mittel verfügte, machte er es möglich, durch Einwirken auf Freunde und GönnerAuführungen im  großem Style zu stande zu bringen, worunter die Missa solemnis und die IX. Symphonie von Beethoven ein solches Aufsehen bei dem auch von fernster Umgegend herbeigeströmten Publikum erregten, dass Glogau, damals ein Städtchen von nur 28000 Einwohnern, als bedeutender musikalischer Mittelpunkt des Kreises galt. Hier lernte er die Tochter des Rittergutsbesitzers Mathis kennen, mit welcher er sich im Jahre 1877 verlobte, um sie als seine Gattein zwei Jahre darauf nach Frankfurt heimzuführen. In ihr fand er die treue, kunstbegeisterte, edle Genossin, welche sein Wesen und Streben verständnisvoll unterstützte und aus ihrer hingebenden Teilnahme an seinen Idealen sogar in der Liebe die Kraft erlangte, ihre Sorge zu unterdrücken, um die ihn einzig beglückende Ausübung seines Berufes nicht trübend zu stören.
Der Name, den er sich in Glogau erworben hatte, verschaffte ihm den Ruhm als Dirigent des Rühl‘schen Gesangvereins in Frankfurt a.M.  72 Musiker, worunter auch Max Bruch und Johannes Brahms, hatten sich um diese Stelle beworben. Kniese aber wurde einstimmig gewählt
Dort standen ihm nun reiche Mittel zur Verfügung,  und es war ihm möglich, die großen Werke der Kirchenmusik unter Mitwirkung bedeutender Solisten in vollendeter Weise zur Aufführung zu bringen. Eine besondere Genugtuung seines damaligen künstlerischen Daseins gewährte ihm die Teilnahme, welche die, durch Stimmmittel wie durch Vortrag unvergleichliche Marie Wild ihm bewies.  Sie kam öfters für ihn nach Frankfurt, und ihre Leistungen unterstützten und förderten ihn  auf jede Weise. Vor Allem widmete er seinen Chor der Pflege Bach‘s, in den er sich vertieft hatte und dessen H-moll Messe, Passionen, verschiedene Kantaten er wiederholt unter unauslöschlichem Eindruck vorführte. Beifolgende Zeilen Franz Liszts mögen hier eingeschaltet werden:

Sehr geehrter lieber Freund!
Beste Glückwünsche zu ihrer Auffahrung der H-moll Messe Bach! und verbindlichsten Dank für Ihre Mitarbeiterschaft bei den Korrekturen des Oratoriums "Stanislaus". Nächsten Januar werden Ihnen davon einige Bogen zugesandt.
            ergebenst
24. Nov. 83                        F. Liszt.

Auch die Kompositionen Liszts selber brachte er in dieser damals der "Zukunftsmusik" feindseligen Stadt zu Gehör, und zwar bereits im ersten Jahr seiner Anstellung den 13. Psalm. Im Jahre 1879 erfüllte sich ihm ein Herzenswunsch. Er studierte den "Christus" von Franz Liszt ein und dieser wohnte der Generalprobe und der Aufführung seines Werkes bei.
Seit der ersten Begegnung in Weimar war der Verkehr zwischen Liszt und Kniese ein wachsend lebendiger geworden. Gerne erzählte er heiter, dass wie er einmal Liszt mehrere Lieder seiner Komposition brachte, dieser ihm sagte: "Es ist sehr gut und brav, aber schreiben Sie dererlei nicht zu viel". Als Kniese 1882 zum ersten Mal als Chorführer in Bayreuth mitwirkte, kam er öfters nach Wahnfried (wo er den Töchtern des Hauses Gesangsunterricht erteilte). Nach der Stunde begab er sich zu seinem Gönner und Freund, wobei der durch die Halle des Hauses hell erschallende Ausruf Liszts: "he Kniese!" die Freude an diesem Besuch laut verkündete. Bewunderung und Verehrung seitens des jungen Musikers, warme Teilnahme und höchste Schätzung des Talentes, wie des Charakters seitens des großen Künstlers. Diese Gefühle beseelten die Beziehung, und rückhaltlos eingehend teilte sich Franz Liszt über seine Kompositionen dem enthusiastischen Anhänger mit. Ein Ergebnis seltener Art konnte da nicht ausbleiben. Liszt selbst hat es des öfteren und laut ausgesprochen, dass die Aufführung seines Christus unter Kniese die beste gewesen sei, welcher er beiwohnte.
Alles bot der feurige Dirigent auf, um Liszt den Aufenthalt angenehm zu gestalten; als er den verehrten Gast in seiner erst seit 6 Wochen begründeten Häuslichkeit begrüßte, ergab sich ein artiger Vorfall: es wurde ein Ständchen durch Männerchöre gebracht. Erstaunt und mit sichtlichem Wohlgefallen daran frug der Gefeierte, von wem denn diese Chöre seien? "Von Liszt" erwiderte Kniese. Seinen ganzen Ergeiz hat er daran gesetzt, dass nicht nur die Aufführung, sondern auch die Aufnahme des Werkes eine würdige wurde, und wer sich die damalige Zeit und insbesondere die Stimmung gegen Liszt's Kompositionen in das Gedächtnis ruft, wird leicht erraten, welchen Widerwärtigkeiten er da begegnete. Seine kräftige Natur war am Schlusse der herrlich gelösten großen Aufgabe erschöpft, er war genötigt, auf einige Zeit sich in eine Wasserheilanstalt zu begeben. Aus Weimar schrieb ihm Liszt am 16. Juni 1879:

Hochgeehrter Freund!
Sehr bedauere ich, Sie in Wiesbaden nicht wiederzusehen. Fast befürchte ich, dass die vielen Anstrengungen der vortrefflichen Christus-Aufführung in Frankfurt Ihr Unwohlsein verschlimmerten. Hoffentlich sind sie jetzt ganz tüchtig hergestellt. Ihre Ouvertüre zu "König Wittichis" ward in Wiesbaden befriedigend aufgeführt und bracht mir ernst edlen Genuss. Vielleicht passt der Titel "Einleitung" besser als "Ouvertüre" für diese schönen Trauer- und Liebesklänge. Freundschaftlichen Gruß an Ihre Frau und stets mit ausgezeichneter Hochachtung.       
                Dankend ergebenst
d. 16. Juni 79                            F. Liszt
Weimar.

Julius Kniese 1883

Bald erholt, trat er Seine Tätigkeit wieder an. Aber die Schwierigkeiten, welche er seitens seines Vorstandes zu ertragen hatte, statt durch seine Leistungen sich zu mindern mehrten sich bis  zur Unleidlichkeit. Sein Wissen und Können, seine Arbeitskraft wurden allgemein anerkannt, aber was er vertrat, traf damals auf völligen Unverstand; unterstützt und ermutigt war er nur durch einige für die Kunst begeisterte  Freunde zu denen nebst Hans Thoma Max Groß, der verdiente Verwalter der Stipendien-Stiftung, Eduard Küchler, der rege Teilnehmer an der jüngsten Bewegung zu Gunsten dieser Stiftung, und Dr. Eiser, dessen energisches Eintreten für die Kunst des Meisters rühmlichst bekannt ist, gehörten. Durch die unaufhörlichen Hindernisse verstimmt und geärgert, verlor er die Freude an seiner Stellung und nahm im April 1884 die ihm angebotene Stelle des städtischen Musikdirektors und Theaterkapellmeisters in Aachen an.
Er hatte dort im Winter 6 Konzerte, 2 Chor- und 4 Orchester-Aufführungen zu dirigieren. Auch hier fand er einen Vorstand, welcher über die Programme zu entscheiden hatte und ihm viele Schwierigkeiten bereitete. Sein Wunsch, Bach dort einzuführen und aus dessen Kompositionen einen Bestandteil der Programme zu machen, stieß auf heftige Opposition, nicht minder sein Wille; der neueren Kunst eins Stätte zu schaffen. Doch gelang es seiner Energie, mehre Werke des großen Meisters aufzuführen und einen großen Teil des Publikums dafür zu gewinnen. Auch einen Lisztabend brachte er  zu Stande und zwar für sein Benefizkonzert. Das Programm war folgendes:

      Ankunft der Elisabeth auf der Wartburg      
     Aus: "die heil. Elisabeth."
       137. Psalm "an den Wassern zu Babel"      
Symphonie Dichtung "Orpheus."
Lieder mit Klavierbegleitung.
Faustsymphonie

Franz Liszt besuchte ihn bei dieser Gelegenheit wieder. Es war das letzte Mal, am 14. Juni 1885, dass sie sich sahen. Folgende Zeilen drückte ihm Liszt bei der Abreise in die Hand, indem er sagte: "Ich wiederholte schriftlich, was ich Ihnen mündlich ausdrückte, vielleicht kann es Ihnen nützen."
 
Verehrter Freund!
Erlauben Sie mir, Ihnen den Lorbeerkranz, der mir gestern in so liebenswürdiger Weise dargeboten wurde, zu übertragen. Er möge bei Ihnen, verbleiben, als Zeichen meines Dankes für Ihre vollkommene Leitung und der vortrefflichen Ausführung des gestrigen Listkonzert
    dankend ergebenst     
    d. 15.Juni 85            F. Liszt
Aachen.

Im Theater führte er, den Kräften entsprechend sorgsam einstudierte kleinere Opern auf; wie die weiße Dame, Waffenschmidt, Czar und Zimmermann etc. Allein er erlebte wenig Freude an dieser Tätigkeit und auch die des Konzertdirigenten wurde ihm durch die Einsprüche gegen seine Bestimmungen verbittert.
In einem Brief an Prof. Riedel schilderte er eingehend das engherzige Misswollen, dem er ausgesetzt war und das ihn boshaft und tückisch bekriegte. Auch wähnte er sich als Protestant nicht gerne gelitten und so überraschte es ihn nicht als ihm nach 3 Jahren der Vertrag nicht erneuert wurde.
Er siedelte nach Breslau über und zwar ohne Anstellung und brachte dort zwei Jahre in beschränkter Existenz zu. Eine solche Kraft konnte unbenutzt bleiben und der Privattätigkeit überlassen werden. Vergebens bemühte sieh Liszt, ihm eine Anstellung, u.a. am Berliner Dom-Chor zu verschaffen.

Julius Knieses und Cosima Wagner

Da kam der Ruf nach Bayreuth! Wie er dieser Stätte von je angehörte möge hier ein Rückblick zur Anschauung bringen.
Am 6. Juni 1871 schrieb Kniese aus Glogau seinem Freunde, Konzertmeister Schwendemann: ..... "Wagner hat in seiner letzten Broschüre seine Freunde und Gönner aufgefordert, mich zu der bevorstehenden Aufführung der Nibelungen bei ihm zu melden. Wenn nun auch zunächst in erster Linie solche gemeint sind, die die Aufführung mit ihrem Gelde unterstützen können, sowie in zweiter Linie Sänger und Sängerinnen, so meine ich doch, ist eine intellektuelle Unterstützung, zu der ich mich allein anbieten kann, nicht ausgeschlossen, denn außer Wagner und Richter wird jedenfalls noch einer oder der andere Musiker Proben etc. halten müssen, oder sonstige musikalische Chicanen ausführen. Wie sehr mir allerdings die Theaterroutine abgeht, wie sehr sie mir im Gegenteil verbaut ist, weißt Du schon. Ich habe schließlich weiter nichts, als guten Willen, einiges Talent und einige Übung im sorgsamen, ja peniblen Einstudieren und das Bewusstsein Vieles noch lernen zu müssen. Ich bin zwar sehr im Zweifel, ob Wagner, wenn ich ihm das Alles schreiben würde - und ich müsste so schreiben, um offen zu sein - die geringste Notiz von mit nehmen würde; denn es gibt schließlich Tausende von meinem Schlage. Aber ich fühle einen so unwiderstehlichen Drang, es zu tun, dass ich schon oft die Feder angesetzt habe, freilich ohne zu einem Resultate zu kommen, da sich mit immer wieder das Gefühl sehr großer Arroganz betreffs meiner Leistungen aufdrängte. Ich will erst Dich fragen und bitten, mir darüber umgehend zu antworten; so dass Ich vielleicht schon Sonntag Deinen Brief haben kann. - Dass Du dann, anno domini 1872 in Bayreuth mit zugegen sein müsstest, versteht sich von selbst. Und wenn dann die Hunde, die unserem Wagner das Leben verbittert haben, von einer ganz vorzüglichen Aufführung, zu der auch wir beigetragen hätten, auf die schauderbarste Weise geohrfeigt würden, wär's nicht eine Lust? Abo schreib‘ mir recht bald und sei ein guter Schwedemann!"
Am 21. Dezember 1871 schrieb er demselben Freund:
[...] "Und nun zum Schluss quäle ich Dich immer wieder: Weißt Du nicht einen Weg an Wagner zu kommen? Wagner und immer Wagner! Vorige Woche habe ich in einem Damencaffee den Nibelungentext vorgelesen mit großem Erfolg. Ich selbst besitze jetzt „Rheingold, Walküre und Siegfried" Klavierauszug, kann‘s bald auswendig. Kannst Du ihm nicht schreiben dass er sich mit der Götterdämmerung etwas beeilen möchte? Also zu Wagner will ich! Hörst Du, alter, guter Schwendemann? Ein Mittel! lieb macht Dich zu meinem Leibgeiger, hitzige Dir ein Vögelchen an etc. etc., wenn Du mir hilfst. Vorerst erwartet mit weihnachtlichem Gruß Deine närrische Antwort auf meinen närrischen Brief
Dein
Kiese."

An 22. Mai 1872 wohnte er der Grundsteinlegung in Bayreuth bei und sang im Chor der IX. Symphonie unter des Meisters Leitung mit. Zu den ersten Festspielen im Jahre 1876 sollten je 100 Plätze in den drei Zyklen für Musikverständige und Kunstjünger frei gehalten werden. Auf die Bekanntmachung davon liefen zahlreiche Bewerbungen ein, welche am 22. Mai 1876 (an welchem Tage Delegierte von Patronen und Wagnervereinen sich zu einer Sitzung vereinigt hatten) auf Wunsch des Meisters zur Entscheidung einer Kommission überwiesen wurden; diese trat unter dem Vorsitz eines Mitgliedes des Verwaltungsrates zusammen und ihr gehörten unter andern auch Professor Riedel und Heinrich Porges an.
Der einzige Kandidat unter den Bewerbern, dessen Gesuch auf Vorschlag von Professor Riedel (unter Hervorhebung seiner ausgezeichneten Eigenschaften) einstimmig und sofort genehmigt wurde, war Julius Kniese; er erhielt, wie mit ihm nur wenige, freien Eintritt für sämtliche Aufführungen des Ring des Nibelungen.Nach Frankfurt berufen, war es sein erstes Anliegen, allen Schwierigkeiten zum Trotz, einen Wagnerverein zu gründen.

Im Jahre 1882 meldete er sich als Volontär und trat eine Tätigkeit bei den Chören an, welche zuerst bescheidener Art, immer bedeutender und entschiedener wurde. Wenn nach solchen Verdiensten um die Sache seine definitive Anstellung und Übersiedlung nach Bayreuth erst im Jahre 1889 erfolgte, so lag dies an einem Vorgang, der zu wichtig für die Erkenntnis von Knieses Charakter uns erscheint, als dass er hier übergangen werden dürfte:
Bei den Aufführungen von Parsifal im Jahre 1883 fand: Kniese, dass Hermann Levi der geeignete Mann nicht wäre, um die Führung der Sache Bayreuth‘s zum Glück dieser Sache ferner zu behaupten. Ja, sogar die künstlerische Leistung unterwarf er einer strengen Kritik und vermeinte, bedenkliche Willkürlichkeiten darin entdeckt zu haben. Er verhehlte seine Sorge und sein Missfallen nicht. Im Verein mit einigen bedeutenden und treuen Anhängern der Sache Bayreuths fasste er den Plan, den ihm als Leiter der Festspiele ungeeignet Dünkenden zu entfernen und womöglich durch Hans v. Bülow, dessen Charakter und. künstlerische Bedeutung er unbeschränkt verehrte und bewunderte, zu ersetzen. Hermann. Levi erhielt Kenntnis von den gegen ihn erhobenen Klagen; wie es nicht anders erfolgen konnte, ward Kniese von der Teilnahme an den Festspielen für einige Jahre ausgeschieden. Diese harte Buße seines Versehens ertrug er geduldig und fuhr fort, für Bayreuth im Stillen zu arbeiten, so u. A. mit den beiden Sängern Grüning und Blauwaert, welche in bedeutender Weise bei den Aufführungen sich auszeichneten.
Es gereicht Hermann Levi zur größten Ehre, dass er mit der Zeit die erfahrene Kränkung überwand, der endlich als notwendig sich ergebenden dauernden Berufung Knieses nach Bayreuth mit Freimut zustimmte, und dass kein Konflikt während ihres späteren gemeinsamen Wirkens mehr entstand.

Vor dem Festspielhaus
Siegfried Wagner, Eva Chamberlain, Cosima Wagner, Julius Kniese, Regisseur Braunschweig
(im Ausschnitt nicht mehr ganz sichtbar: das Fenster rechts ist das Fenster
des kleinen Zimmers, in dem Julius Kniese während der ganzen Festspielzeit wohnte

Adolf v. Groß war es, welcher die Notwendigkeit der dauernden Niederlassung Knieses in Bayreuth erkannte. Er, welcher seit dem Jahre 1872 mit beispielloser Energie, Hingebung und überlegener Umsicht der Sache des Meisters seine Kräfte widmet, und der sich vor Allem das Bestehen und Gedeihen der Festspiele unter den schwierigsten Verhältnissen verdankt, er war der Mann, Knieses Wert für Bayreuth richtig zu schätzen. Eine 14jährige gemeinsame, segensreiche Tätigkeit entspross dieser Erkenntnis und dieser Schätzung.
Nachdem Kniese in den Festspieljahren 1888 und 1889 die Chöre von Parsifal und den Meistersingern geleitet hatte, übersiedelte er endlich im November des Jahres 1889 nach Bayreuth.
Es erscheint geboten, hier die Zeilen zu veröffentlichen welche er bei dieser Gelegenheit zu Frau Wagner schrieb, weil sie dos beste Abbild seiner Empfindungsart wie wie der Einfachheit ihrer Äußerung darbieten:
„Zu Ihrer Rückkehr nach Bayreuth und vor meiner Übersiedlung dahin - Vieles hätte ich Ihnen da zu sagen, und doch wäre es immer wieder nur eine kürzere oder längere Variation desselben Themas, d. i. meiner Hoffnung, Ihnen das zu sein, was Sie wünschen.
Was ich bin und habe, Sie wissen es, gehört ihnen, wie der großen Stehe‚ und so gebe Gott seinen Segen!
Was in Bayreuth sonst möglich ist, um Ihnen durch die Aufführung irgend eines Werkes von Bach, Beethoven oder gar Liszt eine Freude zu machen, das will ich untersuchen, sobald ich komme. Chorkräfte werden sich genügend finden. Das wäre schon etwas. Wir kommen Anfang November oder Ende Oktober, je nachdem unsere Wohnung, Lisztstraße 8 beziehbar sein wird.
Meine Frau, die sich innig freut meinen Herzenswunsch nun erfüllt zu sehen, empfiehlt sich Ihnen auf das Herzlichste, und ich bin Ihnen und den verehrten Ihrigen, die ich herzlich grüße,
        treust und dankbarst
     Breslau        ergebener
    29/9 1889.     Julius Kniese.«

Julius Knieses Arbeitszimmer

Er hat alles gehalten, was er in diesem Schreiben versprach, und weit mehr noch. Der Sache Bayreuths wie dem Hause Wahnfried hat er die Treue bewahrt und in dieser Bewährung seine Befriedigung gefunden.
Das Aufsehen, welches seine Leistungen bald erregten, brachte ihm [vor etwa 5 Jahren] einen Ruf nach München ein. Er schlug ihn ab und bemerkte heiter bei den Vorteilen, welche ihm dargelegt wurden - worunter auch eine Pension für die Seinigen nach seinem Tode begriffen war - :
„Letzteres würde meine Frau besonders verlocken." Auch eine Berufung nach Hamburg als Operndirektor schlug er aus.
Gleich nach dem Antritt seines Amtes befasste er sich mit der Gründung der Stylbildungsschule, indem er es wusste, dass damit ein Gedanke des Meisters auszuführen war.
Die Schwierigkeit war groß, denn sobald Sänger von Gesangslehrern ausgebildet sind, werden sie in die kleineren oder größeren Theater Deutschlands eingereiht und finden keine Zeit mehr für das Studium des Vortrags wie er in Bayreuth gepflegt wird. Kniese hatte sich viel mit Gesangstheorie befasst und bedeutende Gesangsmeister, wie Eduard und Jean de Reszske, Marie Wild, Mme. Nordica u. a. gaben ihm alle das Zeugnis, dass er viel davon verstünde. So begann er nach dieser Seite hin Schüler auszubilden. und musste dabei manche bittere Erfahrung erleiden. War es, dass ihm keine glänzenden Stimmen zu Gebote standen, oder dass Praxis und Theorie sich wesentlich unterschieden, - wie dem auch sei, er erlangte kein Resultat, welches im Verhältnis zu seinen Mühen oder im Vergleich zu dem gebracht werden konnte, was er als Vortragsmeister erreichte.
Dieser nicht gelungene Versuch entstammte, wie alles, seinen Liebe für die Sache; auf diese setzte er sein Leben, sein Freud und Leid.
Als er die Nachricht von der Aufführung. des Parsifal in New York vernahm und es miterleben musste, dass Künstler, welche in Bayreuth ausgebildet worden waren, ja, sogar solche, welchen noch die Ehre und das Glück zu teil wurde, unter dem Meister hier zu wirken, an diesem Verrat an den Willen des Meisters sich beteiligten, brach er in den schmerzlichen Ausruf aus: "Mein Gott, ist denn Geld Alles!" Und wie die Rede von dem gleichen Vorgehen in Amsterdam wurde, verfasste er sofort den energischen Protest, welchen zahlreiche namhafte Kapellmeister unterschrieben.
Nebst der Tätigkeit seiner Bestimmung übernahm er die Leitung des Musikvereins in Bayreuth und brachte mit bescheidenen Kräften Erstaunliches - (Passionen, Weihnachtsoratorium v. Bach, Missa solemnis von Beethoven, die heilige Elisabeth und Christus von Liszt) zu Stande; wie geistvolle Architekten mit geringem Baumaterial edle und sinnige Denkmäler errichteten, so bedurfte Kniese keiner glänzenden Mittel, um beseelte und begeisternde Aufführungen zu erzielen.
Zu Weihnachten 1904 führte er in Wahnfried Bruchstücke aus Rantaten von Bach in wundervoller Weise auf und von da ab wurden im vertrauten Kreise den ganzen Winter über Werke dieses Meisters vorgenommen.
Kurz nach der am 9. April stattgefundenen Aufführung des Christus in der Stadtkirche von Bayreuth reiste er nach Dresden, behufs Studiums mit Künstlern, und am 22. April verschied er dort an einem Herzschlag. Der Arzt, den er bereits öfters wegen seines leidenden Zustandes konsultierte, hatte ihn mitfühlend und zum Glück noch beruhigt. Er, schrieb seiner Gemahlin: "Wie danke ich Gott für Dich und unsere Kinder."
Inmitten des Weltwirrsales gereicht es zum Troste, zu gewahren, mit welcher Notwendigkeit der Wert einer echten Persönlichkeit sich im Tode für alle, auch Fernstehende herausstellt, während das im Leben noch so geräuschvoll aufgebauschte Hohle in die Nichtigkeit zurücksinkt.
Die Teilnahme an dem Verlust, den Bayreuth erlitten, war die wärmste allgemeinste. Ja, sogar solche, welche sich von dem Verewigten zurückgesetzt oder ungerecht behandelt dünkten, stimmten in die Klage ein. Unzählige, rührende Kundgebungen legten Zeugnis davon ab. In Bayreuth selbst war die Trauer ergreifend und gewiss hat der stille, in sich verschlossene Mann nicht geahnt, wie man verehrungsvoll an ihm hing. Schöne Gedenkworte wurden ihm gewidmet, von welchen wir vor allem die des Freiherrn v. Wolzogen, an seinem Grabe feierlich gesprochen, und die Nachrufe von Dr. von Bary, Eduard Reuss und Oscar Merz hervorheben. Im Hause Wahnfried bewahrt man dem Freunde und Mitarbeiter für immer die Dankbarkeit.

Julius Knieses Beerdigung 26. April 1905

Wer Kniese vor 20 Jahren in seiner Rüstigkeit gekannt bat, der hielt es für sicher, dass dieser kräftige Mann von strotzender Widerstandskraft, dem unausgesetzte Arbeit ein Lebensbedürfnis war, ein hohes Alter erreichen müsste. Wie soll man es sich erklären, dass dem nicht so wurde?
Hier berühren wir mit Ehrfurcht das tragische Geheimnis seines Daseins; wenn wir unsere Scheu davor überwinden, so geschieht es, um sein Bild zu vollenden und die dazu unentbehrliche Kenntnis seines Gemütslebens tu ermöglichen.
Er besaß einen einzigen, liebenswürdigen und begabten Sohn, auf welchen et alle seine Hoffnungen baute.
Dieser Sohn verfiel im 17. Jahre einer, mit der Zeit sich als unheilbar erklärenden Krankheit. Die Peripetien der sorgenvollen Wahrnehmung, des Hoffens, der Verzweiflung, der Ergebung hat der Vater in den vier letzten Jahren durchgemacht, bis er der Resignation sich ganz ergab.
In qualvoller Angst führte er einmal heroisch ein Konzert durch, inmitten dessen ihm eine erschreckende Nachricht über den Zustand seines Kindes gebracht worden war.
Wer ihn von dem Besuche des geliebten Kranken gebeugt, schweren Sehrittes, mit wehmütigem Ausdruck heimkehren sah, dessen Mitgefühl enthüllte es sich, was in ihm vorging. Ihm "zehrte der Gram den Schmerz", er nagte an seinem Leben. Ergreifend für den teilnahmsvoll Beobachtenden, wurde der energische Duldner immer weicher und zeigte sich tiefer und tiefer in sich gekehrt. Die Rastlosigkeit der Arbeit verblieb, nur war er dabei anderer, sanfterer Stimmung. Ahnungsvoll, wenn auch unbewusst, ging er mit stiller, würdiger Fassung seiner Erlösung entgegen.
Welche Macht verhalf ihm zu der wunderbaren Wandlung und Entscheidung seines Wesens?
Das Christentum, dem er von ganzem Herzen angehörte.
Zu seinem Heile war er von einem festen Glauben, beseelt. Diese verliehene Gnade gab seinen Aufführungen der Passion von Bach, der Missa solemnis von Beethoven, den Chören in Tannhäuser, Lohengrin und Parsifal eine unwiderstehliche Gewalt der Überzeugung und eine Unvergleichlichkeit, wie das bloße technische Können, ja selbst die künstlerische Begeisterung allein sie niemals zu erreichen vermögen. Auch wusste er durch den Meister, dass der Geist des Christentums es war, der die Seele der Musik neu wiederbelebte, und dass, streng genommen, die Musik die einzige, dem christlichen Glauben ganz entsprechende Kunst sei.
Das letzte große Werk, welches er leitete, war Christus von Franz Liszt. Als er inmitten seiner Vorbereitungen begriffen, einen vertraulichen Abend im kleinem Kreise im Hause Wahnfried zubrachte, ergab sich ein seltsamer, wohl als geheimnisvoll zu bezeichnender Zwischenfall. Wie des öfteren, sprach man von Heinrich Porges, den Kniese innig schätzte, und dessen Begeisterung und Opferfreudigkeit durch die Mitteilung beleuchtet wurde, dass, als Porges, bereits erkrankt, von verschiedenen Mitgliedern des Hauses Wahnfried dringend gebeten. wurde, die Aufführung des Christus von Liszt, die er sich vorgenommen hatte, doch bis zu seiner Erholung zu verlegen; er mit heftiger Betonung erwiderte: "So will ich sterben." Kaum war das Wort verhallt, als der Sprecher es fühlte, wie Knieses fester Blick in der lautlosen Stille lange haftend auf ihm ruhte. Wer vermochte die Bedeutung dieses feierlichen Augenblickes in Worte zu fassen?
Das Grab auf dem Bayreuther
Stadtfriedhof
Die Aufführung des Christus gestaltete sich unter Knieses verklärter Leitung zu einem Glaubensbekenntnis von überirdischer Macht. Hier wurde auch ein großes Beispiel gegeben: In der protestantischen Stadtkirche, vor einer der Mehrzahl nach evangelischen Zuhörergemeinde, welche den großen Raum überfüllte, ward dieses Werk von ausgeprägtem katholischen Styl in lateinischer Sprache zu tiefster, ja, unbeschreibliche Wirkung gebracht. Hier feierten wir den Sieg des Glaubens und der Liebe, den Sieg der Einigkeit im Christentum über allem wesenlosen Zwiespalt der Konfessionen, und Der, welcher zu diesem Siege verhalf, war ein vom Leben scheidender Christ und Bayreuther Künstler.
Als er nach der Aufführung einige Freunde aufsuchte, die sich an drittem Orte vereinigten, um ihm Glück zu wünschen, war er bleich und angegriffen. Er bezwang sich und empfing die Danksagung mit Freundlichkeit; aber die unter Anspannung aller Seelenkräfte niedergedrückten Schmerzen errangen die Obergewalt. Auf Befehl des Arztes musste er sich entfernen. Tage darauf von der Tochter aus Wahnfried besucht, nahm er den eingehenden warmen Ausdruck der Bewunderungen seiner Leitung freundlich entgegen und sagte dazu, sanft bewegt und wiederholt: "Sie machen mich glücklich."
Von seinem Leiden mochte er nichts hören. "Er habe einen Diätfehler begangen, der sei gehoben." So begab er sich nach Dresden zur Arbeit. Als Lektüre nahm er ein, ihm in Wahnfried empfohlenes Buch: die Predigten von Meister Eckehart. Mit diesem erhabenen Geiste und mit Tristan bereitete er weihevoll seiner Seele den seligen Heimgang.


Nach dieser weihevollen Hymne noch einen Beitrag von ihm selber aus seinem Tagebuch, um einen Ausschnitt aus dem Alltag von Julius Kniese und Wahnfried aufzuzeigen (aus Quelle: 111):

Frau Olga Kniese, geb. Mathis
"Meine Olga!

Es war ein heißer Tag gestern, ich hatte 8 Stunden Probe, habe dann aber bis 12 Uhr abends im Freien gesessen. Wir haben uns, anstatt in der Sonne, in der "Harmonie" häuslich niedergelassen. Du weißt nicht, wo das ist, vielleicht kann ich Dir's beschreiben: Wenn man vom Bahnhof kommt, an der früheren Winkelmann'schen Wohnung vorbei, ist es einer der Gärten, der einem bevorsteht, wenn man um die Ecke links nach dem alten Opernhause zugehen will. Da isst man einfach, billig, und da die "Harmonie" einer geschlossenen Gesellschaft gehört, etwa wie ein Casino, ruhig. Da sitzen wir, Solisten, Dirigenten, Verwaltungsrat.
So ganz ohne Zwischenfall ging der Tag gestern nicht ab. Am Nachmittag wurden der zweite und dritte Akt auf der Szene probiert. Die ganze große Szene zwischen Parsifal und Kundry habe ich auf der Bühne nach meinem Klavierauszug allein arrangiert, sonst wäre niemand da gewesen. Aber ein Klingsor, Herr Degele aus Dresden , vorläufig schauderhaft: roh, mit hartem Ton, gemeiner Aussprache und ohne jedes Verständnis. Wir alle waren empört. Dazu ist der Kerl erst gestern angekommen. Ich bin neugierig, wie das wird. Das war der erste Misston. Der zweite waren im 3. Akte die Chöre, genau so schauderhaft, wie im vorigen Jahre. Die Herrn Münchner Dirigenten haben denn auch bald die unreinsten Stellen drei- oder viermal wiederholen lassen, aber ohne zu sagen, woran es liegt. Das 4. Mal war es noch schlimmer ----
Ich habe mich still hinausgeschlichen.
Heut bin ich bei Feustels zu Tische. Am Freitag bei Scaria, der seine alte Wohnung bei Gießel wieder innehat. Diesmal hat er außer Frau und Tochter noch einen veritablen Affen mitgebracht. Frau Gudehus, Brandt, die Materna und Fräulein Scaria haben mir estern Abend ganz spezielle Grüße an dich aufgetragen.
Gestern Abend habe ich von Heckel erfahren, dass Feustel mit meiner Idee von Liszt und Bülow sehr einverstanden ist, dass nur Frau Wagner dagegen ist - aus persönlichen Gründen, die ja ganz nahe liegen, unter denen natürlich die Sache scheitern muss. Heut Mittag werde ich ja von Feustel mehr darüber hören. - Die Mannheimer werden ihren jetzigen Kapellmeister noch nicht los. Heckel sagte mir, wenn er ein anständiger Mensch wäre, hätte er schon längst gehen müssen. In der nächsten Zeit aber müsse es doch zum Klappen kommen. Heut habe ich etwas weniger zu tun, brauche erst um 10 Uhr anzufangen. 10 Uhr Scaria ¾ 11-12 Uhr Gudehus und Malten bei Groß, 4 Uhr Winkelmann, 5 Uhr 1. Akt auf der Bühne. Die Wandeldekorationen des 3. Aktes ist auch kurz, aber sehr schön, die geht umgedreht, wie die erste, von rechts nach links.
Heute bekomme ich auch eine helle Weste. Vorgestern habe ich mir für 1.50 M einen sehr eleganten Strohhut erstanden. Bei der Glut nach dem Theater laufen, schenke ich mir meist. Ich warte entweder die Materna oder Winkelmanns ab und fahre mit denen hinauf und herunter.
Frau Gudehus und Frau Winkelmann habe beide in diesem Jahre auch Jungen bekommen.
Zum Arbeiten komme ich hier nicht, es ist auch besser, ich tue nichts weiter, als für den Parsifal nötig ist. Diese Woche ist ja auch die schlimmste; von Sonntag an wird es besser.
Sonntag ist die erste Aufführung.
Dass Walther so brav ist, finde ich rührend. Das hat er von mir. Jula und Elsa sollen nur auch so sein, grüße sie von mir und sage ihnen, wenn sie immer so brav wären, freute sich der Papa sehr und käme auch bald wieder. - Es ist möglich, dass einige Rechnungen einlaufen, z.B. von Jausen, die sollen abgewiesen werden, bis ich zurückkomme. Wie was es denn am 1. Mit Votherrs?
Grüße meine Mutter. Wie geht es sonst im Hause?
Grüße auch Frau Hoff und Frau Miller.
Mit herzlichem Gruße und Kuss Dein        Julius"

Quelle: 111