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| * 21.11.1884 (Freiburg) † 03.01.1948 (Bayreuth / Grunau) |
Mit spitzer Feder geißelt die Tagebuchschreiberin von Gut Grunau die NS-Umtriebe der Bayreuther ("so wagner-toll wie hitler-toll"). Die Querdenkerin tritt zur katholischen Kirche über, weil ihr die Protestanten 1933 als politisch blind erscheinen.
Im Druckhaus Bayreuth ist ein lesenswertes, für Bayreuther
ausgesprochen fesselndes Buch erschienen. Unter dem Titel "Eine
vollkommene Närrin meiner ewigen Gefühle" (das ist ein Selbstzitat)
enthält es eine 370 Seiten umfassende Auswahl aus den Tagebüchern der
Charlotte Warburg (1884 bis 1948), die als Wahlbayreutherin zusammen
mit ihrer Familie mehr als zehn Jahre lang das am südöstlichen
Stadtrand Bayreuths gelegene Gut Grunau bewohnt hat. Frau Warburg, in
zweiter Ehe mit Gottfried Meyer-Viol verheiratet, war eine Tochter des
berühmten Physikers Emil Warburg, der 1931 in Gut Grunau gestorben und
posthum zum Namensgeber einer der jungen Bayreuther Universität
gewidmeten Stiftung geworden ist. Sie arbeitete nach dem Krieg
sporadisch als Zeitungskorrespondentin, schrieb zeitlebens Essays und
hat sich auch am Roman versucht. Vor allem aber schrieb sie - nicht für
die Öffentlichkeit, sondern zum Zwecke der Findung ihrer eigenen
Identität - Tagebücher. Ihrem Sohn Peter Meyer-Viol erschienen diese
Aufzeichnungen, die zwischen 1909 und 1947 entstanden sind, zu Recht
bedeutend genug, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Da sie in
einer heute nicht mehr üblichen Kurzschrift niedergeschrieben worden
sind, mussten Experten mit der Dechiffrierung betraut werden. Vor allem
aber galt es, einen Herausgeber zu finden, der aus dem umfangreichen
Material eine Essenz auszog und durch umfangreiche Kürzungen
Wesentliches von Unwichtigem schied. Dieser schwierigen Aufgabe hat
sich der vormalige KURIER-Redakteur Dr. Wulf Rüskamp mit Glück und
Geschick unterzogen. Auch indem er die von ihm zur Veröffentlichung
bestimmten Aufzeichnungen auf die Jahre von 1925 bis 1947 beschränkte,
ist es ihm gelungen; dem Buch eine Einheit zu geben, die ihm - bei aller
editorischen Akribie - auf weite Strecken hin die Spannungsqualität
eines hochpsychologischen Frauenromans verleiht.
Tatsächlich ist es etwas sehr Subjektives, nämlich die
komplizierte seelische, gesesllschaftliche und zeitbedingte
Konstellation dieses Autorinnenschicksals, die diesen Aufzeichnungen so
viel fastzinierende Bedeutsamkeit gibt: Lotte Warburg wäre
leidenschaftlich gern Berufsschriftstellerin gewesen, war es aber
nicht. Auch die Selbstandigkeit, nach der sie sich sehnte, blieb ihr
versagt. Sie war Mutter zweier Kinder und Frau eines Mannes, den sie
nicht liebte, den sie zeitweilig wohl sogar hasste. Ferner: Sie war die
Tochter eines bedeutenden Gelehrten und die Schwester eines nicht nur
in Deutschland - und zwar auch in Nazideutschland - begehrten
Naturwissenschaftlers und Nobelprelsträgers: Otto Warburg. Und sie
war Halbjüdin - aber ohne jegliche Bindung ans Judentum. Ihre
politische Position muss - ihren Aufzeichnungen zufolge - wohl als
deutsch-national-konservativ, mit einer auffallenden Affinität zum
Adel, bezeichnet werden. Diese Konstellation bewahrte sie freilich
nicht davor, dass sie den organisierten Judenhass der
Nationalsozialisten zumindest in Form von Nadelstichen und
gesellschaftlichen Brüskierungen zu spüren bekam. Als
Halbjüdin, die zudem mit einem "Arier" verheiratet war, blieb ihr
jedoch das grauenhafte Schicksal der europäischen Judenheit im
"Dritten Reich" erspart. Sie konnte, als ihr das im Interesse ihrer
Kinder für notwendig erschien, legitim aus Deutschland ausreisen -
zuerst in die Schweiz (1936), dann nach Holland, wo sie sich
naturalisieren ließ. Und der Familienbesitz Grunau blieb
unangetastet. Sie konnte 1946 dorthin zurückkehren.
Dem Schauplatz Grunau aber kommt - höchst merkwürdig - eine Hauptfunktion im Lebensroman dieser Frau zu. Dieses Gut bedeutete für sie Heimat, Geborgenheit, Distanz und damit den einzig möglichen Standpunkt, von dem aus sich das Weltgeschehen dieser unerhört spannungsreichen Jahre, zusammen mit dem Ichgeschehen der Tagebuchschreiberin relativ ungestört, bei aller Subjektivität um Objektivität bemüht, betrachten ließ. Mit dem "winzigen Provlnzstädtchen" Bayreuth hatte die Gutsherrin Meyer-Viol nicht sonderlich viel Kontakte. Sie lernte die Spitzen der Gesellschaft kennen und charakterisierte sie in ihren Aufzeichnungen. Beispielweise Siegfried Wagner: "Er macht den Eindruck eines sehr harmlosen, aber gutherzigen und kindlichen Menschen. Er lacht sehr gern und sehr leicht und freut sich, wenn man mit ihm lacht. Seine Frau ist wie tausend andere Frauen, aber er ist anders als tausend andere Männer." - Oder den Architekten Reissinger: "Sieht so sauber, so elegant, und so interessant aus, wie nur ein ganz gewiefter, sauberer Lebemann."
Mit solchen Facetten stößt sie ein Fenster auf, durch das man das Bayreuth der zwanziger und dreißiger Jahre erstaunlich lebendig zu sehen bekommt, wobei die Masse der Bayreuther so recht als Kleinbürger abgestempelt werden. Beispielsweise im Markgräflichen Opernhaus: Sie haben kein Geld, dieses riesige Haus zu heizen und stehen in Hüten und Mänteln herum; und die sich das Sitzen leisten können, leisten sich dazu eine Reisedecke. Furchtbar wäre es für den Markgrafen von Bayreuth, vom Himmel herabzukommen In dieses Armenhaus..."
1933, am 22. Januar, notiert sie: "Die Baronin
Crailsheim sagt, Beutter, der Bankdirektor, habe erklärt: Wenn
Hitler an die Macht kommt, ist dieWährung hin." Die
nationalsozialistische Machtergreifung aus Bayreuther Sicht
erfährt kontvastreiche Belichtungen: "Der Kommerzienrat
Schwabacher kam nicht zu seinem Stammtisch, und als einer seiner
Freunde fragte, warum nicht, sagte er: 'Ich wollte es den Herren nicht
zumuten, mit einem Juden am Tisch zu sitzen.' - "Hier in der
Leihbibliothek, die sie auch 'reinigen' wollen, fragte jemand den
Vorstand, ob er schon gereinigt habe, und der sagte, ja, er habe alle
Bücher von Thomas und Heinrich Mann entfernt." - Den Bayreuther
Spitzenpolitiker Hans Schemm
bezeichnet sie als "hübscher Junge, der sechs Jahre lang die Jugend
zu Hitler geführt hat und zur Belohnung Kultusminister geworden
ist". An anderer Stelle kommentiert sie in bezug auf ihn:
"Allmählich wird alles mit Nazis besetzt, und zwar fast alles mit
Schullehrern. Es ist die Revolution des Schullehrers und
Sekretärs; ein Volksschullehrer ist Kultusminister in
München, ein Volksschullehrer ist Kultusminister in Berlin."
Dererlei zynisch-treffende Urteile hindern sie nicht daran, dem neuen
Regime auch Positives abzugewinnen: "Man hat der Jugend wieder einen
Gedanken gegeben, und das ist das Beste an der Sache. Die Jugend war
verkommen, verloren, ziellos, geschwätzig und faul. Vielleicht
helfen sie ihr zu etwas Tüchtigerem." Diese abwägende, um
Verständnis bemühte Neutralität schwindet, als es die
Verhältnisse ratsam erscheinen lassen, ins Ausland zu exilieren.
Zuerst nach dem ihr bereits vertrauten Luzern, später nach
Holland, wo, aus der Situation heraus, ihre Liebe zu Deutschland in
wütenden Hass umschlägt.
Neben diesen politischen Zeitkommmenitaren existiert
in diesen Tagebuchaufzeichnungen eine Welt des Gefühls, durch die
sich leitmotivisch die Sehnsucht nach Liebe rankt und auch erstaunliche
lyrisch-philosophische Einsichten und Aphorismen hervorbringt. Grunau
in der Nacht beispielsweise: "Ich brauche jemanden, der neben mir
hergeht und ab und zu sagt: 'Schön, was?' Und der die Nacht liebt
... Die Erde ist eine einzige
Dunkelheit, der Waldesrand ist eine schwarze Ferne, und der Himmel ist
Helligkeit, Unendlichkeit, Licht über allem. Es liegt eine Illusion
von Größe und Schönheit über der nächtlich
Landschaft. Es ist gut, einmal am Tage die Welt in großen Umrissen
zu sehen, weil man sonst den Maßstab verliert, an Unendlichkeit
und Vergänglichkeit zu denken und an die Lächerlichkeit des
täglichen Seins und der täglichen Wünsche."