Prof. Hans Raithel

Studienprofessor und Heimatdichter
* 31.03.1864 (Benk)
† 26.09.1939 (Benk)

1. Sein Leben: Vom Bauernsohn zum Studienprofessor am Realgymnasium

a) Jugendjahre im Dorf und an Bayreuther Schulen

Hans Raithel wurde am 31. März 1864 in Benk, dem kleinen Kirchdorf zwischen Bindlach und Bad Berneck als Sohn der Bauerseheleute Friedrich und Anna-Margarete Raithel geboren, die dort den Lettenhof bewirtschafte-ten. Im Alter von drei Jahren verlor er seine Mutter, die auf dem Felde vom Blitz getroffen wurde, als sie vom Säen heimging „Die drei Tage, von der Stunde an, wo sie mich verließ, bis zu der, wo sie zum Hof hinausgetragen wurde, sind die erste helle Erinnerung meines Lebens“, schrieb Hans Raithel in einer autobiographischen Skizze über dieses für ihn so schmerzvolle Ereignis.
Nach einem Jahr heiratete der Vater wieder. Hansens Stiefmutter aber kümmerte sich um ihn wie um ihr eigenes Kind und war ihm eine wirkliche Mutter gewesen.
Vom April 1870 bis Ostern 1874 besuchte Hans die Benker Dorfschule unter „misslichen Verhältnissen“, wie er sich später erinnerte: „Draußen in Benk war ich immer der Erste gewesen, aber was hatten wir da für eine Schule gehabt? Als ich in die Schule kam, war der Lehrer krank und siechte zum Sterben hin. Für ihn unterrichteten meist seine zwei Töchter, die eine eine gute Seele, die andere aber ein ‚Drache‘, wie er im Buche steht. Ich tat bei ihr nicht mehr, als ich tun musste. Als der Lehrer gestorben war, hatten wir ein halbes Jahr gemischten Unterricht, das heißt, wir hatten drei Lehrer, eine Woche den A aus dem Nachbardorf, und eine andere Woche den B und eine dritte den C, beide ebenfalls von auswärts, dann ging die Reihe wieder von vorne an, jeden Tag zwei Stunden. Als endlich der richtige neue Lehrer eintraf, hatte ich ihn nur ein halbes Jahr. .
Als Jüngster hätte Hans eigentlich den Lettenhof übernehmen sollen. Die Bauernarbeit aber lag ihm nicht, auch hatte er wenig Lust dazu. Er wollte studieren und Pfarrer werden. In dem aufgeschlossenen Knaben steckte ein starker Wissens- und Bildungsdrang, der in der dörflichen Enge keine Erfüllung fand, und der vom Pfarrer und Lehrer des Dorfes gefördert wurde. Hansens sehnlichster Wunsch war es, das Gymnasium in Bayreuth besuchen zu dürfen. Wie es dazu kam und was sich ihm alles in den Weg stellte, hat der Dichter im Alter in der schon erwähnten autobiographischen Skizze mitgeteilt, in der er mit Humor bemerkt, dass er es nur zwei Ochsen, die absolut nicht folgen wollten, verdankte, studieren zu können.
Er erzählt: "...Mein Vater wollte es durchaus nicht leiden, dass ich studierte, denn ich sollte einmal den Hof bekommen. Ich hatte zwar noch einen Bruder, der hätte anderswo Aussicht gehabt, einzuheiraten, denn er war um dreizehn Jahre älter.
Der Hauptgrund des väterlichen Widerstandes aber war. man hatte ihm vorgerechnet, so ein Student koste vom 11. bis 25. Jahr, also bis er in die Lage käme, selbst was zu verdienen, seine 8000 bis 9000 Mark und das im Glücksfall, wenn er alle Stufen glatt durchmache, ohne hängen zu bleiben. Im Geldpunkt aber war mein Vater peinlich. Er konnte z. B. mit dem Tuchhändler Schaller 3 Stunden um 5 Ellen Buckskin handeln, bis er glücklich einen halben Gulden heruntergehandelt hatte. Der Herr Pfarrer, der Herr Lehrer, die Mutter, mein Pate, meine Onkels und Tanten - damals noch als Vettern und Bäschen bezeichnet -, redeten auf ihn ein, es sei einmal mein Drang und Trieb, aber es war zunächst umsonst. Schließlich verdankte ich nur dem reinen Zufall, dem Ungehorsam von ein Paar Ochsen. dass ich in die Stadt durfte.
Es war im März und die Zeit des Ackerns. Mein Vater hatte ein Paar Ochsen an einen Pflug gespannt und ich sollte sie dem großen Knecht, der einstweilen Wiesen wässerte, hinausbringen. Er gab mir die Peitsche, ich fitzte auf die Ochsen ein und los gings. Ich mochte zehn Schritte gefahren sein, da hörte ich meinen Vater hinter mir mit der Zunge schnalzen ‚zzz‘, jenes Schnalzen missmutigster Verwunderung, ich weiß nicht, ob man‘s auch in der Stadt kennt. Ich sah mich um, ob es etwa mir gelte und wirklich galt es mir. Mein Vater hatte die Hände in die Seite gestemmt und sah mir mit zuckenden Mundwinkeln und zum Auszanken hereingezogener Augenbrauen nach. Ich brachte aber die Ochsen doch glücklich die Hoffuhr hinaus zur Straße, etwa 30 weitere Schritte. Da sollten sie nun ‚hott‘ gehen, d. h. nach rechts, und ich sagte ihnen auch ‚hott‘; dreimal sagte ich‘s und gab ihnen einen oder zwei Fitzer mit der Peitsche über den Kopf, aber man muss wissen, es waren 5jährige Ochsen, selbstbewusste, nicht dreijährige, wie man sie jetzt hat, sie hatten morgens in der Richtung ‚wista‘ (nach links) geackert und waren da mit dem Feld nicht ganz fertig geworden; sie dachten demnach, sie wüssten‘s besser als der kleine Knirps, und waren zudem gewohnt, sich nur vom großen Knecht behandeln zu lassen; so blinzelten sie ob meiner Hiebe nur ein wenig mit den Augen, drängten mich zur Seite und lenkten risolut nach ‚wista‘ um. Mit ein paar Sprüngen war mein Vater nach, riss mir die Peitsche aus der Hand und fasste den Sattelochsen am Horn: ‚Hott, hott, um sie in die andere Richtung zu bringen. Mir aber schrie er blitzenden Auges zu: ‚Geh‘ nein, du bist ja zum Bauern dümmer wie dumm. So geh dann in Teufels Namen und studiere!‘
In den nächsten Tagen schon machte er sich auf nach Bayreuth, sich zu erkundigen, wie das Studieren anzufangen wär. Man sagte ihm, die Aufnahmeprüfung in die 1. Klasse der Lateinschule wäre erst im Herbst, aber es wäre gut, wenn ich erst die sogenannte Vorschule besuchen würde, die Herr Professor Frieß täglich einstündig abhielt und in der Hauptsache mit darauf abziele, in der städtischen Volksschule fortzukommen.
Meinem Jahrgang nach hätte ich da in die 5. Klasse eintreten müssen, aber nachdem die Lehrer meinem Vater vorgerechnet, wie viel weniger Stunden man auf dem Lande an Unterricht hätte, verwies er mich in die 4. Klasse; aber auch da, in der 4. wollte er mich nach kurzer Prüfung in die 3. schicken, zu den Acht und Neunjährigen. Zum Glück gelang es meinem Vater, mit der Frau Lehrer auf guten Fuß zu kommen, mittels einiger Schinken und der Aussicht auf mehr. Das ging damals noch, als die Schule noch in der ‚Münz‘ war, und schrien die Lehrer nicht gleich ‚Versuch der Bestechung‘ wie jetzt, auch erfuhr der Herr Lehrer vielleicht gar nichts davon. Sie redete also mit ihrem Mann mit mehr Erfolg, sodass er sich endlich bereit erklärte, mich ohne weitere Prüfung in die 4. Klasse aufzunehmen. Ich tat mich wirklich auch in der 4. recht hart. Was waren die Tripse und wie sie alle hießen gegen mich für kenntnisreiche und gewandte Jungen; was konnten die schnell im Kopf rechnen; was wussten die alles von der Geschichte und der Welt!
Ich besuchte also vom April bis Juli 1874 die Vorschule für die Lateinschule, und wurde trotzdem nur auf Probe in die Lateinschule aufgenommen. Mein Glück bei der Prüfung war eine Nacherzählung, die damals bei der Aufnahmeprüfung verlangt wurde und die der prüfende Lehrer, dem ich heute noch danken muss, trotz der nicht wenigen Rechtschreibfehler, zufällig zu würdigen wusste. Sonst wäre ich nicht später Studienprofessor, sondern Bauer und Auszügler auf dem väterlichen Hof geworden.“

b) Studienjahre und berufliche Tätigkeiten

Lateinschule und Gymnasium absolvierte Raithel ohne Schwierigkeiten und bestand im Herbst 1883 sein Abitur. Den Vorsatz, Pfarrer zu werden, gab er zum Leidwesen seines Vaters und seiner Lehrer jedoch auf. Er zog vielmehr nach München, um dort Philosophie und neuere Sprachen zu studieren. Anschließend setzte er im hessischen Marburg seine Studien fort und bestand im Januar 1888, nachdem er noch ein Semester in Berlin studiert hatte, das „Examen pro facultate docendi“ in Französisch, Englisch und Deutsch für alle Klassen. Das beinhaltete die Eignung zum Dozenten und Gymnasialprofessor.
Es folgte eine Studienreise nach Frankreich und England. Eine Reise nach Nordamerika und Mexiko, wo ihm eine schöne Hauslehrerstelle in der Familie eines ehemaligen höheren Offiziers des Kaiser Maximilian versprochen worden war, musste er abbrechen. Er wurde auf der Reise dorthin krank und musste umkehren. Ein Magenleiden und in der Folge ein Kopfleiden nahmen später zu, dass er glaubte, die Laufbahn als Lehrer aufgeben zu müssen und überhaupt nicht mehr lange auf der Erde zu wandeln. So lebte Raithel Jahre von dem Rest seines Vermögens, im Sommer in der Heimat, im Winter in München, Wien oder Berlin und um über traurige Gedanken hinwegzukommen, beschäftigte er sich mit Literatur, Geschichte, Philosophie und Spanisch. Sein Einstieg in die Schriftstellerei war nach eigenen Darlegungen folgender: „Im Jahre 1894 gelang es mir, Aufnahme in den Verein 'Berliner Presse‘ zu finden. Ich verkehrte da sehr oft in der Familie eines anderen Mitgliedes, wo an den Abenden viel vorgelesen wurde. Ich hatte nun in meinen Studentenjahren als Kneippzeitungsredakteur einer Verbindung durch humoristische Schilderungen und Charakteristiken viel zur allgemeinen Heiterkeit beigetragen. So versuchte ich mit einer humoristischen Bauerngeschichte einen Beitrag zu liefern. Die Geschichte - es war ‚Herne und Hannile‘ - gefiel so, dass man mich ermunterte, sie drucken zu lassen. Ich sandte sie dann nachher als Büchlein an Paul Heyse, Theodor Fontane, Maria Ebner-Eschenbach, Georg Ebers und noch andere, und erhielt von ihnen schmeichelhafte Briefe und Ermunterungen, weiter damit fortzufahren. Ich schrieb daraufhin wirklich noch eine Geschichte, den ‚Schusterhans und seine drei Gesponsen‘, ließ sie aber liegen. Zu seiner Veröffentlichung kam es aber erst später im Jahre 1915. Meine Krankheit drückte auf meine Stimmung und ich war keiner anhaltenden Arbeit fähig, wie sie ein größerer Roman erfordert hätte..
Im Jahre 1900 besserte sich Raithels Zustand infolge einer glücklichen Diätkur merklich und er konnte, wenn auch verspätet, jetzt seinen Beruf aufnehmen. Zuerst versuchte er sich an einer privaten Lehranstalt in München, erhielt aber nach kurzer Zeit durch Vermittlung eines ehemaligen Marburger Universitätslehrers eine Anstellung an der städtischen Oberrealschule in Oldenburg, im seinerzeitigen Großherzogtum gleichen Namens, heute in Niedersachsen. Raithel litt aber auch da noch fortwährend an Kopfdruck und seine Ärzte rieten ihm, eine Anstellung in einem höher gelegenen Ort zu suchen. So wandte er sich nach Westfalen und hatte das Glück, eine Anstellung in der Stadt mit dem höchstgelegenen Realgymnasium, nämlich in Lüdenscheid, im schönen Sauerland, zu finden, wo er dann über 20 Jahre tätig war. Mit staatlicher Unterstützung durfte er von dort aus zwei längere Studienreisen unternehmen, einmal nach England und dann nach Frankreich und Italien.
Raithel hätte sich gerne mehr mit Schriftstellerei beschäftigt, musste aber, bedingt durch seine früheren Leiden, seine Kräfte für den immerhin schweren Beruf eines Gymnasiallehrers zusammennehmen. So schrieb er im Verhältnis zu anderen nicht viel, und das nur immer in den Ferien. So entstanden:
„Annamaig“, ein humoristischen Bauernroman, und „Die Stiegelhupfer“, die wie „Herne und Hannile“ im Verlag Amerlang erschienen sind, dann „Der Pfennig im Haushalt“ und noch anderes, das im Verlag Langen in München herauskam. Der „Pfennig im Haushalt“ wurde wie „Annamaig“ zuvor, in einigen Tageszeitungen abgedruckt.

c) Ruhestandsjahre in Bayreuth

Im Jahre 1924 ließ sich Raithel in den Ruhestand versetzen und zog nach Bayreuth, das gewissermaßen seine Vaterstadt ist. Hier wohnte er in einem der stillsten Winkel von Bayreuth. Der Blick von dem Erker seiner kleinen Mansardenwohnung ging auf der einen Seite über Gewächshäuser und Beete, auf denen Blumen blühten, auf das hohe, weißgraue Gebäude der alten Reiterkaserne und dann aus dem anderen Erkerfenster schon auf die Höhen und Felder, wo Frankenlandschaft und Fichtelgebirge zusammenfließen. Das Haus, das ihm selber gehörte, wo er aber immer noch als Untermieter eines eigenen Mieters wohnen musste, war an den Schlossgarten angelehnt. Durch eine Gartentüre gelangte man unter die alten schönen Alleen, zu den stillen Wassern und steinernen Bildern vor dem verlassenen Schloss, das wie die Eremitage durch Wilhelmine, der Schwester Friedrichs des Großen, eine melancholische Weihe erhalten hat.
In dieser Welt lebte der stille Professor seitdem er aus Westfalen wieder in seine Heimat gekommen war. Er war schon ein Stück Bayreuth geworden, aber mehr der Jean-Paul- und Markgrafenstadt als der Wagnerstadt. Sein runder, hellhaariger Kopf, seine untersetzte Gestalt waren die eines oberfränkischen Bauern. Bäuerlich ruhig und sparsam waren seine Bewegungen, sparsam die Worte, freundlich und voll besinnlicher Nüchternheit seine Gedanken. So war Hans Raithel gerne in Bayreuth, wo er auf die Schule, auf das Gymnasium gegangen, für seine Landsleute allerdings, wie das zu gehen pflegte, war er damals mehr der stille, alte Professor als eben der Dichter. Wer ihm da begegnete, der wusste sogleich, dass da einer ein „Landmann“ geblieben war - ein „Landmann fast in antikem Sinne“ (Dr. Schramm). Die Jahre in München, Berlin, in Amerika, dann in Westfalen, fremde Sitten, die er erfahren, hatten ihn nicht verändern können, die Literatur und die neue Zeit hatten sein Wesen nicht angerührt Er gehörte zu den Menschen von Dauer, von Maß und Stete. Durch vieles war er hindurchgegangen, freundlich und viel für sich, ein Freund der Bücher so gut wie der des Lebens, stets mit Geduld die Dinge und die Menschen aus ruhigen Augen hinter der schmalen, goldenen Brille betrachtend. Lange war er ja krank gewesen, und das Leben war ihm vielleicht mehr
bitter als süß geworden, doch sprach er nicht davon, von seinem Dasein hatte er wohl nie ein Wesens gemacht. Man muss an Adalbert Stifter denken - so meint Dr. Schramm -‚ wenn man das Leben Hans Raithels beschreibt, er ist ihm verwandt, auch wenn der Österreicher, der Böhmerwäldler und Katholik, in vielen anders ist. Stifter ist auch sein Lebtag ein „Landmann‘ geblieben, selbst als er Schulrat in Linz geworden war. Wie Raithel hat auch er seine Heimat am Fuße des Urgebirges nicht vergessen können.
Raithel hatte sich sein Ruhestandsleben in Bayreuth klar eingeteilt, einfach, in gleichmäßigen Bahnen verging seine Zeit. Drei Wochen Arbeit an seinen Geschichten, stets mehrere Stunden am Tage, dann eine Woche Ruhe. Die Mußen verbrachte er entweder bei Büchern, die er sehr liebte, oder drüben in seinem Heimatdorfe, in Benk, auf dem Hofe, von dem er stammte und den er selbst einmal übernehmen sollte. Er war kein Hofbesitzer geworden, wie es der Vater wollte „aber er diente dem Stande des Bauern mit einer tieferen Wirkung, als wenn er Landmann geworden wäre“ (Dr. Schramm). Denn wer kannte damals im Fränkischen, ja in Deutschland (außer dem Pastor L‘Houet, der das großartige Buch „Zur Psychologie des Bauern“ geschrieben hat), die Bauern so gut wie er?
Er kannte die Welt, ohne aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung zu schauen. Er ließ das Leben zu sich herein, wie es nur kommen wollte. Er trieb noch ausgebreitete Studien, vor allem vertiefte er sich in die Bücher von Edgar Dacques. Doch am meisten beschäftigte er sich mit der damals schwierigen Lage der Bauernschaft, mit der Not, die über den Landbau gekommen war. Raithel kannte die Not der Bauern genau.
Er sah und hörte sie auf seinen Besuchen am Land, auf seinen Wanderungen. Er hatte sich nach seiner Art gründlich umgesehen. Aber, so meint er, der schlechte Preis für die einheimischen Feldfrüchte in der seinerzeit herrschenden Teuerung, die vielen Lasten und Steuern, das war nicht allein die Notlage der Bauern - viel schlimmer war, dass die ganze Lebensart eines Standes der damaligen Lebensanschauung zuwider war. Die bäuerlichen Prinzipien, auf denen der Stand von jeher ruhte, sie galten nichts mehr und waren wertlos geworden. Die Einfachheit galt nichts mehr und die Sparsamkeit war durch die innerliche Entwertung des Geldes abhanden gekommen. Es war so schwer, in der Arbeit selbst sein Genüge zu finden, wie es der Bauer musste, wenn das schlechte Beispiel des leichten Verdienens und leichten Lebens vor Augen stand. Es war schwer, wie früher, jeden Pfennig zusammenzuhalten, wenn alles zum Aufwand lockte. Es stand so schlimm, weil sich die alte bäuerliche Gesinnung so schwer mit der neuen vereinigte, die es sich immer leicht machen wollte.
Der das alles wusste und sagte, ist kein sentimentaler Volks- und Bauerndichter, sondern selbst noch ein Bauer. Freilich, Hans Raithel wird es mit seinen Büchern, die das wahre Bauernleben darstellen, nicht leicht gemacht. Denn die Literaten der damaligen Zelt kümmerten sich nicht viel um ihn. Der alte Fontane hatte seinerzeit Raithels große Bedeutung erkannt, aber die damals in der Literatur Herrschenden rechneten ihn wohl zur Volkskunst, die diesen Kritikern „aber ein Greuel war“. Wie ist er aber für Kenner Tiefe, Wahrheit und Gegenwart‘ Aber wer wusste und weiß das?
Raithel hat in stiller Gelassenheit gearbeitet und mancherlei Handschriften gefertigt. Der Dichter wollte aber damit nicht hausieren gehen. Ob man das wollte und brauchte, was er schrieb, überließ er dem Schicksal - der innere Gleichmut war ihm das Höchste. Wie er denn überhaupt ein Mensch der Ruhe, der Tiefe, der goldenen Mitte war! So geht von diesem „oberfränkischen Dichterbauern“ ein Weg zur Antike (Dr. Schramm). Das zeigt sich in seiner Verdeutschung des römischen Dichters und Sittenschilderers „Martial‘ die allerdings unveröffentlicht blieb. Wir zitieren Blatt 47 aus "MartiaI“ X. Es führt am Tiefsten ins Leben hinein und beinhaltet die gesammelte Weisheit des Bauernlebens, der Bauerndichtung Hans Raithels:
„Was kann das Leben froh gestalten? / Es mit folgendem zu halten, / Martial: ein Vermögen erben, / Nicht erst mühsam zu erwerben / Ein stets flammender Herd, / Ein Acker, der die Fülle gewährt, / Seelenruh, die Toga selten, / Kein Streit, kein Schimpfen und kein Schelten. / Eine kräftige Natur / Dazu von Leiden keine Spur, / Klugheit, die nichts Falsches spinnt, / Treue Freunde, gleich gesinnt. / Ein Mahl, gefällig zum Behagen, / Doch nicht prunkvoll aufgetragen, / Nächte nicht in Schwelgerei / Verbracht, aber immer sorgenfrei. / Schlaf auch, tief und ruhig fest, / Der kurz die Nächte scheinen lässt, / Zufrieden sein an jeder Frist / Nicht mehr sein wollen als man ist. / Und nicht vor dem Tode bangen,/  Aber auch ihn nicht verlangen“.
Es liegen noch deutsche Übersetzungen von Raithel des schottischen Bauerndichters Robert Burns, ferner spanischer Dramen aus der Blütezeit des 17. Jahrhunderts vor. In der Bayreuther Ruhestandszeit schrieb Raithel eine Reihe von kleineren, ernsten und humoristischen Bauerngeschichten, von denen etwa 20 in der „Einkehr“, der Beilage zu den „Münchner Neuesten Nachrichten“, Aufnahme fanden. Er verfasste fernerhin eine Sammlung von Erzählungen, von denen einige Titel, so „Maireif“ und „Geschichten jugendlicher Arbeitsloser“ besonderen Anklang fanden. Dann schrieb Raithel noch einen Roman in der Art der „Annamaig“, den er „Übergeben und nimmer leben“ benannte, der aber seit der gewandelten Zeit nicht das Verlegerglück wie „Annamaig“ hatte.
Fünf Jahre vor der Altersgrenze verließ Hans Raithel seinen Beruf und kehrte 1924 in die Heimat zurück, wo er bald hernach in der Parkstraße Bayreuths ein Haus erwarb. Von dort aus zog es Raithel immer wieder in seinen Geburtsort Benk, wo der elterliche Hof von einem Verwandten bewirtschaftet wurde. Dort, in seinem „lieben Dorf“, sah man ihn oft im Obstgarten des Raithelhofes schaffen, im alten Dorffriedhof oder im Dorfe selbst auf- und abgehen. Die Benker waren und sind stolz auf ihren Professor, dessen Bücher zu seiner Zeit so bekannt waren und deretwegen sich auch Fremde für das abgelegene Dorf interessierten. Hier in Benk überraschte Raithel auch der Tod, der seinem mitunter einsamen Leben - er war unverheiratet geblieben - am 26. September 1939 ein Ende setzte. An diesem Tag war Hans Raithel, wie so oft, wieder mit dem Bus von Bayreuth nach Benk gefahren, um das Grab der Mutter für den kommenden Frühling mit Blumen zu bepflanzen. Hernach wollte er im Obstgarten die Früchte seines Apfelbaumes leeren. Da die Verwendung einer Leiter nicht ratsam erschien, entnahm er dem Schuppen einen baumlangen Reißer, um mit ihm den Ast zu rütteln. Da wurde die Bäuerin des Hofes plötzlich durch das winselnde Klagen des Hundes erschreckt, der ungestüm an seiner Kette hin zum Baum Hans Raithesl zerrte. So eilte sie in ihrer Unruhe hinüber zum Obstgarten und fand den Onkel hingesunken unter seinem Baum, inmitten der um ihn verstreuten Früchte. Ein Herzschlag hatte das Leben Hans Raithels jäh beendet - an einem sonnigklaren Herbsttag, der druchströmt war vom herbsüßen Duft der Reife. (Teile des Textes von Karl Meier-Gesees aus der Frankenheimat 9/1959).
Der alte Gottesacker in Benk birgt sein Grab. Auf einem schwarzmarmorenen Grabstein ist zu lesen: „Hier ruht Hans Raithel Studienprofessor und Heimatdichter von Benk, geb. 31.3. 1864 gest. 26.9.1939“.
Er ruht hier in heimatlicher Erde, um ihn jene kernigen Bauerngestalten, denen wir in seinen Werken unzählige Male begegnen. So wird auch durch das Dichtergrab auf dem kleinen Gottesacker dokumentiert, was dem Kenner nicht neu ist, dass Hans Raithel sich sein Leben lang dem Bauerntum und der bäuerlichen Kultur verbunden fühlte.
Ihm zu Ehren hat man nicht nur einen Platz im sauerländischen Lüdenscheid, wo er ja 20 Jahre beruflich wirkte, nach ihm benannt, auch seine Heimatstadt Bayreuth, in die er sich am Lebensabend zurückzog, widmete dem Bauerndichter einen Straßenzug, die Raithelstraße, die im Stadtteil St. Georgen die Brandenburger Straße mit der Rosestraße verbindet.

d)    Erinnerungen eines Zeitgenossen an die Benker Jahre mit Hans Raithel

Mit persönlichen Erinnerungen an Hans Raithel wartet Pfarrer Karl Kelber-Franken in einem Beitrag „Rückwanderung“ in der Heimatbeilage „Bayreuther Land“ vom Jahre 1930 auf. Sein Vater Ludwig Kelber war zur Zeit Hans Raithels der Pfarrherr von Benk gewesen. So waren Karl Kelber und Hans Raithel (an Jahren etwas jünger als jener!) als Dorfbuben gute Bekannte geworden, und Raithel kam so in nähere Berührung zu der Pfarrerfamilie. Kelber erzählt: "...Später kam Hans viel in unser Haus. Es hat Zeiten gegeben, wo der Heran gewachsene uns täglich besuchte. Und außer im Pfarrhaus saßen mein Vater, Hans und ich häufig beim Abendschoppen im Wirtshaus draußen an der Straße zusammen, dem „Wirtshaus zur Sonne“, in nächster Nachbarschaft von Hansens väterlichem Hof. Dieser Hof seines Vaters hieß im Volksmund der „Straßenraithel“. Unser Freund Hans hatte also nicht weit, wollte er mit uns bei der „Margaret“, der Wirtin, das Bier kosten, das ein alter Knecht vorzüglich braute. Im Sommer bei gutem Wetter tagte man auch im Freien unter den Apfelbäumen. Da kamen sie alle zusammen:
Der blaubefrackte Postillion, vom Viehmarkt im ‚Bayreuther Brannaburger‘ äußerst angeregte, heimkehrende Bauern des Dorfes und der Gegend, Kantoren und Lehrer, Metzger mit ihrem Gäuwagen, dem ‚Frieden‘ zugeneigte Altsitzer, Spazierläufer, Dudelsackpfeifer, Harfenisten, walzende Tagediebe, brave Handwerksburschen, stets durstige Schreiner, Schuster, Schmiede, des Sonntags die kartelnden Dorfburschen. Das alles fand sich bei der „Margaret“ zu halberabend.
Wir haben bei unseren Biertischen selbdritt viel von Schrifttum gesprochen. Raithel wusste bei seiner unbegrenzten Belesenheit immer etwas zu bieten. Wir waren Idealisten des Lebens. Für uns war diese Episode und Epoche des Straßenwirtshauses eine ausgezeichnete Schule fürs Leben. Wir sahen und hörten Schönes und wenig Schönes, wir lernten Volksleben und Bauernseele im Guten wie im Bösen bis ins einzelne erforschen. Könnte man sich Raithel als den realistischen Schriftsteller der Benker Dorfgeschichten, der er ist, denken, wäre das ‚Wirtshaus an der zur Sonne‘ an der Straße nicht gewesen, mit seinen Impulsen und Motiven, der ‚Spiegelsaal‘ des Dorf- und Landlebens, in dem er ungeschminkt sich zeigte und für den Poeten behaglich sich schauen lässt? Wenn Raithel einmal als Kirchweihbursche mit durchs Dorf zog und sich in den Strudel warf, ich wusste damals schon, dass ihm nicht ausgelassene und überschäumende Vergnügungslust dazu bewogen, sondern die Absicht, ganz in die Sitten, Gebräuche, Denk- und Verhaltensweisen des Volkes, dem er entsprungen, sich einzufühlen. Manchmal aber saßen wir länger auf den Bänken. Dann brach die Gabe und Liebe des Gebirgstranken zum Singen durch. Die Raithelshäupter stimmten an und man überließ sich dem Wiegen der Töne bei den immer gleichen Liedern mit einer immer gleichen ungeteilten Freude. So war Raithel-Vater, ein mit Mutterwitz und gesundem Humor, sowie mit Sangeskunst gesegneter Mann“.
Der Chronist Kelber erwähnt abschließend in seinen Darlegungen: „Ich schreibe mir das Verdienst des Anstoßes zu Raithels Leistungen auf dem Gebiete der Dorfgeschichten ein wenig zu. Ich entsinne mich noch, wie ich Raithel einmal auf dem Heimweg vom Straßenwirtshaus das Ansinnen stellte:
‚Raithel, du solltest Benker Dorfgeschichten schreiben, du allein kannst es!‘ Der Angesprochene hatte damals nichts darauf gesagt, aber es schien mir, es wäre damit das Samenkörnlein eines Willens in ein empfängliches Stück Land geworfen worden. So habe ich also, ohne es zu wissen, ein kräftiges Talent geweckt.“

2. Vom Wesen seiner Dichtung

a) Ein Bild vom bäuerlichen Alltag

Das Fichtelgebirgsvorland im engeren Umkreis Bayreuths mit dem Dorfe Benk als Mittelpunkt bildet also den Hintergrund für die lebensvollen Schilderungen fränkischen Bauerntums, die wir dem fränkischen Erzähler Hans Raithel verdanken. Wenn er auch ein Studierter war und den Professorentitel trug, so blieb Raithel seinem ostfränkischen Bauerntum getreu, dessen feinsinniger Künder er wurde. Echt, klar und zeitlos sind seine liebevoll gezeichneten Dorfgeschichten, tief verwurzelt mit Sitten und Gebräuchen der Landschaft, aus der sie gewachsen sind und deren schollenverbundenen Jahreslauf sie schildern. So bedeutende Meister volkstümlicher Darstellung und Heimatdichtung wie Ludwig Thoma, Josef Hofmiller und Ludwig Finckh rühmten das dichterische Schaffen des Jubilars und haben ihm schon zu Lebzeiten das Prädikat „Rosegger des Fichtelgebirges‘ zuerkannt: "Rosegger“ deswegen, weil er in mancher Hinsicht bezüglich seines erzählerischen Werks mit dem großen Österreicher verwandt ist und „des Fichtelgebirges“, weil manche seiner Erzählungen in der Bernecker Gegend (im Fichtelgebirge) spielen.
Seine Dichtung ist ein Hochgesang auf fränkisches Bauerntum. Ludwig Thoma stellte die Werke Raithels denjenigen des großen Schweizers Jeremias Gotthelf an die Seite.
Es sind wahre Dorfromane und Dorfnovellen, die Raithel uns verfasst hat. Hier ist vollkräftiges, wirklich echtes Bauernblut und es sind Gestalten von solcher Größe und Reinheit, dass man, während die frisierten, philosophierenden Dörfler Berthold Auerbachs weit verbleichen, an Gottfried Keller denken muss. Raithel ist es durchaus nicht darum zu tun, den Leser nur durch eine ungewöhnliche, womöglich aufregende Handlung zu fesseln, obwohl die Spannung keineswegs fehlt, er will nur dörfliches Leben, echt und unverfälscht vor uns aufbauen. Seine Bauern sind keine bestechenden Romanhelden, deren Schicksale wir atemlos verfolgen, sie sind vielmehr Gestalten von unbedingter Lebensechtheit, die unmittelbar der Wirklichkeit entnommen zu sein scheinen, in die nichts hineingetragen ist, was nicht vollkommen ihrem Wesen entspricht. Sie gehen keine absonderlichen Wege, fest stehen sie mit beiden Beinen im alltäglichen Leben, werken und schuften, pflügen und mähen, handeln und markten, lieben und raufen, freien und feiern, alles, wie es ihre Väter und Großväter getan.
Und oberfränkische Bauern, oberfränkisches Bauernleben stellt Raithel dar mit allen eigentümlichen Verhältnissen, mit dem besonderen Gepräge gerade dieses Volkstums. Raithel kannte seine Heimat bis ins Tiefste und Letzte hinein und was sein Dichterauge sah, das holte er mit nie fehlendem Griff heraus und gestaltete es mit sicherer, reifer Künstlerschaft zur Dichtung. Denn, so wirklichkeitstreu er auch erzählt, so wurde es doch nicht eine trockene, nüchterne Abschilderung der Wirklichkeit. Das machten seine Liebe zur Heimat, die ihm die Feder führte, und der „feine Duft echter Poesie“, die er überall an die derbe Alltäglichkeit hängte.
Dass Raithel seine Welt, in der seine Geschichten spielen, mit rechten Dichteraugen ansah, offenbart sich vor allem in der Zeichnung seiner Gestalten; es sind weder auffällig gute noch ausnehmend schlechte Menschen. Es sind Menschen schlechthin, in denen sich Tugenden und Fehler mischen. Er will nicht, wie so viele Erzähler einzelne Hauptpersonen durch besondere Vollkommenheit dem Leser gefällig machen, ihm sind alle seine Gestalten lieb und wert, auch solche, die wenig liebenswürdig erscheinen, und wo er fürchtet, dass solche der Leser abstoßend findet, ist er gleich bei der Hand, sie aus ihrer Menschlichkeit oder ihren Verhältnissen daraus zu entschuldigen, und um auch „dem Leser sein verstehendes und verzeihendes Lächeln zu lehren“. Das ergibt dann den milden, schalkhaften Humor, der bald lauter, bald leiser durch alle seine Bücher zieht.

(Nach Ausführungen Fritz Böhners über Hans Raithel und seine Dichtung im Mainboten von Qberfranken 1923).

b)    Die tragenden Grundtendenzen der Raithelschen Bauerngeschichten

Um die Wende des 20. Jahrhunderts begann eine Neuwertung der aus den Landschaften dem deutschen Schrifttum zuströmenden Kunst. Auch Hans Raithel gehörte zu den Dichtern, die mit ihrem ganzen Herzen lebendigen Dichtertums in der Heimatlandschaft ihrer Herkunft wurzeln. Die Traditionen, die der Bauernroman von jeher pflegte, besonders die enge Anlehnung an den Heimatboden, bedeutete für den oft zu raschen Wandel im ganzen literarischen Leben eine nicht zu unterschätzende Sicherung. Dorfroman im üblichen Sinne waren diese gewichtigen Dichterwerke dann nicht mehr, weil sie trotz des liebenswerten Erfassens des ländlichen Volkslebens, doch das Leben an sich in seiner ganzen Vielfalt enthielten. So sind auch Hans Raithels Werke zunächst einmal ganz allgemein „Wannen und Krüge für Menschenschicksale“. Sie bleiben also nicht in der Typisierung einzelner Charakter stecken, sondern liegen immer im Ganzen, im weithin Gültigen beschlossen. An drei Bauerngenerationen werden in Raithels Bauerngeschichten die für alles vollwertige Leben ersprießlichen Ideen aufgezeigt. Der Sieg der Tugenden, die nicht allein das bäuerliche Leben bestimmen, überbrückt die Generationen, eine nach der anderen. Das Hängen am Althergebrachten steckt in allen Bauernmenschen und macht jeden Brauch, jede Einrichtung, die diesem Grundsatz entspringen, zu etwas „Geheiligtem“. Um diese Erkenntnis bewusster zu machen, führt uns Raithel in seinen Geschichten Menschen vor, die die oben angesprochenen Prinzipien „verletzen“. So verstößt die Burgbäuerin im „Pfennig im Haushalt“ gegen die alte Tugend der Sparsamkeit. Das Tun der jungen Bäuerin in der „Geschichte von der Butter“ ist verwerflich, weil sie ebenfalls nicht sparen und ihre richtige, vorgeschriebene Menge Butter an die amtliche Verteilungsstelle nicht abliefern konnte.
In der „Annamaig“ bringt ein störrischer Alter wegen Missachtung hergebrachter Gewohnheiten sich, seine Bäuerin und die jungen Leute, die übernehmen sollen, in die größten Misshelligkeiten. Die Erzählung „Der Weg zum Himmelreich“ berichtet von einer alten Hausmutter, die über ihren eigensinnigen Plänen das Glück der Angehörigen vergisst. Im Roman „Männertreu“ spielt sich Ähnliches ab, wie in der „Annamaig“ und es tragen hier wie dort doch die Jungen den Sieg davon, den Alten bleibt nichts weiter übrig, oft halb und halb verärgert, in den „Kasten“ auf‘s Austragsstübchen zu gehen.
Ein besonderes Moment der Raithelschen Dichtung muss hervorgehoben werden. Der Dichter versteht es auf den ruhigen Strom der Erzählweise immer wieder kleine schalkhafte Lichter zu setzen. Überhaupt kommt der Humor bei allen Geschichten und Romanen nie zu kurz. „Es ist jener Humor, der einem Reuter, einem Raabe dauernd verwandt bleibt, in seiner aus einem echten, guten Herzen hervorquellenden Art“.
Der Raithelsche Humor leuchtet besonders hell in der köstlichen Erzählung „Herrle und Hannile“, der der Untertitel „Ein Strauß Dorfblüten, gerissen und gebunden“ beigegeben ist. Ein Schalk band ihn, einer mit einem lieben, weiten Dicherherzen, dem das Alte in seiner gütigen Art so lieb ist wie die Jugend, die sich die Hörner abstoßen mag und muss, so oft sie‘s eben trifft.
Auch das Tragische ist in den sonst ganz in der Stille einfachen, zwingenden Geschehens ruhenden Geschichten und Romanen nicht fremd. Der „Weg zum Himmelreich“ wird denen, die ihn gehen müssen, einem aufrechten jungen Bauernpaar, das nach einem Stück Erdenglück, nach Acker und Haus sehnlichst verlangt, zu einem Leidensweg, an dessen Ende der frühe Tod steht. Eine zarte, unvergessliche Gestalt ist dem Dichter mit dem kleinen Krüppel gelungen, der eines Tages alle erdenhafte Mühsal, die ihn in jungen Jahren schon überfällt, abstreift, sich auf den Weg macht, das Tor des Himmels zu suchen, das er hinter blauen Waldbergen in der Ferne vermutet. Er schreitet wirklich hinaus ins blaue Licht, vom hohen Felsen, der ihm Treppe erscheint zum Tor der Seligen, bei denen Vater und Mutter wohnen, stürzt er sich zu Tode. Eine andere tragische Gestalt ist der „Schusterhans“, der leichten Sinnes dem Leben die besten Seiten abzugewinnen trachtet.
Noch manchmal finden wir in Raithels Erzählungen außenseiterische Käuze eingestreut. Im übrigen aber sind die Figuren, die Raithels Bücher mit echtem, ursprünglichem Leben und Geschehen erfüllen, Dorfbauern schlechthin, vielgestaltig allerdings in den Charakteren, wie sie sich eben in der dörflichen Gemeinschaft bieten.
Das Geschehen selbst entquillt dem Bauernjahr, wie der Dichter es von Jugend an gründlich kennt. Acker, Hof, ländliches Gebreite und Gedinge, Ehe und Familie geben die reiche Handlung:,, ländliches Jahr“, in das die nahe Stadt, der Markt, die Jahreszeit zuweilen abwechselnd eingreifen. Und doch ist‘s nie dasselbe, was uns begegnet, obwohl fast in jedem Buche ein armer Knecht, eine reiche Bauerntochter, ein alternder Bauer mit mehr oder weniger großen Schwierigkeiten zu dem finden, was ihnen zugehört. Eine erstaunliche Buntheit der Ereignisse und der Menschen gibt es in allen Geschichten. Und gerade am Kleinen, am Unscheinbaren hängt oft genug eine ganze Offenbarung von Wahrheit, Wirklichkeit und rechtem Lebenssinn. Raithel sagt selbst einmal: „Bleibt mir aber nichts zum Beschreiben als einiges vom Ordinären, vom weniger Auffälligen, vom gewöhnlichen Leben... Nun wolle keiner zum Einwand machen, das Objekt tauge nichts..." Er verteidigt damit aber gleichsam sein ganzes Dichten, das am Unscheinbaren, Selbstverständlichen seine helle Freude hat und uns diese Freude zu schenken weiß.
Gottes Wind weht über die Äcker seiner Bauern und Gott lässt ihnen die Früchte ihrer großen Mühsal ernten, und sie halten sich dabei an die Dinge selbst, die ihnen am nächsten liegen: an Feld, Hof und Vieh. Und sie übertreiben häufig ihren Hang zu irdischen Gaben bis zur Ausschließlichkeit. Sie sehen oft nur dort wirklich Erfüllung, wo die Quellen sichtbarer sprudeln und vergessen darüber allzugleich die ideelen Güter. In seinem Roman „Der Schusterhanns“ zeigt uns der Dichter einen Menschen, der, wenn man s so nimmt, ein Lump ist. Er hatte keine Ideale. Woher hätte er sie nehmen sollen in seinem engen Häuslein, wo er lebte wie „ein Mann im Essigkrug“? Er hatte keine seelische Tiefe, wozu hätte er sie brauchen können in einer Zeit, wo die Bauern, auch im Winter um 3 Uhr früh aufstanden und bis 11 Uhr Mittags mit der Drischel droschen?... Die Ideale, die im Werkeln zwischen Pflug und Sense, zwischen Hof, Stall und Acker entstehen, mögen zwar oft nüchtern sein, sie sind dennoch da, „die einen ganz großen Stand - eben der Bauern - fester auf den Boden stellen und ihn gleichzeitig herzlicher, unmittelbarer mit dem Himmel verbinden, als dies im ‚Abseits‘ der Städte möglich ist..
Noch eine Tatsache muss herausgestellt werden: Es ist nirgends in Raithels doch ziemlich umfangreichem Werk bei der bloßen Beschreibung von Zuständen und Verhältnissen geblieben. Eine feste, sichere Hand, ein natürlicher epischer Sinn haben das Geschehen überall zu vollendeter Erzählkunst gestaltet. In ruhigen, kraftvollen Maßen bewegt sich der Stil, breit ausholend, wo es sein muss, aber auch straff und zielbewusst in den Dialogen.
In einem historischen Schauspiel vom Jahre 1870 „Auf dem schmalen Steg“, erbrachte Raithel weiterhin den Beweis seines dramatischen Könnens. In der biblischen Bauerngeschichte „Die heilige Frucht des Feldes“ vereinen sich erstaunliche Kenntnis des alttestamentlichen Stoffes mit einem Höchstmaß an dichterischer Eingebung und meisterlichen Stilwillen.

(In Anlehnung an eine Betrachtung Wilhem Müllers über das fränkische Dichterbildnis Raithel, erschienen im „Bayreuther Land“ 1933).

c) Volkskundliches in Raithels Werken

Ostfränkisches Bauerntum findet nirgends eine so vielfarbige und wahrheitsgetreue Schilderung wie in den Dorf- und Bauerngeschichten von Hans Raithel, deren Schauplatz die engere Heimat „Bayreuther Land“ ist. Dieser Dichter fränkischen Blutes gehört zu den letzten großen Kündern bäuerlichen Wesens und jenes ländlichen Brauchtums, das im 19. Jahrhundert noch sein ausgeprägtes Sonderleben geführt, und mit dem heraufziehenden Maschinenzeitalter aber Glanz und Farbe verloren hat. Dass er „bis zum Urgrunde bäuerlichen Seins“ vorgestoßen ist, erkennen wir ohne weiteres, wenn wir seine Erzählungen nach volkskundlichen Aspekten betrachten.
Eins springt zuvorderst in die Augen, das sind das in allen seinen Büchern häufig eingestreute mundartliche Wortgut, und die dabei in Erscheinung tretende Beherrschung der bäuerlichen Rede. Wer diese Redeweise und vor allem den seinerzeitigen Wortschatz des ostfränkischen Bauernvolkes kennenlernen will, der vertiefe sich in die Werke Raithels. Eine Unsumme von Sprichwörtern, Bauernregeln, Schwänken, Sagen, originellen Vergleichen und urwüchsigen bildhaften Wendungen findet er hier. Uraltes Sprachgut, das zum Teil bereits der neuzeitlichen Bauernsprache abhanden gekommen ist überliefert er uns. Nur einiges sei herausgegriffen: Ärfel (Arm voll), Bonnet (Scheunenviertel), Enkerbrot (Vesperbrot), Tankelstreu (Hackstreu), Radbern (Schubkarren), Klunze (Spalte), Lätzen (Laune), Mauke (Wunde), Kapf (Höhe), guteined, tiebig (krank), Faunzerchen (ein bisschen), stricksen (durchhauen), ahndt tun (Sehnsucht haben), uiei, uiei (Ausspruch des Staunens), Herbung (Mietwohnung).
Wie reichhaltig das ostfränkische Schimpfwörterlexikon ist, ersieht man am besten aus der Sammlung im „Schusterhanns..." und wie stark durchsetzt mit Fremdwörtern die damalige Bauernsprache war, ergeben folgende Proben: Krapuz, justament, flattieren, kascholieren, wif, alert, partuh, ambessang (en passant), ka lial (nichts liard = französische Münze), in einer Tur, ästimieren.
So deutlich wie das Sprachleben ersteht bei der Lektüre auch das Brauchtum des ostfränkischen Landvolks. In bunter Gruppierung heben sich auf dem Zeithintergrund die einzelnen Typen und Stände voneinander ab. Noch hatte der wohlhabende Bauer wenig Gemeinschaft mit dem armen Weber, Stiegelhupfer, Hirten und Armenhäusler, und doch umschlang alle das gleiche Band der Sitte und des Herkommens. Der Jahreshauf ordnete Arbeit und Festfreude und hatte seine immer wiederkehrenden Bräuche im Gefolge. So werden Lichtmess, Jakobi, Bartholomäi, Egidi, Matthäi und Michaeli als bedeutende Daten im Bauernheben genannt. Es wird über günstige Aussaattage, über Heranwachsen der Feldprodukte, über die Ernte, über den fröhlichen Abschluss der Ernte bei der Sichelleg gesprochen. Es kommt die Hütezeit auf Wiesen und der Flur. Das Dreschen nahm seinen Anfang. Ab dem St. Wolfgangstag (31. 10.) wurden wieder die Rockenstuben gehalten. Der Neujahrstag als besonderer Festtag für die Dorfburschen (Peitschen der Mädchen mit Buchsbaumzweigen) muss genannt werden. Weitere Brauchtumsstationen im Jahreslauf: Die Fastenzeit - die Fastnacht mit ihrer Ausgelassenheit - Pfingsten mit dem Maienstecken - eine Hochzeit im Dorf als herausragendes Ereignis - Höhepunkt bäuerlicher Lust und bäuerlichen Lebens war die Kirchweih.
(Auswertung volkskundlicher Darlegungen von Georg Regler im Mainboten von Oberfranken Ausgabe 1935).
Zusammenfassend darf bekräftigend herausgestellt werden: Raithels Schriften bieten für den, der die Natur und Kultur des oberfränkischen Bauerntums studieren will, eine kaum zu erschöpfende Fundgrube, was Volkscharakter, Lebensweise, Wirtschaftsform, Sitten, Gebräuche, Aberglauben. Sagen anlangt, und das alles im Zeitraum des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

3. Sein dichterisches Werk

Stimmen und Bekenntnisse von zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern

1896 erschien „Herrle und Hannile“ - „Ein Strauß Dorfblüten, gerissen und gebunden“ hat der humorige Erzähler das Büchlein genannt. Es ist eine köstliche Idylle aus behaglich geruhsamer Zeit, - „klein, aber fein!“, wie der Autor selbst gerne bei ähnlichen Wertungen sagt. Wie in Stifters „Feldblumen“ führt jedes Kapitel sinnbildliche Blumennamen, und das Ganze mutet auch wirklich an wie ein farbenfroher, tauglitzernder Feldblumenstrauß. Tollkraut blüht darin, üppiger noch wie in den anderen Büchern des Dichters, aber auch Sauerampfer, Brennnesseln und Pfaffenkraut wuchern da, Wermut und Habichtskraut, Feuerbohne, Honiggras, Katzenpfötchen und der liebe Augentrost - ein .Bindfaden umschlingt sie alle doch zuletzt.
Wie bunt lacht dieser schöne Strauß, wie duftet‘s da so köstlich herb und süß durcheinander! Ein Schalk band ihn, einer mit einem lieben, weiten Dichterherzen, dem das Alter in seiner gütigen Art so lieb ist wie die Jugend, die sich die Hörner abstoßen mag und muss, so oft sie‘s eben trifft.
„Herrle“ ist der alte, doch rüstige Austragsbauer, der Wittiber, dem es im Hause des Sohnes und der Schnur (Schwiegertochter) zu eng wird: „Hannile“ ist ein 5-jähriges Bürschlein, das Söhnlein einer Wittib in den besten Jahren, der Margelies, in „Mausloch“ drüben, das nicht leiden will, dass ein neuer Vater auf den Hof kommt, und ihn inzwischen mit Holzscheiten bombardiert. Doch der Ausgang ist glücklich, „Herrle“ freit die kluge, schöne, früh verwitwete Lehringsbäuerin und wird nochmals Herr und Bauer, und „Hannile“ bekommt versprochen, dass die Ammfrau hin kann, wohin sie will, man lasse sie nicht herein. „Ich täte sie auch maustot schießen“, sagt „Hannile“, „ich bin kein Guter, das lass ihr nur ausrichten“
Die engere Heimat Benk und sein Umland sind der Schauplatz für „Herrle und Hannile“ und die vorkommenden geographischen Bezeichnungen sind nur Decknamen für wirkliche Örtlichkeiten, so ist Mausloch: Benk, Schlossgut:
Eckershof, Hölznitz: Berneck, die Kreisstadt: Bayreuth.
Raithels Büchlein ist erquickend und Volkskost von der besten Sorte.
Das bezeugen namhafte Zeitgenossen. Laurenz Kiesgen: „Raithel gibt uns in diesen Darstellungen zu erkennen, dass bei Dichtung der Stoff nichts, die Form alles ist Wir haben hier bei dieser originellen Dichtung ein ganz hervorragendes, bodenständiges, humorvolles Talent. An Jermias Gotthelf wird man erinnert, doch Raithel würde ein Gotthelf ohne die vielfach störenden Predigten sein“.
Josef Hofmiller: „'Herrle und Hannile‘ ist in der Tat ein rundes, prächtig geratenes Meisterwerk. Raithel ist ein Dichter der stillen, leisen Art, die mit schmunzelndem Behagen an ihre Arbeit gehen, das Leben der Kleinen und Unbedeutenden dem Leser erzählen und zwar mit all dem Herzensvergnügen, das ihnen diese Leute bereitet haben..."
Ludwig Thoma: „Diese Geschichte ist erzählt mit einem prächtigen Behagen, das auch sogleich den Leser wohlig überkommt. Ich danke Hans Raithel herzlich für die frohen Stunden, die mir sein Buch bereitet hat.“
Ludwig Finckh: „Raithel ist ein verfeinerter Thoma, der bayerische ldylliker gegenüber dem Realisten Thoma und vor allem dem derben Georg Queri. Er lässt das Zarte, doch nicht süßliche und unechte Element in seinen Büchern hervortreten..."
Die Aufmerksamkeit der „Literaturweisen“ gewann Raithel erst mit seinem 2. Buch „Annamaig" eine im Zeitkolorit des Biedermeier geschriebene Bauerngeschichte aus dem Bayreuther Land. Der Roman ist auch als ein interessantes Zeitbild aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu werten. In diesem breit angelegten Bild obenfränkischen Dorflebens ist keineswegs die Titelgestalt die eigentliche Heldin. Es treten auch andere Personen in den Vordergrund, besonders der Lettenbauer und seine prachtvoll gezeichnete Bäuerin, zwei bäuerliche Starrköpfe, die einen seltsamen Ehezwist ausfechten. So unternimmt es der recht dickköpfige Alte, sich bei der Verheiratung seines Sohnes nach recht bäuerlicher Art nur von der Vergrößerung seines Hofes leiten zu lassen und bringt dabei seine Familie in die größten Schwierigkeiten. Aber die jungen Leute tragen doch zuletzt den Sieg davon. Das Hin und Her dieser Geschichte vom Freien und den Hochzeiten, vom Bauernstolz und der Schläue, von Kirchweihfeiern und Raufereien lässt ein treffendes Bild des ostfränkischen Bauernschlages entstehen. Urteile von Kennern über „Annamaig":
Heinrich Leher: „Annamaig ist viel mehr als eine Dorfgeschichte, es ist ein Kunstwerk der Schilderung von Dorf und Land und den Leuten, die darin wohnen. In den Seiten dieses Buches zeigt es sich, wie die Feder dem Pinsel des Malers überlegen ist, die besten Genre-Maler wären nicht imstande, ein treueres Bild des Fichtelgebirgsdorfes in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu geben, wie es Raithel mit seiner ‚Annamaig‘ gelang... Nun hat Oberfranken in Raithel seinen Schilderer gefunden.“
Alfred von Mensi: „Ich wüsste Raithel nur mit einem Großen zu vergleichen, mit Jeremias Gotthelf... Ein gesunder Humor weht durch jede Seite dieses merkwürdigen Buches eines noch Unbekannten, das in seiner bescheidenen Kraft eine ganze Bibliothek unserer ‚zeitgenössischen‘ Romanliteratur aufwiegt.“
Kurt Aram: „Seit Jeremias Gotthelf ist uns nicht mehr so von Bauern erzählt worden... So natürlich, so echt und so ganz aus dem innersten Leben des Bauern ist alles in dieser ‚Annamaig‘.“
Josef Hofmiller: „Wie viel gäbe es an diesem vortrefflichen Buche zu preisen, aus ihm zu zitieren!... Das alles lässt sich nicht nacherzählen, das lässt sich nur nachlesen und nachfühlen... Wir haben hier einen Erzähler kennengelernt, der zugleich ein Dichter ist...“
Ludwig Thoma: „Durch dieses Buch habe ich das Frankenland in der Rückerinnerung lieben gelernt. Was es hoch hinaufhebt über alle geschickte und talentvolle Literatur unserer Zeit ist seine Bodenständigkeit, ist die Meisterschaft, mit der völlig geschlossen die Art eines Volkes geschildert ist..

Werkprobe aus „Annamaig“:
Die Bäuerin kommt wieder heim

„Am nächsten Nachmittag, als sich nur der Lettenbauer und Görg noch im Hause befanden - sie hatten den Leuten ein paar Heuwagen nachzufahren -‚stürzte auf einmal der letztere in die Stube, wo der Alte, weil die Sonne gar zu helles Licht machte, seine alte Lederhose aufwichste: „Bauer, die Bäuerin!“ Er hinkte - er hatte wieder einen kleinen Anfall - auf das Fenster zu, um zu sehen, ob‘s wahr wär‘. „Nicht durch die Fuhre,“ rief der Bub‘, „sondern von hinten, durch die Ägerten und durch die Bäum‘.“ So tappte er ins Haus und steckte den Kopf durch die Haustür, oder vielmehr, er spitzte durch die Klunse zwischen der steinernen Säule und der Leiste, die an deren Rand herunterlief, damit die Hundekette nicht an der kostbaren Säule scheuern konnte.
Und im Hofe das Gegacker und Gequake, das nun anhub! Der Hahnegockel auf dem Holzstoss hatte die Bäuerin zuerst gesehen. Er ließ erhobenen Hauptes seine Blicke umherschweifen, während die Hühner vor ihm auf dem Miste scharrten. Auf sein verwundert fragendes „Krokoh“ sahen sie auf, und kaum hatten sie die Bäuerin erblickt, so liefen sie, oder vielmehr, sie hatten keine Zeit zum Laufen, sie flogen; die Enten, die sich im Hofe sonnten, meinten erst, es gäbe Futter, und watschelten zu gleichen Füßen. Ein Schock Taubenflügel schwirrten durch den Hof dem Garten zu, und so zog sie herauf:
über ihr die Sonne und der blaue Himmel; darunter die Tauben, die in weitem Kreise bald hoch bald nieder flogen, als spielten sie Ringelreihen, und die schon stattlichen grünen Kronen der jungen Apfelbäume, und unter diesen breitete sich ein grüner, schwellender Teppich aus, mit hundert Farben durchwirkt: von rotem Klee und gelben Pantoffelblumen und weißen Wucherblumen und orange Hirtentäschchen und blauem Salbei und anderen, nicht minder schönen Frühlings- oder Sommerkindern. Vor ihr aber sangen die Hühner, deren goldige, braune, grüne Federn mit Blumen wetteifern konnten. Die Enten quakten und schöppelten sich vor Freude an den Flügeln. Der Pfau auf einem Schuppendach konnte nicht herunter, aber er schlug ein Rad und vollführte ein markdurchdringendes Geschrei. So kam sie auf der Treppe her mit ihrem sechzigköpfigen Gefolge, deren Vorhut freilich der Hund auseinander jagte, den - vielleicht hatte er nicht schlecht Not gelitten - vor Freude sich nicht betun konnte und vor ihr auf und nieder tollte und in die Luft sprang, und ihr durchaus die Pfoten auf die Schultern legen und die belecken wollte. Endlich entkam sie ihm und flüchtete ins Haus, wo sie den Bauern traf.“
Im Jahre 1915 brachte Raithel den „Schusterhans und seine drei Gesponsen“ heraus, nach dem Urteil des Dichters sein bestes und liebstes Buch, „wie ein Rezept zu Medizin habe ich den ‚Schusterhans‘ für mich auch geschrieben. Und wie man ein gutes Rezept nicht gern für sich behält, sondern es an Freunde und Bekannte verleiht, so findet sich vielleicht noch den und jener, der mit trüben Augen auf die Welt sieht und ein Augenwasser braucht. Möge ihm der ‚Schusterhans‘ helfen.“ Wieder einmal eine Dorfgeschichte, aber ohne Rührseligkeit und hässliche Dinge und Worte, sondern voller Humor, mit feinfühliger Behandlung selbst heikler Geschehnisse und echt menschlich. Dabei reichhaltig im Inhalt; denn der „Schusterhans“ muss sich durch drei Ehen mit verschiedenen Frauentypen durchkämpfen. Das Büchlein, mit seiner echt oberfränkischen Lokalfarbe und dem straffen Aufbau der Erzählung, bildet eine aufheiternde und bestens unterhaltende Lektüre. „Was soll mir die alberne Geschichte“, meinte ein Kritiker und Zeitliterat, als der „Schusterhans“ angesprochen wurde.,, Die Armenleutegeschichten sind aus der Mode. Wir wollen unsere Phantasie nicht mehr durch Armenwinkel und Dorfgassen spazieren führen... Ideale wollen wir, die uns über unseren gegenwärtigen Zustand erheben, oder psychologische Vertiefung, die unsere Erkenntnis über unsere seelischen Möglichkeiten fördert. Der ‚Hans‘ aber ist ein Lump gemeiner Sorte, ohne jede seelische Tiefe... Überdies ist eine Milieuschilderung mit der Monographie eines Dorfschusters um 1870 aus der Mode gekommen. Das Interesse der Leserwelt ist weitergegangen zu anderen Dingen..."
Wie äußert sich Hans Raithel zu diesen missliebigen Darlegungen? Er sagt: „Ach, ich weiß wohl, der Hans war, wenn man‘s so nimmt, ein Lump, er hatte keine Ideale, woher hätte er sie auch nehmen sollen in seinem engen Häuschen, wo er lebte wie der Mann im Essigkrug, und die Ideale wollen weiten Raum, weil sie fliegen wollen; er hatte keine seelische Tiefe; wozu hätte er sie brauchen können, in einer Zeit, wo die Bauern auch im Winter um 3 Uhr früh aufstanden und bis 11 Uhr mittags mit der Drischel droschen?“
Und doch ließ es Hans Raithel keine Ruhe, bis er die Geschichte vom Hans vor sich hatte. Warum? Der Dichter sagt,“ dass es dem Hals weh tut, nur fort die Leiter des Glücks hinaufzuschauen, und dass der Mensch zur Erleichterung und zur Erkenntnis auch wohl einmal hinunterschauen muss auf die, die unten stehen. Und zu denen, die unten stehen gehört auch der Schusterhans.“
Aber der Dichter weiß uns den „Lump Hans“ so nahe ans Herz zu bringen, dass wir ihn gerne haben müssen, den unverwüstlichen Lebenskünstler, der trotz seiner so übel verlaufenden Heiraten den Glauben ans Leben nicht verliert. So sehr hier alles vom Humor getragen ist, der tiefer blickende Leser fühlt sich doch von einer gewissen Tragik angeweht, wie etwa auch gelegentlich bei Wilhelm Busch oder in manchen scheinbar heiteren Novellen Gottfried Kellers.
Kleine Werkprobe aus „Der Schusterhans und seine drei Gesponsen“: ..."Ich wag‘s nicht, ich pass“‘, surmte immer der Haberstumpf, wenn er bloß drei gute Trümpfe und nur ein paar Asse hatte. „Ich mag auch nicht“, brummte darauf der Schneider (ein Bauer), wenn seine Karten nicht so voll Matadoren war, dass kein dummer Wurf das Spiel mehr verderben konnte. „Ich probier‘s“ trompetete dann der Kanton, und wenn er nur den roten Unter und sonst was hatte. „Aufschmeißen tue ich nicht; die Trümpfe liegen.“ Und sie lagen:
Meistens wenigstens. Wenn nicht - „Na“, sagte er dann, ‚.ein andermal, ihr Maurergesellen..
Von 1916 ab veröffentlichte Raithel in rascher Folge verschiedene Bücher, darunter als erstes „Die Stiegelhupfer“. Ein Roman, oder besser gesagt, wieder eine fränkische Dorfgeschichte, und von einem Liebreiz wie „Annamaig“, „Herrle und Hannile“ und „Der Schusterhans und seine drei Gesponsen“.
Die Menschen denken und reden auf die natürlichste, immerhin auch auf ihre besondere fränkische - oberfränkische - Art; alles, was sie sagen und tun, gründet sich auf altes Herkommen, auf Sitte und Regel, und wirkt so viel reizvoller als Erfundenes. Es geschieht nichts Ungewöhnliches. Der „Stiegelhupfer“ Adel, der als jüngerer Sohn Dienste bei dem Hügelbauern angenommen hat, will Lies heiraten, die jung und wohlhabend ist, und der er als Dreißigjährigen zu alt vorkommt. Es dünkt ihr kein Zusammenpass. Viel besser gefällt ihr das „Oaß“, der Kiesel-Hans von Wiersberg, der als der verwegenste Bursche in der ganzen Gegend gilt. Er ist aber aus einem fremden Dorfe, und Adel mit allen Burschen des Ortes will es nicht leiden, dass er hereinkommt und ihnen das Mädel wegheiratet. Wie Adel den Kiesel-Hans wegbeißen will, wie Lies und Hans sich nach manchen Fährlichkeiten doch noch kriegen und wie Adel zuletzt die Wirtswitwe Margret nimmt, das bildet die Fabel des Buches. So wendet sich zum Schluss in diesem heiteren, mit derben Strichen umrissenen dörflichen Sittenbild alles zum Guten. Auch hier kann man nicht von einer Hauptperson reden, das ganze Dorf spielt mit, bis eben die nichtigen Paare zusammenkommen.
Das schrieb Ludwig Thoma beim Erscheinen der „Stiegelhupfer“: „Der Titel des neuen Buches hat mich gleich so angehimmelt, dass ich mit behaglicher Wortfreude das Buch zu lesen begann. Nach ein paar Seiten war ich weit weg von Krieg und Ernährungssorgen mitten in einer anderen Zeit, zu Gast bei einem tüchtigen Völklein, das sich bedachtsam das Leben schaffi, mit in seinen Sorgen, aber auch in seinen Kirchweihfreuden, und Adel, Hans und Lies und Margret, als die herausragenden Personen waren mir gute Freunde geworden, denen Schicksale mich viel angingen. Alle Vorzüge der ‚Annamaig‘ finde ich in diesem Buche wieder...
Die Handlung des 1917 veröffentlichten Buches „Männertreu“ ist wieder sehr schlicht. Es ist die hübsch ausgedachte Geschichte eines Bauernmädels - der Annaret -‚ das der reiche Großvater, der „Herrle“, durch allerhand bauernschlaue Listen und Ränke von seinem Liebsten trennt, um es einem wohlhabenderen Besitzerssohn zur Frau zu geben, und das sich dann schließlich auf allerlei Umwegen den treulos gewordenen Schatz wieder erobert. Das Was ist einfach, aber wie es erzählt wird, muss helles Entzücken erregen, gerade weil es ohne alle Anmaßung dargestellt ist. Ganz liebreich ist die prächtige Gestalt der „Annaret“, die sich ihr Glück mit so tapferem Mute zu erkämpfen weiß.
Die nächste Erzählung „Der Weg zum Himmelreich“ (1919) enthält wieder die feine und ergreifende Figur der Marget mit ihrer tiefen Liebe zum Stiefkind, die erst den Mann abscheiden sieht, dann selbst von der Bosheit aus der Welt hinausgedrängt wird und auch bald das Kind nach sich zieht. Dass Raithel diesen Stoff nicht sentimental, sondern gelassen und herzhaft anpackt und selbst nicht ganz auf den Humor verzichtet, verrät wieder den Dichter, der sich in seiner Bauernwelt nicht zu unwahren Tönen verleiten lässt.
1920 veröffentlichte Raithel „Der Pfennig im Haushalt“, das umfangreichste Werk seiner Bücher. Im Mittelpunkt steht die Burgbäuerin, eine Gestalt, wie unsere Literatur keine zweite aufweist; schlau und dumm, gutmütig und boshaft, weichherzig und herrschsüchtig, liebreich und gewalttätig, das alles vereinigt sich zu einem Charakterbild, das rund, farbig, einheitlich, zum Greifen lebendig vor uns steht. Ihr Hauptwesenszug ist die Verschwendungssucht, die, ihr selbst unbewusst, halb in protziger, halb in gutherziger Schenkelust aus dem Vollen zu schöpfen meint, sich aber zuletzt um den Hof bringt und in die bittere Vereinsamung führt.
1918 schrieb Raithel „Die Geschichte von der Butter“ (unter dem Decknamen Peter Michel erschienen), keine eigentlich geschlossene Dichtung, sondern eine lose Folge von Bildern aus dem Dorfe während der Kriegswirtschaft, ergötzlich zu lesen und für die Kulturgeschichte der Kriegszeit von unschätzbarem Wert.
Weitere Werke Raithels: „Die heilige Frucht des Feldes“ (1921), „Dorfgeschichten“ (1922), „Die Wirtin von Droschenreuth“ (1927).
Als Rollendruck konnte für den Freundeskreis die Geschichte in Vörsen „Von Luchs und Fuchs“ erscheinen.

Aus: Heimatbeilage zum Amtlichen Schulanzeiger des Regierungsbereichs Oberfranken. Nr 151 (1989)