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| * 31.03.1864 (Benk) † 26.09.1939 (Benk) |
a) Jugendjahre im Dorf und an Bayreuther Schulen
Hans Raithel wurde am 31. März 1864 in Benk, dem kleinen Kirchdorf
zwischen Bindlach und Bad Berneck als Sohn der Bauerseheleute Friedrich
und Anna-Margarete Raithel geboren, die dort den Lettenhof
bewirtschafte-ten. Im Alter von drei Jahren verlor er seine Mutter, die
auf dem Felde vom Blitz getroffen wurde, als sie vom Säen heimging
„Die drei Tage, von der Stunde an, wo sie mich verließ, bis zu
der, wo sie zum Hof hinausgetragen wurde, sind die erste helle
Erinnerung meines Lebens“, schrieb Hans Raithel in einer
autobiographischen Skizze über dieses für ihn so schmerzvolle
Ereignis.
Nach einem Jahr heiratete der Vater wieder. Hansens Stiefmutter aber
kümmerte sich um ihn wie um ihr eigenes Kind und war ihm eine
wirkliche Mutter gewesen.
Vom April 1870 bis Ostern 1874 besuchte Hans die Benker Dorfschule
unter „misslichen Verhältnissen“, wie er sich später
erinnerte: „Draußen in Benk war ich immer der Erste gewesen, aber
was hatten wir da für eine Schule gehabt? Als ich in die Schule
kam, war der Lehrer krank und siechte zum Sterben hin. Für ihn
unterrichteten meist seine zwei Töchter, die eine eine gute Seele,
die andere aber ein ‚Drache‘, wie er im Buche steht. Ich tat bei ihr
nicht mehr, als ich tun musste. Als der Lehrer gestorben war, hatten
wir ein halbes Jahr gemischten Unterricht, das heißt, wir hatten
drei Lehrer, eine Woche den A aus dem Nachbardorf, und eine andere
Woche den B und eine dritte den C, beide ebenfalls von auswärts,
dann ging die Reihe wieder von vorne an, jeden Tag zwei Stunden. Als
endlich der richtige neue Lehrer eintraf, hatte ich ihn nur ein halbes
Jahr. .
Als Jüngster hätte Hans eigentlich den Lettenhof
übernehmen sollen. Die Bauernarbeit aber lag ihm nicht, auch hatte
er wenig Lust dazu. Er wollte studieren und Pfarrer werden. In dem
aufgeschlossenen Knaben steckte ein starker Wissens- und Bildungsdrang,
der in der dörflichen Enge keine Erfüllung fand, und der vom
Pfarrer und Lehrer des Dorfes gefördert wurde. Hansens
sehnlichster Wunsch war es, das Gymnasium in Bayreuth besuchen zu
dürfen. Wie es dazu kam und was sich ihm alles in den Weg stellte,
hat der Dichter im Alter in der schon erwähnten autobiographischen
Skizze mitgeteilt, in der er mit Humor bemerkt, dass er es nur zwei
Ochsen, die absolut nicht folgen wollten, verdankte, studieren zu
können.
Er erzählt: "...Mein Vater wollte es durchaus nicht leiden, dass
ich studierte, denn ich sollte einmal den Hof bekommen. Ich hatte zwar
noch einen Bruder, der hätte anderswo Aussicht gehabt,
einzuheiraten, denn er war um dreizehn Jahre älter.
Der Hauptgrund des väterlichen Widerstandes aber war. man hatte
ihm vorgerechnet, so ein Student koste vom 11. bis 25. Jahr, also bis
er in die Lage käme, selbst was zu verdienen, seine 8000 bis 9000
Mark und das im Glücksfall, wenn er alle Stufen glatt durchmache,
ohne hängen zu bleiben. Im Geldpunkt aber war mein Vater peinlich.
Er konnte z. B. mit dem Tuchhändler Schaller 3 Stunden um 5 Ellen
Buckskin handeln, bis er glücklich einen halben Gulden
heruntergehandelt hatte. Der Herr Pfarrer, der Herr Lehrer, die Mutter,
mein Pate, meine Onkels und Tanten - damals noch als Vettern und
Bäschen bezeichnet -, redeten auf ihn ein, es sei einmal mein
Drang und Trieb, aber es war zunächst umsonst. Schließlich
verdankte ich nur dem reinen Zufall, dem Ungehorsam von ein Paar
Ochsen. dass ich in die Stadt durfte.
Es war im März und die Zeit des Ackerns. Mein Vater hatte ein Paar
Ochsen an einen Pflug gespannt und ich sollte sie dem großen
Knecht, der einstweilen Wiesen wässerte, hinausbringen. Er gab
mir die Peitsche, ich fitzte auf die Ochsen ein und los gings. Ich
mochte zehn Schritte gefahren sein, da hörte ich meinen Vater
hinter mir mit der Zunge schnalzen ‚zzz‘, jenes Schnalzen missmutigster
Verwunderung, ich weiß nicht, ob man‘s auch in der Stadt kennt.
Ich sah mich um, ob es etwa mir gelte und wirklich galt es mir. Mein
Vater hatte die Hände in die Seite gestemmt und sah mir mit
zuckenden Mundwinkeln und zum Auszanken hereingezogener Augenbrauen
nach. Ich brachte aber die Ochsen doch glücklich die Hoffuhr
hinaus zur Straße, etwa 30 weitere Schritte. Da sollten sie nun
‚hott‘ gehen, d. h. nach rechts, und ich sagte ihnen auch ‚hott‘;
dreimal sagte ich‘s und gab ihnen einen oder zwei Fitzer mit der
Peitsche über den Kopf, aber man muss wissen, es waren
5jährige Ochsen, selbstbewusste, nicht dreijährige, wie man
sie jetzt hat, sie hatten morgens in der Richtung ‚wista‘ (nach links)
geackert und waren da mit dem Feld nicht ganz fertig geworden; sie
dachten demnach, sie wüssten‘s besser als der kleine Knirps, und
waren zudem gewohnt, sich nur vom großen Knecht behandeln zu
lassen; so blinzelten sie ob meiner Hiebe nur ein wenig mit den Augen,
drängten mich zur Seite und lenkten risolut nach ‚wista‘ um. Mit
ein paar Sprüngen war mein Vater nach, riss mir die Peitsche aus
der Hand und fasste den Sattelochsen am Horn: ‚Hott, hott, um sie in
die andere Richtung zu bringen. Mir aber schrie er blitzenden Auges zu:
‚Geh‘ nein, du bist ja zum Bauern dümmer wie dumm. So geh dann in
Teufels Namen und studiere!‘
In den nächsten Tagen schon machte er sich auf nach Bayreuth, sich
zu erkundigen, wie das Studieren anzufangen wär. Man sagte ihm,
die Aufnahmeprüfung in die 1. Klasse der Lateinschule wäre
erst im Herbst, aber es wäre gut, wenn ich erst die sogenannte
Vorschule besuchen würde, die Herr Professor Frieß
täglich einstündig abhielt und in der Hauptsache mit darauf
abziele, in der städtischen Volksschule fortzukommen.
Meinem Jahrgang nach hätte ich da in die 5. Klasse eintreten
müssen, aber nachdem die Lehrer meinem Vater vorgerechnet, wie
viel weniger Stunden man auf dem Lande an Unterricht hätte,
verwies er mich in die 4. Klasse; aber auch da, in der 4. wollte er
mich nach kurzer Prüfung in die 3. schicken, zu den Acht und
Neunjährigen. Zum Glück gelang es meinem Vater, mit der Frau
Lehrer auf guten Fuß zu kommen, mittels einiger Schinken und der
Aussicht auf mehr. Das ging damals noch, als die Schule noch in der
‚Münz‘ war, und schrien die Lehrer nicht gleich ‚Versuch der
Bestechung‘ wie jetzt, auch erfuhr der Herr Lehrer vielleicht gar
nichts davon. Sie redete also mit ihrem Mann mit mehr Erfolg, sodass er
sich endlich bereit erklärte, mich ohne weitere Prüfung in
die 4. Klasse aufzunehmen. Ich tat mich wirklich auch in der 4. recht
hart. Was waren die Tripse und wie sie alle hießen gegen mich
für kenntnisreiche und gewandte Jungen; was konnten die schnell im
Kopf rechnen; was wussten die alles von der Geschichte und der Welt!
Ich besuchte also vom April bis Juli 1874 die Vorschule für die
Lateinschule, und wurde trotzdem nur auf Probe in die Lateinschule
aufgenommen. Mein Glück bei der Prüfung war eine
Nacherzählung, die damals bei der Aufnahmeprüfung verlangt
wurde und die der prüfende Lehrer, dem ich heute noch danken muss,
trotz der nicht wenigen Rechtschreibfehler, zufällig zu
würdigen wusste. Sonst wäre ich nicht später
Studienprofessor, sondern Bauer und Auszügler auf dem
väterlichen Hof geworden.“
b) Studienjahre und berufliche Tätigkeiten
Lateinschule und Gymnasium absolvierte Raithel ohne Schwierigkeiten und
bestand im Herbst 1883 sein Abitur. Den Vorsatz, Pfarrer zu werden, gab
er zum Leidwesen seines Vaters und seiner Lehrer jedoch auf. Er zog
vielmehr nach München, um dort Philosophie und neuere Sprachen zu
studieren. Anschließend setzte er im hessischen Marburg seine
Studien fort und bestand im Januar 1888, nachdem er noch ein Semester
in Berlin studiert hatte, das „Examen pro facultate docendi“ in
Französisch, Englisch und Deutsch für alle Klassen. Das
beinhaltete die Eignung zum Dozenten und Gymnasialprofessor.
Es folgte eine Studienreise nach Frankreich und England. Eine Reise
nach Nordamerika und Mexiko, wo ihm eine schöne Hauslehrerstelle
in der Familie eines ehemaligen höheren Offiziers des Kaiser
Maximilian versprochen worden war, musste er abbrechen. Er wurde auf
der Reise dorthin krank und musste umkehren. Ein Magenleiden und in der
Folge ein Kopfleiden nahmen später zu, dass er glaubte, die
Laufbahn als Lehrer aufgeben zu müssen und überhaupt nicht
mehr lange auf der Erde zu wandeln. So lebte Raithel Jahre von dem Rest
seines Vermögens, im Sommer in der Heimat, im Winter in
München, Wien oder Berlin und um über traurige Gedanken
hinwegzukommen, beschäftigte er sich mit Literatur, Geschichte,
Philosophie und Spanisch. Sein Einstieg in die Schriftstellerei war
nach eigenen Darlegungen folgender: „Im Jahre 1894 gelang es mir,
Aufnahme in den Verein 'Berliner Presse‘ zu finden. Ich verkehrte da
sehr oft in der Familie eines anderen Mitgliedes, wo an den Abenden
viel vorgelesen wurde. Ich hatte nun in meinen Studentenjahren als
Kneippzeitungsredakteur einer Verbindung durch humoristische
Schilderungen und Charakteristiken viel zur allgemeinen Heiterkeit
beigetragen. So versuchte ich mit einer humoristischen
Bauerngeschichte einen Beitrag zu liefern. Die Geschichte - es war
‚Herne und Hannile‘ - gefiel so, dass man mich ermunterte, sie drucken
zu lassen. Ich sandte sie dann nachher als Büchlein an Paul Heyse,
Theodor Fontane, Maria Ebner-Eschenbach, Georg Ebers und noch andere,
und erhielt von ihnen schmeichelhafte Briefe und Ermunterungen, weiter
damit fortzufahren. Ich schrieb daraufhin wirklich noch eine
Geschichte, den ‚Schusterhans und seine drei Gesponsen‘, ließ sie
aber liegen. Zu seiner Veröffentlichung kam es aber erst
später im Jahre 1915. Meine Krankheit drückte auf meine
Stimmung und ich war keiner anhaltenden Arbeit fähig, wie sie ein
größerer Roman erfordert hätte..
Im Jahre 1900 besserte sich Raithels Zustand infolge einer
glücklichen Diätkur merklich und er konnte, wenn auch
verspätet, jetzt seinen Beruf aufnehmen. Zuerst versuchte er sich
an einer privaten Lehranstalt in München, erhielt aber nach
kurzer Zeit durch Vermittlung eines ehemaligen Marburger
Universitätslehrers eine Anstellung an der städtischen
Oberrealschule in Oldenburg, im seinerzeitigen Großherzogtum
gleichen Namens, heute in Niedersachsen. Raithel litt aber auch da noch
fortwährend an Kopfdruck und seine Ärzte rieten ihm, eine
Anstellung in einem höher gelegenen Ort zu suchen. So wandte er
sich nach Westfalen und hatte das Glück, eine Anstellung in der
Stadt mit dem höchstgelegenen Realgymnasium, nämlich in
Lüdenscheid, im schönen Sauerland, zu finden, wo er dann
über 20 Jahre tätig war. Mit staatlicher Unterstützung
durfte er von dort aus zwei längere Studienreisen unternehmen,
einmal nach England und dann nach Frankreich und Italien.
Raithel hätte sich gerne mehr mit Schriftstellerei
beschäftigt, musste aber, bedingt durch seine früheren
Leiden, seine Kräfte für den immerhin schweren Beruf eines
Gymnasiallehrers zusammennehmen. So schrieb er im Verhältnis zu
anderen nicht viel, und das nur immer in den Ferien. So entstanden:
„Annamaig“, ein humoristischen Bauernroman, und „Die Stiegelhupfer“,
die wie „Herne und Hannile“ im Verlag Amerlang erschienen sind, dann
„Der Pfennig im Haushalt“ und noch anderes, das im Verlag Langen in
München herauskam. Der „Pfennig im Haushalt“ wurde wie „Annamaig“
zuvor, in einigen Tageszeitungen abgedruckt.
c) Ruhestandsjahre in Bayreuth
Im Jahre 1924 ließ sich Raithel in den Ruhestand versetzen und
zog nach Bayreuth, das gewissermaßen seine Vaterstadt ist. Hier
wohnte er in einem der stillsten Winkel von Bayreuth. Der Blick von dem
Erker seiner kleinen Mansardenwohnung ging auf der einen Seite
über Gewächshäuser und Beete, auf denen Blumen
blühten, auf das hohe, weißgraue Gebäude der alten
Reiterkaserne und dann aus dem anderen Erkerfenster schon auf die
Höhen und Felder, wo Frankenlandschaft und Fichtelgebirge
zusammenfließen. Das Haus, das ihm selber gehörte, wo er
aber immer noch als Untermieter eines eigenen Mieters wohnen musste,
war an den Schlossgarten angelehnt. Durch eine Gartentüre gelangte
man unter die alten schönen Alleen, zu den stillen Wassern und
steinernen Bildern vor dem verlassenen Schloss, das wie die Eremitage
durch Wilhelmine, der Schwester Friedrichs des Großen, eine
melancholische Weihe erhalten hat.
In dieser Welt lebte der stille Professor seitdem er aus Westfalen
wieder in seine Heimat gekommen war. Er war schon ein Stück
Bayreuth geworden, aber mehr der Jean-Paul- und Markgrafenstadt als der
Wagnerstadt. Sein runder, hellhaariger Kopf, seine untersetzte Gestalt
waren die eines oberfränkischen Bauern. Bäuerlich ruhig und
sparsam waren seine Bewegungen, sparsam die Worte, freundlich und voll
besinnlicher Nüchternheit seine Gedanken. So war Hans Raithel
gerne in Bayreuth, wo er auf die Schule, auf das Gymnasium gegangen,
für seine Landsleute allerdings, wie das zu gehen pflegte, war er
damals mehr der stille, alte Professor als eben der Dichter. Wer ihm da
begegnete, der wusste sogleich, dass da einer ein „Landmann“ geblieben
war - ein „Landmann fast in antikem Sinne“ (Dr. Schramm). Die Jahre in
München, Berlin, in Amerika, dann in Westfalen, fremde Sitten, die
er erfahren, hatten ihn nicht verändern können, die Literatur
und die neue Zeit hatten sein Wesen nicht angerührt Er
gehörte zu den Menschen von Dauer, von Maß und Stete. Durch
vieles war er hindurchgegangen, freundlich und viel für sich, ein
Freund der Bücher so gut wie der des Lebens, stets mit Geduld die
Dinge und die Menschen aus ruhigen Augen hinter der schmalen, goldenen
Brille betrachtend. Lange war er ja krank gewesen, und das Leben war
ihm vielleicht mehr
bitter als süß geworden, doch sprach er nicht davon, von
seinem Dasein hatte er wohl nie ein Wesens gemacht. Man muss an
Adalbert Stifter denken - so meint Dr. Schramm -‚ wenn man das Leben
Hans Raithels beschreibt, er ist ihm verwandt, auch wenn der
Österreicher, der Böhmerwäldler und Katholik, in vielen
anders ist. Stifter ist auch sein Lebtag ein „Landmann‘ geblieben,
selbst als er Schulrat in Linz geworden war. Wie Raithel hat auch er
seine Heimat am Fuße des Urgebirges nicht vergessen können.
Raithel hatte sich sein Ruhestandsleben in Bayreuth klar eingeteilt,
einfach, in gleichmäßigen Bahnen verging seine Zeit. Drei
Wochen Arbeit an seinen Geschichten, stets mehrere Stunden am Tage,
dann eine Woche Ruhe. Die Mußen verbrachte er entweder bei
Büchern, die er sehr liebte, oder drüben in seinem
Heimatdorfe, in Benk, auf dem Hofe, von dem er stammte und den er
selbst einmal übernehmen sollte. Er war kein Hofbesitzer geworden,
wie es der Vater wollte „aber er diente dem Stande des Bauern mit einer
tieferen Wirkung, als wenn er Landmann geworden wäre“ (Dr.
Schramm). Denn wer kannte damals im Fränkischen, ja in Deutschland
(außer dem Pastor L‘Houet, der das großartige Buch „Zur
Psychologie des Bauern“ geschrieben hat), die Bauern so gut wie er?
Er kannte die Welt, ohne aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung zu
schauen. Er ließ das Leben zu sich herein, wie es nur kommen
wollte. Er trieb noch ausgebreitete Studien, vor allem vertiefte er
sich in die Bücher von Edgar Dacques. Doch am meisten
beschäftigte er sich mit der damals schwierigen Lage der
Bauernschaft, mit der Not, die über den Landbau gekommen war.
Raithel kannte die Not der Bauern genau.
Er sah und hörte sie auf seinen Besuchen am Land, auf seinen
Wanderungen. Er hatte sich nach seiner Art gründlich umgesehen.
Aber, so meint er, der schlechte Preis für die einheimischen
Feldfrüchte in der seinerzeit herrschenden Teuerung, die vielen
Lasten und Steuern, das war nicht allein die Notlage der Bauern - viel
schlimmer war, dass die ganze Lebensart eines Standes der damaligen
Lebensanschauung zuwider war. Die bäuerlichen Prinzipien, auf
denen der Stand von jeher ruhte, sie galten nichts mehr und waren
wertlos geworden. Die Einfachheit galt nichts mehr und die Sparsamkeit
war durch die innerliche Entwertung des Geldes abhanden gekommen. Es
war so schwer, in der Arbeit selbst sein Genüge zu finden, wie es
der Bauer musste, wenn das schlechte Beispiel des leichten Verdienens
und leichten Lebens vor Augen stand. Es war schwer, wie früher,
jeden Pfennig zusammenzuhalten, wenn alles zum Aufwand lockte. Es stand
so schlimm, weil sich die alte bäuerliche Gesinnung so schwer mit
der neuen vereinigte, die es sich immer leicht machen wollte.
Der das alles wusste und sagte, ist kein sentimentaler Volks- und
Bauerndichter, sondern selbst noch ein Bauer. Freilich, Hans Raithel
wird es mit seinen Büchern, die das wahre Bauernleben darstellen,
nicht leicht gemacht. Denn die Literaten der damaligen Zelt
kümmerten sich nicht viel um ihn. Der alte Fontane hatte
seinerzeit Raithels große Bedeutung erkannt, aber die damals in
der Literatur Herrschenden rechneten ihn wohl zur Volkskunst, die
diesen Kritikern „aber ein Greuel war“. Wie ist er aber für Kenner
Tiefe, Wahrheit und Gegenwart‘ Aber wer wusste und weiß das?
Raithel hat in stiller Gelassenheit gearbeitet und mancherlei
Handschriften gefertigt. Der Dichter wollte aber damit nicht hausieren
gehen. Ob man das wollte und brauchte, was er schrieb,
überließ er dem Schicksal - der innere Gleichmut war ihm das
Höchste. Wie er denn überhaupt ein Mensch der Ruhe, der
Tiefe, der goldenen Mitte war! So geht von diesem
„oberfränkischen Dichterbauern“ ein Weg zur Antike (Dr. Schramm).
Das zeigt sich in seiner Verdeutschung des römischen Dichters und
Sittenschilderers „Martial‘ die allerdings unveröffentlicht
blieb. Wir zitieren Blatt 47 aus "MartiaI“ X. Es führt am Tiefsten
ins Leben hinein und beinhaltet die gesammelte Weisheit des
Bauernlebens, der Bauerndichtung Hans Raithels:
„Was kann das Leben froh gestalten? / Es mit folgendem zu halten, /
Martial: ein Vermögen erben, / Nicht erst mühsam zu erwerben
/ Ein stets flammender Herd, / Ein Acker, der die Fülle
gewährt, / Seelenruh, die Toga selten, / Kein Streit, kein
Schimpfen und kein Schelten. / Eine kräftige Natur / Dazu von
Leiden keine Spur, / Klugheit, die nichts Falsches spinnt, / Treue
Freunde, gleich gesinnt. / Ein Mahl, gefällig zum Behagen, / Doch
nicht prunkvoll aufgetragen, / Nächte nicht in Schwelgerei /
Verbracht, aber immer sorgenfrei. / Schlaf auch, tief und ruhig fest, /
Der kurz die Nächte scheinen lässt, / Zufrieden sein an jeder
Frist / Nicht mehr sein wollen als man ist. / Und nicht vor dem Tode
bangen,/ Aber auch ihn nicht verlangen“.
Es liegen noch deutsche Übersetzungen von Raithel des schottischen
Bauerndichters Robert Burns, ferner spanischer Dramen aus der
Blütezeit des 17. Jahrhunderts vor. In der Bayreuther
Ruhestandszeit schrieb Raithel eine Reihe von kleineren, ernsten und
humoristischen Bauerngeschichten, von denen etwa 20 in der „Einkehr“,
der Beilage zu den „Münchner Neuesten Nachrichten“, Aufnahme
fanden. Er verfasste fernerhin eine Sammlung von Erzählungen, von
denen einige Titel, so „Maireif“ und „Geschichten jugendlicher
Arbeitsloser“ besonderen Anklang fanden. Dann schrieb Raithel noch
einen Roman in der Art der „Annamaig“, den er „Übergeben und
nimmer leben“ benannte, der aber seit der gewandelten Zeit nicht das
Verlegerglück wie „Annamaig“ hatte.
Fünf
Jahre vor der Altersgrenze verließ Hans Raithel seinen Beruf und
kehrte 1924 in die Heimat zurück, wo er bald hernach in der
Parkstraße Bayreuths ein Haus erwarb. Von dort aus zog es Raithel
immer wieder in seinen Geburtsort Benk, wo der elterliche Hof von einem
Verwandten bewirtschaftet wurde. Dort, in seinem „lieben Dorf“, sah man
ihn oft im Obstgarten des Raithelhofes schaffen, im alten Dorffriedhof
oder im Dorfe selbst auf- und abgehen. Die Benker waren und sind stolz
auf ihren Professor, dessen Bücher zu seiner Zeit so bekannt waren
und deretwegen sich auch Fremde für das abgelegene Dorf
interessierten. Hier in Benk überraschte Raithel auch der Tod, der
seinem mitunter einsamen Leben - er war unverheiratet geblieben - am
26. September 1939 ein Ende setzte. An diesem Tag war Hans Raithel, wie
so oft, wieder mit dem Bus von Bayreuth nach Benk gefahren, um das Grab
der Mutter für den kommenden Frühling mit Blumen zu
bepflanzen. Hernach wollte er im Obstgarten die Früchte seines
Apfelbaumes leeren. Da die Verwendung einer Leiter nicht ratsam
erschien, entnahm er dem Schuppen einen baumlangen Reißer, um mit
ihm den Ast zu rütteln. Da wurde die Bäuerin des Hofes
plötzlich durch das winselnde Klagen des Hundes erschreckt, der
ungestüm an seiner Kette hin zum Baum Hans Raithesl zerrte. So
eilte sie in ihrer Unruhe hinüber zum Obstgarten und fand den
Onkel hingesunken unter seinem Baum, inmitten der um ihn verstreuten
Früchte. Ein Herzschlag hatte das Leben Hans Raithels jäh
beendet - an einem sonnigklaren Herbsttag, der druchströmt war vom
herbsüßen Duft der Reife. (Teile des Textes von Karl Meier-Gesees aus der Frankenheimat 9/1959).
Der alte Gottesacker in Benk birgt sein Grab. Auf einem
schwarzmarmorenen Grabstein ist zu lesen: „Hier ruht Hans Raithel
Studienprofessor und Heimatdichter von Benk, geb. 31.3. 1864 gest.
26.9.1939“.
Er ruht hier in heimatlicher Erde, um ihn jene kernigen
Bauerngestalten, denen wir in seinen Werken unzählige Male
begegnen. So wird auch durch das Dichtergrab auf dem kleinen
Gottesacker dokumentiert, was dem Kenner nicht neu ist, dass Hans
Raithel sich sein Leben lang dem Bauerntum und der bäuerlichen
Kultur verbunden fühlte.
Ihm zu Ehren hat man nicht nur einen Platz im sauerländischen
Lüdenscheid, wo er ja 20 Jahre beruflich wirkte, nach ihm benannt,
auch seine Heimatstadt Bayreuth, in die er sich am Lebensabend
zurückzog, widmete dem Bauerndichter einen Straßenzug, die
Raithelstraße, die im Stadtteil St. Georgen die Brandenburger
Straße mit der Rosestraße verbindet.
d) Erinnerungen eines Zeitgenossen an die Benker Jahre mit Hans Raithel
Mit persönlichen Erinnerungen an Hans Raithel wartet Pfarrer Karl
Kelber-Franken in einem Beitrag „Rückwanderung“ in der
Heimatbeilage „Bayreuther Land“ vom Jahre 1930 auf. Sein Vater Ludwig
Kelber war zur Zeit Hans Raithels der Pfarrherr von Benk gewesen. So
waren Karl Kelber und Hans Raithel (an Jahren etwas jünger als
jener!) als Dorfbuben gute Bekannte geworden, und Raithel kam so in
nähere Berührung zu der Pfarrerfamilie. Kelber erzählt:
"...Später kam Hans viel in unser Haus. Es hat Zeiten gegeben, wo
der Heran gewachsene uns täglich besuchte. Und außer im
Pfarrhaus saßen mein Vater, Hans und ich häufig beim
Abendschoppen im Wirtshaus draußen an der Straße zusammen,
dem „Wirtshaus zur Sonne“, in nächster Nachbarschaft von Hansens
väterlichem Hof. Dieser Hof seines Vaters hieß im Volksmund
der „Straßenraithel“. Unser Freund Hans hatte also nicht weit,
wollte er mit uns bei der „Margaret“, der Wirtin, das Bier kosten, das
ein alter Knecht vorzüglich braute. Im Sommer bei gutem Wetter
tagte man auch im Freien unter den Apfelbäumen. Da kamen sie alle
zusammen:
Der blaubefrackte Postillion, vom Viehmarkt im ‚Bayreuther
Brannaburger‘ äußerst angeregte, heimkehrende Bauern des
Dorfes und der Gegend, Kantoren und Lehrer, Metzger mit ihrem
Gäuwagen, dem ‚Frieden‘ zugeneigte Altsitzer, Spazierläufer,
Dudelsackpfeifer, Harfenisten, walzende Tagediebe, brave
Handwerksburschen, stets durstige Schreiner, Schuster, Schmiede, des
Sonntags die kartelnden Dorfburschen. Das alles fand sich bei der
„Margaret“ zu halberabend.
Wir haben bei unseren Biertischen selbdritt viel von Schrifttum
gesprochen. Raithel wusste bei seiner unbegrenzten Belesenheit immer
etwas zu bieten. Wir waren Idealisten des Lebens. Für uns war
diese Episode und Epoche des Straßenwirtshauses eine
ausgezeichnete Schule fürs Leben. Wir sahen und hörten
Schönes und wenig Schönes, wir lernten Volksleben und
Bauernseele im Guten wie im Bösen bis ins einzelne erforschen.
Könnte man sich Raithel als den realistischen Schriftsteller der
Benker Dorfgeschichten, der er ist, denken, wäre das ‚Wirtshaus an
der zur Sonne‘ an der Straße nicht gewesen, mit seinen Impulsen
und Motiven, der ‚Spiegelsaal‘ des Dorf- und Landlebens, in dem er
ungeschminkt sich zeigte und für den Poeten behaglich sich schauen
lässt? Wenn Raithel einmal als Kirchweihbursche mit durchs Dorf
zog und sich in den Strudel warf, ich wusste damals schon, dass ihm
nicht ausgelassene und überschäumende Vergnügungslust
dazu bewogen, sondern die Absicht, ganz in die Sitten, Gebräuche,
Denk- und Verhaltensweisen des Volkes, dem er entsprungen, sich
einzufühlen. Manchmal aber saßen wir länger auf den
Bänken. Dann brach die Gabe und Liebe des Gebirgstranken zum
Singen durch. Die Raithelshäupter stimmten an und man
überließ sich dem Wiegen der Töne bei den immer
gleichen Liedern mit einer immer gleichen ungeteilten Freude. So war
Raithel-Vater, ein mit Mutterwitz und gesundem Humor, sowie mit
Sangeskunst gesegneter Mann“.
Der Chronist Kelber erwähnt abschließend in seinen
Darlegungen: „Ich schreibe mir das Verdienst des Anstoßes zu
Raithels Leistungen auf dem Gebiete der Dorfgeschichten ein wenig zu.
Ich entsinne mich noch, wie ich Raithel einmal auf dem Heimweg vom
Straßenwirtshaus das Ansinnen stellte:
‚Raithel, du solltest Benker Dorfgeschichten schreiben, du allein
kannst es!‘ Der Angesprochene hatte damals nichts darauf gesagt, aber
es schien mir, es wäre damit das Samenkörnlein eines Willens
in ein empfängliches Stück Land geworfen worden. So habe ich
also, ohne es zu wissen, ein kräftiges Talent geweckt.“
a) Ein Bild vom bäuerlichen Alltag
Das Fichtelgebirgsvorland im engeren Umkreis Bayreuths mit dem Dorfe
Benk als Mittelpunkt bildet also den Hintergrund für die
lebensvollen Schilderungen fränkischen Bauerntums, die wir dem
fränkischen Erzähler Hans Raithel verdanken. Wenn er auch ein
Studierter war und den Professorentitel trug, so blieb Raithel seinem
ostfränkischen Bauerntum getreu, dessen feinsinniger Künder
er wurde. Echt, klar und zeitlos sind seine liebevoll gezeichneten
Dorfgeschichten, tief verwurzelt mit Sitten und Gebräuchen der
Landschaft, aus der sie gewachsen sind und deren schollenverbundenen
Jahreslauf sie schildern. So bedeutende Meister volkstümlicher
Darstellung und Heimatdichtung wie Ludwig Thoma, Josef Hofmiller und
Ludwig Finckh rühmten das dichterische Schaffen des Jubilars und
haben ihm schon zu Lebzeiten das Prädikat „Rosegger des
Fichtelgebirges‘ zuerkannt: "Rosegger“ deswegen, weil er in mancher
Hinsicht bezüglich seines erzählerischen Werks mit dem
großen Österreicher verwandt ist und „des Fichtelgebirges“,
weil manche seiner Erzählungen in der Bernecker Gegend (im
Fichtelgebirge) spielen.
Seine Dichtung ist ein Hochgesang auf fränkisches Bauerntum.
Ludwig Thoma stellte die Werke Raithels denjenigen des großen
Schweizers Jeremias Gotthelf an die Seite.
Es sind wahre Dorfromane und Dorfnovellen, die Raithel uns verfasst
hat. Hier ist vollkräftiges, wirklich echtes Bauernblut und es
sind Gestalten von solcher Größe und Reinheit, dass man,
während die frisierten, philosophierenden Dörfler Berthold
Auerbachs weit verbleichen, an Gottfried Keller denken muss. Raithel
ist es durchaus nicht darum zu tun, den Leser nur durch eine
ungewöhnliche, womöglich aufregende Handlung zu fesseln,
obwohl die Spannung keineswegs fehlt, er will nur dörfliches
Leben, echt und unverfälscht vor uns aufbauen. Seine Bauern sind
keine bestechenden Romanhelden, deren Schicksale wir atemlos verfolgen,
sie sind vielmehr Gestalten von unbedingter Lebensechtheit, die
unmittelbar der Wirklichkeit entnommen zu sein scheinen, in die nichts
hineingetragen ist, was nicht vollkommen ihrem Wesen entspricht. Sie
gehen keine absonderlichen Wege, fest stehen sie mit beiden Beinen im
alltäglichen Leben, werken und schuften, pflügen und
mähen, handeln und markten, lieben und raufen, freien und feiern,
alles, wie es ihre Väter und Großväter getan.
Und oberfränkische Bauern, oberfränkisches Bauernleben stellt
Raithel dar mit allen eigentümlichen Verhältnissen, mit dem
besonderen Gepräge gerade dieses Volkstums. Raithel kannte seine
Heimat bis ins Tiefste und Letzte hinein und was sein Dichterauge sah,
das holte er mit nie fehlendem Griff heraus und gestaltete es mit
sicherer, reifer Künstlerschaft zur Dichtung. Denn, so
wirklichkeitstreu er auch erzählt, so wurde es doch nicht eine
trockene, nüchterne Abschilderung der Wirklichkeit. Das machten
seine Liebe zur Heimat, die ihm die Feder führte, und der „feine
Duft echter Poesie“, die er überall an die derbe
Alltäglichkeit hängte.
Dass Raithel seine Welt, in der seine Geschichten spielen, mit rechten
Dichteraugen ansah, offenbart sich vor allem in der Zeichnung seiner
Gestalten; es sind weder auffällig gute noch ausnehmend schlechte
Menschen. Es sind Menschen schlechthin, in denen sich Tugenden und
Fehler mischen. Er will nicht, wie so viele Erzähler einzelne
Hauptpersonen durch besondere Vollkommenheit dem Leser gefällig
machen, ihm sind alle seine Gestalten lieb und wert, auch solche, die
wenig liebenswürdig erscheinen, und wo er fürchtet, dass
solche der Leser abstoßend findet, ist er gleich bei der Hand,
sie aus ihrer Menschlichkeit oder ihren Verhältnissen daraus zu
entschuldigen, und um auch „dem Leser sein verstehendes und
verzeihendes Lächeln zu lehren“. Das ergibt dann den milden,
schalkhaften Humor, der bald lauter, bald leiser durch alle seine
Bücher zieht.
(Nach Ausführungen Fritz Böhners über Hans Raithel und seine Dichtung im Mainboten von Qberfranken 1923).
b) Die tragenden Grundtendenzen der Raithelschen Bauerngeschichten
Um die Wende des 20. Jahrhunderts begann eine Neuwertung der aus den
Landschaften dem deutschen Schrifttum zuströmenden Kunst. Auch
Hans Raithel gehörte zu den Dichtern, die mit ihrem ganzen Herzen
lebendigen Dichtertums in der Heimatlandschaft ihrer Herkunft wurzeln.
Die Traditionen, die der Bauernroman von jeher pflegte, besonders die
enge Anlehnung an den Heimatboden, bedeutete für den oft zu
raschen Wandel im ganzen literarischen Leben eine nicht zu
unterschätzende Sicherung. Dorfroman im üblichen Sinne waren
diese gewichtigen Dichterwerke dann nicht mehr, weil sie trotz des
liebenswerten Erfassens des ländlichen Volkslebens, doch das Leben
an sich in seiner ganzen Vielfalt enthielten. So sind auch Hans
Raithels Werke zunächst einmal ganz allgemein „Wannen und
Krüge für Menschenschicksale“. Sie bleiben also nicht in der
Typisierung einzelner Charakter stecken, sondern liegen immer im
Ganzen, im weithin Gültigen beschlossen. An drei
Bauerngenerationen werden in Raithels Bauerngeschichten die für
alles vollwertige Leben ersprießlichen Ideen aufgezeigt. Der Sieg
der Tugenden, die nicht allein das bäuerliche Leben bestimmen,
überbrückt die Generationen, eine nach der anderen. Das
Hängen am Althergebrachten steckt in allen Bauernmenschen und
macht jeden Brauch, jede Einrichtung, die diesem Grundsatz entspringen,
zu etwas „Geheiligtem“. Um diese Erkenntnis bewusster zu machen,
führt uns Raithel in seinen Geschichten Menschen vor, die die oben
angesprochenen Prinzipien „verletzen“. So verstößt die
Burgbäuerin im „Pfennig im Haushalt“ gegen die alte Tugend der
Sparsamkeit. Das Tun der jungen Bäuerin in der „Geschichte von der
Butter“ ist verwerflich, weil sie ebenfalls nicht sparen und ihre
richtige, vorgeschriebene Menge Butter an die amtliche
Verteilungsstelle nicht abliefern konnte.
In der „Annamaig“ bringt ein störrischer Alter wegen Missachtung
hergebrachter Gewohnheiten sich, seine Bäuerin und die jungen
Leute, die übernehmen sollen, in die größten
Misshelligkeiten. Die Erzählung „Der Weg zum Himmelreich“
berichtet von einer alten Hausmutter, die über ihren eigensinnigen
Plänen das Glück der Angehörigen vergisst. Im Roman
„Männertreu“ spielt sich Ähnliches ab, wie in der „Annamaig“
und es tragen hier wie dort doch die Jungen den Sieg davon, den Alten
bleibt nichts weiter übrig, oft halb und halb verärgert, in
den „Kasten“ auf‘s Austragsstübchen zu gehen.
Ein besonderes Moment der Raithelschen Dichtung muss hervorgehoben
werden. Der Dichter versteht es auf den ruhigen Strom der
Erzählweise immer wieder kleine schalkhafte Lichter zu setzen.
Überhaupt kommt der Humor bei allen Geschichten und Romanen nie zu
kurz. „Es ist jener Humor, der einem Reuter, einem Raabe dauernd
verwandt bleibt, in seiner aus einem echten, guten Herzen
hervorquellenden Art“.
Der Raithelsche Humor leuchtet besonders hell in der köstlichen
Erzählung „Herrle und Hannile“, der der Untertitel „Ein
Strauß Dorfblüten, gerissen und gebunden“ beigegeben ist.
Ein Schalk band ihn, einer mit einem lieben, weiten Dicherherzen, dem
das Alte in seiner gütigen Art so lieb ist wie die Jugend, die
sich die Hörner abstoßen mag und muss, so oft sie‘s eben
trifft.
Auch das Tragische ist in den sonst ganz in der Stille einfachen,
zwingenden Geschehens ruhenden Geschichten und Romanen nicht fremd. Der
„Weg zum Himmelreich“ wird denen, die ihn gehen müssen, einem
aufrechten jungen Bauernpaar, das nach einem Stück
Erdenglück, nach Acker und Haus sehnlichst verlangt, zu einem
Leidensweg, an dessen Ende der frühe Tod steht. Eine zarte,
unvergessliche Gestalt ist dem Dichter mit dem kleinen Krüppel
gelungen, der eines Tages alle erdenhafte Mühsal, die ihn in
jungen Jahren schon überfällt, abstreift, sich auf den Weg
macht, das Tor des Himmels zu suchen, das er hinter blauen Waldbergen
in der Ferne vermutet. Er schreitet wirklich hinaus ins blaue Licht,
vom hohen Felsen, der ihm Treppe erscheint zum Tor der Seligen, bei
denen Vater und Mutter wohnen, stürzt er sich zu Tode. Eine andere
tragische Gestalt ist der „Schusterhans“, der leichten Sinnes dem Leben
die besten Seiten abzugewinnen trachtet.
Noch manchmal finden wir in Raithels Erzählungen
außenseiterische Käuze eingestreut. Im übrigen aber
sind die Figuren, die Raithels Bücher mit echtem,
ursprünglichem Leben und Geschehen erfüllen, Dorfbauern
schlechthin, vielgestaltig allerdings in den Charakteren, wie sie sich
eben in der dörflichen Gemeinschaft bieten.
Das Geschehen selbst entquillt dem Bauernjahr, wie der Dichter es von
Jugend an gründlich kennt. Acker, Hof, ländliches Gebreite
und Gedinge, Ehe und Familie geben die reiche Handlung:,,
ländliches Jahr“, in das die nahe Stadt, der Markt, die Jahreszeit
zuweilen abwechselnd eingreifen. Und doch ist‘s nie dasselbe, was uns
begegnet, obwohl fast in jedem Buche ein armer Knecht, eine reiche
Bauerntochter, ein alternder Bauer mit mehr oder weniger großen
Schwierigkeiten zu dem finden, was ihnen zugehört. Eine
erstaunliche Buntheit der Ereignisse und der Menschen gibt es in allen
Geschichten. Und gerade am Kleinen, am Unscheinbaren hängt oft
genug eine ganze Offenbarung von Wahrheit, Wirklichkeit und rechtem
Lebenssinn. Raithel sagt selbst einmal: „Bleibt mir aber nichts zum
Beschreiben als einiges vom Ordinären, vom weniger
Auffälligen, vom gewöhnlichen Leben... Nun wolle keiner zum
Einwand machen, das Objekt tauge nichts..." Er verteidigt damit aber
gleichsam sein ganzes Dichten, das am Unscheinbaren,
Selbstverständlichen seine helle Freude hat und uns diese Freude
zu schenken weiß.
Gottes Wind weht über die Äcker seiner Bauern und Gott
lässt ihnen die Früchte ihrer großen Mühsal
ernten, und sie halten sich dabei an die Dinge selbst, die ihnen am
nächsten liegen: an Feld, Hof und Vieh. Und sie übertreiben
häufig ihren Hang zu irdischen Gaben bis zur
Ausschließlichkeit. Sie sehen oft nur dort wirklich
Erfüllung, wo die Quellen sichtbarer sprudeln und vergessen
darüber allzugleich die ideelen Güter. In seinem Roman „Der
Schusterhanns“ zeigt uns der Dichter einen Menschen, der, wenn man s so
nimmt, ein Lump ist. Er hatte keine Ideale. Woher hätte er sie
nehmen sollen in seinem engen Häuslein, wo er lebte wie „ein Mann
im Essigkrug“? Er hatte keine seelische Tiefe, wozu hätte er sie
brauchen können in einer Zeit, wo die Bauern, auch im Winter um 3
Uhr früh aufstanden und bis 11 Uhr Mittags mit der Drischel
droschen?... Die Ideale, die im Werkeln zwischen Pflug und Sense,
zwischen Hof, Stall und Acker entstehen, mögen zwar oft
nüchtern sein, sie sind dennoch da, „die einen ganz großen
Stand - eben der Bauern - fester auf den Boden stellen und ihn
gleichzeitig herzlicher, unmittelbarer mit dem Himmel verbinden, als
dies im ‚Abseits‘ der Städte möglich ist..
Noch eine Tatsache muss herausgestellt werden: Es ist nirgends in
Raithels doch ziemlich umfangreichem Werk bei der bloßen
Beschreibung von Zuständen und Verhältnissen geblieben. Eine
feste, sichere Hand, ein natürlicher epischer Sinn haben das
Geschehen überall zu vollendeter Erzählkunst gestaltet. In
ruhigen, kraftvollen Maßen bewegt sich der Stil, breit ausholend,
wo es sein muss, aber auch straff und zielbewusst in den Dialogen.
In einem historischen Schauspiel vom Jahre 1870 „Auf dem schmalen
Steg“, erbrachte Raithel weiterhin den Beweis seines dramatischen
Könnens. In der biblischen Bauerngeschichte „Die heilige Frucht
des Feldes“ vereinen sich erstaunliche Kenntnis des alttestamentlichen
Stoffes mit einem Höchstmaß an dichterischer Eingebung und
meisterlichen Stilwillen.
(In Anlehnung an eine Betrachtung Wilhem Müllers über das
fränkische Dichterbildnis Raithel, erschienen im „Bayreuther Land“
1933).
c) Volkskundliches in Raithels Werken
Ostfränkisches Bauerntum findet nirgends eine so vielfarbige und
wahrheitsgetreue Schilderung wie in den Dorf- und Bauerngeschichten von
Hans Raithel, deren Schauplatz die engere Heimat „Bayreuther Land“ ist.
Dieser Dichter fränkischen Blutes gehört zu den letzten
großen Kündern bäuerlichen Wesens und jenes
ländlichen Brauchtums, das im 19. Jahrhundert noch sein
ausgeprägtes Sonderleben geführt, und mit dem heraufziehenden
Maschinenzeitalter aber Glanz und Farbe verloren hat. Dass er „bis zum
Urgrunde bäuerlichen Seins“ vorgestoßen ist, erkennen wir
ohne weiteres, wenn wir seine Erzählungen nach volkskundlichen
Aspekten betrachten.
Eins springt zuvorderst in die Augen, das sind das in allen seinen
Büchern häufig eingestreute mundartliche Wortgut, und die
dabei in Erscheinung tretende Beherrschung der bäuerlichen Rede.
Wer diese Redeweise und vor allem den seinerzeitigen Wortschatz des
ostfränkischen Bauernvolkes kennenlernen will, der vertiefe sich
in die Werke Raithels. Eine Unsumme von Sprichwörtern,
Bauernregeln, Schwänken, Sagen, originellen Vergleichen und
urwüchsigen bildhaften Wendungen findet er hier. Uraltes
Sprachgut, das zum Teil bereits der neuzeitlichen Bauernsprache
abhanden gekommen ist überliefert er uns. Nur einiges sei
herausgegriffen: Ärfel (Arm voll), Bonnet (Scheunenviertel),
Enkerbrot (Vesperbrot), Tankelstreu (Hackstreu), Radbern (Schubkarren),
Klunze (Spalte), Lätzen (Laune), Mauke (Wunde), Kapf (Höhe),
guteined, tiebig (krank), Faunzerchen (ein bisschen), stricksen
(durchhauen), ahndt tun (Sehnsucht haben), uiei, uiei (Ausspruch des
Staunens), Herbung (Mietwohnung).
Wie reichhaltig das ostfränkische Schimpfwörterlexikon ist,
ersieht man am besten aus der Sammlung im „Schusterhanns..." und wie
stark durchsetzt mit Fremdwörtern die damalige Bauernsprache war,
ergeben folgende Proben: Krapuz, justament, flattieren, kascholieren,
wif, alert, partuh, ambessang (en passant), ka lial (nichts liard =
französische Münze), in einer Tur, ästimieren.
So deutlich wie das Sprachleben ersteht bei der Lektüre auch das
Brauchtum des ostfränkischen Landvolks. In bunter Gruppierung
heben sich auf dem Zeithintergrund die einzelnen Typen und Stände
voneinander ab. Noch hatte der wohlhabende Bauer wenig Gemeinschaft mit
dem armen Weber, Stiegelhupfer, Hirten und Armenhäusler, und doch
umschlang alle das gleiche Band der Sitte und des Herkommens. Der
Jahreshauf ordnete Arbeit und Festfreude und hatte seine immer
wiederkehrenden Bräuche im Gefolge. So werden Lichtmess, Jakobi,
Bartholomäi, Egidi, Matthäi und Michaeli als bedeutende Daten
im Bauernheben genannt. Es wird über günstige Aussaattage,
über Heranwachsen der Feldprodukte, über die Ernte, über
den fröhlichen Abschluss der Ernte bei der Sichelleg gesprochen.
Es kommt die Hütezeit auf Wiesen und der Flur. Das Dreschen nahm
seinen Anfang. Ab dem St. Wolfgangstag (31. 10.) wurden wieder die
Rockenstuben gehalten. Der Neujahrstag als besonderer Festtag für
die Dorfburschen (Peitschen der Mädchen mit Buchsbaumzweigen) muss
genannt werden. Weitere Brauchtumsstationen im Jahreslauf: Die
Fastenzeit - die Fastnacht mit ihrer Ausgelassenheit - Pfingsten mit
dem Maienstecken - eine Hochzeit im Dorf als herausragendes Ereignis -
Höhepunkt bäuerlicher Lust und bäuerlichen Lebens war
die Kirchweih.
(Auswertung volkskundlicher Darlegungen von Georg Regler im Mainboten von Oberfranken Ausgabe 1935).
Zusammenfassend darf bekräftigend herausgestellt werden: Raithels
Schriften bieten für den, der die Natur und Kultur des
oberfränkischen Bauerntums studieren will, eine kaum zu
erschöpfende Fundgrube, was Volkscharakter, Lebensweise,
Wirtschaftsform, Sitten, Gebräuche, Aberglauben. Sagen anlangt,
und das alles im Zeitraum des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20.
Jahrhunderts.
Stimmen und Bekenntnisse von zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern
1896
erschien „Herrle und Hannile“ - „Ein Strauß Dorfblüten,
gerissen und gebunden“ hat der humorige Erzähler das Büchlein
genannt. Es ist eine köstliche Idylle aus behaglich geruhsamer
Zeit, - „klein, aber fein!“, wie der Autor selbst gerne bei
ähnlichen Wertungen sagt. Wie in Stifters „Feldblumen“ führt
jedes Kapitel sinnbildliche Blumennamen, und das Ganze mutet auch
wirklich an wie ein farbenfroher, tauglitzernder
Feldblumenstrauß. Tollkraut blüht darin, üppiger noch
wie in den anderen Büchern des Dichters, aber auch Sauerampfer,
Brennnesseln und Pfaffenkraut wuchern da, Wermut und Habichtskraut,
Feuerbohne, Honiggras, Katzenpfötchen und der liebe Augentrost -
ein .Bindfaden umschlingt sie alle doch zuletzt.
Wie bunt lacht dieser schöne Strauß, wie duftet‘s da so
köstlich herb und süß durcheinander! Ein Schalk band
ihn, einer mit einem lieben, weiten Dichterherzen, dem das Alter in
seiner gütigen Art so lieb ist wie die Jugend, die sich die
Hörner abstoßen mag und muss, so oft sie‘s eben trifft.
„Herrle“ ist der alte, doch rüstige Austragsbauer, der Wittiber,
dem es im Hause des Sohnes und der Schnur (Schwiegertochter) zu eng
wird: „Hannile“ ist ein 5-jähriges Bürschlein, das
Söhnlein einer Wittib in den besten Jahren, der Margelies, in
„Mausloch“ drüben, das nicht leiden will, dass ein neuer Vater auf
den Hof kommt, und ihn inzwischen mit Holzscheiten bombardiert. Doch
der Ausgang ist glücklich, „Herrle“ freit die kluge, schöne,
früh verwitwete Lehringsbäuerin und wird nochmals Herr und
Bauer, und „Hannile“ bekommt versprochen, dass die Ammfrau hin kann,
wohin sie will, man lasse sie nicht herein. „Ich täte sie auch
maustot schießen“, sagt „Hannile“, „ich bin kein Guter, das lass
ihr nur ausrichten“
Die engere Heimat Benk und sein Umland sind der Schauplatz für
„Herrle und Hannile“ und die vorkommenden geographischen Bezeichnungen
sind nur Decknamen für wirkliche Örtlichkeiten, so ist
Mausloch: Benk, Schlossgut:
Eckershof, Hölznitz: Berneck, die Kreisstadt: Bayreuth.
Raithels Büchlein ist erquickend und Volkskost von der besten Sorte.
Das bezeugen namhafte Zeitgenossen. Laurenz Kiesgen: „Raithel gibt uns
in diesen Darstellungen zu erkennen, dass bei Dichtung der Stoff
nichts, die Form alles ist Wir haben hier bei dieser originellen
Dichtung ein ganz hervorragendes, bodenständiges, humorvolles
Talent. An Jermias Gotthelf wird man erinnert, doch Raithel würde
ein Gotthelf ohne die vielfach störenden Predigten sein“.
Josef Hofmiller: „'Herrle und Hannile‘ ist in der Tat ein
rundes, prächtig geratenes Meisterwerk. Raithel ist ein Dichter
der stillen, leisen Art, die mit schmunzelndem Behagen an ihre Arbeit
gehen, das Leben der Kleinen und Unbedeutenden dem Leser erzählen
und zwar mit all dem Herzensvergnügen, das ihnen diese Leute
bereitet haben..."
Ludwig Thoma: „Diese Geschichte ist erzählt mit einem
prächtigen Behagen, das auch sogleich den Leser wohlig
überkommt. Ich danke Hans Raithel herzlich für die frohen
Stunden, die mir sein Buch bereitet hat.“
Ludwig Finckh: „Raithel ist ein verfeinerter Thoma, der
bayerische ldylliker gegenüber dem Realisten Thoma und vor allem
dem derben Georg Queri. Er lässt das Zarte, doch nicht
süßliche und unechte Element in seinen Büchern
hervortreten..."
Die Aufmerksamkeit der „Literaturweisen“ gewann Raithel erst mit seinem
2. Buch „Annamaig" eine im Zeitkolorit des Biedermeier geschriebene
Bauerngeschichte aus dem Bayreuther Land. Der Roman ist auch als ein
interessantes Zeitbild aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu
werten. In diesem breit angelegten Bild obenfränkischen Dorflebens
ist keineswegs die Titelgestalt die eigentliche Heldin. Es treten auch
andere Personen in den Vordergrund, besonders der Lettenbauer und seine
prachtvoll gezeichnete Bäuerin, zwei bäuerliche
Starrköpfe, die einen seltsamen Ehezwist ausfechten. So unternimmt
es der recht dickköpfige Alte, sich bei der Verheiratung seines
Sohnes nach recht bäuerlicher Art nur von der
Vergrößerung seines Hofes leiten zu lassen und bringt dabei
seine Familie in die größten Schwierigkeiten. Aber die
jungen Leute tragen doch zuletzt den Sieg davon. Das Hin und Her dieser
Geschichte vom Freien und den Hochzeiten, vom Bauernstolz und der
Schläue, von Kirchweihfeiern und Raufereien lässt ein
treffendes Bild des ostfränkischen Bauernschlages entstehen.
Urteile von Kennern über „Annamaig":
Heinrich Leher: „Annamaig ist viel mehr als eine Dorfgeschichte,
es ist ein Kunstwerk der Schilderung von Dorf und Land und den Leuten,
die darin wohnen. In den Seiten dieses Buches zeigt es sich, wie die
Feder dem Pinsel des Malers überlegen ist, die besten Genre-Maler
wären nicht imstande, ein treueres Bild des Fichtelgebirgsdorfes
in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu geben, wie es Raithel mit
seiner ‚Annamaig‘ gelang... Nun hat Oberfranken in Raithel seinen
Schilderer gefunden.“
Alfred von Mensi: „Ich wüsste Raithel nur mit einem
Großen zu vergleichen, mit Jeremias Gotthelf... Ein gesunder
Humor weht durch jede Seite dieses merkwürdigen Buches eines noch
Unbekannten, das in seiner bescheidenen Kraft eine ganze Bibliothek
unserer ‚zeitgenössischen‘ Romanliteratur aufwiegt.“
Kurt Aram: „Seit Jeremias Gotthelf ist uns nicht mehr so von Bauern
erzählt worden... So natürlich, so echt und so ganz aus dem
innersten Leben des Bauern ist alles in dieser ‚Annamaig‘.“
Josef Hofmiller: „Wie viel gäbe es an diesem vortrefflichen
Buche zu preisen, aus ihm zu zitieren!... Das alles lässt sich
nicht nacherzählen, das lässt sich nur nachlesen und
nachfühlen... Wir haben hier einen Erzähler kennengelernt,
der zugleich ein Dichter ist...“
Ludwig Thoma: „Durch dieses Buch habe ich das Frankenland in der
Rückerinnerung lieben gelernt. Was es hoch hinaufhebt über
alle geschickte und talentvolle Literatur unserer Zeit ist seine
Bodenständigkeit, ist die Meisterschaft, mit der völlig
geschlossen die Art eines Volkes geschildert ist..
„Am nächsten Nachmittag, als sich nur der
Lettenbauer und Görg noch im Hause befanden - sie hatten den
Leuten ein paar Heuwagen nachzufahren -‚stürzte auf einmal der
letztere in die Stube, wo der Alte, weil die Sonne gar zu helles Licht
machte, seine alte Lederhose aufwichste: „Bauer, die Bäuerin!“ Er
hinkte - er hatte wieder einen kleinen Anfall - auf das Fenster zu, um
zu sehen, ob‘s wahr wär‘. „Nicht durch die Fuhre,“ rief der Bub‘,
„sondern von hinten, durch die Ägerten und durch die Bäum‘.“
So tappte er ins Haus und steckte den Kopf durch die Haustür, oder
vielmehr, er spitzte durch die Klunse zwischen der steinernen
Säule und der Leiste, die an deren Rand herunterlief, damit die
Hundekette nicht an der kostbaren Säule scheuern konnte.
Und im Hofe das Gegacker und Gequake, das nun anhub! Der Hahnegockel
auf dem Holzstoss hatte die Bäuerin zuerst gesehen. Er ließ
erhobenen Hauptes seine Blicke umherschweifen, während die
Hühner vor ihm auf dem Miste scharrten. Auf sein verwundert
fragendes „Krokoh“ sahen sie auf, und kaum hatten sie die Bäuerin
erblickt, so liefen sie, oder vielmehr, sie hatten keine Zeit zum
Laufen, sie flogen; die Enten, die sich im Hofe sonnten, meinten erst,
es gäbe Futter, und watschelten zu gleichen Füßen. Ein
Schock Taubenflügel schwirrten durch den Hof dem Garten zu, und so
zog sie herauf:
über ihr die Sonne und der blaue Himmel; darunter die Tauben, die
in weitem Kreise bald hoch bald nieder flogen, als spielten sie
Ringelreihen, und die schon stattlichen grünen Kronen der jungen
Apfelbäume, und unter diesen breitete sich ein grüner,
schwellender Teppich aus, mit hundert Farben durchwirkt: von rotem Klee
und gelben Pantoffelblumen und weißen Wucherblumen und orange
Hirtentäschchen und blauem Salbei und anderen, nicht minder
schönen Frühlings- oder Sommerkindern. Vor ihr aber sangen
die Hühner, deren goldige, braune, grüne Federn mit Blumen
wetteifern konnten. Die Enten quakten und schöppelten sich vor
Freude an den Flügeln. Der Pfau auf einem Schuppendach konnte
nicht herunter, aber er schlug ein Rad und vollführte ein
markdurchdringendes Geschrei. So kam sie auf der Treppe her mit ihrem
sechzigköpfigen Gefolge, deren Vorhut freilich der Hund
auseinander jagte, den - vielleicht hatte er nicht schlecht Not
gelitten - vor Freude sich nicht betun konnte und vor ihr auf und
nieder tollte und in die Luft sprang, und ihr durchaus die Pfoten auf
die Schultern legen und die belecken wollte. Endlich entkam sie ihm und
flüchtete ins Haus, wo sie den Bauern traf.“
Im Jahre 1915 brachte Raithel den „Schusterhans und seine drei
Gesponsen“ heraus, nach dem Urteil des Dichters sein bestes und
liebstes Buch, „wie ein Rezept zu Medizin habe ich den ‚Schusterhans‘
für mich auch geschrieben. Und wie man ein gutes Rezept nicht gern
für sich behält, sondern es an Freunde und Bekannte verleiht,
so findet sich vielleicht noch den und jener, der mit trüben Augen
auf die Welt sieht und ein Augenwasser braucht. Möge ihm der
‚Schusterhans‘ helfen.“ Wieder einmal eine Dorfgeschichte, aber ohne
Rührseligkeit und hässliche Dinge und Worte, sondern voller
Humor, mit feinfühliger Behandlung selbst heikler Geschehnisse und
echt menschlich. Dabei reichhaltig im Inhalt; denn der „Schusterhans“
muss sich durch drei Ehen mit verschiedenen Frauentypen
durchkämpfen. Das Büchlein, mit seiner echt
oberfränkischen Lokalfarbe und dem straffen Aufbau der
Erzählung, bildet eine aufheiternde und bestens unterhaltende
Lektüre. „Was soll mir die alberne Geschichte“, meinte ein
Kritiker und Zeitliterat, als der „Schusterhans“ angesprochen wurde.,,
Die Armenleutegeschichten sind aus der Mode. Wir wollen unsere
Phantasie nicht mehr durch Armenwinkel und Dorfgassen spazieren
führen... Ideale wollen wir, die uns über unseren
gegenwärtigen Zustand erheben, oder psychologische Vertiefung, die
unsere Erkenntnis über unsere seelischen Möglichkeiten
fördert. Der ‚Hans‘ aber ist ein Lump gemeiner Sorte, ohne jede
seelische Tiefe... Überdies ist eine Milieuschilderung mit der
Monographie eines Dorfschusters um 1870 aus der Mode gekommen. Das
Interesse der Leserwelt ist weitergegangen zu anderen Dingen..."
Wie äußert sich Hans Raithel zu diesen missliebigen
Darlegungen? Er sagt: „Ach, ich weiß wohl, der Hans war, wenn
man‘s so nimmt, ein Lump, er hatte keine Ideale, woher hätte er
sie auch nehmen sollen in seinem engen Häuschen, wo er lebte wie
der Mann im Essigkrug, und die Ideale wollen weiten Raum, weil sie
fliegen wollen; er hatte keine seelische Tiefe; wozu hätte er sie
brauchen können, in einer Zeit, wo die Bauern auch im Winter um 3
Uhr früh aufstanden und bis 11 Uhr mittags mit der Drischel
droschen?“
Und doch ließ es Hans Raithel keine Ruhe, bis er die Geschichte
vom Hans vor sich hatte. Warum? Der Dichter sagt,“ dass es dem Hals weh
tut, nur fort die Leiter des Glücks hinaufzuschauen, und dass der
Mensch zur Erleichterung und zur Erkenntnis auch wohl einmal
hinunterschauen muss auf die, die unten stehen. Und zu denen, die unten
stehen gehört auch der Schusterhans.“
Aber der Dichter weiß uns den „Lump Hans“ so nahe ans Herz zu
bringen, dass wir ihn gerne haben müssen, den unverwüstlichen
Lebenskünstler, der trotz seiner so übel verlaufenden
Heiraten den Glauben ans Leben nicht verliert. So sehr hier alles vom
Humor getragen ist, der tiefer blickende Leser fühlt sich doch von
einer gewissen Tragik angeweht, wie etwa auch gelegentlich bei Wilhelm
Busch oder in manchen scheinbar heiteren Novellen Gottfried Kellers.
Kleine Werkprobe aus „Der Schusterhans und seine drei Gesponsen“:
..."Ich wag‘s nicht, ich pass“‘, surmte immer der Haberstumpf, wenn er
bloß drei gute Trümpfe und nur ein paar Asse hatte. „Ich mag
auch nicht“, brummte darauf der Schneider (ein Bauer), wenn seine
Karten nicht so voll Matadoren war, dass kein dummer Wurf das Spiel
mehr verderben konnte. „Ich probier‘s“ trompetete dann der Kanton, und
wenn er nur den roten Unter und sonst was hatte. „Aufschmeißen
tue ich nicht; die Trümpfe liegen.“ Und sie lagen:
Meistens wenigstens. Wenn nicht - „Na“, sagte er dann, ‚.ein andermal, ihr Maurergesellen..
Von 1916 ab veröffentlichte Raithel in rascher Folge verschiedene
Bücher, darunter als erstes „Die Stiegelhupfer“. Ein Roman, oder
besser gesagt, wieder eine fränkische Dorfgeschichte, und von
einem Liebreiz wie „Annamaig“, „Herrle und Hannile“ und „Der
Schusterhans und seine drei Gesponsen“.
Die Menschen denken und reden auf die natürlichste, immerhin auch
auf ihre besondere fränkische - oberfränkische - Art; alles,
was sie sagen und tun, gründet sich auf altes Herkommen, auf Sitte
und Regel, und wirkt so viel reizvoller als Erfundenes. Es geschieht
nichts Ungewöhnliches. Der „Stiegelhupfer“ Adel, der als
jüngerer Sohn Dienste bei dem Hügelbauern angenommen hat,
will Lies heiraten, die jung und wohlhabend ist, und der er als
Dreißigjährigen zu alt vorkommt. Es dünkt ihr kein
Zusammenpass. Viel besser gefällt ihr das „Oaß“, der
Kiesel-Hans von Wiersberg, der als der verwegenste Bursche in der
ganzen Gegend gilt. Er ist aber aus einem fremden Dorfe, und Adel mit
allen Burschen des Ortes will es nicht leiden, dass er hereinkommt und
ihnen das Mädel wegheiratet. Wie Adel den Kiesel-Hans
wegbeißen will, wie Lies und Hans sich nach manchen
Fährlichkeiten doch noch kriegen und wie Adel zuletzt die
Wirtswitwe Margret nimmt, das bildet die Fabel des Buches. So wendet
sich zum Schluss in diesem heiteren, mit derben Strichen umrissenen
dörflichen Sittenbild alles zum Guten. Auch hier kann man nicht
von einer Hauptperson reden, das ganze Dorf spielt mit, bis eben die
nichtigen Paare zusammenkommen.
Das schrieb Ludwig Thoma beim Erscheinen der „Stiegelhupfer“: „Der Titel des neuen Buches hat mich gleich so angehimmelt, dass ich mit behaglicher Wortfreude das Buch zu lesen begann. Nach ein paar Seiten war ich weit weg von Krieg und Ernährungssorgen mitten in einer anderen Zeit, zu Gast bei einem tüchtigen Völklein, das sich bedachtsam das Leben schaffi, mit in seinen Sorgen, aber auch in seinen Kirchweihfreuden, und Adel, Hans und Lies und Margret, als die herausragenden Personen waren mir gute Freunde geworden, denen Schicksale mich viel angingen. Alle Vorzüge der ‚Annamaig‘ finde ich in diesem Buche wieder...
Die Handlung des 1917 veröffentlichten Buches „Männertreu“
ist wieder sehr schlicht. Es ist die hübsch ausgedachte Geschichte
eines Bauernmädels - der Annaret -‚ das der reiche
Großvater, der „Herrle“, durch allerhand bauernschlaue Listen und
Ränke von seinem Liebsten trennt, um es einem wohlhabenderen
Besitzerssohn zur Frau zu geben, und das sich dann schließlich
auf allerlei Umwegen den treulos gewordenen Schatz wieder erobert. Das
Was ist einfach, aber wie es erzählt wird, muss helles
Entzücken erregen, gerade weil es ohne alle Anmaßung
dargestellt ist. Ganz liebreich ist die prächtige Gestalt der
„Annaret“, die sich ihr Glück mit so tapferem Mute zu
erkämpfen weiß.
Die nächste Erzählung „Der Weg zum Himmelreich“ (1919)
enthält wieder die feine und ergreifende Figur der Marget mit
ihrer tiefen Liebe zum Stiefkind, die erst den Mann abscheiden sieht,
dann selbst von der Bosheit aus der Welt hinausgedrängt wird und
auch bald das Kind nach sich zieht. Dass Raithel diesen Stoff nicht
sentimental, sondern gelassen und herzhaft anpackt und selbst nicht
ganz auf den Humor verzichtet, verrät wieder den Dichter, der sich
in seiner Bauernwelt nicht zu unwahren Tönen verleiten lässt.
1920 veröffentlichte Raithel „Der Pfennig im Haushalt“, das
umfangreichste Werk seiner Bücher. Im Mittelpunkt steht die
Burgbäuerin, eine Gestalt, wie unsere Literatur keine zweite
aufweist; schlau und dumm, gutmütig und boshaft, weichherzig und
herrschsüchtig, liebreich und gewalttätig, das alles
vereinigt sich zu einem Charakterbild, das rund, farbig, einheitlich,
zum Greifen lebendig vor uns steht. Ihr Hauptwesenszug ist die
Verschwendungssucht, die, ihr selbst unbewusst, halb in protziger, halb
in gutherziger Schenkelust aus dem Vollen zu schöpfen meint, sich
aber zuletzt um den Hof bringt und in die bittere Vereinsamung
führt.
1918 schrieb Raithel „Die Geschichte von der Butter“ (unter dem
Decknamen Peter Michel erschienen), keine eigentlich geschlossene
Dichtung, sondern eine lose Folge von Bildern aus dem Dorfe
während der Kriegswirtschaft, ergötzlich zu lesen und
für die Kulturgeschichte der Kriegszeit von unschätzbarem
Wert.
Weitere Werke Raithels: „Die heilige Frucht des Feldes“ (1921), „Dorfgeschichten“ (1922), „Die Wirtin von Droschenreuth“ (1927).
Als Rollendruck konnte für den Freundeskreis die Geschichte in Vörsen „Von Luchs und Fuchs“ erscheinen.
Aus: Heimatbeilage zum Amtlichen Schulanzeiger des Regierungsbereichs Oberfranken. Nr 151 (1989)