Jobst Christoph Ernst von Reiche


* 01.07.1772 (Hannover)
†17.12.1833 (Bamberg)

ein preußischer Offizier in Franken

(Von Walter Bartl)

Rund sieben Kilometer südlich von Bayreuth findet man das auch heute noch abseits gelegene Bauerngütlein Sorgenflieh. So unscheinbar das Anwesen ist, haben sich doch zwei Geschichten darum gesponnen. Held der beiden Erzählungen ist jeweils ein früherer Besitzer des Hauses, der preußische Hauptmann von Reiche.

Wie Thomas Meister im Jahre 1913 berichtete, baute sich der um 1790 in Bayreuth lebende preußische Hauptmann von Reiche unweit des Schlosses Thiergarten ein schönes Landgut, in dem er ein vergnügliches Leben zu führen gedachte, und nannte es Sorgenflieh. Meister bat einen benachbarten Bauern um seine Deutung des Namens. Dieser erzählte, der Herr von Reiche wäre durch seine Gläubiger schwer bedrängt worden und hätte 1813, als der Krieg gegen Napoleon losbrach, gesagt "Sorgen flieht!", hätte sein Sorgen- und Schuldenhaus zurückgelassen und wäre niemals wiedergekommen. Da der befragte Bauer selber in Schulden geraten war, meinte Meister zu dieser Namensdeutung, dass sich das Volk über allerhand Bezeichnungen nach eigenem Fühlen und Erleben seine Gedanken mache. Meisters Auslegung ging dahin, von Reiche hätte aus deutscher Gesinnung und in bewusster Ablehnung von Namen wie Eremitage Fantaisie, Sanspareil seinem Gut die wohlklingendere deutsche Übersetzung für das französische Sanssouci gegeben. Er endete seine Geschichte: "Wir wollen annehmen, dass der Herr von Reiche in Sorgenflieh genug frohe Tage und Jahre hat zubringen dürfen; wir können darüber nichts berichten, da von seinem Leben wenig bekannt ist. Aber 1813 rief Preußen seine Söhne zu den Waffen, da war es auch um den Hauptmann geschehen. Er verließ sein Sorgenflieh und trat in die Reihen der Kämpfer ein. Jedenfalls hat er seine Schuldigkeit getan, denn zurückgekehrt ist er nicht mehr. Das Anwesen kam später in die Hände eines Bauern, der sich aus den Steinen des Landhauses ein Gebäude nach seinen Bedürfnissen errichtete. Daher ist das heutige Sorgenflieh nicht mehr die ursprüngliche Villa."

Noch sagenhafter ist Karl Diezels Bericht aus dem Jahr 1927. Auf einer Wolfsjagd war der Teufel in das abgelegene Sendelbachtal gekommen, dessen Schönheit Erinnerungen an das verlorene Paradies in ihm weckten. Er beschloss, jedes Jahr einige Zeit dort zu verbringen und, ähnlich wie im Paradies, eine Menschenseele zu versuchen und für sich zu gewinnen. Ende des 18. Jahrhunderts kam eines Tages der Hauptmann von Reiche das Tal heraufgewandert, und der Teufel in Menschengestalt begann ein Gespräch mit ihm. Er versprach dem ebenfalls von der Lieblichkeit der Landschaft angetanen Hauptmann, innerhalb vier Wochen an dieser Stelle ein Schlösslein zu bauen, über den Lohn wolle man sich später einigen. Das Gebäude wurde fristgerecht fertig, und bald darauf feierte der neue Besitzer darin jeden Abend mit seinen Gästen. Der Baumeister aber blieb aus. Als in einer regnerischen Nacht von Reiche einmal allein zu Hause war, kam der Teufel in seiner wahren Gestalt zu ihm und forderte seinen Lohn. Der Hauptmann sollte ihm seine Seele verschreiben. Als dieser ablehnte, verfluchte der Teufel ihn und das Schlösslein. Wirklich war es mit dem Glück des Hauptmanns seitdem dahin. Seine Freunde verließen ihn, und er wurde ein einsamer Mann. Der Teufel ließ den Sendelbach anschwellen, dass er über die Ufer trat und die Grundmauern des Schlössleins unterwühlte. Pfeifend und heulend fuhr der Wind jede Nacht durch das Tal und rüttelte an den Fenstern. Nur zu gern zog deshalb der Hauptmann 1813 in den Krieg gegen Napoleon. 1815 soll er noch einmal zurückgekehrt sein, um das Schlösslein aufzusuchen, doch der Hochwasser führende Sendelbach versperrte ihm den Weg. Beim Versuch, den Bach zu durchwaten, geriet der Hauptmann in einen Strudel und ertrank. Das Schlösslein verfiel kurz darauf, die Steine wurden zum Bau eines Bauernhauses verwendet. Andere wieder behaupten, der Hauptmann wäre nach einem Jahrzehnt als einfacher Bauersmann zurückgekehrt und habe sich auf der anderen Seite des Baches das erwähnte Bauernhaus gebaut. Unter dem bürgerlichen Namen Reich lebte er dort still und zufrieden. Sein Nachfolger wurde der Bauer Hacker, weshalb das Häuschen von den umliegenden Bauern den Namen Reichshacker bekam.

In jeder Sage steckt bekanntlich ein Körnchen Wahrheit, doch wer war dieser Mann, der die Fantasie der Menschen so beflügeln konnte, wirklich?

Die Familie von Reiche

Vertraut man den Angaben im "Gotha" (Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der briefadeligen Häuser, Jge. 1912 und 1941 [=Gotha]), dann geht die Familie auf einen Albertus de Rike zurück, der als Stammvater eines Patriziergeschlechts in Hameln selbst 1237 Bürgermeister dieser Stadt war. Den Adelstitel erhielt der königlich großbritannische und kurfürstlich braunschweigisch-lüneburgische Geheime Justizrat Jobst Christoph von Reiche (1657-1740) am 7. Juli 1716 von Kaiser Karl VI. verliehen. Er lebte in Hannover, mit den 1714 zu Königen von England aufgestiegenen Kurfürsten von Hannover kam er aber auch bis nach London. Sein Sohn, Ernst Karl von Reiche (1699-1744), war Amtmann in Radolfshausen und hatte vier Söhne. Die Familienbindung scheint sehr eng gewesen zu sein, da drei der vier Brüder, Georg Eberhard, Georg Ludwig und Ernst Karl, Schwestern zur Frau nahmen, die Töchter des Geheimen Kammerrats von Heppen zu Kassel. Über den vierten Bruder Christoph Karl ist nur bekannt, dass er 1791 als Amtmann in Nienburg verstarb. Der jüngste der Brüder, Ernst Karl, kam am 25. Dezember 1741 in Radolfshausen zur Welt und heiratete Bernhardine Heppe. Als Archivsekretär stand er wie schon der Vater und Großvater im Dienst der Welfen. In Hannover wurden dem Paar im Januar 1771 Sara Augusta Charlotte und im Juli 1772 Jobst Christoph Ernst geboren. Der Geburtsort des im November 1773 geborenen Georg Ludwig Adolph ist nicht bekannt. Der letzte Sprössling der beiden, August Friedrich Ludwig Karl, kam im Oktober 1774 bereits in Nienburg an der Weser zur Welt. Der Hofrat von Reiche war damals Syndikus der Landstände in dieser befestigten Stadt im unteren Teil der alten Grafschaft Hoya, die bereits im 16. Jahrhundert an das welfische Haus gefallen war. 

Wappen der Familie von Reiche

Bevor dem Lebensweg des für Bayreuth bedeutsamen Jobst Christoph Ernst gefolgt wird, sollen noch kurz die Biographien einiger Familienangehöriger vorgestellt werden, zumal zwei von ihnen sogar Aufnahme in der Allgemeinen Deutschen Biographie fanden. Gleichzeitig können sie als Beleg für die reichen Begabungen dienen, welche die Familie auszeichneten.
Der Cousin Ludwig Friedrich Bernhard Christoph Theodor (1774-1840), ein Sohn von Georg Ludwig von Reiche, trat als Offizier 1788 in preußische Dienste und kämpfte in den Kriegen 1792 bis 1795 und 1806 gegen Frankreich. Im November 1806 erlebte er als Leutnant die Verteidigung und Kapitulation der Festung Nienburg mit. Als Preußen in völlige Abhängigkeit von Napoleon geraten. war und er als glühender Patriot von der französischen Polizei steckbrieflich gesucht wurde, nahm er 1809 österreichische Militärdienste an. Er kommandierte im Feldzug gegen Frankreich eine Kompanie der "Fränkischen Legion". Diese Truppeneinheit war von dem früheren preußischen Major Nostiz aufgestellt worden und warb auch in der ehemaligen preußischen Provinz Bayreuth Freiwillige. Nach dem Friedensschluss von Schönbrunn ging von Reiche nach Berlin zurück und gründete dort eine Zeichenakademie. Im Befreiungskrieg Preußens gegen Frankreich stellte er 1813 ein freiwilliges Jägerbataillon auf, das von ihm geführt seinen Namen trug und sich in den Kämpfen der Jahre 1813 und 1814 bewährte. Als militärischer Hitzkopf kam er mit Zivilbehörden und Privatpersonen weniger gut zurecht, was schließlich 1816 zu seiner Pensionierung im Rang eines Majors führte. Er errichtete zu Berlin eine lithographische Anstalt, die 1818 vom Kriegsministerium übernommen wurde, und blieb deren Direktor bis zum Jahr 1820.
Der Bruder Georg Ludwig Adolph (1773- 1850) wurde 1797 Auscultator bei der königlich preußischen Regierung in Bayreuth, 1803 Adjunkt des ersten Justizamtmanns zu Naila und 1812 königlich bayerischer Landrichter zu Selb. Er trat in jungen Jahren als Verfasser rechtswissenschaftlicher Arbeiten hervor. Am 15. August 1815 wurde er in die bayerische Adelsmatrikel immatrikuliert. Er verstarb am 14. April 1850 zu Hof. Sein einziger Sohn Carl Christoph Heinrich Theodor besuchte das Gymnasium in Hof und studierte Rechtswissenscbaften an den Universitäten Erlangen und Jena. Unverheiratet verstarb er im Alter von 23 Jahren. Sein Schul-,,Ehrenzeugnis" aus dem Jahr 1825 befindet sich im Stadtarchiv Bayreuth.
Der Bruder August Friedrich Ludwig Karl von Reiche (1774-1855) nahm preußische Militärdienste. Er trat 1788 als Junker in das Regiment von Eichmann ein, das in Wesel in Garnison lag. Mit diesem machte er die Feldzüge von 1793 und 1794 mit. Danach wechselte er, mit Neigung und Geschick zur Wissenschaft und Kunst sowie einer besonderen Vorliebe zum Zeichnen begabt, in das Ingenieurcorps über und besuchte die Akademie in Potsdam. Bald veröffentlichte er mehrere Standardwerke zur Befestigungstechnik. 1804 war er am Festungsausbau in Danzig beteiligt und wurde 1806 zur mobilen Armee kommandiert. Die Katastrophe der preußischen Armee führte ihn zunächst in französische Kriegsgefangenschaft und danach nach Nienburg, wo er die Jahre 1807 und 1808 im elterlichen Haus verbrachte. Er beschäftigte sich unter anderem damit, während eines halben Jahres die von den Franzosen geschleiften Festungswerke derStadt in Alleen und Promenaden umzuwandeln. 1809 gelang ihm der Wiedereintritt in die durch den Friedensvertrag von Tilsit erheblich verkleinerte preußische Armee. 1810 trat er vom Ingenieurkorps zum Kadettenkorps über und unterrichtete u. a. den Kronprinzen, der als Friedrich Wilhelm IV. den Thron besteigen sollte, sowie dessen Bruder Wilhelm, den späteren ersten deutschen Kaiser. Die Befreiungskriege sahen ihn als Stabsoffizier der Generäle von Yorck und von Bülow, in den Schlachten von Ligny und Waterloo war er Generalstabschef des Generals von Zieten. Zuletzt im Rang eines Generalleutnants Inspekteur der vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin suchte er im April 1842 um seine Pensionierung an. Der König gewährte seinen Wunsch mit der Verleihung des Charakters als General der Infanterie sowie des Titels Exzellenz. In den Jahren 1842 bis 1845 verfasste er umfangreiche Memoiren, die sein Neffe Louis von Weltzien 1857 in zwei Teilen herausgab. Obwohl diese Lebensaufzeichnungen in erster Linie die militärische Karriere des Generals behandeln, geben sie doch, vor allem für die frühen Jahre, auch Aufschluss über die Familie, insbesondere über den älteren Bruder Jobst Christoph Ernst.

Die Jahre in Nienburg und Wesel bis 1792

Wie für die meisten Menschen ist auch für Jobst Christoph Ernst von Reiche der Geburtseintrag der erste amtliche Beleg. In seinem Fall findet man ihn für den 1. Juli 1772 im Kirchenbuch der Schlosskirche zu Hannover verzeichnet.
Über die Lebensjahre bis 1792 ist man durch die Memoiren des Bruders Ludwig gut unterrichtet. Obwohl Jobst Christoph Ernst nie mit Vornamen genannt wird, ist der Einfluss des drei Jahre älteren Bruders immer erkennbar. Da der Vater durch seine Amtsgeschäfte in Nienburg zu beschäftigt und die Mutter sehr kränklich war, übernahm ein Hofmeister die Erziehung und Ausbildung der Geschwister. Bei dem gemeinsamen Unterricht zeichnete sich Jobst Christoph Ernst besonders aus, da er, wie Ludwig schreibt, leicht auffasste und überhaupt sehr befähigt war. Ein einschneidendes Ereignis für die Kinder war sicherlich der Tod der Mutter am 2. Mai 1785. Zwei Jahre später ging Ernst Karl von Reiche eine neue Ehe ein. Er vermählte sich mit Marie Henriette von Unger. Ihr Vater, der braunschweigische Justizrat Johann Friedrich von Unger, war 1714 in Thurnau geboren worden. Eine interessante erste Verbindung der Familie zu Oberfranken. Aus dieser zweiten Ehe gingen drei Söhne, von denen einer als Kleinkind verstarb, und vier Töchter hervor. Damals war Jobst Christoph Ernst aber schon nicht mehr im elterlichen Haus.
Bereits in jungen Jahren machte das Militär besonderen Eindruck auf die beiden Brüder. Sie waren begeisterte Zuschauer, als 1784 die hannoverschen Truppen aus Gibraltar zurückkehrten, wo sie während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs an der Verteidigung der englischen Mittelmeerfestung gegen die Franzosen und Spanier teilgenommen hatten. Zwei Jahre sammelte sich hannoversches Militär in Nienburg, um auf der Weser den ersten Wegabschnitt zu dem neuen Einsatzort Ostindien zurückzulegen. Die Brüder verspürten größtes Verlangen, sich den Truppen anzuschließen, und fühlten sich glücklich in dem Gedanken, Soldat zu werden.
Noch im gleichen Jahr 1786 sollte für Jobst Christoph Ernst dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Als über seine künftige Bestimmung beschlossen werden sollte und ihm der Vater die freie Wahl überließ, erhielt die Familie Besuch von einem alten Bekannten des Vaters, dem Hauptmann eines in Minden stationierten preußischen Regiments. Dieser malte den Kriegerstand in so glänzenden Farben aus und beschwichtigte alle möglichen Bedenken, so dass der Entschluss bald feststand, Jobst Christoph Ernst sollte in preußische Dienste treten. Auch versprach der Hauptmann dem Vater, der schon immer ein Preußenfreund gewesen war, den Sohn entweder bei seinem Regiment oder in Wesel bei dem Regiment seines früheren Kommandeurs, des Generals von Eckartsberg, unterzubringen. Letzteres traf ein, und Jobst Christoph Ernst ging bald darauf zu seiner neuen Bestimmung ab.
Da die Briefe, die aus Wesel bei der Familie ankamen, sehr begeistert klangen, wuchs auch der Wunsch Ludwigs, es dem Bruder gleichzutun. Der Vater wünschte, die beiden Söhne an einem Ort vereint zu sehen, und Jobst Christoph Ernst schlug für seinen Bruder das ebenfalls in Wesel stationierte Regiment des Generals von Eichmann vor. Er überreichte das väterliche Gesuch persönlich bei dem General, und am 8. November 1788 traf die Einwilligung in Nienburg ein. Noch nicht 14 Jahre alt brach Ludwig bald darauf nach Wesel auf. Wie er seine Reise und die ersten Jahre in der preußischen Grenzfestungsstadt erlebt hat, dürfte sich nur wenig von den Eindrücken des Bruders zwei Jahre zuvor unterschieden haben. Die Fahrt mit dem unbequemen Postwagen führte über Minden, Osnabrück und Münster. Die Einfahrt in Wesel erfolgte durch das Berliner Tor, ein Werk des Baumeisters Andreas Schlüter. Einen unangenehmen Eindruck hinterließ gleich der vor dem Tor aufgestellte Galgen, an dem die Porträts desertierter Offiziere zur Abschreckung aufgehängt waren. Die erste Nacht wurde im zugigen Dachboden des Hauses zugebracht, in dem der Bruder ein Zimmer bewohnte. Am nächsten Morgen stellte Jobst Christoph Ernst seinen Bruder bei dessen künftigem Befehlshaber vor, und damit diente auch Ludwig dem König von Preußen.
In Wesel waren damals drei Truppeneinheiten stationiert, die Infanterieregimenter von Gaudi (44. I.R.), von Eckartsberg (45. I.R.), bei dem Jobst Christoph Ernst Offiziersanwärter war, und von Eichmann (48. I.R.), in dem Ludwig seine Karriere begann. Im Gegensatz zu den meisten preußischen Regimentern hatten diese drei keinen eigenen Kanton zugewiesen, d.h. einen Landesteil, in dem Rekruten gemustert wurden, sondern waren ganz auf Werbung im Ausland angewiesen. Unter Ausland waren dabei in der Regel die anderen deutschen Staaten zu verstehen. Besondere Maßnahmen waren deshalb gegen Deserteure zu treffen. So waren die Soldaten unter Aufsicht der Offiziere und Unteroffiziere die meiste Zeit damit beschäftigt, aufeinander aufzupassen.
Die übliche Bezeichnung für den Offiziersanwärter war Junker. Dieser machte in der Truppe als Unteroffizier Dienst. In der Schlacht war er dazu ausersehen, die Fahne zu tragen und hieß dann Fahnenjunker. Da ein Regiment nur über zwei Fahnen verfügte, war diese Ehre den ältesten Junkern vorbehalten, die als äußeres Zeichen ihrer Würde das Offiziersportepée trugen. Folglich wurden sie auch Portepéefähnriche genannt und erhielten förmliche Patente. Das Diensteinkommen eines Junkers deckte nur zur Hälfte die Ausgaben für Kost, Wohnung, Wäsche, Offiziersburschen und Privatunterricht, so dass den beiden Brüdern monatlich von Zuhause Geld zugeschossen werden musste. Wie Ludwig berichtet, befand er sich ständig in Geldverlegenheiten. Dies lag auch vor allem daran, dass der ältere Bruder den Großteil des väterlichen Zuschusses für sich behielt und dem jüngeren verbot, davon nach Hause zu berichten. Der Privatunterricht beinhaltete Französisch, Geschichte, Geographie, Mathematik und Zeichnen, wobei das Zeichnen sich in Fortifikationszeichnen und Planzeichnen teilte. Lehrer waren der Feldprediger, ältere Offiziere sowie ein Soldat, der als gebürtiger Franzose Unterricht in seiner Muttersprache gab. 1789 wurde der Generalleutnant von Schlieffen Gouverneur in Wesel. Der General war ein hochgebildeter Mann, durch den in der Stadt eine kulturelle Blüte entstand. Er sammelte die jungen Offiziere um sich und errichtete zur besseren wissenschaftlichen Ausbildung des Offiziersnachwuchses eine Junkerschule, in welcher der Unterricht gratis erteilt wurde.
Als im Jahr 1789 im Bistum Lüttich Unruhen ausbrachen, die den Bischof zum Verlassen des Landes zwangen, kam ein Reichskontingent unter dem Oberbefehl des Generals von Schlieffen gegen die Aufständischen zum Einsatz. Jobst Christoph Ernst nahm freiwillig an dieser Expedition teil, die den Bischof auch ohne Blutvergießen wiedereinsetzen konnte.
Am 10. Februar 1792 erhielt Ludwig von Reiche sein Portepéefähnrichspatent überreicht. In seinen Memoiren schreibt er dazu: "Es war mir sehr lieb, dass mein Bruder das Portepée bereits hatte; bei seinem ambitiösen Charakter wäre es ihm sehr verdrießlich gewesen, wenn ich ihm hierin zuvorgekommen wäre. Er ging so weit, dass er oft die Drohung ausstieß, er würde mich totstechen, wenn ich ihm zuvorkäme!" Das Verhältnis der beiden Brüder darf man wohl als zumindest ambivalent bezeichnen. Zum einen hatte Jobst Christoph Ernst durch seine Aufsicht, zu der er sich als der Ältere wohl für berechtigt hielt, seinen Fleiß und sein Vorbild positiv auf den jüngeren Bruder eingewirkt, was dieser auch dankbar anerkannte. Doch war Ludwig froh, als Ereignisse im fernen Franken die beiden bald darauf auseinanderführten und er sein eigener Herr wurde.

Die Jahre in Bayreuth von 1792 bis 1806

Am 2. Dezember 1791 trat der kinderlose Markgraf Alexander die seit 1769 in seiner Hand vereinigten Fürstentümer Ansbach und Bayreuth noch bei Lebzeiten an den nächsten Thronanwärter, den König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, ab. Am 27. Januar 1792 wurde dieses Ereignis der völlig überraschten Bürger- und Beamtenschaft in der bisherigen Nebenresidenz Bayreuth bekanntgemacht, die bald preußische Garnisonsstadt werden sollte. Die noch hier stationierten Truppenteile des markgräflichen Infanterieregiments von Voit, dessen Gros in holländischen Diensten stand, wurden nach Ansbach abgezogen. Dafür kam Mitte März das bisher in Halle gestandene preußische Füsilierbataillon von Renouard nach Bayreuth. Nachdem Preußen im April an der Seite Osterreichs in den Krieg gegen das revolutionäre Frankreich getreten war, zog man das Bataillon Ende Juni wieder ab. Die Stadt Bayreuth bereitete sich auf die Einquartierung einer größeren preußischen Einheit vor, des Infanterieregiments Nr. 45, das unter seinem neuen Befehlshaber Friedrich August von Grevenitz aus Wesel kommend bald hier eintreffen sollte. Da die Infanteriekaserne im Neuen Weg für die Aufnahme dieser Truppen nicht genug Platz bot, sie blieb in erster Linie den verheirateten Soldaten vorbehalten, musste auch Platz in den Bürgerhäusern freigemacht werden. Ein preußisches Infanterieregiment bestand zu dieser Zeit aus dem 1. Musketierbataillon zu vier Kompanien sowie dem Stab, dem 2. Musketierbataillon zu vier Kompanien sowie einem Grenadierbataillon zu vier Kompanien, insgesamt 2119 Soldaten und 186 Knechte. Am 13. Juli traf das Regiment in Kulmbach ein, wo es sein Grenadierbataillon als Garnison zurückließ. Am folgenden Tag um 11 Uhr vormittags zogen die beiden Musketierbataillone unter klingendem Spiel und unter großem Zulauf der für jede Abwechslung dankbaren Bevölkerung auf der Kulmbacher Straße kommend in Bayreuth ein. Auf dem Marktplatz wurde Appell gehalten, dann verteilten sich die Soldaten auf die zugewiesenen Quartiere und die Kaserne. Nach ein paar Tagen kam auch der Tross mit den Soldatenfrauen und ihren Kindern an, die auf dem Main bis nach Bamberg transportiert worden waren. Von dort wurden sie auf Fuhrwerken, welche die Bauern zu stellen hatten, nach Bayreuth geschafft. Im Jahr 1794 verteilte sich das Regiment folgendermaßen auf das Oberland des früheren Fürstentums Bayreuth: der Stab und acht Musketierkompanien in Bayreuth, vier Grenadierkompanien in Kulmbach, drei Depotbataillonskompanien in Wunsiedel und eine Invalidenkompanie in Neustadt am Kulm. Unter den Truppen, die am 14. Juli in Bayreuth Einzug hielten, befand sich auch der junge Fähnrich Jobst Christoph Ernst von Reiche, der knapp zwei Wochen zuvor seinen zwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Wie stellte sich das Soldatenleben in Bayreuth für ihn dar? Im Gegensatz zu seinem Bruder Ludwig, der mit den in Wesel verbliebenen Regimentern in Kämpfe gegen die Franzosen verwickelt wurde, führte Jobst Christoph Ernst weiterhin ein eher beschauliches Garnisonsleben. Zwar wurde sein Regiment, nach der Einnahme Frankfurts durch den Feind, von Anfang November bis Ende Dezember 1792 in das Bayreuther Unterland, nach Burgbernheim und Markt Bergel, verlegt, nachdem sich die Lage wieder etwas entspannt hatte, kehrte es aber bald nach Bayreuth zurück. Ganz friedlich wurde es in den beiden neuen preußischen Provinzen in Franken, als Hardenberg im April 1795 zu Basel einen Sonderfrieden mit Frankreich schloss. Während 1796 und noch einmal im Jahr 1800 das nichtpreußische Franken von den Franzosen besetzt und ausgeplündert wurde, lag das Bayreuther Land, trotz der Belästigungen durch Truppendurchzüge, wie eine Oase in der Wüste des Krieges. Für die Bayreuther Garnison bestand das Dasein in den üblichen Wachparaden, Zählappellen und Sicherheitsmaßnahmen gegen Deserteure. Der schon in Wesel in Gebrauch gewesene Soldatengalgen sowie die Lärmkanone zur Benachrichtigung der in den umliegenden Dörfern stationierten Unteroffiziere, die mit den zwangsverpflichteten Bauern sofort die Jagd auf entkommene Soldaten aufnahmen, waren auch in Bayreuth direkt bei der Kaserne aufgestellt worden. Wieder eingefangen, mussten die Soldaten das in der preußischen Armee übliche Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen. Abwechslung brachte nur das jährliche Manöver auf der Ebene zwischen St. Georgen und Bindlach, zu dem auch das Grenadierbataillon aus Kulmbach stieß. Als Offizier genoss Jobst Christoph Ernst von Reiche gegenüber den einfachen Soldaten besondere Privilegien; so war er in besseren Bürgerhäusern untergebracht. Für den März 1796 und den Januar 1797 lassen sich die Quartiere sogar nachweisen, die Häuser Kanzleistraße 5 und Erlanger Straße 17. Sicher ist auch ein längerer Aufenthalt bei der Garnison in Kulmbach im Jahr 1795. Die Stufen auf der Beförderungsleiter nahm von Reiche ohne Stolpern. Die genauen Ausstellungsdaten seiner Patente können zwar nicht genannt werden, doch lässt er sich für 1796 als Fähnrich, 1798 als Leutnant und 1805 als Hauptmann nachweisen. Mehr repräsentierende als militärische Aufgaben wurden ihm wahrscheinlich übertragen, als am 6. Juli 1795 der Oberst Carl Philipp von Unruh das Regiment übernahm und von Reiche einer seiner Adjutanten wurde. Das Verhältnis von Reiches zu seinem neuen Befehlshaber, den er auch als seinen Gönner bezeichnete, scheint sehr gut gewesen zu sein. Als die Ehefrau des inzwischen zum Generalmajor ernannten Kommandeurs am 20. Februar 1796 verstarb, ließ von Reiche eine von ihm verfasste zwanzigseitige Beschreibung ihres Lebens und Sterbens drucken, die er in der Zeitung mit dem für ihn so charakteristischen Schwulst zum Kauf anbot.


J. C. E. von Reiches Militärlaufbahn, dargestellt in
Miniaturflguren aus der Sammlung von Herrn Martin
Götz, Bayreuth. Von links nach rechts: Fähnrich mit der
Regimentsleibfahne, Leutnant, Hauptmann
(Foto: W Engelbrecht)

Das gesellschaftliche Leben im Bayreuth dieser Jahre war stark von den hier stationierten Offizieren geprägt. Ein Beispiel dafür ist die 1796 gegründete" Erste Ressource-Gesellschaft", deren Hauptzweck in der geselligen Unterhaltung ihrer Mitglieder bestand. Ein Verzeichnis vom Beginn des Jahres 1803 weist 128 Mitglieder aus, darunter 33 aktive Offiziere des Regiments von Unruh mit dem Leutnant und Adjutanten von Reiche. Bald darauf entstandene Streitigkeiten in der Gesellschaft führten zur Gründung einer eigenen "Harmonie-Gesellschaft". Die meisten Offiziere verblieben aber in der Ressource, so dass zu Beginn des Jahres 1804 von 85 Mitgliedern 34 Offiziere des Regiments von Unruh waren. Nach seinen eigenen Angaben war von Reiche auch Teilnehmer einer Gesellschaft in Laineck, die der dortige Schlosspächter jeden Samstagabend veranstaltete. Weiterhin war er Mitglied des "Instituts der Moral und der schönen Wissenschaften" zu Erlangen, dessen Gründer und Direktor Georg Friedrich Seiler er den 2. Teil seiner "Unterhaltung mit Gott" widmete. Auch in Bayreuth und Kulmbach suchte von Reiche immer die Gesellschaft von gelehrten Männern, deren Unterstützung beim Verfassen seiner Bücher er auch dankbar anerkennt.

1. Literarische und künstlerische Werke

Als Schriftsteller und Zeichner ist Jobst Christoph Ernst von Reiche am bekanntesten geworden. Besonders bemerkenswert ist die Flut an Veröffentlichungen innerhalb weniger Jahre, die der erst 23jährige im Jahr 1795 begann. Das Vorwort zum Bayreuthbuch wurde im Juni 1795 verfasst, das zum Fantaisiebuch im Janüar 1796 und zum 1. Teil der Unterhaltungen mit Gott im Februar 1796. Die Lebensbeschreibung der Frau von Unruh erschien im März 1796, im September eine Ode zum 52. Geburtstag des Königs von Preußen. Das Vorwort zur Beschreibung Kulmbachs stammt vom Dezember 1796 (das Buch war bereits im Bayreuthbuch angekündigt!), das des 2. Teils der Unterhaltungen mit Gott im Januar 1797. Im gleichen Jahr erschienen Frankens Gefilde und ein weiteres Werk, im darauf folgenden Jahr noch drei Werke. Im Jahr 1803 hatte er eine fast einjährige Krankheit zu überstehen, die ihn an den Rand des Todes brachte und nach der er seine schriftstellerische Tätigkeit eingeschränkt zu haben scheint.
Die ersten beiden Bücher über Bayreuth und die Fantaisie wurden noch von der Lübeckschen Buchhandlung verlegt. Beim Kulmbachbuch trat von Reiche bereits als sein eigener Verleger auf, um, wie er schrieb, alles recht wohlfeil liefern zu können. Anders als bei den vorhergehenden Bänden war es ihm nun aber aus Kostengründen nicht mehr möglich, auch dem neuen Buch Vignetten und einen Situationsplan als Kupferstiche beizufügen. Das Buch war zur Subskription ausgeschrieben, das abgedruckte Verzeichnis nennt viele bekannte Namen, darunter auch Bayreuther Geschichtsforscher wie Konsistorialrat Kapp, Justizrat König und Dr. Layriz. Die große Zahl der Subskribenten kann sicher als Beleg für den Erfolg der beiden vorausgegangenen Bücher gelten. Damit wuchs auch von Reiches Selbstbewusstsein. Während er in seiner Beschreibung Bayreuths bewusst nicht als Historiker auftreten wollte, die stadtgeschichtlichen Teile des Buches entsprechen dem Wissensstand der Zeit und stammen von seinen Gesprächspartnern sowie aus der damals schon reichlich vorhandenen Literatur, kündigte er in dem darauffolgenden Fantaisiebuch an mehreren Stellen eine Geschichte der Stadt Bayreuth an, die aber nie erschien. In diesem Buch, wie auch in der folgenden Beschreibung Kulmbachs, gibt er bereits wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Quellenbelege in den Fußnoten. Von Reiches Schriftstellerei schaffte ihm nicht nur Freunde, sondern auch Neider, wie man den Vorreden seiner Werke entnehmen kann. Sein Schreibstil mit den vielen moralisierenden Anmerkungen wurde auch von den Zeitgenossen oft schon als Stilblüte empfunden und brachte ihm den Vorwurf der Heuchelei ein.
Vor allem traf ihn dies bei seinen religiösen Schriften. Von Reiche war tief religiös, er stand dem Pietismus nahe, suchte und fand sein Gotteserlebnis in der Natur. Ein besonderes Anliegen war ihm das Armenproblem. Seine persönliche Sicht zu dem oft krassen Gegensatz zwischen Armut und Reichtum in dieser Zeit gibt am besten ein Zitat wieder: "Dann nur darum teilte der Schöpfer seine Gaben so verschieden unter uns aus, dass der eine den andern sollte beglücken: der Reiche durch Wohltätigkeit den Armen und dieser wieder jenen durch Erkenntlichkeit und Dank". Welches Idealbild er in den Armen sehen konnte, beweist seine Schilderung der Bewohner von Lüchaustal, einigen Häusern zwischen Donndorf und Eckersdorf, bei denen er sich oft aufgehalten hatte. Im März 1796 kündigte er zunächst anonym "zum Besten der Armen" den ersten Teil seiner Unterhaltung mit Gott an, eine Sammlung von selbstverfassten Gebeten in Reimen und Prosa mit einer "Anrede" an die Armen. Auch dieses Buch brachte ihm neben Anerkennung Spott ein, wie er im Vorwort des 1797 erschienenen, nunmehr unter seinem Namen veröffentlichten zweiten Teils schreibt. Besonders von Reiches Berufsstand als Soldat schien mancher nicht in Einklang mit dieser Art von Erbauungsliteratur bringen zu können. dass von Reiche aber nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Tat das Los der Armen verbessern wollte, beweisen seine vielfältigen sozialen Unternehmungen in Bayreuth.

2. Soziales Wirken

a) Die Rumfordsche Suppen- und Arbeitsanstalt

Der harte Winter 1801/02 und die Not der vielen Armen, die zum Überleben allein auf Betteln angewiesen waren, veranlassten einige humanitär gesinnte Männer, an ihrer Spitze den Leutnant von Reiche, den Pastor der reformierten Gemeinde, Johann Peter Starke, und die beiden Postmeister Georg Wolfgang Fischer und Sohn Friedrich, eine Rumfordsche Suppenanstalt ins Leben zu rufen. Vorbild war der im kurbayerischen Dienst stehende Benjamin Thompson Graf von Rumford. Als Militärreformer widmete er sich zwangsläufig auch der Armenfrage. Er entwickelte Rezepte für ein möglichst billiges und nahrhaftes Gericht, das an die Armen ausgeteilt wurde. In Bayreuth bestand die Suppe außer Wasser aus Brot, Fleisch, Salz, Gerste, Grieß, Erbsen, Kartoffeln, Schlauch [=Zwiebelröhren], Petersilie, Sellerie und Essig. Sammlungen und Veranstaltungserlöse brachten bald eine Summe von 408 Gulden zusammen. Armenverzeichnisse wurden erstellt, um die Abgabe von Suppe und Brennholz an die wirklich Bedürftigen überwachen zu können. Vom 10. Januar bis Ende März 1802 wurden 3034 Portionen Suppe abgegeben, wobei sich die Herstellungskosten einer Portion auf ungefähr 2½ Kreuzer beliefen. Das Unternehmen schloss mit einem Gewinn von 159 Gulden ab, der zu einer günstigeren Einrichtung und Erweiterung desselben verwendet werden sollte. Da als Hauptzweck der Anstalt die Bekämpfung des Straßenbettelns und des "Müßiggangs" der Armen angesehen wurde, sah man die Verbindung der Suppenausteilung mit einer Arbeitsanstalt als nötig an. Ein erster Versuch, auch diese Anstalt als Privatunternehmen zu führen, scheiterte, doch die nun erbetene staatliche Unterstützung begünstigte bald das Fortkommen. Die polizeiliche Aufsicht übernahm eine eigene Deputation der Kriegs- und Domänenkammer, die technische Aufsicht der Fabrikeninspektor Kriegsrat von Marquard, die ökonomische Verwaltung und die Gesamtaufsicht verblieb den alten Vorstehern. Als Lokal wurde von staatlicher Seite der alte Küchenbau des Neuen Schlosses zur Verfügung gestellt, in dem die Armen unter Anleitung eines Werkmeisters namens Lübens Baumwolle, Flachs und Werg spannen. Die Bürger wurden aufgefordert, an die Bettler keine Almosen mehr abzugeben, sondern diese entweder selbst zum Arbeitshaus zu weisen oder den Polizeibehörden zum Abtransport dorthin zu melden. Das so eingesparte Geld sollten sie lieber direkt der Anstalt zukommen lassen. Hauptinitiator bei der ganzen Sache scheint Jobst Christoph Ernst von Reiche gewesen zu sein, der auch 1804 eine "Kurzgefasste Geschichte der hiesigen Rumfordischen Suppen- und jetzt damit verbundenen Arbeitsanstalt" veröffentlichte. Die Arbeitsanstalt, auch als Spinnanstalt bezeichnet, blieb der Stadt noch lange erhalten . (1811 war sie im ehemaligen Entbindungshaus in der Dammallee (heute steht dort das Richard-Wagner-Gymnasium) untergebracht, musste 1813 kurzfristig wieder in den Küchenbau des Neuen Schlosses ausweichen, befand sich 1817 im ehemaligen Rathaus von St. Georgen und wurde ab 1819 als städtische Armenbeschäftigungsanstalt zunächst im angekauften Gasthaus Zum Schwarzen Bären" (Brandenburger Str. 26) und ab 1854 bis zur Auflösung 1862 in einem Neubau (heute städtische Musikschule, Brandenburger Str. 15) geführt.)

b) Unterrichts- und Industrieschulanstalten des Regiments von Unruh

Ein besonderes soziales Problem in den Garnisonsstädten waren die zahlreichen, oft nur ungenügend bekleideten Soldatenkinder, die durch ihre Betteleien den Bürgern zur Last fielen. So kamen im Jahr 1792 auf 7844 Zivilpersonen in der Stadt Bayreuth 1359 Militärpersonen. Der geringe Sold reichte nie aus, eine mehrköpfige Familie zu ernähren, obwohl es den Soldaten gestattet war, soweit es ihr Dienst erlaubte und sie ein Handwerk erlernt hatten, als Gesellen zu arbeiten. Anders als bei den Zivilisten hatte der Stadtmagistrat aber keine Möglichkeit, die Eheschließung von Soldaten zu verhindern. Das Regiment hatte zudem einen eigenen Feldprediger, dem für seine Kirchenhandlungen die Spitalkirche zur Verfügung stand. Dort traute er öfters mehr als zehn Paare auf einmal. Die Soldaten nahmen nicht nur Mägde zu ihren Frauen, die den Bürgern damit als Dienstboten verlorengingen, sondern auch die verrufensten Frauen der Stadt, die durch ihr unverschämtes Benehmen in ihren Quartieren in den Bürgerhäusern nur zu oft für Verdruss sorgten.
Diesem Ubel abhelfen sollte ein Projekt, das der Leutnant von Reiche auf ein königliches Ausschreiben vom 31. August 1799 hin, das alle preußischen Offiziere zu Vorschlägen zur Verbesserung der Militärschulen aufmunterte, entwarf und als Vorsteher dann auch leitete. Die Soldatenkinder verdienten sich nachmittags in einer Industrieschule durch Spinnen, Nähen und Stricken ihre Kleidung selbst, gleichzeitig versorgten sie das Regiment mit Leinwand, Hemden und Strümpfen. Das zur Anschaffung der Rohmaterialien notwendige Kapital hatte von Reiche durch einen zinslosen Kredit von 1750 Gulden zur Verfügung gestellt. Die Aufsicht bei den Arbeiten führte ein invalider Unteroffizier mit seiner Frau, mehrere arme Soldatenwitwen lernten die Kinder an. Der Schulunterricht fand vormittags statt, dabei waren die sechs- bis vierzehnjährigen Knaben altersmäßig in die Klassen 3 bis 1 eingeteilt und für jede der Klassen unterschiedlich uniformmäßig gekleidet. Die Schüleruniform nahm mit jeder Klasse immer mehr das Aussehen der Soldatenuniform an, die erste Klasse wurde sogar mit Säbeln und Gewehren aus dem Zeughaus der Plassenburg ausstaffiert und übte das militärische Exerzieren. Wenn die Knaben das vierzehnte Lebensjahr erreicht hatten, lernten sie ein Handwerk, blieben aber in einer Art Sonntagsschule weiterhin mit der Unterrichtsanstalt verbunden. Hauptziel des Unternehmens war es also, den Nachschub an Soldaten für das Regiment selbst heranzuziehen. Von Reiche erhielt sowohl die königliche Bestätigung, der König ließ seinem Schreiben die Summe von 30 Friedrichsd'or als Unterstützung beilegen, als auch die seiner Militärvorgesetzten. Im Jahr 1802 besuchten bereits 60 Söhne von Soldaten und armen Bürgern die Unterrichtsanstalt.
Während des Aufenthalts von König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise in Bayreuth vom 9. bis 13. Juni 1805 hatte Jobst Christoph Ernst von Reiche gleich zweimal Gelegenheit, dem Königspaar seine Zöglinge vorzustellen. Am Montag den 10. Juni abends um 7 Uhr besuchte das Paar die Eremitage, wo zahlreiche Bayreuther bereits den ganzen Tag gewartet hatten. Als die Majestäten die Treppen vom Sonnentempel herabstiegen, näherte sich ihnen, wie die "Baireuther Zeitung" schrieb, "der allgemein geliebte und verehrte Herr Hauptmann von Reiche, der sich nicht nur durch seine rastlosen Bemühungen in einer von Zeit zu Zeit immer zweckmäßiger eingerichteten Unterrichtsanstalt um die geistige Bildung der Kinder der hiesigen Garnison ein bleibendes Denkmal errichtet hat, sondern durch dessen unermüdeten Eifer auch die Soldatensöhne ein kleines schön organisierte Corps bilden, an der Spitze dieses Corps, welches sich am Ende des Bassins in zwei Flügel teilte, den Treppen des Sonnentempels, wo Ihre königlichen Majestäten mit sichtbaren Wohlgefallen seiner wartete, die Fertigkeit dieser kleinen, mit allen Teilen eines militärischen Anzugs versehenen Soldaten bewunderten, in den allergnädigsten Ausdrücken die Verdienste ihres Vorstehers anerkannten, und mit ungemeiner Huld, aus den Händen der Soldatenmädchen, die Probe der in weiblichen Künsten erlangten und aus der, ebenfalls von dem verdienten Herrn Hauptmann von Reiche organisierten und mit der Unterrichtsanstalt verbundenen Industrieschule mitgebrachten Fertigkeiten, anzunehmen geruhten". Am darauffolgenden Dienstag besuchte das Königspaar nachmittags den Sophienberg, wo sich wiederum Tausende versammelten hatten und die Landbewohner den Majestäten eine Kirchweihfeier mit Tanz und Küchlein boten. Auch von Reiches Knabencorps trat wieder auf und übernahm die Aufsicht über das bunte Treiben. Der König unterhielt sich nicht nur mit einigen Knaben, sondern bat auch von Reiche an seine Tafel, wo er eine längere Unterhaltung mit ihm hatte. Für die Unterrichtsanstalten sprangen aus den gelungenen Auftritten 100 Friedrichsd'or als Geschenk des Königs heraus, für die Kinder waren 50 Reichstaler bestimmt. Auch von Reiche selbst sollte vom König nicht unbelohnt bleiben.

c) Junkerschule des Regiments von Unruh

Von dieser ebenfalls durch von Reiche errichteten Anstalt erfährt man nur durch die beiläufige Notiz, dass ihre Unkosten zum Teil aus den Einkünften der Industrieanstalt gedeckt wurden. Vorbild für von Reiche war wohl die von General von Schlieffen gegründete Junkerschule in Wesel, die er selbst besucht hatte .
Von Reiches Interesse an Fragen von Unterricht und Bildung beweisen auch zwei Veröffentlichungen des Jahres 1800. Sowohl ein "Unterrichtendes Lesebuch für Unteroffiziere, auch für Offiziere, denen die Veredlung ihrer Untergebenen am Herzen liegt" als auch ein "Militärisches Lesebuch für Garnison-, Bürger- und Landschulen, sowie auch zur nützlichen Unterhaltung für den Soldaten, Bürger und Landmann selbst zur Verdrängung schädlicher Vorurteile" kamen jeweils in zwei Teilen heraus.

d) Witwenversorgungsanstalt der Unteroffiziere und Soldaten des Regiments von Unruh

Von Reiche übernahm im Jahr 1802 die Formulierung der Satzung dieser Soldatenwitwenkasse sowie ihre Verwaltung auf Wunsch der Unteroffiziere und Soldaten des Regiments, die er durch das Funktionieren seiner Unterrichts- und Industrieschulanstalten beeindruckt hatte. Das Unternehmen nahm mit dem Januar 1803 seinen Anfang und erhielt im Februar die königliche Billigung. Gegen einen monatlichen Beitrag von 12 Kreuzern erwarben die verheirateten Soldaten für ihre Frauen im Fall der Witwenschaft einen Pensionsanspruch, der im Höchstfall 60 Gulden jährlich betrug. Wurde der monatliche Beitrag freiwillig auf 36 Kreuzer erhöht, stieg damit auch die Witwenpension um ein Drittel. Die Anzahl der jeweils Versorgung findenden Witwen durfte 40 nicht überschreiten.

3. Sorgenflieh


Sorgenflieh, Foto 1994

Wie könnte man von jemandem, dem der Anblick von Naturschönheiten "Wonnetränen entlockt", etwas anderes erwarten, als dass er sich seinen eigenen Grund und Boden auf dem Lande sucht. Im Jahr 1803 kaufte Jobst Christoph Ernst von Reiche von dem Ehepaar Trips 3½ Tagwerk Wiese, die Birkels-Au genannt. Diese liegt südwestlich des früheren Jagdschlosses im Thiergarten entlang der beiden Uferseiten des Sendelbaches, der von Obernschreez kommend zunächst den Thiergärtner Feuerweiher speist, von dort an der Hohlmühle vorbeifließt und schließlich in den Mistelbach mündet. Im Frühjahr 1804 ließ der neue Besitzer in dem Bach ein steinernes Wehr errichten und Bewässerungsgräben anlegen. Alarmiert durch den geringen Wasserstand in dem für die Stadt Bayreuth so wichtigen Stadtbach Tappert, der sein Wasser ebenfalls aus diesem Bach bezog, wurde der Magistrat auf den "Schwarzbau" aufmerksam und verlangte seinen Abbruch. Von Reiche begründete die Anlage damit, dass ihm die reißende Gewalt des Baches während der Herbst- und Frühjahrhochwasser ganze Landstücke mitsamt Bäumen weggerissen hätte. Durch Anschüttung der Bachufer wollte er dies für künftig verhindert wissen. Durch eine Offnung im Wehr wäre dafür gesorgt, dass immer soviel Wasser abfließen konnte als zufloss, ihm demnach zur Bewässerung der Wiese nur das bei Regengüssen gesammelte Wasser zur Verfügung stünde. Nach einigen baulichen Anderungen am Wehr, die einen besseren ständigen Abfluss ermöglichten, genehmigte die Kriegs- und Domänenkammer in Bayreuth am 2. Juli 1804 nachträglich den Wehrbau und die Wasserentnahme.
Am 10. Juli 1805 kaufte von Reiche die bachaufwärts direkt an seine Wiese anschließende sogenannte Saubohnenwiese zu 2¼ Tagwerk von dem Juden Samuel Israel, bezahlte damals aber nur einen Teil des Kaufpreises. Am 30. September 1805 erhielt er als königliches Geschenk aus der Domänenwaldung im Thiergarten weitere 6¾ Tagwerk Grund geschenkt, die nördlich an seinen bisherigen Besitz angrenzten. Man geht sicher nicht fehl, wenn man die Großzügigkeit des Königs in Zusammenhang mit dem zweimaligen Zusammentreffen von Reiches mit Friedrich Wilhelm III. im Juni dieses Jahres bringt. Bald darauf entstand auf dem neuen Grund und Boden ein erdgeschossiges Bauernhaus aus Quadersteinen mit Fachwerkgiebel und angebauter Stallung sowie Backofen und Keller. Von Reiche nannte sein Gütlein "Sorgenflieht", doch ein Schlösslein, von dem die Sage zu berichten weiß, hat nie existiert.

Die Jahre von 1806 bis 1831

Das neue Jahr 1806 begann für Jobst Christoph Ernst von Reiche persönlich und beruflich verheißungsvoll. Er war zum Hauptmann befördert worden, aus der aktiven Armee ausgetreten, auf eine zivile Stelle bei der Bayreuther Kriegs- und Domänenkammer gewechselt und hatte am 12. Juli 1805 in Bayreuth Elisabeth Henriette Friederike Reuter, die Tochter des verstorbenen Kammerregistrators Georg Wilhelm Reuter, geheiratet. Doch sollte das Jahr für ihn wie für viele andere in den preußischen Ländern niederschmetternd enden. Seine neue Aufgabe als Kriegsrat ist bereits im Zusammenhang mit den kommenden Ereignissen zu sehen, ihm wurde nämlich die Versorgung der Festung Plassenburg anvertraut. Seine strikte Neutralitätspolitik seit 1795 hatte Preußen zwar Frieden gebracht, doch stand es nach dem Sieg Napoleons bei Austerlitz im Dezember 1805 den sieggewohnten französischen Armeen allein gegenüber. Die Forderungen Napoleons wurden immer aggressiver, und die Demütigungen Preußens häuften sich. Es musste Ansbach an Bayern abtreten, erhielt dafür als Danaergeschenk das Kurfürstentum Hannover und musste der Neugestaltung Deutschlands durch Napoleon einflusslos zusehen. Ohne eigene Verbündete bereitete es sich auf den Waffengang vor. Am 9. August 1806 wurde die Mobilmachung der preußischen Armee verkündet. Auch Jobst Christoph Ernst von Reiche traf persönliche Vorkehrungen für die kommenden Kriegszeiten. Am 3. September hinterlegte er beim Stadtgericht Kulmbach ein Testament, in dem er zwar seine Frau als Universalerbin einsetzte, deren beide Schwestern aber mit einem Drittel des Nachlasses bedachte.
Schon vor der offiziellen Kriegserklärung am 9. Oktober zogen sich die in Franken stationierten preußischen Truppen auf die Hauptarmee in Richtung Jena zurück. Etwas über 600 Mann blieben zur Verteidigung der Festung Plassenburg zurück. Es handelte sich dabei um 200 Mann des 45. Infanterieregiments, drei Invalidenkompanien, wenige Artilleristen sowie eine Scharfschützenkompanie, die kurz zuvor aus der Kulmbacher Landmiliz aufgestellt worden war. Ihr Kommandeur war der Hauptmann von Reiche. Die Einheit bestand neben ihm aus einem Leutnant, einem Oberjäger, zwölf Unteroffizieren, dreißig Schützen mit gezogenen Büchsen, zwei Spielleuten und 157 Mannschaften. Am 9. Oktober 1806 besetzten bayerische Truppen Kulmbach und begannen die Belagerung der Bergfeste. Ein Sturmangriff wurde abgewehrt, wobei sich besonders die Scharfschützen auszeichneten, doch nahm der Kommandeur der Festung, Freiherr von Uttenhofen, bald Verbindungen zum Feind auf und schloss mit ihm ein Stillhalteabkommen. Noch am 18. November überreichte von Reiche dem Kommandanten eine Aufstellung, wie sich die Festung acht Wochen oder bis zum 16. Januar 1807 mit Lebensmitteln versorgt halten könnte. Die eintreffenden Berichte von den fortgesetzten preußischen Niederlagen ließen von Uttenhofen aber schon am 25. November die Kapitulationsbedingungen entwerfen und seinen Offizieren zur Zustimmung vorlesen. Am folgenden Tag um 10 Uhr morgens marschierte die Besatzung aus der Festung und streckte die Waffen. Die Bedingungen sahen vor, dass die Mannschaften Kriegsgefangene werden, die Offiziere aber auf Ehrenwort freigelassen werden sollten. Für ihre Versorgung mussten die Landstände der Provinz Bayreuth aufkommen. Die verheirateten und im Land ansässigen Soldaten konnten nach dem Versprechen, nicht mehr zu dienen, zu ihren Familien heimkehren.
Jobst Christoph Ernst von Reiche musste in französische Kriegsgefangenschaft gehen. Er verbrachte diese in Nancy und nutzte die Zeit zur Abfassung seiner "Bemerkungen über die königlich preußische Armee und Vorschläge zu einer besseren Organisation derselben". Mit ihnen hat er wohl noch vor den bekannten Reformern vom Stein und von Hardenberg eine Denkschrift zum Wiederaufkommen des preußischen Staates entworfen.
Noch vor dem Tilsiter Friedensschluss zwischen Frankreich und Preußen im Juli 1807 war der Hauptmann von Reiche aus der Gefangenschaft entlassen und nach Bayreuth zurückgekehrt. Er lässt sich für den 3. Februar 1807 hier nachweisen. Bereits im Juli 1804 hatte er von dem Kammerdiener Roosen ein Kapital von 800 Gulden ausgeliehen, um seinen Wechsel in den Zivildienst finanziell abzusichern, die jährlich fälligen Zinsen aber nicht gezahlt. Roosen schenkte nun das Kapital und die mittlerweile auf über 80 Gulden angelaufenen Zinsforderungen der Bayreuther Stadtlazarettstiftung. Um den neuen Gläubiger vorerst zu beruhigen, zahlte der Hauptmann im Mai 1807 zumindest 45 Gulden an Zinsrückständen bei der Stadtlazarettkasse ein. Das war aber auch gleichzeitig das letztemal, dass die Lazarettverwaltung Geld von ihm sah.
Im April 1808 gehörte von Reiche zu den Offizieren, die sich in einer in Kulmbach verfassten Erklärung an die preußische "Immediatkommission zur Untersuchung der Kapitulationen und sonstigen Ereignissen des letzten Krieges" gegen die Darstellung ihres früheren Kommandeurs von Uttenhofen verwahrten, sie hätten ihn zur Kapitulation der Plassenburg aufgefordert.
Im Juli 1808 bekam er erneut Ärger mit dem Bayreuther Stadtmagistrat, als dieser während einer Dürre eine täglich abnehmende Wassermenge des Tapperts feststellen musste. Die Kontrolle des Sendelbachs ergab, dass das 1804 genehmigte, aber an einer ungünstigen Stelle errichtete Wehr von der Gewalt des Baches völlig weggerissen worden war und sich von Reiche einen neuen Wehrbau an anderer Stelle hatte errichten lassen. Das wenige Wasser, das der Bach zu dieser Zeit führte, floss ganz in seine Wiese und nichts in den Thiergärtner Feuerweiher. Die Kriegs- und Domänenkammer drückte dem Hauptmann zwar ihr Missfallen über die eigenmächtig vorgenommenen Änderungen aus, genehmigte den Bau aber unter den bereits 1804 vorgeschriebenen Bedingungen. Ein Eichpfahl sollte zusätzlich zur ständigen Kontrolle der Wasserhöhe aufgestellt und ein Situationsplan zu den Akten genommen werden.
Auch im persönlichen Lebensbereich von Reiches traten Veränderungen ein. Die noch nicht lange bestehende Ehe zerbrach bereits im Jahr 1807, vermutlich aus Schuld des Mannes. Dies geht aus dem Kirchenbucheintrag und aus der Traueranzeige für die am 1. Juni 1811 verstorbene "verehelicht gewesene Hauptmännin von Reiche" hervor, in denen der Ehemann keine Erwähnung findet. Die Verwandtschaft der Frau teilte mit, dass erduldete mehrjährige nur zu herbe Leiden, erzeugt durch widrige Ereignisse und gepaart mit Kummer und sorgenvollen Lagen, die körperlichen Kräfte der Verstorbenen zusehends aufgezehrt hätten, dass für sie keine Hilfe und Rettung mehr zu finden war.
Während dieser Jahre hatte von Reiche von den Erträgen seines Gütleins gelebt. Nachdem sich die Hoffnung auf eine Wiederanstellung bei der auf den französischen Kaiser verpflichteten Kriegs- und Domänenkammer in Bayreuth zerschlagen hatte, gelang ihm die Rückkehr in den preußischen Dienst. Im April 1809 hatte er sich nach Königsberg in Preußen begeben, wo zu dieser Zeit der Hof residierte, und sich wahrscheinlich direkt an den König gewandt. Als Kriegskommissar der Niederschlesischen Brigade zu Frankfurt an der Oder kehrte er im Juni 1810 noch einmal für einige Tage nach Bayreuth zurück, um sich mit seinen Gläubigern zu einigen. Obwohl ihm Zahlungsaufschub gewährt wurde, leistete er auch künftig keine Zinszahlungen. 1811 klagte die Stadtlazarettverwaltung gegen ihn vor dem Justizamt in Bayreuth. Dieses verurteilte ihn zur Zahlung der Schuld von 800 Gulden und der inzwischen angefallenen Zinsen und Unkosten, eines Betrags von insgesamt 1056 Gulden. Im März 1812 beantragte die Lazarettstiftung die Versteigerung des Pfands Sorgenflieh. Am 30. November 1812 vormittags wurde das Anwesen durch das Landgericht Bayreuth öffentlich versteigert und dem Bauern Conrad Hacker von Creez mit einem Gebot von 1050 Gulden als Meistbietenden zugeschlagen.
Wie Ludwig von Reiche in dem kurzen Lebensabriss des Bruders schreibt, erhielt dieser bei der Neuorganisation der preußischen Armee eine Anstellung als Kriegskommissar. 1812 nahm er in dieser Funktion am Feldzug des preußischen Hilfskorps gegen Russland teil, dann an den Befreiungskriegen der Jahre 1813 bis 1815. Nach dem Sieg über Napoleon lässt er sich für 1818 als Intendant des 7. Armeekorps in Münster und für 1831 als Intendant des 4. Armeekorps in Magdeburg nachweisen. In diesem Jahr wurde er mit Pensionsanspruch in den Ruhestand versetzt .

Letzte Lebensjahre in Wasmuthhausen 1831 bis 1833

Schloss Wasmuthhausen, Foto 1994

Über die letzten Lebensjahre seines Bruders berichtet Ludwig von Reiche: "Im Jahre 1831 wurde er mit Pension in Ruhestand gesetzt und ging nach seinem Gute Wasmannshausen bei Bamberg, um dort den Abend seines Lebens in ländlicher Ruhe zu verleben; er starb 1834. Friede seiner Asche!"
Bei dem genannten Besitz handelte es sich um das in der Gemeinde Wasmuthhausen gelegene sogenannte Schlossgut. Der Ort selbst war bis zur großen Flurbereinigung Frankens in der napoleonischen Zeit ein zum Ritterkanton Baunach gehörender Besitz der Familie Voit von Rieneck gewesen, deren drückende Dorf- und Gemeindeherrschaft durch ein Schloss im Ort sichtbaren Ausdruck fand. Dieses ehemalige Wasserschloss wird noch 1812 in einem Lagerbuch beschrieben. Im Jahr 1816 verkauften die von Rieneck ihre Grundherrschaft sowie die ihnen vom Königreich Bayern noch zugestandenen Gerichts- und herrschaftlichen Rechte in Wasmuthhausen an die Freiherren von Albini. Diese verwalteten das Dorf von ihrem Patrimonialgericht in Dürrenried aus. Im Heimatbuch für Maroldsweisach ist nun zu lesen, die von Albini hätten gleich nach diesem Erwerb das alte Wasserschloss abbrechen und mit den Steinen weiter südlich das noch heute stehende Schlossgebäude errichten lassen. Das Schloss war aber 1816 nicht mehr Besitz der Voit von Rieneck, söndern war schon vorher an einen Bamberger Juden namens Nathan Walther verkauft worden. Bereits im Oktober 1815 verkaufte dieser das "vormalig gräflich Voitische Ökonomiegut mit Wald zu Wasmuthhausen", bestehend aus Schloss mit Nebengebäuden, Bauernhaus mit drei Scheuern, Stallung, Keller, Brauhaus, Schaffiaus und Stall sowie umfangreichen Ländereien, dem vierten Teil der Schäfereigerechtigkeit mit 50 Stück Schafen und der Brau- und Brenngerechtigkeit an den Freiherrn von Precy um 13900 Gulden. Zwei Jahre später war der Besitz an dessen Witwe, Charlotte Freifrau von Precy zu Schlüsselau, gefallen. Am 18. Juli 1818 schließlich kaufte der königlich preußische Oberkriegskommissar von Reiche zu Münster diesen nun als Schlossgut bezeichneten Besitz um die gleiche Summe von der Witwe von Precy, die bei anderer Gelegenheit auch als seine Schwägerin bezeichnet wird. Von Reiche konnte natürlich wegen seiner dienstlichen Verpflichtungen das als Rendite gekaufte Gut nicht selbst bewirtschaften, er schloss deshalb einen Pachtvertrag mit dem bereits für die Frau von Precy tätig gewesenen Verwalter Friedrich Loeschigk. Die Pacht- zeit betrug 12 Jahre, das jährliche Pachtgeld 300 Gulden. Als Pachtobjekt wurden sämtliche zum Gut gehörigen Gegenstände mit Ausnahme der Waldungen bezeichnet, an Gebäuden die neue, noch im Bau befindliche Pächterswohnung, die Bauernwohnung, Stallung und Scheuern.Mit der Pächterswohnung kann nur die nahezu quadratische, zweistöckige Anlage von 5:6 Fensterachsen und zwei Eingangsportalen gemeint sein, die heute als Schloss Wasmuthhausen bezeichnet wird. Über dem einst als Haupteingang dienenden Nordost-Portal findet man die Inschrift "HVR MDCCCXVIII" angebracht, die an den Bauherrn, Herrn von Reiche, und das Baujahr 1818 erinnert.

Es stellt sich zwangsläufig die Frage, wie jemand, dessen Besitz in Bayreuth noch sechs Jahre zuvor zwangsversteigert worden war, nun einen so hohen Kaufpreis aufbringen konnte. Von Reiche hatte von einem Berliner Bankier 3850 Gulden geliehen, die bis zur Rückzahlung im Jahr 1828 als Hypothek auf das Kaufgut verschrieben waren. Weitere 3476 Gulden, die Nathan Walther noch vom Kaufpreis zu bekommen hatte, belasteten ebenfalls das Anwesen. Dieses umfasste nach einer Schätzung durch den Pächter im Jahr 1825 50 Morgen Feld, 4 Morgen Wiese und 377 Morgen Waldung (insgesamt umgerecht rund 90 Hektar). Der Wert der Gebäude war mit 2380 Gulden angesetzt.


Inschrift über dem früheren Hauptportal

Als von Reiche im Rang eines Generalintendanten mit einer jährlichen Pension von 1312 Gulden in den Ruhestand getreten war, zog er sich mit seiner zweiten Frau Rosalie Friederike, einer geborenen Hamm aus Bayreuth, auf sein Gut in Bayern zurück. Da er preußischer Staatsangehöriger bleiben wollte, behielt er einen offiziellen Wohnsitz in Schleusingen in Thüringen, der Wasmuthhausen nächstgelegenen größeren preußischen Ortschaft. Begleitet wurde das Ehepaar von einem Fräulein Antonetta Elisabeth Müller, der Tochter eines Invaliden aus Münster, die zunächst Dienstbote im Haus von Reiche gewesen war. Nachdem sie Jobst Christoph Ernst während seiner mehrfachen Krankheiten gepflegt hatte, war sie von diesem als Pflegtochter angenommen worden. Das Verhältnis der beiden Frauen zueinander war dagegen weniger gut.
Weil die Ökonomie des Gutes verpachtet blieb, brauchte sich von Reiche nicht darum zu kümmern, er hätte wahrscheinlich auch nicht die Kraft dazu gehabt. Im letzten Quartal des Jahres 1833 war seine körperliche Schwäche soweit fortgeschritten, dass er Heilung nur noch im Krankenhaus Bamberg zu finden hoffte. Am 3. Oktober erklärte er in seinem Haus vor den Beamten des zuständigen Patrimonialgerichts Dürrenried seinen letzten Willen, mit dem er über seinen Besitz in Bayern, nicht aber über sein Vermögen in Preußen verfügen wollte. Die Besitzungen in Wasmuthhausen schenkte er seiner Ehefrau, Fräulein Müller erhielt 2500 Gulden sowie freien Wohnsitz im Schloss auf Lebenszeit zugesprochen. Ein im Jahr 1829 in Münster verfasstes Testament sollte damit seine Gültigkeit verlieren. Dieses Testament wurde daraufhin in Münster angefordert. Doch kam von dort, wo man wahrscheinlich froh war, den Aufenthalt von Reiches erfahren zu haben, zunächst einmal die Mitteilung, sein Haus in der Sonnenstraße zu Münster wäre zwangsversteigert worden. Der Erlös reichte aber nicht einmal zur Entschädigung der Hypothekengläubiger aus.
Bereits Mitte Oktober hatte sich von Reiche mit seinen zwei Frauen nach Bamberg begeben, er mit Fräulein Müller als Pflegerin in das Krankenhaus, Frau von Reiche bezog eine Privatwohnung. Als eine Bamberger Gerichtskommission am 7. Dezember von Reiche das aus Münster eingetroffene Testament in seinem Krankenzimmer übergab, war er bereits so schwach, dass man ihn lieber nicht vom Verkauf seines Hauses in Münster in Kenntnis setzen wollte. Jobst Christoph Ernst von Reiche verstarb am 17. Dezember und wurde am 21. Dezember in Bamberg beerdigt. Als Todesursache wurde Nerven- und Magenlähmung angegeben. Bei der Befragung der Witwe gab diese an, sie hätte ihren Mann als Witwer geheiratet und es wären Kinder weder aus der ersten noch aus der zweiten Ehe vorhanden. Im Kirchenbucheintrag steht dagegen, das Ehepaar hätte 24 ½ Jahre in der Ehe gelebt.
Da die Hinterlassenschaft schon allein mit 8276 Gulden Hypothekenschuld belastet war, musste das mit der Nachlassregelung befasste Gericht in Dürrenried zunächst einmal Hand auf alle Besitztümer legen und die eingehenden Schuldforderungen aufnehmen. Aus der Nachlassinventarisierung in den Wohnräumen zu Wasmuthhausen sind vor allem interessant die Gemälde und Zeichnungen von der Hand von Reiches, die sowohl gerahmt waren als auch in Mappen und Rollen lagen, sowie die Handschriften und die teils gebundenen, teils ungebundenen Manuskripte, die im Kleiderschrank gefunden wurden.
Am 14. August 1834 setzte das Gericht den Wert des Erbes mit 12979 Gulden an Immobilien und 77 Gulden 16 Kreuzern an Mobilien fest. Diesem standen anerkannte Hypotheken- und andere Forderungen im Gesamtbetrag von 12127 Gulden 57 Kreuzern gegenüber, darunter Arzt- und Apothekerrechnungen in Höhe von 195 Gulden. Als Erbin wurde die Witwe eingesetzt. Nach Ablauf der gesetzten Frist eingehende Forderungen fanden keine Berücksichtigung mehr, auch die einer Frau Christiane Winkler aus Dresden, die ihre Tochter Ernestine von Reiche als Kind des Intendanten von Reiche zu Münster bezeichnete.
Am 15. Dezember 1837 verkaufte die Witwe von Reiche ihren verschuldeten Besitz um 15000 Gulden an mehrere Wasmuthhausener Bauern und verzog nach Coburg. Dort verstarb sie am 12. November 1856.

1995 jährte sich das Erscheinen der Schilderung Bayreuths zum 200. Mal. Durch den Faksimilenachdruck dieses Buches zusammen mit der Beschreibung der Fantaisie in der Reihe "Bibliotheca Franconica" im Jahr 1980 sind beide Werke von Reiches bekannt und jedem Interessierten zugänglich gemacht worden. Die Gemeinde Eckersdorf hat dieser Wiederentdeckung des Autors Rechnung getragen und 1992 eine Straße ihres Ortsteils Donndorf, in dem Schloss und Park Fantaisie liegen, "Von-Reiche-Straße" benannt.


Quelle: 101