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| * 27.10.1758 (Wunsiedel) † 17.02.1832 (zu Kolmberg bei Cham) |
. Stammsitz der Familie
war Voellerndorf ob der Piellach in der Nähe von Pöchlarn an der Donau.
Ein Georg von Voelderndorff (um 1420), der Begründer der mährischen Linie,
führte als erster den Beinamen "zu Waradein", den später auch die Hauptlinie
übernommen hat. Ein Ort Waradein in Mähren, auf den sich der Name beziehen
könnte, war nicht zu finden. Kaiser Karl V. hat 1538 die Familie in den
Freihermstand erhoben. Kaiser Leopold I. bestätigte am 10. Juli 1684 erneut den
Freiherrnstand mit gänzlicher Erneuerung des Wappens.Die mütterliche Familie: Die Reichsfreiherren von Zedtwitz
Johann Martin von Voelderndorff hat im Jahr 1757 die Freiin Maria Christiana Sophia von Zedtwitz geheiratet. Sie stammt aus einer Familie, die seit sechshundert Jahren im "Ascher Ländchen" als reichsfreie Herren, zwar als böhmische Lehensleute, doch nicht als Landsassen, wohnten. Die Kaiserin Maria Theresia, bestrebt ihre Grenzen festzumachen, zwang die Familie um 1750, sich als Landsassen und damit ihr Land als Teil Böhmens zu bekennen. Nach langem Widerstand gaben die Herren von Zedtwitz nach. Vater und Bruder der Mutter von CFW hatten sich am längsten widersetzt. Der Vater starb 1750. Aus diesen schwierigen Verhältnissen kam Maria Christiana Sophia nach Wunsiedel. Hier wird nun CFW 1758 geboren.
Die Familie von Voelderndorff in Wunsiedel
Die Stadt war damals geprägt durch Handwerksunternehmen, vor allem aber durch die Beamten, die seit dem 17. Jahrhundert die Stadt als Hauptstadt der Sechs Ämter bestimmten: Landrichter, Stadtrichter, Superintendent, Kastenamtmann, Bergkommissarius, Stadt- und Kreisarzt, drei weitere Geistliche, vier Lehrer am Lyceum bildeten die Führungsschicht. Unter ihnen hatte der "Obristleutenant und Commendant des Landesausschussregiments" Johann Martin von Voelderndorff, der Vater unseres CFW, seine besondere Stellung. Johann Martin stirbt 1772. Im Beerdigungsbuch des Pfarramtes heißt es: "in die fontjulianische Gruft begraben". Cesar Antoine Marsane de Fontjuliane war eine Persönlichkeit von zweifelhaftem Ruf, erst Günstling von Markgraf Friedrich, dann als Oberforstmeister nach Wunsiedel versetzt, von Markgraf Alexander seines Amtes enthoben. Bei der Taufe des achten Kindes der Voelderndorffs 1771 ist Fontjuliane als Pate angegeben. Hat sich Vater Voelderndorff um den verarmten Standesgenossen angenommen und Verbindung zu ihm gehalten?
In der Familie von Voelderndorff wurden acht Kinder geboren.
Beim Tod des Vaters 1772 leben noch drei Kinder: Das älteste ist unser Carl
Friedrich Wilhelm, damals also 14 Jahre alt. Dann die 1761 geborene Caroline
Wilhelmina Friederica (11 J.). Aus den sehr schlecht geführten Kirchenbüchern
der Zeit sind zu entnehmen: ein Zwillingspaar, von dem nur der Todestag eines
Adam Erdmann als Zwillingskind 1767 im Alter von 4 Jahren 3 Monaten, 3 Wochen und 4
Tagen bekannt ist. Eine weitere Tochter war am 02.02.1766 geboren. Sie starb im
Alter von 2 Jahren weniger 2 Monaten, 3 Wochen und 4 Tagen. Danach
Zwillingsmädchen 1768, von denen eines vom Vater "jachgetauft" wurde. Es starb im
Alter von 2 Monaten, 14 Tagen, das andere mit 9 Monaten und 2 Tagen. Das jüngste
der acht Kinder ist die am 20.02.1771 geborene Wilhelmina Friedrica Christiana
Antoinette, wie schon erwähnt, das Patenkind des Herrn Antoine de Fontjuliane.
Ihr Todestag ist nicht zu finden, sie stirbt wohl nicht lange nach dem Vater.
Ein erschütterndes Eheschicksal!
In dem Trauercarmen, das sie zur Beerdigung des
Gatten, wohl kaum von ihr selbst verfasst, drucken ließ, heißt es:
"... Das schwerste Leid ist nicht dem meinen zu vergleichen. / Es
stellet mich fast jedes Jahr / zu einer neuen Trauerbahr. / Des Todes kalte Hand
macht erst aus Kindern Leichen. / Nun raubt sie den Gemahl. Ach! ich zerfließ in
Thränen."
Sie bekennt, dass der Mut und die Glaubenszuversicht ihres
Mannes sie bisher gehalten habe. Diesen Trost hält sie weiter fest:
Gott ist der Witwen Trost und Mann, / nimmt sich verwaister
Kinder an... Muß gleich der Gliederbau hier aus einander gehen; / Wird doch der
Glaube einst zum Schauen auferstehen."
Mutter Voelderndorff hat 1775 den Amtsnachfolger ihres Gatten,
den Obristen Christoph Friedrich von Haimburg, geheiratet. Er ist auch schon
nach einem Jahr verstorben - an der Schwindsucht. Die Mutter erscheint später
als Patin bei den Kindern von CFW, das letzte Mal bei der jüngsten Tochter 1797,
meist "in Abwesenheit", obwohl sie in Aichig in einem "Landgütchen" wohnt, es also
nicht weit nach Bayreuth gehabt hätte. War sie krank? Eine Notiz über ihren Tod
war in den Kirchenbüchern der in Frage kommenden Pfarreien nicht zu finden.
Schulzeit und Studium
Über seine Entwicklung berichtet CFW in seiner
Autobiographie:
"Nur den allerersten Unterricht genoss jener Erstgeborene von 8
Kindern aus dieser Ehe in Privatstunden, dann wurde er in die Teutsche
Knaben und Mädgenschule ... geschickt, in der Folge waren der
Tertius Fischer, der Cantor Becker und der Rektor Lang 8 Jahre
hindurch seine Lehrer am Lyceum zu Wunsiedel, das aus einer
äußerst herabgesunkenen Schulanstalt durch den rastlosen
Eifer des jetzigen Pfarrers M. Lang in Creußen in kurzer Zeit bis
zu einer unmittelbaren Pflanzstatt für Universitäten
emporgehoben war." CFW denkt also mit Hochachtung an seine Lehrer,
besonders den Rektor Lang. M. Christoph Lang war noch in der alten
theologischen Schule aufgewachsen, vom Geist der großen
Pädagogen und Philanthropen seiner Zeit mächtig
berührt, wie seine Wunsiedler Tätigkeit sehen lässt.
"... Er verstand die seltene Kunst, seine Schüler so an sich zu
ziehen, dass sie ihn liebten und fürchteten."
CFW berichtet über seine Schulzeit in seiner
Autobiographie: "Schon seine ersten Jugendjahre waren mit vielen
Unannehmlichkeiten verbunden. Zwar schloss er mit Schöpf und Schlemmer ... den
Bund ewiger Freundschaft, und verlebte mit ihnen glückliche Sonntage. Aber wenn
ihn sein Vater von vertrauterem Umgang mit unartigen Schülern zurückhielt, so
legten jene [die] Absonderung für Stolz aus, und wenn andere Eltern für ihre
Söhne eine gelinde Behandlung zu erkaufen suchten, so war Vater Voelderndorff
der Meinung, dass kein Schlag zuviel sei, als der nebenhin gehe. Und so war der
Sohn von seinen Mitschülern angefeindet, von seinen Lehrern zum Teil sehr streng
behandelt." Die Erinnerung ist also wesentlich bestimmt durch das
Verhältnis zum Vater. Über den Bildungserfolg der Schule sagt es nichts aus. Den
werden wir mehr aus dem beurteilen müssen, was er von seiner Universitätszeit
berichtet.
Als der Vater 1772 stirbt, kommt der vierzehnjährige CFW in
eine Krise. In der Autobiographie sagt er: "Nun glaubte sich der Sohn in Freiheit
versetzt. Er pflegte jetzt mehr des Umgangs seiner Commilitonen, opferte
denselben anfänglich den Privatfleiß, in der Folge die Lehrstunden selbst auf."
Er schreibt weiter, dass "er wieder zu seinem vorigen Fleiß zurückkehrte, aber von
allem Umgang ausgelassener Cameraden sich loszumachen, war noch zu viel für
einen Jüngling von 14 Jahren. Und doch fühlte er die Notwendigkeit dieses
Schrittes, um sich die Achtung des vernünftigen Publikums, deren Verlust ihm
ganz unerträglich war, wieder ganz zu erwerben". Die Lösung schien ihm nur
möglich durch einen Wegzug von Wunsiedel. Er hörte etwas von einem Gymnasium in
Coburg, vielleicht durch die Verwandten aus der Coburger Linie der Familie, die
bei den Geschwistern als Paten genannt werden. Dorthin strebte er nun: "nach
Coburg oder Soldat; das war die Alternative, durch die er seine Mutter auf der
Stelle fürs erste stimmte. Aber nun wussten beide nicht, wie die Sache
einzuleiten seyn möchte. Ein Vater, an den der Sohn schrieb, rühmte einen
Professor Faber, und liebevoll versprach dieser, die wissenschaftliche Leitung
zu übernehmen. Von einer andern Seite wurde ein Major von Heldritt als
Menschenfreund geschildert und dieser wollte Vaterstelle vertreten". Zu
Ostern 1774 eilt CFW nach Coburg. Faber war nach Ansbach versetzt, "desto
mehr schmiegte er sich an seinen Pflegvater mit dem festen Entschluss brav zu
werden. In diesem ihm unvergesslichem Hause liebte er und wurde er geliebt, wie
Eltern und Kinder und Geschwister sich lieben". So wohl das dem heranwachsenden
Jüngling getan haben mag, in schulischer Beziehung entwickelte er sich nicht
gut. Er kam im Unterricht nicht mit. Um zu zeigen, wer er ist, schrieb er 1775
lateinische Briefe nach Bayreuth an seinen Paten und Vormund, den Justizrat
Killinger, einen Schwager des Superintendenten Silchmüller, und seinen
ehemaligen Lehrer, den Rektor Lang, nach Wunsiedel. Seine Betreuer waren so
entsetzt über diese "Briefe obscuri viri", dass sie ihn nach Hause einluden.
Killinger "benutzte eine damals erschienene Verordnung, nach welcher die
Landeskinder gewisse Jahre auf Landesschulen zubringen sollten, mittelst eines
frommen Betruges soweit, dass das Bayreuther Consistorium den ferneren Aufenthalt
in Coburg verbot, und übergab hierauf im September 1775 seinen Mündel dem Gymnasium
zu Bayreuth und der besonderen Leitung des Consistorialrats und Professors
Lang". Dieser hat nun sein Augenmerk besonders darauf, dass er nicht wieder dem
Drang zum Soldatenstand verfällt. CFW gibt zu, dass auch die Wissenschaften für
den Soldatenstand nützlich sind und stürzt sich nun mit grenzenlosem Fleiß" in
die Arbeit.
Eines Tages kam der Markgraf Alexander von Ansbach nach
Bayreuth zur "Revue". CFW erlebte das Aufflackern der Begeisterung für den
Soldatenstand. Er hoffte wegen seiner Körperlänge, die er inzwischen erreicht
hatte, beim Fürsten aufzufallen. Aber er bekam eine "Beule am Knie" und konnte
nicht zum Paradeplatz gehen. Also studierte er weiter so eifrig, dass er
innerhalb eines Jahres das Zeugnis zum Abgang auf die Universität bekam.
Am 17.10.1776 nahm er Abschied nach Erlangen. Kaum hatte
er sich ein wenig in den Universitätsbetrieb eingefunden, kam 1777 die Meldung,
dass Bayreuth-Ansbachische Truppen nach Amerika ziehen sollen. Er
wollte mit. Aber es ging nicht; denn er wurde schwer krank. Die Mutter holte
ihn, um ihn auszukurieren, mitten aus den Studien. Dann bekam er das Angebot
eines mächtigen Kurfürstentums (welches sagt er nicht) auf eine
Offiziersstelle. In der Autobiographie gibt er zu, dass der Gram der Mutter ihn
bewogen hat, von dem Plan abzustehen. Im Gedichtband schreibt er davon.
1778 geht er dann nach Jena, um ernsthaft Jura zu studieren,
und tut es, wie er sagt, "mit größter Anstrengung von 4 Uhr morgens bis nachts 10
bis 12 Uhr. Die Sonnabende und Sonntage verbringt er in einer
Privatgesellschaft". Es wird musiziert, es werden Gedichte vorgetragen. Man lebt
im Sinne der schöngeistigen Gesellschaft der Zeit. "Die große Anstrengung und vor
allem der viele Kaffee, der, um den Schlaf zu vertreiben, erst Abends in Menge
getrunken wurde" berichtet er, verursachten ein hitziges Nerven- und zuletzt ein
Gallenfieber, von dem er nur sehr langsam genaß."
Im Herbst 1779 unterzieht er sich in Bayreuth der
juristischen Prüfung. Er legt Wert darauf, festzustellen, dass er als Adeliger
auch ohne Prüfung mit Sitz und Stimme in ein Landeskollegium hätte kommen
können, er aber darauf bestand, streng geprüft zu werden. Er erreicht beim
dirigierenden Minister, dass er geprüft wird. Sein Bericht dazu: "So sehr man aber
mit den Resultaten der Prüfung, die von morgens um halb 9 Uhr bis Abends um halb
7 Uhr gedauert hatte, und der Proberelation zufrieden zu sein schien, so wurde
er doch am 17. Febr. 1780 auf ein Jahr blos zur Probe angestellt. Über diese ihn
treffende Abweichung von allen seinen Vorgängern konnte er seine Empfindlichkeit
in einer kleinen Anrede, die er beim Eintritt ins Collegium hielt, nicht ganz
unterdrücken."
Am 31.08.1780 erhielt er den "Access beim Hofgericht". Bald
darauf wurde ein Zögling der Regierung von Ansbach Regierungsrat in Bayreuth. Am
18.12.1780 wurde er zur Entschädigung Kammerjunker. Aber zurückgesetzt zu
werden trotz großer Anstrengung, das scheint die Wunde zu sein, an der er sein
Leben lang litt.
Am 23.04.1781 endlich wird er Regierungsrat und
Hofgerichtsassessor. Sein Gehalt steigt etwas, so dass er daran denken kann, eine
Familie zu gründen. Er schreibt: "Diese Einnahme von 482 fl. fränkl. (im Jahr) hielt er damals
für hinreichend, um sich um eine Gattin bewerben zu können. Offenherzig erzählte
er dem Mädgen, das er liebte, seinen Mangel an den Kenntnissen eines Weltmanns,
seinen auffahrenden empfindlichen Character, seine Armut (denn sein geringes
väterliches Erbteil war auf Schulen, Universitäten und erste Dienstzeit bereits
ganz verwendet) und forderte gewissenhaft dasselbe zur strengen Prüfung auf, ob
sie von ihrem Gatten nicht mehr Eigenschaften erwarte? den Ansprüchen auf
glänzendes Leben zu entsagen sich getraue? in Missmuth den Gatten aufzurichten
den Mut, seine Launen zu ertragen die Geduld habe? ohne Umschweife verlangte er
von seiner künftigen Gattin Religion, Tugend, Leben für ihn, und so viel
Vermögen, als sie selbst bedürfte. Unter diesen Bedingungen gab ihm die Freiin
Ernestine von Seckendorff am 12. Dec. 1782 ihre Hand, die würdige verwittibte
Ritterhauptmännin von Seckendorff, geborene von Lüchau, ihre Tochter, und der
Fürst - den Kammerherrnschlüssel." CFW ist jetzt 24 Jahre.
Bayreuth im ausgehenden 18. Jahrhundert
Bayreuth ist "eine verwaiste Residenz". Nach dem Tod von
Markgräfin Wilhelmine (1758) und Markgraf Friedrich (1763), auch des
Nachfolgers Friedrich Christian (1769) verlor sie etwa ein Viertel ihrer
Bewohner, da viele Hofbeamte entlassen, andere abgezogen wurden. Die sich
daraus ergebenden wirtschaftliche Folgen waren deutlich zu spüren.
Die Stadt ist über den alten Bering hinausgewachsen. Die alten
Tore sind abgebrochen. Nur zu polizeilichen Zwecken - Kontrolle der Ein- und
Ausreisenden, die Einnahme von Pflasterzoll und ähnlichen Abgaben - hat Markgraf
Friedrich 1752/53 sechs Tore errichtet, Säulenpaare, mit Schlagbäumen und Gittern
gesichert, die nun auch die Vorstädte außerhalb der alten Mauern
miteinbeziehen, allerdings ohne St. Georgen und Moritzhöfen. Wir können uns diese
etwa so vorstellen, wie die Säulen am Eingang zum Geißmarktparkplatz von der
Friedrichstraße her. (1855 wurden sie abgebrochen.)

Der regierende Markgraf Alexander von Ansbach-Bayreuth erschien
nur einige Zeit im Sommer, besuchte seine Cousine, die Herzogin Elisabeth
Friederik Sophie von Württemberg, die Tochter von Friedrich und Wilhelmine, in
der Fantaisie. Da war für kurze Tage Hofbetrieb. Sonst ist
Alexander meist in seiner Sommerschlösschen Triesdorf südlich von Ansbach, wenn
er nicht im Ausland auf Reisen ist. Da er sparsam wirtschaftet, gewinnt er die
Achtung seiner Untertanen, auch der Bayreuther.
Die gebildeten Kreise freilich haben dadurch, dass kein Hof mehr
in der Stadt ist, einen gewissen Freiraum gewonnen. Nachdem der Glanz der großen
Welt verblasst ist, versuchen sie ihr eigenes Licht leuchten zu lassen, wenn es
auch bescheiden genug ist. Immerhin ist es etwas Eigenes.
Da ist zum Beispiel die "würdige verwittwete Ritterhauptmännin
von Seckendorf, geb. von Lüchau", die Schwiegermutter unseres CFW. Er war zwar
durch seine Großmutter mütterlicherseits, Maria Sophia Florentine von Zedtwitz
geb. von Reitzenstein, bereits mit dem vogtländischen Adel und mit den fränkische
Rittern verwandt, aber jetzt kommt er in noch nähere Beziehung zu diesen Kreisen.
Sein Schwiegervater, der Ritterhauptmann Joh. Wilhelm Friedrich Seckendorff
(1708-1770), war "Hof- und Justitienrath, Amtshauptmann und zugleich Oberdirektor
der Hof-Capell- und Cammermusik" zu Wilhelmines Zeiten. Bei den geistigen und
künstlerischen Ansprüchen des damaligen Bayreuther Hofes lässt das schon auf
fachliche Qualitäten und Kunstverständnis schließen. Seine weiteren Titel in
späterer Zeit: "Kayserlicher würklicher Geheimer Rath, Hochfürstlich
Brandenburg-Kulmbachischer rother Adlerordensritter, Ministre, würklicher Geheimer
Rath".
Der Titel Ritterhauptmann, den nun auch die Witwe führt,
bezieht sich auf die Organisation der Fränkischen Ritterschaft seit dem 16.
Jahrhundert. Die Ritterburgen und -schlösser waren auch in Franken auf die
verschiedensten Herrschaftsgebiete verteilt. Die Ritter hatten sich in sechs
Kantonen organisiert, deren jeder einen Hauptmann wählte, der ihre Interessen
beim Reich zu vertreten hatte. Unser Ritterhauptmann Johann Wilhelm Friedrich
von S. war Hauptmann im Kanton Steigerwald, da er seine Hauptbesitzungen in
Sugenheim hatte, das damals zur Grafschaft Schwarzenberg gehörte.
Nach dem Aussterben der Karolinger hatte sich im Lauf der
Auseinandersetzungen zwischen dem König und den
Stammesherzögen der Rechtszustand entwikkelt, dass Franken
jeweils dem König gehörte. Vom Rhein her den Main
aufwärts bildeten bereits geistliche Herren ihre
Herrschaftsgebiete. Für die Herrschaft des Königs, ob er nun
im Norden saß, wie die Ottonen, oder im Westen die Staufer oder
der Bayern im Süden, war es von großer Bedeutung, mit der
Herrschaft über Franken einen Machtzuwachs in Richtung auf die
Mitte des Reiches zu bekommen, der noch dazu den Weg nach Osten gegen
das eine eigene politische Größe darstellende Böhmen
offenhielt. Geschlechter wie die von Andechs und die Truhendinger
waren als Grafen in Franken willkommene Statthalter, solange sie dem
König die Treue hielten. Sie starben aus. Die Grafen von
Schweinfurt wurden, als sie eine eigene Herrschaft aufzubauen
begannen, bekämpft und beseitigt. So kam es zur Gründung des
Bistums Bamberg 1007. Auch das Geschlecht der Hohenzollern, die
Burggrafen von Nürnberg, konnten sich nur als königstreue
Vasallen entfalten und schließlich ein eigenes Territorium
aufbauen. Überall aber blieben die Ritter unmittelbare Untertanen
des Kaisers. Sie waren "reichsfrei" und bestanden ebenso wie die
Reichsstädte und Reichsdörfer auf ihrer
Selbständigkeit. Sie hatten gegenüber den Landesherren, den
Fürsten, immer noch das "Reich" und den Kaiser im Hintergrund. Die
Idee lebte fort; noch immer waren sie würkliche geheimde
"kaiserliche Räte", wie der Ritterhauptmann von Seckendorf, und
an ihren Burgtoren prangte der Reichsadler. Selbst im ausgehenden 18.
Jahrhundert waren noch Glieder der Familie Seckendorf in Wien als
wichtige Räte tätig und haben die kaisertreue Politik auch
gegen die hohenzollerisch-preußischen Interessen vertreten. Der
Titel Ritterhauptmann war allerdings im Ausgang des 18. Jahrhunderts
nicht mehr mit großen Vollmachten verbunden. Die Ritter waren ja
meist Beamte oder Offiziere bei den Fürsten, wollten sich aber
gegen sie als "Reichsfreye Herren" in der Ritterschaft behaupten.
Ein Beispiel dafür, wie solche Freiheit zu Ende ging, war die
Geschichte der Familie von Zedtwitz. Ebenso wird es das Thema sein, wenn wir von
Hardenbergs Reformen sprechen.
Unsere Ritterhauptmännin Sophie Friederica Henriette geb.
Freiin von Lüchau (1715-1800) war die letzte Erbin der Familie Lüchau, auch
einer alteingesessenen in Franken, den Herren von Eckersdorf, Donndorf und
Unterleinleiter, den Erbkämmerern des Burggraftums Nürnberg. Ihre Mutter war
eine geb. Rußwurm. Sie starb 1715. (Die 2. Gattin ihres Vaters, Maria Charlotta
von Löschwitz auf Glashütten, ist die Erbauerin des Lüchauhauses in Bayreuth.)
Die Eheleute Seckendorff hatten elf Kinder. Eine Tochter Wilhelmine,
geb. 1734, neun Söhne, von denen drei jung starben, dann noch eine
Tochter, unsere Ernestine, geb. 1753. Der erste der Söhne,
Friedrich Carl, geb. 1736, war seit 1770 als Nachfolger seines Vaters
dirigierender Minister in Bayreuth. Der nächste, Christoph
Albrecht, war Minister in Ansbach. Diese beiden wurden von Markgraf
Alexander 1788 abgesetzt, als er ihre Abneigung, ja Feindschaft gegen Lady Craven, seine Freundin, entdeckte. Den Brüdern Alexander (geb. 1743) und Siegmund (geb. 1744) werden wir noch begegnen.
Carl Friedrich Wilhelm als Präsident
Wir berichten nach der "Autobiographie" aus dem Jahr
1798 über die berufliche Tätigkeit von CFW in Justiz und Verwaltung. Er
schreibt: "... in der Folge begannen unter solchen Verhältnissen, in einem
Dienst, in dem nur allein die Ancienneté entschied, bei 6 Vormännern in der
Regierung, bei einer Einnahme, die nach 6 Jahren in 1000 fl rhl. bestand, bei
der jährlichen Vermehrung der Familie und bei dem täglichen Steigen der Preise
aller Lebensmittel, allmählich die Prüfungen des Schicksals". Er verdankt es der
göttlichen Vorsehung, dass ein entfernter Verwandter, den er gar nicht kannte,
noch dazu einer andern Kirche zugetan, ihm eine Erbschaft
vermachte. Er konnte sich dafür das Haus Friedrichstr. 18 (heute Amtsgericht
Bayreuth) kaufen. Das war ein seiner Stellung angemessener Wohnsitz.
Er schildert nun die Arbeit, durch die er meinte, sich Verdienste zu
erwerben, die auch eine bessere Bezahlung zur Folge haben würden.
Für seine Arbeit können wir einen unbestechlichen Zeugen
anführen, Karl Heinr. Ritter von Lang, der damals wegen seiner ohne
Rücksicht auf Stellung und Würde von Personen berichtenden
Memoiren gefürchtet war. Er schreibt: "In Völderndorf traf
ich einen langen, schwarzen, hageren Mann, der sich mit einem eisernen
Sinn über alle kleineren Konvenienzen des Lebens hinwegsetzte,
ein Enthusiast des besten Willens und ins Hetzen, Treiben und Arbeiten
gleichsam romantisch verliebt. Der jungen Leute, der Auskultatoren
("Zuhörer" bei den Kollegien der Regierung ohne Stimmrecht) und
Referendare nahm er sich mit Eifer, das ist, wie überall, mit
heftigem Eifer an, war aber ein unbarmherziger Meister, wo er Mangel
an gutem Willen argwohnte." Markgraf Alexander von Ansbach-Bayreuth
war damals bestrebt, die Grenzen zu den Nachbarn Oberpfalz, Bistum
Bamberg und Böhmen abzurunden. Dieser aufgeklärte Fürst
war schon beim Beginn der Verhandlungen dadurch aufgefallen, dass er
nicht von oben herab den anderen seine Forderungen stellte, sondern in
höflichem Ton Verhandlungen anbot. So lässt sich denken,
dass Voelderndorff, als er mit in diese "Geschäfte" hineingezogen
wurde, eifrigst arbeitete.
1788 gibt er eine Schrift "Ursula Ungerin" heraus. Es erschien
damals in einem "Gemeindebothen", 2. Jahrg, Nr. 6, eine Geschichte von einem
Fräulein von Wangenheim, das von der Stiefmutter nach dem Tod des evangelischen
Vaters in ein Kloster gebracht worden sei, nach fünf Jahren entfliehen konnte,
dann in Kulmbach, wo sie von früher bekannt und beliebt gewesen sei, freundlich
aufgenommen wurde, dann aber von Verwandten der Mutter wegen ihres Erbes
verfolgt und durch bestochene, böswillige Zeugen verdächtigt nach Bayreuth in
das Zuchthaus gebracht wurde und dort durch "unmenschliche Behandlung und
ungeheure Prügel" verstorben sei. Diese Geschichte ist zweimal ganz ähnlich in
dem erwähnten "Gemeindebothen" für die Jahre 1775 und 1777 mit verschiedenen
Namen erzählt worden. Der Bericht von den ungeheuren Prügeln im Zuchthaus in
Bayreuth hat CFW veranlasst, der Sache nachzugehen. Er findet heraus, dass weder
ein Fräulein von Wangenheim noch [wie es das zweite Mal heißt] von Redwitz
dergleichen Dinge erlebt hat, sondern eine Ursula Ungerin, die unter den
verschiedensten Namen bei verschiedenen Leuten, auch vom Adel, gebettelt und
sich eingeschlichen hat, wegen dieser Betrügereien in Bayreuth einsaß. Prügel
gibt es dort nicht, sondern höchstens für Diebinnen bei der Einlieferung und bei
der Entlassung "Ruthenstreiche, die durch zwei Dirnen ad posteriora [also auf das
Hinterteil] in einem hölzernen Behältnis, das man Krautbänklein nennt",
verabreicht werden. CFW stellt sich also vor die Justizverwaltung, weist durch
Zitate aus gerichtlichen Protokollen und Bestätigung von Pfarrämtern und
Klöstern nach, dass die ganze Geschichte unsinnig, ja böswillig verdreht wurde.
Da kein Autor angegeben ist, kann er die Sache nicht weiter
verfolgen.
Im gleichen Jahr (1788) veröffentlichte er eine Schrift "Etwas
über Nachlassverträge", die er seinem "geliebten Mündel, Carl Christoph Gottlob
Killinger, dem Sohn seines Paten und späteren Vormunds, zuletzt seines Freundes"
Killinger widmet, eine wissenschaftliche Abhandlung über seine Erfahrungen mit
Prozessen unter Erben. Nach Abklärung aller Möglichkeiten gibt er den Rat, dass
der Richter "nach seinem guten Herzen urteilen" soll.
Ich zitiere weiter aus der Autobiographie: "Aber im Jahr 1788 fingen die Nahrungssorgen an drückend zu
werden. Schon waren vier Kinder zu ernähren und zu erziehen. Schon war eine
Präsentation ans Kaiserl. und Reichskammergericht in Wetzlar vereitelt, und der
schon neun Jahre lang dienende Rath legte dem Minister die Frage vor, was aus
ihm, der sich durch anhaltende Berufsgeschäfte schon einen kränklichen Körper
zugezogen hätte, was aus seiner Gattin? seinen Kindern werden sollte? Er wurde
nur vertröstet, dass man an ihn denke. Inzwischen waren es sieben Kinder, ein
Haushalt von 16 Personen, darunter ein Erzieher seiner Kinder."
Versuche in einer Lotterie etwas zu gewinnen, schlugen fehl.
Weder von Verwandten noch Freunden kam Hilfe. Er muss sich selbst helfen. Er
versuchte "sich selbst eine Zulage zu geben, [dadurch] dass er sich bis auf die
unentbehrlichsten Bedürfnisse des menschlichen Lebens einschränke". Er stellte
einen Etat für seine Ausgaben auf. Um die Einnahmen zu mehren, zog er mit der
Familie aus der mittleren Etage seines neugekauften Hauses in die Mansarden.
Dadurch erhöhte sich der Etat auf 1650 fl. "Von den Ausgaben strich er sein
Frühstück, seinen Rauch und Schnupftoback, schließlich auch den Tischwein, für Kleidung
nicht mehr als 40 fl. und um die fehlenden 12 fl. zu decken, nahm er den Puder
für sein Haar hinweg." Auch das weitere Verfahren müssen wir ihn selbst erzählen
lassen: "Hierzu war aber auch noch die Veräußerung des ganzen Mobiliars
nötig. Nur erfahren musste das Publikum den Beweggrund, damit hierunter nicht der
Credit des Richters Not leiden möchte. Dann konnte die vernünftige Welt es
unmöglich tadeln, dass ein Vater sich beinahe alles versagte, um seinen Kindern
Brot und vernünftige Erziehung zu verschaffen. Um das Urteil des vornehmen und
gemeinen Pöbels hingegen bekümmerte sich ohnehin dieser Mann nie." Er setzte
seinen Plan durch und "verauktionierte unter dem Beistand seiner Freunde Wucherer
und Clarner sein Mobiliar ... Als er am Abend desselben Tages (31.03.1790)
im freien Feld seinen Empfindungen Luft gemacht hatte, als er zurück in das
leere Haus gekehrt war, als jeder Laut in den Zimmern doppelt hallte und sogar
die Fenster, ohne Vorhänge, noch einmal so viel Licht gaben, da konnte er sich
einiger Tränen nicht enthalten". Am Abend schrieb er ein Lied nieder:
"Errungen ist der Sieg des Weisen, / trieft dieser gleich vom
Kampfe noch, / vom schweren Kampf, sich alles zu entreißen / was viel im halben
Leben wog! ... / Im Erdenleben keinen Lohn? / doch nein! den Lohn gelebt
zu haben, / den süßen Lohn erfüllter Pflicht / mehr brauche, bis sie meinen Leib
begraben, / ich armer Erdenpilger nicht."
"Nun saß die ganze Familie auf Rohrstühlen, aß mit blechernen
Löffeln und die einzige Zerstreuung des Hausvaters war der Spaziergang nach dem
Landgut seiner Mutter und das mühevolle, aber auch in der Folge gediehene
Unternehmen, einen beträchtlichen Distrikt Landes urbar zu machen." Das war wohl
damals noch recht ungewöhnlich, dass ein Freiherr und hoher Regierungsbeamter
selbst zu Hacke und Spaten greift und sein Land selbst bestellt.
Wir erfahren nichts darüber, was die Gattin bei der
Verauktionierung des Mobiliars gedacht und gefühlt hat. Er scheint das alles,
ohne sie mit in die Überlegungen einzubeziehen, durchgeführt zu haben. Nur die
eigenen Gefühle kommen zu Wort, und die sind voller Selbstmitleid, auch was die
Folgen der Einschränkung betrifft, denn so streng er seinen Etat einhielt, "nur
in Ansehung des Tobacks musste er davon abweichen. Denn durch viermonatliches
Entbehren litt die Gesundheit so wesentlich, dass Rauchen und Schnupfen zur
Lebensrettung notwendig war". Das waren die damaligen Hygienevorstellungen!
Zum Glück griff nun doch der Minister ein (es ist nicht mehr
der Schwager, sondern der Herr von Weitershausen) und eine Tochter bekam eine
Präbende in dem neu errichteten Dienerstift mit dem Orden "ob merita patris"
(wegen Verdiensten des Vaters). Im Oktober 1790 erhielt CFW selbst eine Erhöhung
seiner Bezüge um 162 fl. Weitere Versprechungen des Markgrafen wurden
gegenstandslos durch den Regierungsverzicht des Fürsten und die Ubernahme der
Regierung durch die preußische Verwaltung unter Hardenberg 1792.
"An diesen wendete sich der Regierungsrat von Voelderndorff im
Oktober 1791, um sich zum drittenmal um eine Präsentation ans Reichskammergericht
zu bewerben. Dieser Menschenfreund, dessen Kenntnissen, Scharfblick,
Gerechtigkeitsliebe und Wohlwollen die fränkischen Fürstentümer unendlich viel
zu verdanken haben, versprach zwar Verwendung, wenn der Bittsteller in den
Aussichten, die ihm hier [also in Bayreuth] dargeboten werden können, nicht
Beweggründe finden sollte, jenem Wunsche zu entsagen, bot ihm aber, da er (wie
er sich ausdrückte) seinen Verlust ungemein bedauern würde, zuvor noch eine
Unterredung an. In dieser warf er mit der ihm so eigenen Gabe mehrere
Strahlen schöner Hoffnung und glücklicher Zukunft auf den Unglücklichen. Diese
Behandlung, dieses Anerkenntnis der Brauchbarkeit, diese Hoffnungen waren
Balsam" ... dazu kamen noch Versprechungen des Königs von Preußen für eine
baldige Verwendung. "Alles dies war ein neuer Ansporn für den Diensteifer. Dieser
hatte dadurch bereits einen neuen Ansporn bekommen, dass ihm 1790 im Verlauf der
Neuordnung der Verwaltung das Department des Advokatenwesens und die Direktion
der Polizei übertragen worden war."
Das erstere bedeutete Einfluss auf die Ausbildung der Juristen.
Er legte es darauf an, junge Leute, denen die Gaben fehlten, erst gar nicht zum
Studium zuzulassen, um nicht "Geld und die beste Jugendzeit zu verschwenden". Er
freut sich über den Beifall der "gesetzgebenden Gewalt und über den sichtbaren
Nutzen im Fürstentum Bayreuth".
Polizeidirektion war damals die innere Verwaltung. Zunächst war
der Wirkungskreis auf die Stadt Bayreuth begrenzt, wurde aber bald auf das ganze
Fürstentum ausgedehnt. "Es entstand das Streben, alle Kräfte aufzubieten, um
willkürliche Behandlung so viel als möglich von diesem wichtigen Zweig der
Staatsverwaltung zu entfernen und ... vorzüglich aber durchaus kein Ansehen der
Person gelten zu lassen." Das brachte Feindschaft, die sich in öffentlich
angeschlagenen "Pasquille" äußerte. "Er ließ diese in die Intelligenzzeitung
einrücken. Alle Klagen wurden widerlegt." So berichtet er selbst über seine Tätigkeit. [...]
CFW berichtet weiter von Versuchen, zu besseren
Einnahmen zu kommen: mit Reg.-Rat R. Kretschmann unternahm er die
Herausgabe einer Zeitschrift für "Staatswissenschaftliche und
Juristische Literatur", die zwar großen Beifall fand, "aber
wegen Fortdauer des Krieges [1. Koalitionskrieg Österreich und
Preußen gegen Frankreich] nicht weitergeführt werden konnte,
den Herausgebern sogar noch Schaden einbrachte". Es kam nur ein
Jahrgang mit Rezensionen über die verschiedensten Bücher
zustande.Wie nun die Wendung eintrat, muss er uns selbst erzählen:
"So blieb kein erlaubtes Mittel, Brot zu schaffen, unversucht, und
keines gelang. Es war ein schreckliches Gefühl, von Morgen 5 Uhr
bis Nachts um 10 Uhr zu arbeiten und doch nicht mit dem Bewusstsein
sich niederlegen zu können, dass genug Brod verdient sey ... Jahre
lang harrte jeder auf Verbesserung, aber noch immer verzog die
Hülfe. Am 5. July Abends war seine traurige Stimmung bis zur
Verzweiflung gestiegen. Er suchte in der Arbeit Zerstreuung, als Nachts
um halb 10 Uhr jemand mit der größten Hastigkeit die Treppe
herauf eilte. Ein Freund, der General von Hahn aus Kurland, stürzt
ins Zimmer, drückt ihn an seine Brust, und kann vor teilnehmender
Freude kaum die Nachricht hervorbringen, daß die Organisation der
Collegien vollendet, die Regierung in zwei Senate getheilt, und
Voelderndorff Präsident des ersten Senats mit 4000 fl Gehalt
geworden sey. Jetzt lässt der Freund den Freund in der ersten
Betäubung, eilt zur Gattin und achtzigjährigen
Schwiegermutter, die schlafenden Kinder und ihr Erzieher ... erwachen,
die versammelte Familie staunt sich an, das Glück aller ist
unaussprechlich! Und der Präsident kann sich am folgenden Tage noch
nicht überzeugen, dass er Präsident sey. So überrascht
war er bei diesem schnellen Übergang vom Kummer zum Glück."
Es folgt wieder ein Gedicht mit dem Schluss: "Gott, der mir
Prüfungszeiten gab, / gab mir auch Hardenberg, und Trost und
Glück durch ihn. ... So herrlich führte die göttliche Vorsehung ihr Werk hinaus."
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| Das ursprüngliche Wappen nach Siebmachers Wappenbuch "Die Wappen des Adels in Niederösterreich", Tafel 223 |
Nun wurde mit neuem Diensteifer die neue Ordnung nach einem geborgten
Exemplar des Preußischen Canzlei- und Registraturreglements innerhalb von vier
Wochen eingeübt. Es war einer der entscheidenden Einschnitte in die Verwaltung
der fränkischen Fürstentümer durch Hardenberg. Der von Berlin nach Bayreuth
abgeordnete Vizepräsident von Kircheisen, der die neue Ordnung einführen und
überwachen sollte, habe bereits "manche Spur davon angetroffen".
Durch eine Gehaltszulage von 1500 fl. wurde CFW im Juni 1796 den
übrigen Präsidenten gleichgestellt. Im September war "er
durch ein hitziges Nerven- und Gallenfieber am Rand des Grabes". Im
November 1796 wurde er, noch nicht ganz wiederhergestellt, nach Ansbach
beordert, um durch den Austausch des Ansbacher Präsidenten mit dem
Bayreuther "die Verschiedenheit im Geschäftsgang der Ansbachischen
und Bayreuthischen Regierung zu beheben und die Arbeiten beider
Collegien nach einerlei Grundsätzen behandelt zu sehen ... Am 13.
November reiste er ab, am 16. November trat er das interimistische
Präsidium mit einer Rede an". Wieder: "ein hitziges Nervenfieber
schien seinem Leben ein Ende zu machen". Sein Ökonomiegebäude
in Bayreuth brannte ab, Schaden 1000 fl. Aber die Arbeit half ihm
über den Verlust hinweg. Die Übertragung der
"Interimsdirektion des Kaiserl. Landgerichts Burggr. Nürnberg
(Berufungsinstanz für die Gerichte) hält ihn noch einige Zeit
in Ansbach, bis er am 18. Februar 1797 im Beysein des dir. Min. Freih.
von Hardenberg, der sich von den Resultaten des bisher Geschehenen
selbst überzeugen wollte, von dem Collegium Abschied nahm. Tags
darauf übernahm er schon wieder die Präsidialgeschäfte
des ersten Senats in Bayreuth und am 22. Februar trat er das am 28.
November 1796 ihm gleichfalls übertragene Präsidium des
Consistoriums, Pupillencollegiums [= Vormundschaftspflege] und
überhaupt des II. Senats in einer Rede an".
In seinem folgenden Bericht über die Arbeit in diesen neuen
Aufgabengebieten wird wieder betont: "unerschütterliches System
über gerechte Vorschläge zur Vertheilung von Stipendien und
Wiederbesetzung geistlicher Stellen, ... heiliges Wachen über das
Eigentum der milden Stiftungen, Kämpfen gegen Benutzung der
Einkünfte, Vermeidung der Nachtheile, die durch strenge Anwendung
des Religionsediktes [das antiaufklärerische Religionsedikt
Wöllners vom 09.07.1788] hätten entspringen können, ...
Reduktion der Sporteln der Untergerichte in gerichtlichen
Angelegenheiten, Minderung der Vokationsgebühren, und ein
neuerlich vorgelegter Plan zur Verbesserung des Schulwesens im
Fürstentum".
Die Kanzleibibhiothek wird neu geordnet und "den
Geschäftsmännern aller Classen" zur Verfügung gestellt.
"09.04.1797 wird ihm die Landrichterstelle des kaiserl. Landgerichts
Burggrafthums Nürnberg in Ansbach - nicht mehr nur als Interim -
übertragen und am 1. September die erste Oberinspektorstelle
über das Baron Steinische Stift Birken." Damit hat er wohl
Wesentliches erreicht.
Im Schlußwort betont er nochmal, dass im Falle seines Todes der Staat, dem er
gedient, "die Sorge für seine Wittwe und neun Waisen übernehmen wird, deren
Gatte und Vater nur den Ruhm eines ehrlichen und tätigen Mannes, aber nicht das
Vermögen, dessen sie bedurften, hinterlassen konnte".
Wenigstens kurz soll darauf hingewiesen werden,
welche Beunruhigung in jenen Jahren durch den Zustrom von Flüchtlingen
aus Frankreich, die durch die Revolution vertrieben wurden, im Land zu
spüren war. Die Stände des Fränkischen Kreises nahmen ganz verschiedene
Haltungen ein. Im Fürstentum Hohenlohe wurde sogar ein Bataillon von
Royalisten aufgenommen. In den geistlichen Gebieten kamen vor allem
Ordensleute und Priester unter. In den rheinischen Städten machten sich
die Exulanten durch ihren Luxus unbeliebt. CFW drückt in einem Brief an
Hardenberg im August 1794 seine Befürchtung wegen des schlechten
Einflusses aus, der durch die Lebensart der Franzosen auf die Einwohner
des Fürstentums ausgehen könnte: "Der Franzose bleibt auch im Unglück
leichtsinnig und opfert seinen Sinnen alles auf." So geißelt er den
Luxus, "den der Franzose selbst im Elend sich nicht versagen kann". Er
weiß wohl den wirtschaftlichen Vorteil zu schätzen, den die Flüchtlinge
bringen, wehrt sich aber gegen eine Vermehrung ihrer Zahl. CFW musste
sich von Hardenberg belehren lassen, dass etwa 20 Emigranten für eine
Stadt wie Bayreuth keine Belastung bedeuten.
Zum Verständnis der Lage muss man sich vergegenwärtigen, in
welchem Umbruch die fränkischen Fürstentümer in jener
Zeit standen. Hardenberg war bereits 1790 vor dem Regierungsverzicht
von Markgraf Alexander nach Bayreuth gekommen. Er sollte die
Angleichung der zum Teil noch aus dem Mittelalter stammenden
Verhältnisse im Fürstentum Ansbach-Bayreuth an die rationale
Verwaltung Preußens bewerkstelligen. [...]
Die Kinder der Familie kamen in diesem Bericht immer wieder vor. Es sind:
Voelderndorff unter den Freimaurern
Als weitere wichtige Tätigkeit CFWs wurde bereits seine Mitarbeit bei den Freimaurern genannt. J. S. König hat in seiner Geschichte der Stadt Bayreuth für das Jahr 1791 im
§ 27 eine Notiz über das 50jährige Jubiläum der Entstehung der Bayreuther Loge.
Die im Mittelalter "Bauhütten" genannten
Werkgenossenschaften der Steinmetzen und Maurer, die im Gegensatz zu
den ortsgebundenen Zünften wegen ihrer beruflich bedingten
Freizügigkeit "freie Maurer" genannt wurden, waren die
gesellschaftliche Grundlage für die Entstehung dieses geistig von der
Aufklärung geprägten Männer- und Mysterienbundes. Entstehungsjahr ist
1717, als sich vier Londoner Lodges (franz. Logen) zusammenschbossen.
Den "freien Maurern" schlossen sich "angenommene Maurer" an, die in
drei Einweihungsgraden, Lehrling - Geselle - Meister, eingeführt
wurden.
Die Logen bildeten "ein Sammelbecken für die Ideen der
Aufklärung und die sich an sie anschließenden reformerischen
Bestrebungen und boten ihren Mitgliedern einen inneren Freiraum, der vor
den absoluten Ansprüchen von Kirche und Staat einen gewissen
Schutz bot". Die erste Loge in Deutschland war die in Hamburg,
gegründet 1737. Besondere Förderung fand die Freimaurerei
durch Friedrich den Großen von Preußen. Er hat im Jahr 1740
Markgraf Friedrich von Bayreuth in Rheinsberg in die Loge aufgenommen.
Bereits am 21.01.1741 gründete dieser in Bayreuth eine streng
elitäre Schlossloge, in der nur französisch gesprochen wurde.
Atheisten wurden nicht aufgenommen, über Politik und Religion
durfte nicht debattiert werden, wohl aber widmete man sich den Fragen
nach Verbesserung der Gesellschaft und der allgemeinen Sitten sowie
Pflege von Kunst und Wissenschaft. Noch 1741 im Dezember trat daneben
eine Stadtloge, in der auch deutsch gesprochen wurde, eine
Freimaurer-Bauhütte für eine schönere Zukunft. 1753,
nach dem Brand des Schlosses, in dem die Schlossloge ihren Sitz hatte,
vereinigten sich die beide Logen zur "Großloge zur Sonne". Es
müsste uns wundern, wenn CFW, der schöngeistige,
reformfreudige Aufklärer, nicht auch dabeigewesen wäre. Wir
sind für seine Beteiligung auf den Bericht von Bernh. Beyer in
seiner Geschichte der Loge zur Sonne in Bayreuth angewiesen.
Voelderndorf wurde am 11.01.1780 in die "Loge zur Sonne" aufgenommen.
Schon bald trat er als Redner hervor. Sein Ideal war, wie er in einer
Rede ausführte, "dass kein Bruder hilflos von uns ginge, dass
inniges Wohlwollen in unsere profanen Geschäfte übertragen
würde, Menschenliebe uns in das Gemeinwesen begleite, strenge
Tugend unsere Ämter besorgen helfe, Weisheit, männliche
Würde und Zuneigung uns in die Zirkel unserer Bekannten, unserer
Freunde, unserer Familien folge". Dazu erklärte er sich als "ein
Feind von Blendwerk übernatürlicher Dinge, somnabulistischer
Erscheinungen und eines vertrauten Umgangs mit Geistern". Er wollte
sich nicht bewegen "unter Männern, die die Erde aufwühlten
und Sternschnuppen auffingen, um den Stein der Weisen zu finden." Beyer
schildert CFW folgendermaßen: "Voelderndorfs Charakter war gerade
und gerecht, aber auch leidenschaftlich in Verteidigung des Rechts." Er
war nach der Erkrankung des uns bereits bekannten Freiherrn Spiegel von
Pickelsheim Meister vom Stuhl geworden. Als in seiner Gegenwart ein
Bruder gröblich beleidigt wurde und der Obermeister nicht sofort
eingriff, erhob er Anklage. Als dieser aber nicht stattgegeben wurde,
verließ er die Loge und beteiligte sich nicht meher an den
"Arbeiten".
Das müsste im Jahr 1788 gewesen sein. Die Angaben sind leider
ungenau, wie Beyer schreibt, da infolge des "nazistischen Vandalismus"
Aktenstudien nicht mehr möglich sind und die ältere
Geschichte der Loge von J. G. Findel in machem "nicht zulänglich"
ist. [...]
Bayreuth unter französischer Besetzung
Während "draußen" nach der Revolution in Frankreich Angst und
Schrecken durch die wechselnden Kriege durch die Völker gingen, lebte man in
Bayreuth geruhig vor sich hin.
"Die fränkischen Fürstentümer wurden zum elysischen Zufluchtsort für
alle aus dem übrigen Reiche deutscher Nation infolge des Krieges
Vertriebenen oder Verfolgten, Fürsten wie Untertanen." Die Bayreuther
hatten sogar Vorteile von der Lage durch das Geld, das die Flüchtlinge
ins Land brachten, und sie durch Lieferungen an die Kriegführenden
verdienen konnten. Selbst der Ärger, den Hardenberg durch seine
"Revindicationen", die Vereinnahmung "reichsfreier" Gebiete für den
preußischen Staat bis hin zur Besetzung der Nürnberger Vorstädte,
verursacht hatte, verlor den Stachel. Man fühlte sich sicher unter
Preußen.
Schwieriger wurde es für alle, als im Oktober 1805
der französische General Bernadotte das Ansbacher Land unter Bruch der
Neutralität mit seinen Truppen überzog. Gerüchte über einen
bevorstehenden Ländertausch, der das ehedem markgräfliche Franken
wieder von Preußen abtrennen sollte, beunruhigten die Gemüter. Die
Stadt Ansbach, das damals noch preußische Crailsheim, auch
Mainbernheim, richteten Gesuche an den König. Man fühlte sich verraten,
wenn der König sein Volk vertauscht wie ein Pferd aus dem Stall, noch
dazu im Frieden. Das ist "Eroberung, welche die Verruchtheit über die
Feigherzigkeit davon trägt". Das wäre nur nach Wunsch Bonapartes, der
nur ein Ziel hat, sich dienstbare "Sklavenstaaten" zu schaffen. Bei
"Königen ohne Völker und Völkern Ohne Königen" wäre das für ihn ein
leichtes Spiel. So argumentierte ein Beamter über die Gesuche an den
König und dessen ungenügende Antwort, die keine Beruhigung der Gemüter
brachte.
In einem Brief an Hardenberg heißt es: Der König darf es wissen, dass auf den
Fall eines Tausches ein sehr treues Volk verloren geht, das unter einem andern als
einem brandenburgischen Herrscher nie glücklich sein werde" So war die Stimmung im Volk.
Die zögerliche, unentschlossene Politik Preußens
unter der Führung von Haugwitz war nicht dazu angetan, Zuversicht zu
wecken. Die Nachrichten über die Belastung der Bevölkerung in Ansbach
durch die Besetzung erschreckten die Bayreuther. Die Lebensmittel
wurden teurer. Für die Regierung ergeben sich Probleme: Gemeinden
im Unterland von Franzosen wurden erst besetzt, dann aber wieder
geräumt, als diese erfahren, dass die Dörfer zu Bayreuth, nicht zu
Ansbach gehören.
Die "Königliche Bank in Franken" in Fürth, die Markgraf Alexander zur
"Förderung der Gewerbsamkeit" gegründet hatte, teilte mit, dass sie jetzt keine
Gelder mehr annehmen kann. Das Berliner Hauptbankdirektorium wies die Bank
an, die Gelder nach Magdeburg zu schicken, vorher aber sollten zur Verminderung
des Bestandes die Termine von Auszahlungen von Gehältern vorverlegt werden.
Damit hatte Voelderndorff unmittelbar zu tun. Da Bernadotte dem Bankdirektor
in Ansbach die Zusicherung gab, dass die französischen Militärbehörden sich nicht
in die Angelegenheiten der Fürther Bank mischen würden, konnte Voelderndorff
an die Stadtgerichte am 09.03.1806 schreiben, dass die Bank wieder ihren
Geschäften nachgehen dürfe und das bisherige Verhältnis bestehen bleibe.
Am 24.03. wurde die Bank von Berlin angewiesen, keine Einzahlungen und
Auszahlungen mehr auszuführen. Schließlich verpackten Regierung und Kammer
ihre Gelder und Wertpapiere und schickten sie nach Hof unter den Schutz der
preußischen Truppen, die sich im August bis dorthin zuückgezogen hatten.
Anfang Oktober 1806 zogen die Franzosen durch das Bayreuther Unterland,
am 7. brach Soult mit 30 000 Mann in Bayreuth ein, am 8. kam Ney mit
18.000, am 9. eine bayerische Division. "Ungeheuere Requisitationen
von Vieh, Fourage, Getränken und andern Lebensmitteln,
Kleidungsstücken, Kriegsbedürfnissen usw. waren in
kürzester Füst beizuschaffen. Excesse fielen bei der Eile des
Marsches und der guten Ordnung wenige, mitunter aber schauerliche vor",
berichtet Weltrich. Am 8. Oktober kam General Etienne Le Grand de Mercey
als Militärgouverneur, der für die Sicherheit zuständig
war.
Am 14. Oktober [Schlacht von Jena und Auerstädt] war das
preußische Heer vernichtet. Alle Hoffnungen, daß die Besetzung nur eine
Episode sei, zerrannen. Am 14. November traf Camille de Tournon
als Intendant ein und erklärte den Willen seines Kaisers laut
Dekret vom 15. Oktober: das Fürstentum hat eine Kontribution von
2.500.000 Francs zu zahlen. Das war Bayreuths Anteil an der Summe von
159 Millionen Francs, die den preußischen Provinzen diesseits der
Weichsel auferlegt wurde. Alle Versuche, unter Hinweis auf die
bisherigen Belastungen durch die durchziehenden Truppen
Ermäßigung zu erlangen, schlugen fehl. Nun musste die Kammer
also alles versuchen, das Geld aufzubringen. Alle Abzeichen
preußischer Herrschaft, ob an den Toren zu den Amtern oder auch
auf den Uniformknöpfen der Behörden, mussten verschwinden.
Die Siegel mussten umgestochen werden. Alle Prozesse gegen
fahnenflüchtige preußische Soldaten wurden eingestellt. Am
23.11. kam der Befehl an die Justiz, alle Entscheidungen im Namen
Napoleons zu treffen.
Am 25.11. ergab sich die Veste Plassenburg, die seit dem 10. Oktober belagert
worden war, dem bayerischen Oberst Beckers. Auf Befehl Napoleons mussten alle
Befestigungen geschleift werden. Dazu wurden alle Maurergesellen des Fürstentums aufgeboten.
Am 27. 11. wurden alle Behörden auf Napoleon
verpflichtet. Der dabei zu leistende Eid lautete: "Ich schwöre, die
Gewalt, die mir von seiner Majestät, dem Kaiser der Franzosen und König
von Italien, anvertraut ist, mit der größten Loyalität auszuüben und
sie nicht anders als zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Ruhe
anzuwenden, auch aus allen meinen Kräften beizutragen, um die Maßregeln
und Anordnungen, welche mir für den Dienst der französischen Armee
vorgeschrieben werden, auszuführen und keinen Briefwechsel mit den
Feinden zu unterhalten. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum."
Tournon erklärte den beiden Präsidenten Schuckmann
und v. Voelderndorff, dass an der Verwaltung nichts geändert werden
würde. Die Beamten wurden in ihren Ämtern bestätigt und ihnen die
Weiterzahlung ihres Gehaltes zugesichert, wenn sie den Eid geleistet
hatten. Doch mussten erst Verzeichnisse aller Beamten zur Genehmigung
eingereicht werden. Es wurden eine Menge Schwierigkeiten gemacht. Doch
da die Gehälter vor der Beschlagnahmung der Kassen bis Ende Februar
vorausbezahlt worden waren, wirkten sie in der ersten Zeit weniger
drückend. Das änderte sich: den Justizbeamten, einschließlich der
Regierung, wurden die Gehälter monatelang vorenthalten unter der an den
Haaren herbeigezogenen Begründung, das kaiserliche Dekret spreche nur
von den Beamten der Verwaltung, die Regierung und ihre Unterbehörden
hätten aber nichts zu verwalten. Das Ziel der französischen Behörden
war eben, möglichst viel Geld aus den Ländern herauszuholen. Die
Verwaltungsbeamten wollte man nicht vergrämen, um sie in ihrer
Tätigkeit nicht zu lähmen.
Das Fürstentum Bayreuth, wie die anderen von
Franzosen besetzten Fürstentümer, wie Hanau, Erfurt, Fulda und die
Grafschaft Katzenellenbogen, ließ Napoleon in seinem Namen verwalten
als "Pays réservés". Er wollte sie zu seiner besonderen Verfügung als
Lockmittel für seine Trabanten haben. Die einzelnen Länder wurden nach
ihren bisherigen Gesetzen verwaltet, um sie abkassieren zu können. Da
jedoch in den einzelnen Gebieten die verschiedensten Gesetze galten, z.
B. für die Grundsteuer, gab es für die Verwaltung die größten
Schwierigkeiten. Für die einzelnen Gebiete waren eigene Administratoren
eingesetzt, die neben und z.T. über die Intendanten hinweg regierten.
Erst nach dem Tilsiter Frieden 1807, in dem die
Abtrennung Bayreuths von Preußen endgültig wurde, wurden auch die
Behörden aus dem Zwiespalt der Pflichten erlöst, indem König Friedrich
Wilhelm III. in einer Proklamation die Bewohner der abgetrennten
Provinzen von ihrem Eid entband. Es heißt in der Proklamation: "Was
Jahrhunderte und biedere Vorfahren, was Verträge, was Liebe und
Vertrauen verbunden hatten, musste getrennt werden. Meine und der
Meinigen Bemühungen waren fruchtlos. Das Schicksal gebietet, der Vater
scheidet von seinen Kindern... Euer Andenken kann kein Schicksal, keine Macht aus
Meinem und der Meinen Herzen vertilgen.
Camille de Tournon hatte als Intendant anfangs eine
schwierige Stellung. Er verstand es aber, das Vertrauen der Bayreuther
zu gewinnen. Sie konnten um diesen Intendanten froh sein. Weltrich
schreibt in seinen Erinnerungen: "Tournon, ein junger Auditeur des
Staatsrats, voll schöner Kenntnisse und Wissbegierde, von feiner
Lebensart, stiller, kalter Überlegung, tiefem Blick, uneigennützig und
ängstlich in pünktlicher Pflichterfüllung der Befehle seines Herrn,
erwarb sich durch sein Benehmen viele Achtung. Seiner Veranlassung
verdankte die Provinz manche Erleichterung und die zu Tageförderung der
meisten vorher mitgeteilten statistischen Nachrichten."
Uns interessiert, wie CFW in diesen Schwierigkeiten zurechtkam. In dem
Bericht Tournons, den er in seiner Amtszeit als "Statistique de la
Province de Bayreuth" verfasste, kommt CFW nicht vor. Er blieb ja in
seiner Stellung. Deuerling berichtet, wie die Bayreuther Regierung und
die Kammer sich gegenüber dem Intendanten gegenseitig auszuspielen
suchten. So schreibt die Regierung am 31.08.1808 an Tournon: "... zwar
sucht uns die Kammer immer den Vorrang abzugewinnen, dass sie
dergleichen Vorfälle einseitig Ew. Hochwohlgeboren vorlegt. Und
sich dann auf hochdero Genehmigung stützt ..." Am 23. Juni 1809,
als die Osterreicher vorübergehend in Bayreuth die Herrschaft
hatten, schreibt CFW an den neuen Intendanten Kutschera: "Unter dem
schmerzlichen Gefühl darüber, dass die Justiz des hiesigen
Fürstentums keinen heftigeren Widersacher, als die hiesige Kriegs-
und Domänenkammer kennt, müssen wir schon wieder eine
Beschwerde an des Herrn von Kutschera Exzellenz anbringen." Deuerling
fügt an: "Fürwahr ein trauriges Bild!" Worum es sich
gehandelt hat, gibt er nicht an.
Der Übergang des Fürstentums an Bayern
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| Wappen, verliehen von Kaiser Leopold I. am 10. Juli 1684, nach Siebmacher |
Durch den Vertrag von Paris vom 28. Februar 1810
wurde das Fürstentum bayerisch. Am 30. Juni wurde es vom Freiherrn von
Rechberg für Bayern in Besitz genommen. Am 2. Juli wurden die Beamten
im großen Saal des Neuen Schlosses auf den König von Bayern vereidigt
und huldigten dem neuen Landesherrn. Voelderndorff als Präsident der
Regierung hielt dabei folgende Rede:
"Je allgemeiner Ewr. Excellenz der Ruf eines
kenntnisvollen, gerechten, menschenfreundlichen, teilnehmenden
Geschäftsmannes vorangegangen ist, desto mehr wünsche ich mir und dem
ganzen bisher meiner Aufsicht anvertraut gewesenem Justiz Personal des
hiesigen Fürstentums Glück, gerade in Ewr. Excellenz Hände den Eid der
Treue einem der besten, der humansten Könige gelobt zu haben, gerade in
Ewr. Excellenz den Ausmittler unseres künftigen Schicksals zu verehren.
Aus der strengen Oberaufsicht des Königl. preuß. Gouvernement ging das
hiesige Landes-Justiz-Collegium mit dem vollen Bewusstsein, seine
Pflicht redlich erfüllt zu haben, in den traurigen Zustand der
Verwaisung über!
Ob es aber, sich selbst überlassen, auch in den
neusten vierthalb Jahren seiner Gesinnungs- und Handlungsweise treu
blieb? ob es selbst unter den Waffen die Gesetze nicht schweigen ließ?
ob es, Jahre lang dem Mangel preisgegeben, dennoch weder zum Rechten
noch zum Linken wich? ob es der Willkür fröhnte? oder mit Gefahr seiner
eigenen Existenz entgegen arbeitete? ob es also das Vertrauen des Inn-
und Auslandes besitzt? des neuen Regenten verdient? Das sind die
wichtigen Fragen, in Ansehung derer wir dermalen uns nicht auf unser
eigenes Bewusstsein, nicht auf das Zeugnis eines mit wechselseitiger
Achtung von uns geschiedenen Tournon berufen wollen, sondern von deren
strengen Prüfung wir selbst unser künftiges Loos abhängig gemacht
wünschen. Erlauben daher Ewr. Excellenz uns den Stolz, nicht ohne
Rechenschaft über unser bisheriges Haushalten, nicht in Pausch und
Bogen in eine neue Verfassung überzugehen zu suchen. Aber, wenn wir
gerecht erfunden sind, dann bürgen Ewr. Excellenz vortreffliche
Eigenschaften uns dafür, dass Sie auch der Gerechigkeit Sr. Majestät des
Königs uns zu empfehlen geruhen. Und ist uns diese zu teil geworden,
dann können Sr. Majestät zwar einsichtsvollere, aber keine
anhänglicheren, treueren, thätigeren Diener besitzen, als uns! Es lebe
Maximilian Joseph hoch!"
An den König selbst richtete CFW folgenden Brief:
"Allerdurchlauchtigster großmächtigster König,
allergnädigster König und Herr! Von dem feierlichen Akt der
Huldigung, welche wir in dem verflossenen Augenblick Ew.
Königlichen Majestät geleistet haben, sind wir an unsere
Stellen geeilt, um Ew. Königl. Majestät
allerhöchstselbst die Erstlinge unserer allertiefsten Ehrfurcht
darzubringen. Hat uns gleich die Vergangenheit tiefe - so lange
unverbunden gebliebene Wunden geschlagen, so ist uns doch endlich der
Trost geworden, hinauf blicken zu dürfen zum Vater des Volks, um
vertrauensvoll Balsam, Linderung und Heilung zu erwarten.
Möchten Ew. Königliche Majestät die Wünsche, welche
laut der abschriftlichen Anlage unser Präsidium heute ausgesprochen
hat, zu genehmigen geruhen! Möchten die von nun an uns vorgesetzten
Behörden aus unsern Früchten uns so erkennen, wie Ew.Majestät hohe
Begriffe über Gerechtigkeits-Pflege erfordern! Dann schmeicheln wir uns
zu einem Landesjustizcollegio vereinigt zu bleiben, unter den übrigen
Dicasterien Allerhöchstdero Monarchie keinen unwürdigen Platz
einzunehmen und mit dem Streben unseres Tribunals noch länger eine
Stadt getröstet zu sehen, welche vormals so lange das Glück gehabt hat,
Ew. Königliche Majestät in ihren Mauern zu verehren. Indem wir uns
diesen herzerhebenden Hofnungen ganz überlassen, ersterben wir mit der
unverbrüchlichsten Treue Ew. Königlichen Majestät unseres
allergnädigsten Königs und Herren. alleruntertänigst treu gehorsamste
Regierung, Pupillen-Collegium u. Criminal-Senat."
Beide Schriftstücke liegen in Abschrift im Staatsarchiv Bamberg unter den Präsidialakten Bayreuth. Es ist nötig, von ihnen im vollen Wortlaut Kenntnis zu haben, um die Stimmung zu erfassen, die damals über der Stadt lag. Einmal ist es echte Freude, endlich zu wissen, wohin man gehört. Auf der anderen Seite spürt man die Sorge um die persönliche Zukunft. Man hat das schon einmal erlebt bei der Übernahme des Fürstentums durch Hardenberg für Preußen. Was wird diesmal alles neu werden? Es gab viele Versetzungen. Diese wurden zwar persönlich mitgeteilt, aber zuerst waren sie im Bayerischen Regierungs-Blatt zu lesen, sehr zum Erschrecken der Betroffenen.
Abschied von Bayreuth
In den Akten liegt ein Brief Voelderndorffs an das
"General-commisariat" vom 02.12.1810, beginnend: "Einer der letzten
Dienste, die ich dem mir bisher anvertraut gewesenen Personal erweisen
kann, besteht in der Übergabe eines Tableau über
sämtliche Umzugskosten der versetzt werdenden Individuen nebst den
speziellen Berechnungen und in der ergebensten Bitte, dass einem
königl. Bayr. Generalcommisariat des Mainkreises gefällig
sein wolle..." Dann geben die Beamten die Höhe ihres
"Hauptgeldbezuges" an; davon 1½ % auf jede Postmeile des Weges
zum neuen Dienstort ist die Umzugsvergütung. Beigefügt wird
jedesmal die Bestätigung des Königl. Bayer.. Postamtes mit
Unterschrift "Fischer", z.B. Bayreuth-Bamberg 7 deutsche Meilen.
Bayreuth-Neuburg/Donau 23½ Meilen. Eine Bestätigung
für Voelderndorff liegt nicht im Akt. Er wurde als
Appellationsgerichtspräsident nach Memmingen versetzt. Er ist
jetzt 52 Jahre. Dorthin geht nun also die Reise: 39 deutsche Meilen.
Zum Abschied von Bayreuth wurde ihm ein Gedicht gewidmet. Über
seine Tätigkeit in Memmingen berichtet berichtet der Neue Nekrolog
der Deutschen, Jahrg. 1832: "Hier fuhr er in seinem Diensteifer nach
gewohnter Weise fort. Sein wohltätiger, mehr im Verborgenen
wirkender Sinn berücksichtigte vorzüglich
Hilfsbedürftige, wie er sich auch mit großem Eifer der
daselbst eingeführten Rumfordischen ökonomischen Anstalt
annahm.
Doch auch von schicksalhaften Rückschlägen
bleibt Völderndorf nicht verschont: 1818 verschlechtert sich die
Situation um seine Güter in der Oberpfalz und er geht Konkurs. Am
27.12.1820 ist seine Frau "nach mehrmonatiger Wassersucht sanft und
selig verschieden. So steht es auf einem Blatt von der Hand
Voelderndorfs, das in das Sterberegister des kath. Pfarramts Arnschwang
eingeheftet ist. Sie war 67 Jahre alt.
Wie sieht es inzwischen mit den Kindern aus?
Ende in Kolmberg
CFW zog sich ganz mach Kolmberg zurück. Er
unternahm weiterhin Meliorationen der Acker und Wiesen. J. R. Schuegraf
erzählt: "Ich selbst sah den alten Präsidenten mit einem
ganz gewichtigen Hebeeisen auf der Schulter in aller Frühe zur
Stätte gehen und arbeiten, wo Felsen gebrochen werden mussten. Er
erhielt auch als der fleißigste Ökonom im Bayerischen Walde
die goldene Medallie." W. Straßer erzählt: "Alte Leute in
Kolmberg wissen noch den Lieblingsplatz des alten Herrn am Waldrand."
Die Kirchenbücher von Cham, zu dem Kolmberg gehört, berichten noch
anderes: Am 6. August 1827 wurden in Kolmberg von der Haushälterin des
Schlosses, Anna Roscher, Zwillinge geboren, als deren Vater sich Voelderndorff
mit allen Titeln und Würden bekennt. Der Pfarrer trägt die Kinder mit dem
Namen "von Voelderndorff" ein. CFW weiß als Beamter von der Verordnung, dass
uneheliche Kinder auch von Offizieren und Adeligen den Namen der Mutter
tragen. So schreibt er auf einem eingelegten Blatt:
"Heinrich und Fridolin Roscher, geboren allhier am
sechsten August nachmittag um 15 und 20 Minuten auf drei Uhr, sind die
natürlichen Zwillingssöhne der k. b. Verzinnmeisterstochter Anna
Roscher und des unterzeichnenden k. b. Appellationsgerichtspräsidenten
und Commandeur des Civildienstordens der bairischen Krone Freihern von
Voelderndorff und Waradein."
Er bekennt sich also zu den Kindern. Sie sind beide
bald verstorben, Fridolin am 21.09.1827 und Heinrich am 06.03.1828.
Über das weitere Schicksal der Mutter ist nichts zu erfahren. Ihr Name
taucht in keiner der Matrikeln der umliegenden Pfarreien auf. Der
Wohnort ihres Vaters, des königl.Verzinnmeisters, war auch nicht zu
ermitteln. Wie hat CFW für seine Haushälterin gesorgt? Wie haben sich
die Kinder Voelderndorff dazu gestellt? Wir müssen die Fragen offen
lassen, versuchen uns nur die Situation vorzustellen: der einsame alte
Herr, in vielem gescheitert, in schwierigen, für ihn demütigenden Verhandlungen, in dem entlegenen
Dorf auf einer rauhen, kahlen Höhe. Wer will den ersten Stein werfen?
Am 17. Februar 1832 ist CFW gestorben. In dem Bericht von W. Straßer
heißt es: Er wurde nach Chammünster überführt - obwohl er Protestant war,
unter Begleituung eines katholischen Geistlichen. Im Volk erzählt man sich, dass
sechs Rösser Mühe hatten, den Leichnam wegzuführen: die schwere Schuldenlast
hätte so den Verstorbenen über den Tod hinaus verfolgt.
Seine Güter Arnschwang und Ränkam wurden im Jahr 1833 an den Staat verkauft. Damit
war die Zeit der Hofmark zu Ende. Die Kinder verkauften auch das Gut Kolmberg
im Jahr 1833 an einen Herrn von Voithenberg.
Erinnern wir uns an die Grabplatte, die ihm seine Kinder setzten, von der wir
am Anfang lasen:
Fest und entschlossenen Mutes, im Leben voll männlicher Tatkraft,
strebte zum Bessern sein Geist, jeglichem Vorurteil fremd."
In den Berichten der Heimatgeschichtler wird er als ein Mann gewürdigt, der im Gegensatz zu den Vorbesitzern der Hofmarken diese nicht nur als Geldanlage und Möglichkeit, den eigenen Besitz zu vermehren, angesehen, sondern sich als echter Edelmann um das Wohl seiner Hintersassen angenommen hat. Er ist wohl in seinem Eifer oft über das Ziel hinausgeschossen, wie ihm das schon in Bayreuth nachgesagt wurde. Denken wir an den schweren Anfang in der Jugend in dem kleinen und doch lebendigen Städtchen Wunsiedel, wahrhaftig nicht in begünstigter Lage, zwischen den alten Traditionen und dem Bewusstsein, dass Neues werden muss, erzogen, herangewachsen unter dem Einfluss der geistigen Strömungen der Zeit zwischen Orthodoxie, Aufklärung und neuem Gefühl für Menschlichkeit, zwischen alter Fürsten- und Adelsherrlichkeit und dem Zwang durch den Gewaltherrn Napoleon, durch die persönliche Situation gezwungen, im Dienst der Herren sein Leben zu verbringen. Er war immer bestrebt, zu verbessern, was zu verbessern war.
Ein Satz von Th. W. Adorno gibt Ausblick auf ein Ende, das doch Zukunft
hat:
"Nur wenn, was ist, sich ändern lässt,
ist das, was ist, nicht alles."