Erich "Wafner" Rappl

* 14.06.1925
- 200?
Lektion über die Bayreuther

Wer sich, fernab von Bayreuth, in irgendeiner kunstsinnigen Runde als Bayreuther zu erkennen gibt, der darf immer eines gewissen Auftrittserfolges sicher sein. "Was wird aus den Festspielen?" wird er gefragt, und "wie geht`s Wolfgang Wagner? Sagen Sie mal, was treiben denn so die Bayreuther im Winter, wenn keine Festspiele sind? - Spätestens die dritte Frage aber lautet: "Sie können uns doch sicher helfen, dass wir heuer auch mal Festspielkarten bekommen, oder?"
Die Bayreuther tragen solche ihnen angedichtete Kuriosität mit Gelassenheit. Sie wissen weder genau "wie´s Wolfgang Wagner geht", noch verfügen sie im Kartenbüro über irgendwelche Privat-Depots. Und die Meinung, dass man in der Wagnerstadt "musikalischer" sein müsse als anderswo, ist ebenso einfältig wie das Presse-Klischee von der "verträumten kleinen Markgrafenstadt", die nach Festspielschluss angeblich in einen neun Monate währenden "tiefen Winterschlaf zurücksinkt".
Und dennoch ist auch die oft und gern vertretene Meinung falsch, dass die Masse der Bayreuther den Wagner-Festspielen beziehungslos gegenüberstünde. Gewiss nützen viele gern die traditionsreiche Chance des privaten Zimmervermietens während der Festspielzeit, schränken sich räumlich ein, schlafen zuzeiten wohl auch mal im Familienverband "auf dem Spitzbödla". Aber dieses Vermieten ist meist weit mehr als ein bloßes Geldzusammenkratzen. Es schafft Kontakte zu Künstlern und Gästen, die mitunter sogar in sehr dauerhafte Freundschaften und solide Heimzechereien ausarten. Vor allem aber schafft es - sofern ein Künstler im Hause wohnt - Möglichkeiten, an die heiß begehrten Eintrittskarten für öffentliche Generalproben heranzukommen und sich zu orientieren über das, "wos die do drobn heier widder zamm-machen". Kaum ein Bayreuther, der nicht auch am Werktag Zeit hätte, um vier Uhr nachmittags eine Generalprobe zu besuchen. Und kein Chef, der nicht Verständnis dafür hätte, dass dieser oder jener seiner Untergebenen heute ins Theater "muss". Die Ehe der Wagnerschen Kunst mit der Stadt am Roten Main ist zwar ohne jeden Überschwang, aber vielleicht eben deshalb solide und kraft ihrer Gegensätze glücklich. Wagner war ein Phantast - die Bayreuther sind nüchtern. Wagner war ein Verschwender - die Bayreuther sind sparsam. Wer sich in ihren Dialekt einhört, kann viel über diese Eigenschaften erfahren...
Kein Geschäftsmann, kein Wirt wird hier freiwillig eingestehen, dass er auf einer Konjunkturwoge schwimme. Jeder Geschäftsbericht wird grundsätzlich eingeleitet durch einen Seufzer, ein "Ach-Godderla-naa" - und was dann folgt, klingt nicht weniger hoffnungsvoll: "So wie früher is fei nimmer", tönt es klagend. Und "es is halt a Kreiz, gell?"
Ziemlich nichtssagend dies alles, aber gleichwohl anheimelnd und gemütlich und den Frager einladend, im gleichen Tenor, mit viel Seufzen, mit zahlreich dazwischengestreuten "gell?", "halt" und fei" ein Gespräch auszuspinnen, bei dem gleichfalls nichts positives herauskommt.
Der Bayreuther nennt das Waafen. "Waafen" kommt von "Weife" - und das ist eine altertümliche Bezeichnung für eine Spindel. Waafen könnte sich ungenau mit "Ratschen" oder Schwätzen" übersetzen lassen. Genau, d. h. bayreutherisch genommen, aber ist es die Kunst, mit möglichst vielen Worten möglichst wenig zu sagen. Ein "Waaferla" tut nur gut, aber es sagt nichts aus. In engem Zusammenhang damit steht der eingeborene Trieb, alle Aussagen zu verkleinern und abzuschwächen, sei`s indem man jedem gewichtigen Hauptwort ein "la" (=lein) anhängt, sei`s indem man (oft zusätzlich) alles Auszusagende durch "a weng" oder noch besser "a wengla" noch weiter reduziert. Ein Bayreuther der festen Willens ist, eine gewaltige Sauftour anzutreten, wird dies seiner Gattin grundsätzlich nicht anders als in der ortsübliche Schonform mitteilen. Nämlich: "Ich wer` vielleicht nuch a wenig a klaans Bierla trinken." - Wer im Begriffe ist, sich einen Mercedes 600 zuzulegen, spricht lediglich und allenfalls von einem "Wächala". Und selbst von einem, der womöglich bereits im Sarg liegt, wird in aller Schonung berichtet, dass ihn "a klaans Schlägla" getroffen habe.
Denn im Gegensatz zu den Verniedlichungen im Schwäbischen ist der Bayreuther mit seinem "la" und "a weng" ernstlich bemüht, seine Gesprächspartner duch keine allzu brutalen Eröffnungen zu erschrecken. Eine ähnliche Vorsicht lässt er im Umgang mit Dienstwilligen walten. "Tun Sie das! - Machen Sie jenes!" - das wäre alllzu direkt und preußisch (die Jahrhunderte lange Zugehörigkeit zu Preußen mag den Untertanen der hiesigen Markgrafschaft solchen Horror eingejagt haben). Viel besser ist es, Wünsche im Konjunktiv vorzutragen: "Die Fenster müssten aa amol a wenig gebutzt wern..." - das klingt wesentlich menschenfreundlicher.
Nach alledem wird es niemanden mehr verwundern, dass das Wort "Tatmensch" im Bayreuther Dialekt ganz weich, nämlich "Dadmensch" gesprochen wird. Das aber bedeutet, dass man sich heftige Engagements für gute oder schlimme Sachen, Volksaufstände, wilde Bürger-Initiativen und dergleichen nicht erwarten darf (seit dem letzten Ausbruch des bereits in vorgeschichtlicher Zeit erloschenen Rauhen Kulm hat sich temperamentsmäßig in hiesiger Gegend nicht mehr allzuviel ereignet).
Die Bayreuther wissen dies und charakterisieren sich selbstironisch als "a wenig daab", was soviel heißt wie "müde" oder "lustlos". Dabei sind sie freilich stets bereit, große (und kritische) Zuschauermassen zu allen Vergnügungen zu entsenden, die nichts kosten. Die Auffahrt zu den Festspielpremieren und die Pausen-Promenaden zählen dazu: "willig, von Schutzleuten in Reih` und Glied gehalten, stellen sie sich da hinter den Absperrseilen auf, begutachten die große Welt in Smoking und Abendkleid und versichern einander neidlos, dass sie froh sind "bei dera Hitz" nicht ins Theater gehen zu "müssen".
Wer sich als Festspielgast in Bayreuth verliebt und womöglich sogar beschließt, sich hier niederzulassen, um zwischen Rotem Main und Festspielhügel einen geruhsamen Lebensabend zu verbringen, muss all das in Rechnung stellen, sonst wird er eines Tages unweigerlich enttäuscht sein.
Und er muss auch lernen, sich für das Bayreuther Sonn- und Festtagsessen zu begeistern: die rohen Kartoffelklöße. Sie sind das Alpha und das Omega aller Festlichkeit in Oberfranken. Kindstaufen, Hochzeiten, Leichenschmäuse, Richtfeste sind nicht denkbar ohne sie. Und bis zu 40 Kilometern weit fahren Alteingesessene an den Sonntagen ins Umland, um in Wirtshäusern abzusteigen, wo die Klöße besonders gut, d. h. groß, handgerieben und vor allem billig sind. Gastsstätten, in denen die Klöße mit Schweine-, Enten-, Gans- oder Sauerbraten noch weitere zehn oder 15 Pfennige unter dem preislichen Durchschnittsminimum liegen, werden dabei vor allem von den Bayreuther Millionären bevorzugt.
Es wäre endlich noch von dem ausgeprägten Bayreuther Vereinsleben zu reden. Denn hier findet man am ehesten eine bündige Antwort auf die Frage, was die Festspielstädter denn so den ganzen Winter über treiben. Da ist kaum einer, der nicht wenigstens in drei, hingegen sind sehr viele, die in zehn, zwanzig und dreißig Vereinen zahlende, teils auch tätige Mitglieder oder Ehrenmitglieder sind. Welche gesellschaftlichen Be- und Überlastungen die damit verbunden Hauptversammlungen, Stiftungs-, Weihnachts- und Faschingsfeste bedeuten, kann man unschwer ermessen.
Es gibt auch noch den Jean Paul, dessen Werke hier freilich nur bei den Mitgliedern der Jean-Paul-Gesellschaft näher bekannt sind, der aber allgemein als zünftiger ehemaliger Mitbürger anerkannt wird, weil man weiß, wie herzhaft er dem hiesigen Biere zusprach. Und es gibt die preußische Markgräfin Wilhelmine, der man die Eremitage, das Markgräfliche Opernhaus, das Neue Schloss und damit so manche, nicht von Wagner stammende Interessantheit verdankt, deren Erinnerung man aber gleichwohl indifferent gegenübersteht.
Neuerdings träumt man davon, der Wagnerstadt einen weiteren zusätzlichen Glanz zu verschaffen: Bayreuth soll Universitätsstadt werden. Dass die Initiative dazu von Neubürgern, insbesondere von dem aus Würzburg stammenden, eminent rührigen Oberbürgermeister Hans Walter Wild ausgeht, liegt auf der Hand. Die Altbürger sehen auch dieser Entwicklung mit Gelassenheit entgegen. Doch werden sie, wenn es eines Tages so weit sein sollte, der Universität ganz ohne Zweifel wohlwollend Beifall klatschen. Und sie werden die neue, zusätzliche Würde ihrem Selbstbewusstsein ebenso einverleiben, wie sie das Ehrendiplom der Festspielstadt annektierten - und wenn sie gelegentlich darüber murren, protzeln, stöhnen und meckern. Denn das Stöhnen, Meckern und Klagen ist in Bayreuth ein Ausdruck allgemeinen Wohlbehagens, des Einverständnisses mit sich selber...

Aus Gondroms Bayreuth Brevier aus dem Jahr 1970. Die Einschätzung des Musikkritikers Erich Rappl, den die Bayreuther nur "Wafner" (eine Mischung aus dem Siegfried-Drachen und dem "Waafen") nennen, hat einschließlich der Prophezeiung über die im Jahr 1974 gegründete Universität bis in das letzte Detail Bestand...