
Wer sich, fernab von Bayreuth, in irgendeiner
kunstsinnigen Runde als Bayreuther zu erkennen gibt, der darf immer
eines gewissen Auftrittserfolges sicher sein. "Was wird aus den
Festspielen?" wird er gefragt, und "wie geht`s
Wolfgang Wagner? Sagen
Sie mal, was treiben denn so die Bayreuther im Winter, wenn keine
Festspiele sind? - Spätestens die dritte Frage aber lautet: "Sie
können uns doch sicher helfen, dass wir heuer auch mal
Festspielkarten bekommen, oder?"
Die Bayreuther tragen solche ihnen angedichtete Kuriosität mit
Gelassenheit. Sie wissen weder genau "wie´s Wolfgang Wagner
geht", noch verfügen sie im Kartenbüro über irgendwelche Privat-Depots. Und die Meinung,
dass man in der Wagnerstadt "musikalischer" sein müsse als
anderswo, ist ebenso einfältig wie das Presse-Klischee von der
"verträumten kleinen Markgrafenstadt", die nach Festspielschluss
angeblich in einen neun Monate währenden "tiefen Winterschlaf
zurücksinkt".
Und dennoch ist auch die oft und gern vertretene Meinung falsch, dass
die Masse der Bayreuther den Wagner-Festspielen beziehungslos
gegenüberstünde. Gewiss nützen viele gern die
traditionsreiche Chance des privaten Zimmervermietens während der
Festspielzeit, schränken sich räumlich ein, schlafen zuzeiten
wohl auch mal im Familienverband "auf dem Spitzbödla". Aber dieses
Vermieten ist meist weit mehr als ein bloßes Geldzusammenkratzen.
Es schafft Kontakte zu Künstlern und Gästen, die mitunter
sogar in sehr dauerhafte Freundschaften und solide Heimzechereien
ausarten. Vor allem aber schafft es - sofern ein Künstler im Hause
wohnt - Möglichkeiten, an die heiß begehrten Eintrittskarten
für öffentliche Generalproben heranzukommen und sich zu
orientieren über das, "wos die do drobn heier widder zamm-machen".
Kaum ein Bayreuther, der nicht auch am Werktag Zeit hätte, um vier
Uhr nachmittags eine Generalprobe zu besuchen. Und kein Chef, der nicht
Verständnis dafür hätte, dass dieser oder jener
seiner Untergebenen heute ins Theater "muss". Die Ehe der Wagnerschen
Kunst mit der Stadt am Roten Main ist zwar ohne jeden Überschwang,
aber vielleicht eben deshalb solide und kraft ihrer Gegensätze
glücklich. Wagner war ein Phantast - die Bayreuther sind
nüchtern. Wagner war ein Verschwender - die Bayreuther sind
sparsam. Wer sich in ihren Dialekt einhört, kann viel über
diese Eigenschaften erfahren...
Kein Geschäftsmann, kein Wirt wird hier freiwillig eingestehen,
dass er auf einer Konjunkturwoge schwimme. Jeder Geschäftsbericht
wird grundsätzlich eingeleitet durch einen Seufzer, ein
"Ach-Godderla-naa" - und was dann folgt, klingt nicht weniger
hoffnungsvoll: "So wie früher is fei nimmer", tönt es
klagend. Und "es is halt a Kreiz, gell?"
Ziemlich nichtssagend dies alles, aber gleichwohl anheimelnd und
gemütlich und den Frager einladend, im gleichen Tenor, mit viel
Seufzen, mit zahlreich dazwischengestreuten "gell?", "halt" und fei" ein
Gespräch auszuspinnen, bei dem gleichfalls nichts positives
herauskommt.
Der Bayreuther nennt das Waafen. "Waafen" kommt von "Weife" - und das
ist eine altertümliche Bezeichnung für eine Spindel. Waafen
könnte sich ungenau mit "Ratschen" oder Schwätzen"
übersetzen lassen. Genau, d. h. bayreutherisch genommen, aber ist
es die Kunst, mit möglichst vielen Worten möglichst wenig zu
sagen. Ein "Waaferla" tut nur gut, aber es sagt nichts aus. In engem
Zusammenhang damit steht der eingeborene Trieb, alle Aussagen zu
verkleinern und abzuschwächen, sei`s indem man jedem gewichtigen
Hauptwort ein "la" (=lein) anhängt, sei`s indem man (oft
zusätzlich) alles Auszusagende durch "a weng" oder noch besser "a
wengla" noch weiter reduziert. Ein Bayreuther der festen Willens ist,
eine gewaltige Sauftour anzutreten, wird dies seiner Gattin
grundsätzlich nicht anders als in der ortsübliche Schonform
mitteilen. Nämlich: "Ich wer` vielleicht nuch a wenig a klaans
Bierla trinken." - Wer im Begriffe ist, sich einen Mercedes 600
zuzulegen, spricht lediglich und allenfalls von einem "Wächala".
Und selbst von einem, der womöglich bereits im Sarg liegt, wird in
aller Schonung berichtet, dass ihn "a klaans Schlägla" getroffen
habe.
Denn im Gegensatz zu den Verniedlichungen im Schwäbischen ist der
Bayreuther mit seinem "la" und "a weng" ernstlich bemüht, seine
Gesprächspartner duch keine allzu brutalen Eröffnungen zu
erschrecken. Eine ähnliche Vorsicht lässt er im Umgang mit
Dienstwilligen walten. "Tun Sie das! - Machen Sie jenes!" - das
wäre alllzu direkt und preußisch (die Jahrhunderte lange
Zugehörigkeit zu Preußen mag den Untertanen der hiesigen
Markgrafschaft solchen Horror eingejagt haben). Viel besser ist es,
Wünsche im Konjunktiv vorzutragen: "Die Fenster müssten aa
amol a wenig gebutzt wern..." - das klingt wesentlich
menschenfreundlicher.
Nach alledem wird es niemanden mehr verwundern, dass das Wort
"Tatmensch" im Bayreuther Dialekt ganz weich, nämlich "Dadmensch"
gesprochen wird. Das aber bedeutet, dass man sich heftige Engagements
für gute oder schlimme Sachen, Volksaufstände, wilde
Bürger-Initiativen und dergleichen nicht erwarten darf (seit dem
letzten Ausbruch des bereits in vorgeschichtlicher Zeit erloschenen
Rauhen Kulm hat sich temperamentsmäßig in hiesiger Gegend
nicht mehr allzuviel ereignet).

Die Bayreuther wissen dies und charakterisieren sich selbstironisch als
"a wenig daab", was soviel heißt wie "müde" oder "lustlos".
Dabei sind sie freilich stets bereit, große (und kritische)
Zuschauermassen zu allen Vergnügungen zu entsenden, die nichts
kosten. Die Auffahrt zu den Festspielpremieren und die
Pausen-Promenaden zählen dazu: "willig, von Schutzleuten in Reih`
und Glied gehalten, stellen sie sich da hinter den Absperrseilen auf,
begutachten die große Welt in Smoking und Abendkleid und
versichern einander neidlos, dass sie froh sind "bei dera Hitz" nicht
ins Theater gehen zu "müssen".
Wer sich als Festspielgast in Bayreuth verliebt und womöglich
sogar beschließt, sich hier niederzulassen, um zwischen Rotem
Main und Festspielhügel einen geruhsamen Lebensabend zu
verbringen, muss all das in Rechnung stellen, sonst wird er eines Tages
unweigerlich enttäuscht sein.
Und er muss auch lernen, sich für das Bayreuther Sonn- und
Festtagsessen zu begeistern: die rohen Kartoffelklöße. Sie
sind das Alpha und das Omega aller Festlichkeit in Oberfranken.
Kindstaufen, Hochzeiten, Leichenschmäuse, Richtfeste sind nicht
denkbar ohne sie. Und bis zu 40 Kilometern weit fahren Alteingesessene
an den Sonntagen ins Umland, um in Wirtshäusern abzusteigen, wo
die Klöße besonders gut, d. h. groß, handgerieben und
vor allem billig sind. Gastsstätten, in denen die Klöße
mit Schweine-, Enten-, Gans- oder Sauerbraten noch weitere zehn oder 15
Pfennige unter dem preislichen Durchschnittsminimum liegen, werden
dabei vor allem von den Bayreuther Millionären bevorzugt.
Es wäre endlich noch von dem ausgeprägten Bayreuther
Vereinsleben zu reden. Denn hier findet man am ehesten eine
bündige Antwort auf die Frage, was die Festspielstädter denn
so den ganzen Winter über treiben. Da ist kaum einer, der nicht
wenigstens in drei, hingegen sind sehr viele, die in zehn, zwanzig und
dreißig Vereinen zahlende, teils auch tätige Mitglieder oder
Ehrenmitglieder sind. Welche gesellschaftlichen Be- und
Überlastungen die damit verbunden Hauptversammlungen, Stiftungs-,
Weihnachts- und Faschingsfeste bedeuten, kann man unschwer ermessen.
Es gibt auch noch den
Jean Paul, dessen
Werke hier freilich nur bei den Mitgliedern der Jean-Paul-Gesellschaft
näher bekannt sind, der aber allgemein als zünftiger
ehemaliger Mitbürger anerkannt wird, weil man weiß, wie
herzhaft er dem hiesigen Biere zusprach. Und es gibt die
preußische Markgräfin
Wilhelmine, der man die Eremitage, das Markgräfliche Opernhaus, das Neue Schloss und damit so manche, nicht von
Wagner stammende Interessantheit verdankt, deren Erinnerung man aber gleichwohl indifferent gegenübersteht.
Neuerdings träumt man davon, der Wagnerstadt einen weiteren
zusätzlichen Glanz zu verschaffen: Bayreuth soll
Universitätsstadt werden. Dass die Initiative dazu von
Neubürgern, insbesondere von dem aus Würzburg stammenden,
eminent rührigen Oberbürgermeister
Hans Walter Wild ausgeht,
liegt auf der Hand. Die Altbürger sehen auch dieser Entwicklung
mit Gelassenheit entgegen. Doch werden sie, wenn es eines Tages so weit
sein sollte, der Universität ganz ohne Zweifel wohlwollend Beifall
klatschen. Und sie werden die neue, zusätzliche Würde ihrem
Selbstbewusstsein ebenso einverleiben, wie sie das Ehrendiplom der
Festspielstadt annektierten - und wenn sie gelegentlich darüber
murren, protzeln, stöhnen und meckern. Denn das Stöhnen,
Meckern und Klagen ist in Bayreuth ein Ausdruck allgemeinen
Wohlbehagens, des Einverständnisses mit sich selber...
Aus Gondroms Bayreuth Brevier aus dem Jahr 1970. Die Einschätzung
des Musikkritikers Erich Rappl, den die Bayreuther nur "Wafner" (eine
Mischung aus dem Siegfried-Drachen und dem "Waafen") nennen, hat
einschließlich der Prophezeiung über die im Jahr 1974
gegründete Universität bis in das letzte Detail Bestand...