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| * 17.04.1876 (Passau) † 30.12.1940 (Bayreuth) |
Zuckerfabrikant und IHK-Präsident. Beispielhafter Unternehmer in schwieriger Zeit.
Von Christoph Rabenstein
Wilhelm Koch war eine der bekanntesten Persönlichkeiten in
der Zeit der Weimarer Republik in Bayreuth. Er hatte auch Bedeutung über die
Stadtgrenzen hinaus. Trotzdem ist er etwas in Vergessenheit geraten. Keine
Straße ist nach ihm benannt, und in den beiden Stadtchroniken zum
achthundertjährigen Stadtjubiläum wird er mit keinem Satz erwähnt. Immerhin
reden noch einige ältere Bürger vor allem aus St. Georgen mit großem Respekt von
ihm. Doch den stadthistorischen Rang, der ihm nach meiner Meinung zusteht, hat
er nicht. Wilhelm Koch wurde am 17. April 1876 in Passau als Sohn katholischer Eltern geboren.
Nach Volksschule und Realschule siedelte er 1892 als 16-Jähriger nach Bayreuth
über. Hier begann er am 1. Oktober eine kaufmännische Lehre bei der
"Dampf-Kaffee-Brennerei und Malzkaffee-Fabrik" Christoph Adam Schmidt in der
Bahnhofstraße. Nach der Militärzeit bei den Bayreuther "Siebenern" arbeitete
Wilhelm Koch wieder in der Kolonialwarengroßhandlung Schmidt und lernte um diese
Zeit Gertrud kennen, die hübsche Tochter von Oskar Teuscher. Die Heirat im Jahre
1902 war für ihn wie ein Lotto-Sechser mit Zusatzzahl und erwies sich für beide
Seiten als ideal.
Oskar Teuscher, am 11. März 1846 in Plauen geboren, hatte exakt
den gleichen Lebensweg wie sein dreißig Jahre jüngerer Schwiegersohn hinter
sich: höhere Schule, Ausbildung zum Kaufmann und spätere Übersiedlung
nach Bayreuth (1868). Mit seinem älteren Bruder Bruno gründete er zunächst ein
Perlengeschäft. Nach der Trennung der beiden übernahm er, wie Kochs Ausführungen
zu entnehmen ist, verschiedene Agenturen und übte in kleinerem Maßstab den
Kolonialwarengroßhandel aus. Als dann 1885 sein Schwager Albert Dietz ebenfalls
nach Bayreuth zog, betrieb er mit ihm eine Keksfabrik im St. Georgener
Prinzessinnenhaus, das die Gebrüder Teuscher Anfang der siebziger Jahre gekauft hatten.
Aber auch bei dieser Partnerschaft gab es Probleme, und so gingen
beide verschiedene Wege. Albert Dietz betrieb eine Brotfabrik, Oskar
Teuseher eine Bonbonfabrikation. Im Jahre 1900 trennten sich beide
endgültig und ließen das Prinzessinnenhaus versteigern. Es
war Oskar Teuscher selbst, der es ersteigerte und dort am 1. Januar
1901 eine neue Fabrik entstehen ließ. Zwei Jahre später
trat der frisch gebackene Schwiegersohn als Teilhaber ein. Die
gemeinsame Unternehmensführung war für beide ein
Glücksfall. Oskar Teuscher war bis dahin kein großer Erfolg
beschieden gewesen. Nach über dreißig Jahren in Bayreuth und
zweimaliger Trennung hatte er zumindest einige Maschinen. Der junge,
dynamische und gut ausgebildete Wilhelm Koch brachte neuen Schwung ins
Geschäft. Auch für ihn war es eine glückliche
Fügung, dass er nun all seine Erfahrung und Energie in dieses
Unternehmen investieren konnte. Mit vereinten Kräften entstand eine
prosperierende Zuckerwaren-, Biskuit- und Lebkuchenfabrik. Hergestellt
wurden verschiedene Bonbonsorten sowie Honigkuchen, Pflastersteine,
Goethekuchen, Volksbiskuit und englische Kekse. Dabei darf man sich
allerdings keinen riesigen Betrieb mit Massenproduktion vorstellen.
Nach heutigem Maßstab war es eher ein größerer
Handwerksbetrieb mit Angestellten. Aber in allen Dokumenten bezeichnet
sich Wilhelm Koch als Fabrikant. Das Unternehmen florierte, und es
wurden ordentliche Gewinne erzielt.
Neue Produktionsräume wurden im östlichen Teil des Anwesens
errichtet, derweil das renovierte Prinzessinnenhaus die Funktion eines Büro- und
Wohnhauses erfüllte. Dieser Bau war 1722 für die Tochter von Markgraf Georg
Wilhelm, Christiane Sophie Wilhelmine, errichtet worden. Später bewohnte auch die
Tochter von Markgraf Friedrich das Haus. Im 19. Jahrhundert wurde es dann mit
Anbauten versehen und als "Irrenanstalt" betrieben, bis es an Teuscher ging.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verband sich für Wilhelm Koch
auch ein gesellschaftlicher Aufstieg. Man hielt gleichsam Hof und hatte zur
Festspielzeit öfters berühmte Gäste im Haus. So waren die Prinzen von Reuss mit
Familien ebenso regelmäßig zu Gast wie der weltberühmte französische Bildhauer
und Maler Auguste Rodin.
Vom englischen Königshaus übernachteten König Albert VII. und seine Frau, Prinzessin Alexandra von Dänemark, mehrmals in St. Georgen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gelangte Koch in wichtige politische Ämter. So wurde er im Oktober 1911 Mitglied der Handelskammer und später Gemeindebevollmächtigter, heute würden wir sagen Stadtrat. Es gab damals nur eine sozialdemokratische und eine liberal-konservative Liste. Das Wahlsystem ähnelte dem heutigen: Ein Kandidat konnte bis zu drei Stimmen erhalten. Wilhelm Koch stand auf der bürgerlichen Liste auf Platz neun und wurde gleich beim ersten Mal auf Platz zwei vorgewählt. Nach dem Tod von Oskar Teuscher übernahm er im Dezember 1914 den Betrieb als Alleininhaber. Im Ersten Weltkrieg musste Koch freilich vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat dienen, mit allen negativen Folgen.
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| Der Geheime Kommerzienrat
Wilhelm Koch - ein Grandseigneur vom Scheitel bis zur Sohle. Als Präsident der Bayreut her Industrie- und Handelskammer war er einer der führenden Repräsentanten der oberfränkischen Wirtschaft. Er starb im Dezember 1940. |
Auch in der Weimarer Republik verbesserte sich die Situation
kaum. Die politischen Unruhen zu Beginn der Nachkriegszeit, der Versailler
Diktatfrieden und vor allem die äußerst schlechte wirtschaftliche Situation
hatten unmittelbare Auswirkungen auf Bayreuth und auf die Familie Koch. Zunächst
knüpfte Wilhelm Koch jedoch an seine ehrenamtliche Tätigkeit in der
Vorkriegszeit an. Bei der Stadtratswabl am 15. Juni 1919 kandidierte Koch auf
Platz vier der Bürgereinheitsliste, die sich aus der Deutschdemokratischen
Partei und dem Zentrum zusammensetzte. Obwohl katholisch, bewarb sich Koch
nicht beim Zentrum, sondern bei der DDP, die sich deutlich von reaktionären
Bestrebungen distanzierte. Mit zehn Sitzen wurde der Bürgerblock stärkste
Stadtratsfraktion.
Noch wichtiger für Koch war aber seine Wahl zum Präsidenten der
Handelskammer für Oberfranken, der Vorläulerin der IHK. Elf Jahre, bis 1933,
übte er dieses Amt aus. Bei seinem Amtsantritt lag die Produktion darnieder, und
viele Firmen konnten sich nicht einmal den Kammerbeitrag leisten. Hinzu kam die
Inflation, die erst Ende 1923 überwunden werden konnte. Danach ging es mit der
Wirtschaft wieder aufwärts. In den so genannten "Goldenen Zwanziger Jahren"
prosperierte auch die von Koch geführte Kammer, die sich seit 1926 offiziell IHK
nannte. Deutliches Zeichen dafür war der Umzug in das neue Kammergebäude
Bahnhofstraße 29. Bis dahin mussten die Geschäfte sehr beengt von der Opernstraße 22 aus geführt werden.
Dieses Ereignis muss eines der wichtigsten im Leben Kochs
gewesen sein. In seinen Unterlagen "Persönliche Urkunden und Zeugnisse von
Geheimrat Wilhelm Koch", die im Prinzessinnenhaus gefunden wurden, befinden sich
auch zwei Lokalausgaben vom 11. Dezember 1926 mit Schilderungen der
Einweihung. In der von Hans Kolb herausgegebenen Jubiläuinsschrift "150 Jahre
IHK" (1993) heißt es dazu: "Freitag, der 10. Dezember 1926, ist ein historisches
Datum: Nicht nut; dass an diesem Tag der deutsche Außenminister Gustav
Stresemann und sein französischer Amtskollege Aristide Briand mit dem
Friedensnobelpreis ausgestattet wurden. In Bayreuth erfolgte die offizielle
Einweihung des neuen Gebäudes der Industrie- und Handelskammer. Die
repräsentativen Räume fanden allseits höchste Anerkennung und boten den
Mitarbeitern der Kammer endlich optimale Arbeitsbedingungen..." Für Koch
bedeutete dieses auch eine Jugenderinnerung, denn am 1. Oktober 1892 hatte
er hier seine kaufmännische Laufbahn als Lehrling begonnen.
Er stand nun im Zenit seiner Karriere. Seine Fähigkeiten wurden
auch in zahlreichen weiteren wirtschaftlichen Verbänden geschätzt. Er selbst
schreibt in seiner Kurzbiografie: "In wirtschaftlichen Vereinigungen bekleidete
ich Vorstandsämter beim Bayerischen Industriellenverband, bei der Vereinigung Deutscher Zuckerwaren- und
Schokoladenfabnkanten, Würzburg, und beim Deutschen
Arbeitgeberbund der Schokoladen- und Zuckerwarenindustrie und
verwandter Betriebe in Dresden. Ferner war ich Mitglied vom
Steuerausschuss des Deutschen Industrie- und Handelstages und gehörte
dem örtlichen Steuerausschuss sowie dem Oberbewertungsausschuss beim
Landesfinanzamt Nürnberg, ferner dem Finanzgericht bei vorgenanntem Landesfinanzamt an. Vom 01.02.1914 bis 1934 war ich
ununterbrochen als Handelsrichter tätig." Wer neben so vielen Ämtern
noch einen Betrieb zu führen hat und sich auch um seine Familie
kümmern muss, steht naturgemäß ganz schön unter Druck. Bereits vor dem
Ersten Weltkrieg waren die Kinder Arno, Willi und Charlotte geboren
worden, die vielen St. Georgenern noch gut bekannt sind.
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| Diese alte Rechnung aus dem Jahr 1903 zeigt
das Teuscher sche Unternehmen leicht idealisiert. Links das Prinzessinnenhaus . |
Kochs Überbelastung wird Ende 1923 deutlich, als er
mit Rücksicht auf sein Geschäft das Amt eines Stadtrats loswerden
wollte, weil er nahezu jede Woche einige Tage außerhalb Bayreuths zu tun
habe. Als sein Gesuch weder in seiner Fraktion noch im Stadtrat auf
Verständnis stieß, begründete er es einen Monat später noch
dramatischer:
"Da sich in der Zwischenzeit die auf mir lastenden
wirtschaftlichen Sorgen des eigenen Betriebes und die Arbeiten, die ich
im Interesse der Wirtschaft im Allgemeinen zu leisten habe, nicht nur
nicht verringert, sondern in so unheimlicher Weise vermehrt haben, dass meine
Nerven unter der Wucht der Sorgen und unter der Last der Arbeit
zusammenzubrechen drohen, bedaure ich sehr, an den verehrlichen Stadtrat die Bitte
richten zu müssen, mein Austrittsgesuch nochmals zu behandeln und dann zu
genehmigen." Auch diesmal wurde das Gesuch einstimmig im Stadtrat abgelehnt, und
so blieb er bis Dezember 1924 Stadtrat. Kochs Engagement blieb nicht ohne
öffentliche Würdigung: 1926 wurde ihm die silberne Bürgermedaille verliehen.
1928 ernannte ihn der bayerische Staat zum Geheimen Kommerzienrat für seine
hervorragenden Leistungen als Industrieller.
Im Jahr 1933 wurden von den Nazis auch in Bayreuth die Verbände
gleichgeschaltet. Zwar wurden hier - anders als in Würzburg oder
Bamberg- die Kammereinrichtungen nicht von bewaffneten SA-Truppen
besetzt, aber bereits Ende März trat ein Sonderkommissar mit einem
Gaukampfbundführer als Stellvertreter an die Schalthebel.
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Das 1722 errichtete Prinzessinnenhaus«
an der Mark grafenallee/Ecke Bernecker Straße diente
als Büro und Wohnhaus. |
Wilhelm Koch verabschiedete sich nun nach und nach von seinen Ämtern und widmete sich ausschließlich seiner Firma. Im August 1934 legte er aus gesundheitlichen Gründen seinen Sitz im Bayerischen Industriellenverband nieder und im Oktober des gleichen Jahres trat er als Handelsrichter zurück. Am 30. Dezember 1940 starb Wilhelm Koch im Alter von 64 Jahren und wurde auf dem St. Georgener Friedhof beigesetzt. Er konnte auf ein wahrhaft ereignis- und erfolgreiches Leben zurückblicken.